Uganda: 1. Rundbrief von Judith Kuhn

Abschied und Ankunft

Wow, schon 2 Monate in Uganda und es ist schon so viel passiert. Aber fangen wir von vorne an. Am 31. Juli startete das große Abenteuer. Zusammen mit einem Teil meiner Familie ging es von Trier aus zum Flughafen Frankfurt. Vorher musste ich mich schon vom anderen Teil meiner Familie verabschieden. Auf dem Weg dorthin stieg die Aufregung und die letzten Telefonate mit Familie und Freunden wurden geführt.

Am Flughafen wurde eingecheckt und die letzten Stunden mit der Familie genossen, bis es dann Abschied nehmen hieß. Der Abschied war schwer und es sind viele, viele Tränen geflossen. Gleichzeitig waren die Vorfreude und die Neugierde so groß.

Mit einer Stunde Verspätung haben wir (Julie-Anne[meine Mitfreiwillige] und ich) den deutschen Boden verlassen und sind in Richtung Kairo geflogen. Von Kairo aus ging es dann weiter nach Entebbe, wo wir mitten in der Nacht um 4:15 mit einer Stunde Verspätung angekommen sind. Die Freude war groß als wir unsere Koffer auf dem Fließband sahen, doch diese wurde schnell wieder gedämpft. Ein Mann wollte uns einen Kofferwagen anbieten, wir wollten aber nicht. Er hat aber nicht locker gelassen und so haben wir den Wagen doch genommen, ihn aber selbst geschoben. Der Mann wollte dann später Geld von uns, wir aber haben nein gesagt. Besser: Er reagierte mit Unverständnis. Wir hatten den Eindruck, dass er davon ausging, dass wir als Muzungus – Weiße  – für so etwas Geld ausgeben.

Am Flughafen wurden wir dann von unserer Vorgängerin abgeholt und ein Taxifahrer hat uns von Entebbe nach Kampala gebracht, wo wir im MillHill (ein Gästehaus von Schwestern)untergebracht waren, das von Schwestern geführt wird.. Die ersten zwei Tage haben wir in Kampala verbracht, der Hauptstadt von Uganda. Eine so chaotische Stadt, aber dazu später mehr.

Montags kamen wir in Uganda an und mittwochs fuhren wir dann zusammen mit Truus, einer Niederländerin, die sozusagen unsere Mentorin ist, in unsere Projekte. Nach knapp 8 Stunden Fahrt und wieder vielen neuen Eindrücken kamen wir in Pamba, einem Stadtteil von Soroti, an. Meine ursprüngliche Einsatzstelle ist ein Zentrum für körperlich behinderte Kinder und Jugendliche. Ich wurde herzlich begrüßt von den Kindern, den Schwestern und meiner Vorgängerin. Doch es war ein großer Schock, zu realisieren, dass dies nun für ein Jahr mein Zuhause sein würde.

Der erste Monat

Die ersten Wochen waren voller Höhen und Tiefen. Im ersten Monat war ja noch meine Vorgängerin da, die mir in den Wochen ihr Leben hier gezeigt hat und wie ihr Wochenplan aussah. Nach 2 Wochen hier bekamen wir Besuch von drei Zahnmedizinstudenten, die innerhalb von 2 Wochen die Zähne der Kids, aber auch der Schwestern angeschaut und gegebenenfalls Zähne gezogen haben oder es blieb nur bei einer Füllung. Die meisten Kids hier haben keine Zahnbürste so wie wir es kennen, sondern putzen sich die Zähne mit Stöckchen. Ich stand den drei Jungs als Assistentin zur Verfügung und habe notiert, welcher Zahn was hat (47c!, das ist ein Beispiel für eine Bezeichnung eines Zahnes).

Ende August ging es dann für die Jungs in einen anderen Ort und meine Vorgängerin flog nach Hause. Gleichzeitig begannen Schulferien und viele der Kids aus dem Zentrum fuhren über die Ferien nach Hause. Für mich persönlich war schwierig, denn schon so hatte ich keine wirkliche Aufgabe im Projekt. So ging es mir im Projekt nicht gut, ich habe mich nicht wohl gefühlt. Die ersten Tage im September arbeitete ich in einem Waisenhaus, doch für mich war es keine Option an einem Ort zu wohnen und an einem anderen zu arbeiten. So musste ich irgendwann zu mir selbst ehrlich sein und mir eingestehen, was wirklich nicht leicht für mich war, dass dieses Projekt in Pamba, Soroti nicht das richtige für mich ist. Es war nicht einfach für mich, besonders, weil ich das Gefühl hatte, den Menschen mit meiner Entscheidung sehr wehgetan zu haben. Bis wir ein neues Projekt für mich gefunden hatten, kam ich in Ococia, im Projekt von Julie-Anne, der anderen Freiwilligen unter.

