Rumänien: 1. Rundbrief von Lea Marie Siegel

Hallo ihr Lieben,

weitere Freiwillige und ich bei einem Familienspieltag
weitere Freiwillige und ich bei einem Familienspieltag

nun sind insgesamt schon 3 Monate vergangen. Um die Ereignisse ein bisschen zu gliedern fange ich mit meiner Anreise und meinem Monat in Targu Mures an und gehe dann über zu meinem Projekt, den Menschen hier in Miercurea-Ciuc und weiteren Erlebnissen.

Anreise

Ich habe mich bei meiner Anreise nach Rumänien für den Zug entschieden, was mit fast 30 Stunden die längere Variante im Gegensatz zu dem Flug mit gerade mal zwei Stunden reiner Flugzeit ist. Um ehrlich zu sein, es war nicht die komfortabelste Reise, aber ich möchte diese Erfahrungen auch nicht missen.Bis Wien ist auch alles gut verlaufen, wenn man von leichter Verwirrung am Trierer Hauptbahnhof absieht.

In Wien bin ich in einen Euronight eingestiegen, einen Nachtzug, der mich bis nach Rumänien bringen sollte. Die Gänge waren recht eng und auch das Abteil, in dem ich schlafen sollte, war klein. Aufgrund dessen war ich eigentlich auch ganz froh, dass nach zwei weiteren Stationen noch keine weiteren Personen zu mir in mein Zimmer gekommen sind und ich es für mich alleine hatte.

Bald darauf folgte auch schon meine erste Begegnung mit einer rumänischen Kontrolleurin und so machte ich auch gleich Bekanntschaft mit einem Thema, welches mich noch lange begleiten wird: Der Sprachbarriere. Sie konnte leider nicht gut Englisch und hat sich erstmal in den Raum gestellt und nichts gesagt. Ich bin dann einfach davon ausgegangen, dass es die Kontrolleurin war und habe ihr mein Ticket gegeben. Anschließend wollte sie mir etwas erklären, was ich einfach nicht verstanden habe. Deswegen ist dann ihre Tochter dazu gekommen und hat mir alles auf Englisch übersetzt. Anscheinend hätte mein Zug Verspätung und sie bräuchten mein Ticket. Mein Ticket sollte ich erst am nächsten Tag zurückerhalten. Noch während die Tochter mir das erklärte, war die Kontrolleurin mit meinem Ticket weggegangen.

Und nun saß ich da ohne mein Ticket und habe mir erstmal alle möglichen Horrorszenarien vorgestellt. Dementsprechend war auch meine Reaktion, als mitten in der Nacht drei Männer in Uniform und eine Frau in mein Zimmer platzten und einer von ihnen „Kontrolle“ schrie. Anscheinend hatte ich ihr Klopfen nicht gehört. Mein erster Gedanke war, dass dies nun die richtige Kontrolle war und die Frau von vorher mich betrogen hatte. Und hier haben wir den Punkt mit den Vorurteilen. Wie es sich später herausstellte, war dies nur eine Passkontrolle und alles ist mit rechten Dingen zugegangen.

 Weitere Hürden auf meiner Anreise waren, den richtigen Zeitpunkt zum Aussteigen herauszufinden (es gibt keine Anzeigetafeln im Zug), die Suche nach dem richtigen Anschlussgleis in einem Dorf (es gibt die Gleise 1 und 2 und meiner fährt von Gleis 5 ab). Leider war auf dem letzten Teilstück meiner Reise ein Teil der Gleise kaputt, sodass ich zwischendurch auf einen Bus umsteigen musste. Ich könnte jetzt noch weiter über die Anreise erzählen, aber dann würde ich mich hier zu lange aufhalten.

Was ich aber wirklich an Positivem mitgenommen habe, ist, dass die Menschen hier zwar nicht deine Sprache sprechen, aber wirklich nett und hilfsbereit sind und dir zu helfen versuchen. So kann es wirklich gut passieren, dass plötzlich um dich herum eine Menschentraube ist oder Leute mit Blatt und Papier angelaufen kommen.

Targu Mures
Tafel mit ungarischen Vokabeln
Tafel mit ungarischen Vokabeln

Nun zu Targu Mures und meinem Sprachkurs: Auch hier habe ich viele nette Menschenkennengelernt. Hierzu gehört auch meine Lehrerin, die mir die ersten Ansätze derungarischen Sprache beigebracht hat. Mein erstes Bild von der ungarischen Sprache war ein Sprachgeflecht. Dieses sollte ich nun nach und nach entflechten. Es war und ist immer noch schwierig, wenn ich versuche, einzelne Sätze oder Gespräche zu verstehen. Aber es hat mir auch wirklich viel Spaß gemacht.

