Brasilien: 1. Rundbrief von Judith Demerath

Ich kann es kaum glauben, aber jetzt bin ich schon zwei Monate hier in Brasilien! Die Zeit vergeht so unglaublich schnell! Jeden Tag erlebe ich Neues: So viel Fremdes, Schönes, Trauriges, Bereicherndes, Überraschendes. Und dabei treffe ich auf Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen und Gedanken. Jedes Stadtviertel hier ist anders. Es ist jeden Tag aufs Neue spannend und auch herausfordernd…

Ankunft

12. August 2016. Halb sechs in der Früh.
Nach monatelangen Vorbereitungen und unzähligen Besuchen bei Ämtern wegen des Visums ist es endlich so weit. Mein Jahr in Brasilien kann beginnen.
Zusammen mit meiner Familie fahre ich zum Flughafen, wo ich die Mitfreiwilligen Daniel und Sara treffen werde, um mit Ihnen gemeinsam aufzubrechen. Recht pünktlich um halb elf startet dann unser Flugzeug, mein erster Flug überhaupt. Und es ist toll zu fliegen! Über die Wolken aufzusteigen und plötzlich so unglaublich weit sehen zu können.

Nach zehn Stunden Flug erreichen wir Fortaleza in Brasilien, wo uns Babara, eine Freundin unserer Vorgänger, abholen wird. Eigentlich haben wir fest vor, von dort direkt mit dem Bus weiter in unsere neuen Wohnorte zu fahren, doch leider Fehlanzeige. Es gibt keine Bustickets mehr, sodass wir erstmal 24 Stunden in Fortaleza festsitzen, um den Bus am nächsten Abend zu nehmen, der uns in neun Stunden nach Parnaiba, meine neue Heimatstadt, bringen wird. Aber wir nehmen das recht locker, haben zum Glück schnell eine Unterkunft gefunden und sind auch ganz froh, erstmal ein bisschen schlafen zu können. Doch einer Sache sind wir uns sicher; ohne Babara wären wir ziemlich aufgeschmissen gewesen! Der Busbahnhof von Fortaleza ist nämlich ziemlich groß und wenige sprechen Englisch.

Am Sonntagmorgen um sechs Uhr kommen wir dann endlich in Parnaiba an. Valeria, meine Ansprechpartnerin und gleichzeitig meine Gastschwester, wartet schon auf uns und bringt uns in mein neues Zuhause. Ein schönes kleines Haus mit einem tollen Garten, in dem meine sehr fürsorgliche und liebe Gastfamilie wohnt.

 

Meine ersten Tage

Ich bin überwältigt von all den neuen Eindrücken hier! Der Geruch nach churrasco (Grillfleisch), die Propagandaautos, die mit lauter Musik durch die Straßen fahren, die vielen leckeren Früchte hier und Kokoswasser frisch aus der Kokosnuss; der angenehme Wind, der hier ständig bläst; die weiten Strände, an denen man sich so unglaublich frei fühlt, die Herzlichkeit der Menschen, die brasilianische Musik (hier besonders der Forró), die Wärme und die Sonne, die vielen bunten Häuser, das ständige Hupen im Verkehr und dazwischen entdeckt man auch immer wieder mal einen Pferde- oder Eselkarren. Alles pulsiert vor Leben.

 

Meine Gastfamilie

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Meine Gastfamilie und ich während eines Gottesdienstes, indem ich der Familie „übergeben“ wurde.

Ich wohne hier zusammen mit meinen Gasteltern Conceição und Joaquim, meinen Gastschwestern Ana Sávia und Valéria, einem Hund, einer Katze, einer Hausziege, einigen Vögeln und vielen Hühnern. Ich fühle mich wohl hier, auch wenn ich mich am Anfang etwas daran gewöhnen musste, dass die Familie mich sehr umsorgt und sich mehr Nähe gibt, als wir es kennen. Das man sich über den Bauch streichelt oder auf die Schulter küsst, ist zum Beispiel ganz normal.
Meine Gastschwester Ana Sávia studiert hier Sozialpädagogik. Valéria arbeitet bei der Diözese für die Sozialprojekte, in denen ich arbeite. Immer mal wieder unternehmen wir auch etwas zusammen und die beiden sind mir schon sehr ans Herz gewachsen, sowie meine Gasteltern auch: Conceição kocht sehr gut, strickt sehr viel und ist eine unglaublich gastfreundliche und liebe Frau. Mein Gastvater betreibt hier neben unserem Haus noch eine kleine Autowerkstatt. Er ist ein sehr simpler und herzlicher Mensch, der immer eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt.
Von Anfang wurde ich überall als Tochter/Schwester vorgestellt und vollkommen als Familienmitglied angesehen. Das war für mich ein sehr schönes Gefühl und hat mir geholfen, mich hier auch schnell zuhause zu fühlen.