Ausflug zu den Sipi Falls

Und dann stand der erste Ausflug vor der Tür. Zusammen mit den drei Zahnmedizinstudenten haben wir, Julie-Anne und ich, die Sipi Falls in der Nähe von Mbale besucht. Mit dem Taxi ging es also von Soroti in Richtung Mbale. Kurz vor Mbale mussten wir aussteigen und haben einen Fahrer gefunden, der uns bis zu unserer Unterkunft brachte. Dort angekommen, haben wir unsere Zimmer bezogen und uns auf die vierstündige Tour durch die Sipi Falls vorbereitet.

Zusammen mit unseren Tourguide Sam machten wir uns auf dem Weg, jeder mit einem Stock in der Hand. Schon nach knapp 10 Minuten laufen habe ich mich vom Weg verabschiedet und purzelte ein wenig den Hang hinunter. Doch außer einem blauen Fleck am Knie ist mir nichts passiert. So hatten die anderen einen Spaß, weil mein Sturz wohl witzig aussah. Nach meinem Sturz vertraute Sam mir nicht mehr und ich musste lange Zeit genau hinter ihm gehen, damit ich ja nicht nochmal vom Weg abkomme. Die  Tour hatte es aber auch wirklich in sich. Ständig hoch und dann wieder runter, mitten durch den Busch. Manchmal haben wir Einheimische getroffen, die uns dann eine zeitlang auf unserem Weg begleitet haben. Doch das alles hat sich gelohnt, denn die drei Wasserfälle, die wir sehen konnten, waren wirklich sehr beeindruckend. Auf dem Rückweg kamen wir in ein riesiges Gewitter und so kam zumindest ich, die nicht gerannt ist, total durchnässt in unserer Unterkunft wieder an. Am nächsten Tag hatten wir noch eine Führung zum Thema Kaffee, bei der wir unseren eigenen Kaffee gemahlen und gebrüht haben. Ich muss sagen, das war der beste Kaffee, den ich je getrunken habe.

Nach zwei Tagen Sipi Falls ging es dann auch wieder zurück nach Ococia, doch davor mussten wir uns noch von den drei Jungs verabschieden, für die die Zeit in Uganda schon wieder vorbei war. In diesem Sinne: Danke Jungs, für die schöne Zeit!

Projektwechsel zu St. Noa’s Family

Mein Projekt
Mein Projekt

 

In Ococia kam ich dann wieder in der Realität an. Ich musste und wollte nach einem neuen Projekt für mich suchen. Nach langem Hin und Her, vielen Tränen und Zweifeln bin ich nun seit Mitte September in meinem neuen Projekt. Es ist ein Waisenhaus namens St. Noa‘s Family. Von Father Peter, einem Weißen Vater (eine Ordensgemeinschaft) aus Holland, vor 33 Jahren gegründet. Es ist Leben wie in einer großen Familie und ich fühle mich richtig wohl in dieser großen Familie. Zusammen mit Pauline, einer anderen deutschen Freiwilligen, haben wir die Möglichkeit, hier einiges zu starten. Die St. Noa‘s Family besteht aus ca. 120 Kindern und 6 Maamas. Ich wurde hier mit offenen Armen empfangen. Natürlich ist es auch hier nicht immer einfach und vieles ist fremd und neu, aber wenn ich schon eine Sache hier gelernt habe, dann ist es, einfach mal zu lachen. Lachen ist so wundervoll und du gewinnst so viele Herzen für dich.

Das Haus, in dem ich mein Zimmer habe und esse
Das Haus, in dem ich mein Zimmer habe und esse
Das Mädchenhaus
Das Mädchenhaus
Der Blick aus der Haustür des Hauses in dem ich mein Zimmer habe
Der Blick aus der Haustür des Hauses in dem ich mein Zimmer habe
Das Babyhaus
Das Babyhaus

Morgens sind nur die Kleinen da, die 8 Monate bis 4 Jahre alt sind. Die Kleinen müssen beschäftigt werden. Manchmal malen wir mit ihnen, manchmal tanzen und singen wir und manchmal wird spontan entschieden, was man machen kann. Jeden Vormittag haben die Kleinen auch „Unterricht“, d. h. Maama Rachel gibt ihnen Aufgaben, z.B die Eins mehrmals schreiben oder einen Buchstaben. Ab 13 Uhr kommen dann die ersten Kinder aus der Schule und so geht das dann den ganzen Nachmittag, immer mal wieder kommen Kinder von der Schule zurück. Die Großen kommen gegen 18 Uhr nach Hause. Gegen 18.30 ist dann gemeinsames Prayer (Gebet), bei dem jeden Abend der Rosenkranz gebetet wird, der hier aber fünfmal wiederholt wird.