Besondere Erfahrungen in Targu Mures waren ein kleines Festival und ein Besuch in einer Notfallklinik. Das Festival hat mir deshalb sehr gut gefallen, weil ich hier erstmals richtig in Kontakt mit den Menschen und ihren Familien gekommen bin. Insbesondere ist mir ein Treffen mit den Großeltern eines Freundes dort in Erinnerung geblieben. Der Großvater sagte nämlich, dass es wirklich schön ist, wenn ich versuche, ungarisch zu sprechen und damit auf keinem Fall aufhören soll, auch wenn viele Fehler drin sind.

Das kann ich auch nur allen noch nach mir kommenden Freiwillen wirklich an Herz legen. Wenn sich dein Gegenüber die Mühe macht, in deiner Muttersprache zu sprechen, ist das auch ein Beweis der Wertschätzung, und du wirst damit mehr positive Erfahrungen machen, als negative. Ich habe dies hier auch öfters selbst empfunden, gerade wenn Leute dir einfach nur auf Deutsch Hallo sagen; es zaubert dir einfach ein Lächeln aufs Gesicht.

Leider bin ich hier in Rumänien so oft krank wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht war. Und eine von meinen „geliebten“ Virusinfektionen hat mich auch in diese Notfallklinik gebracht. Es hört sich jetzt dramatischer an, als es war. Der Grund für diese Wahl war, dass zu der Zeit einfach keine Ärzte, die meine Lehrerin und eine Freundin kannten, erreichbar waren. In einer solchen Klinik muss man nichts bezahlen. Aus diesem Grund habe ich dort auch sehr arme Leute getroffen. Man wird dort untersucht, doch die Räumlichkeiten müssten wirklich verbessert werden. Ich war dort im Sommer, und doch war es einfach viel zu kalt. Man kommt kränker raus, als man reingekommen ist. Die Kälte ist allerdings gut für die Medikamente, denn die Kühlschränke fallen dort regelmäßig aus. Es war keine besonders angenehme Erfahrung, aber es hat mir auch etwas die Augen geöffnet.

Miercurea- Ciuc

Nun aber wirklich zu meiner Zeit in Miercurea Ciuc und meinem Projekt. Ich lebe nach meinem Umzug in einer kleinen Wohnung in Miercurea Ciuc. Meine Vermieterin und ihre Familie wohnen direkt nebendran. Die Familie ist wirklich nett. Durch sie bekomme ich auch viel vom rumänischen Familienleben und den Traditionen mit. Ab und zu esse ich mit ihnen zu Frühstück oder auch zu Mittag. Gerichte, die mich zuerst überrascht haben, waren zum Beispiel Nudeln in Pudding oder auch Nudeln mit Zimt und Zucker. Zum Essen kann ich noch sagen, dass wirklich sehr viel Fleisch hier in Rumänien gegessen wird und immer eine Suppe als Vorspeise dazu gehört.

nach der Kartoffelernte
nach der Kartoffelernte

Zu dem Leben der Familie gehört auch eine jährliche Kartoffelernte, bei der ich dabei sein durfte. Jede einzelne Kartoffel wird dabei mit der Hand aufgelesen, auch wenn sie noch so klein ist. Ein anderer Aspekt ist die Religiosität. Ich gehe hier jeden Sonntag mit der Tochter der Familie in die Kirche und ich habe wirklich selten in Deutschland so volle Kirchen gesehen, wie man sie hier jeden Sonntag vorfindet.

Mein Projekt

Mein Projekt liegt mitten im Stadtzentrum und befindet sich unter einer Kirche. Wir haben dort zwei Gruppen für Menschen mit geistiger Behinderung. Die Altersspanne ist recht groß. Die jüngste zu Betreuende ist circa 14 Jahre und die älteste etwa 40 Jahre alt. In der ersten Gruppe sind die Behinderungen stärker, als in der zweiten Gruppe. Viele können dort nicht reden und wenn, dann nur sehr wenig. Dies macht die Kommunikation auf sprachlicher Ebene schwierig. Hier wird mehr mit Körpersprache gearbeitet. Es gibt dort eigentlich zwei Arten von Jugendlichen. Die einen sind sehr aufgeschlossen und suchen deine Nähe und wollen dich auch immer umarmen. Die anderen sind eher zurückgezogen. Ihr Vertrauen muss man sich erst erarbeiten, und das braucht Zeit und Geduld. Es ist aber eines der schönsten Gefühle, wenn du endlich einen Zugang zu dem einen Jugendlichen gefunden hast, der dich sonst immer eiskalt ignoriert hat. Mein Beispiel hierfür ist Andor. Ich habe wirklich versucht, mit ihm zu reden, Späße zu machen und bin vor ihm herumgehopst. Sein Gesicht blieb aber emotionslos. Nach Wochen kam er dann aber mal zu mir, weil etwas mit seinem Lieblingsspielzeug nicht stimmte, und ich sollte es reparieren. Das Strahlen in seinem Gesicht, als ich es ihm zurückgegeben habe, war wirklich einzigartig.

Eine besondere Beziehung habe ich zu Anna-Maria aufgebaut, einem neuen Mädchen im Zentrum. Sie kommt aus einem kleinen Dorf aus der Umgebung von Miercurea Ciuc. Daher kommt sie auch mit dem Bus. Ich hole sie jeden Morgen von dort ab und bringen sie auch mittags wieder zurück. Sie ist wirklich ehrgeizig, und wir sind gerade dabei, ihren Namen schreiben zu lernen. Das „A“ haben wir schon erfolgreich abgeschlossen. Momentan sind wir bei dem „N“. Wir üben das seit circa drei Wochen. Manchmal ist meine Geduld wirklich am Ende, doch man muss sich zusammenreißen. Sie versucht ihr Bestes, und am wenigsten kann sie jetzt Entmutigung gebrauchen. Bis jetzt haben wir Zeichnen im Sand, legen mit Streichhölzern und Strohalmen, Nachfahren von gelben Buchstaben und viele weitere Methoden ausprobiert. Das Richtige war noch nicht dabei. Hier sieht man, wie individuell die Jugendlichen sind. Man kann nicht sagen, dass stets die gleichen Methoden funktionieren, nur weil sie die gleiche Behinderung haben.

Ich helfe aber auch bei Projekten außerhalb meiner Arbeit mit. Zu diesen gehören zum

meine Freiwilligenkoordinatorin und weitere Freiwillige
meine Freiwilligenkoordinatorin und weitere Freiwillige

Beispiel das Event „Eine Millionen Sterne“, eine Sammlung von Kleidern und Essen für eine Familie oder ein Familienspieltag.
Bei „Eine Millionen Sterne“, im Ungarischen „Egymilliócsillág“, kann man für eine beliebig hohe Spende eine kleine Kerze erhalten. Die Kerzen werden anschließen in der Form mehrerer Sterne auf dem Boden angeordnet. Es kamen wirklich viele Menschen, und wir haben innerhalb von nur zwei Stunden viel Geld eingenommen, was ich vorher nie gedacht hätte. Es hat mich im Positiven überrascht. Genauso wie dieses kleine „Zigeuner“-Mädchen. Man sieht hier wirklich viele in der Stadt. Sie betteln um Geld und sind dabei manchmal ziemlich penetrant und fallen eher unangenehm auf. Aber dieses eine Mädchen, welches sicher nicht viel Geld hatte, hat tatsächlich fünf Kerzen „gekauft“ und angezündet.

Auch die anderen beiden Veranstaltungen haben mir viel Spaß gemacht. Die Kleider- und Essensammlung war für eine Familie bestimmt, deren Haus komplett abgebrannt war, und die noch dazu sehr arm war und fünf Kinder hat. Der Familienspieltag war, wie der Name schon vermuten lässt, für einen besseren Zusammenhalt innerhalb von Familien gedacht.

Ich habe in meiner bisherigen Zeit wirklich viel gelernt. In ganz verschieden Bereichen. Dies geht von banalen Sachen wie Koordination von Einkaufen und sich um die eigene Wohnung kümmern bis hin zu Sachen, die sich auf der emotionalen Ebene abspielen.
Man lernt so viel in der Schule, man weiß so viele die Sachen und doch sind Theorie und Praxis doch zwei so verschiedene Sachen. Die Chance hier ist wirklich einmalig. Ich freue mich wirklich auf die nächsten noch verbleibenden zehn Monate.

So, ganz liebe Grüße hier aus Rumänien,
Lea Siegel.