Ich esse zusammen mit Pauline, Maama Getuu und Vater Peter. Pauline und ich helfen beim Kochen und später beim Abwasch, wie es nun mal ist in einer großen Familie, jeder packt mit an. Nach dem Supper gehe ich dann immer in den großen Dining-Saal, wo die Kids essen, und mache mit ihnen Hausaufgaben oder wir malen, woran die Kids hier total Spaß haben. Oder wir machen gemeinsam Armbänder, oder, oder, oder.. . So sieht zurzeit mein Tag hier aus, aber ich denke das ändert sich bestimmt auch mal, weil wir so viele Ideen haben, die wir realisieren möchten. Ich will zum Beispiel Gitarrenunterricht anbieten und habe auch schon Jungs gefunden, die daran Interesse hätten. Allgemein gefällt es mir sehr gut und ich bin überglücklich hier sein zu dürfen, weil es ist einfach so schön zu sehen, was für eine Lebensfreude die Kinder hier haben und wie ansteckend sie ist.

Zwei kleine Kinder aus meinem Projekt (Sara und Luca)
Zwei kleine Kinder aus meinem Projekt (Sara und Luca)

Ich hatte auch schon Besuch von Konstantin, einem Mitfreiwilligen aus Ruanda. Er durfte für 4 Tage hier sein und die Freude war groß, als er kam. Und jetzt fragen alle Kids, wann er denn wieder kommt oder wo er denn wäre.

Uganda ist schon eine ganz andere Welt. Wenn ich hier aus dem Tor hinausgehe, bin ich nochmal in einer anderen Welt. Direkt vor unserer Tür befindet sich die große Hoima Road, die viel befahren ist. Mit einem Taxi, wo alles reingequetscht wird, was hineinpasst, brauche eine Dreiviertelstunde bis anderthalb Stunden, abhängig vom Verkehr, bis nach Kampala. Kampala ist eine chaotische und von Menschen, Bodas (die Motorräder hier, die einer der beliebtesten Verkehrsmittel sind, besonders in der Stadt) und Taxis überfüllte Großstadt.

In den letzten 1 1/2 Monaten habe ich mich oft gefragt, was ich hier mache, oder wieso ich mir das antue. Doch das ist jetzt verflogen, die Frage, die ich mir jetzt immer öfter stelle, ist: Wer bin ich? Denn durch die ersten 1 1/2 Monate habe ich viel an mir gezweifelt und mir sind eher die Dinge aufgefallen, die ich nicht gut kann. Das hat sehr an meinen Selbstwertgefühl gekratzt. Es ist schwierig, sich Menschen hier zu zeigen, wenn man sich selbst nicht wirklich kennt oder momentan mehr denn je auf der Suche nach sich selbst ist.

Was ich jetzt schon gelernt habe, ist, dass hier vieles Kopfsache ist, aber dass es oft auch gut ist, den Kopf einfach mal auszuschalten und auf sein Herz und sein Gefühl zu hören. Denn ich persönlich habe, glaube ich, schon einiges mir und anderen schwer gemacht, weil ich viel zu viel nachgedacht habe. So habe ich in den 2 Monaten schon einiges über mich, aber auch über das Leben und besonders über die Menschen hier gelernt.

Ich habe mich inzwischen zusammen mit zwei anderen Freiwilligen für einen Sprachkurs angemeldet. Hier sprechen nämlich viele nur oder vor allem Luganda und so kann ich noch viel mehr in die Kultur hier eintauchen. Zum Schluss noch etwas Persönliches von mir, was ich vor allem hier in Uganda gelernt habe: Kommunikation kann Türen öffnen, Menschen verbinden und macht das Leben einfach viel einfacher!

Und jetzt habe ich Bock auf mehr, Bock auf die weiteren 11 Monate hier in Uganda!

Fühlt euch alle fest gedrückt! Ich melde mich bald wieder!

Eure Judith