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Mein Zuhause hier

 Projekt

Die Kirche in Parnaiba hat ein Sozialprojekt ins Leben gerufen, bei dem man versucht, gerade der ärmeren Bevölkerung Parnaibas etwas unter die Arme zu greifen. Zur Zeit gibt es dazu circa 8 Horts/Kindergärten, die vormittags oder nachmittags geöffnet sind, einen Gemüsegarten, ein Feld und zur Zeit auch einen Nähkurs.

Vorerst zum Verständnis: Mein Projekt hier besteht aus verschiedenen Arbeitsstellen, die mir teils vorgegeben werden und die ich mir teils auch selber aussuchen kann.

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Für das Jahr ist das Centro Social Santa Terezinha meine feste Arbeitsstelle. Das ist eine Art Hort für Kinder, die nachmittags zur Schule gehen. Sie kommen dort also am Vormittag von halb acht bis elf Uhr hin und ich helfe ihnen, zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern aus Parnaiba, bei den Hausaufgaben. Zusätzlich bekommen sie dort auch einen kleinen Frühstückssnack und ein warmes Mittagessen. Nach den Hausaufgaben bleibt meistens auch noch ein bisschen Zeit um zusammen zu spielen, malen oder basteln. Zur Zeit kommen jeden Tag ungefähr 12 Kinder. Das variiert häufig ein bisschen, da die Kinder manchmal auch zuhause bleiben. Das finden wir natürlich sehr schade.
Alle sind zwischen sechs und zehn Jahre alt und gehen in die erste bis siebte Klasse. Es ist hier recht unterschiedlich, wie alt die Kinder in den einzelnen Klassenstufen sind. Das hängt davon ab, wann ihre Eltern sie in die Schule schicken und leider (aber nur selten) auch, wie häufig sie zur Schule gehen und ob sie dementsprechend das Schuljahr schaffen.

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Nach dem Mittagessen werden immer die Zähne geputzt.

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Durch meine begrenzten Sprachkenntnisse, ist es momentan noch etwas schwierig bei den Hausaufgaben zu helfen. Deshalb ist es meine Aufgabe, mich um die Kinder ohne Hausaufgaben zu kümmern. Ich schreibe ihnen Matheaufgaben oder zeichne ihnen Blumen oder Mandalas zum Ausmalen, die mittlerweile bei uns schon berühmt sind. Ansonsten lieben die Kinder es aber auch auf dem Gelände des Centros zu spielen. Wir haben dort viele Cajubäume, ein sehr häufiger Baum hier, der die Frucht mit der Cashewnuss trägt. Die Kinder klettern in den Bäumen und sammeln die Cajus, spielen Versteckfangen, Weitspringen von der Schaukel oder denken sich schnell irgendwas anderes aus. Ideen gehen ihnen nie aus!

Da ich dort nun schon seit zwei Monaten arbeite, sind mir die Kinder alle schon sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich jeden Tag, sie zu sehen!

 

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Die horta-der Garten, in dem ich nachmittags arbeite.

Nachmittags habe ich bisher in dem Garten der Diozöse geholfen. Dort arbeiten zwei Männer, Seu Raimundo und Seu Bernado, und bauen Frühlingszwiebeln, Petersilie, Tomaten, Salat, Maniok, Bananen, Auberginen und einige andere einheimische Gemüsesorten an. Diese können sie dann verkaufen oder auch für sich selbst nutzen. Das Grundstück haben sie dafür von der Diözese gestellt bekommen. Meine Hauptaufgabe hier ist es, beim Bewässern der Pflanzen zu helfen.
Allerdings gibt es dort immer wieder Probleme mit der Wasserversorgung. Das ist ein großes Problem, denn gerade im Moment ist es hier sehr trocken und die Pflanzen halten es nicht sehr lange ohne Wasser aus.

 

Alltag

Der Tag hier beginnt für die Menschen unter der Woche und auch am Wochenende immer recht früh. Das hat vor allem mit der Hitze zu tun. Schon ab sieben Uhr sind es ca. 29-32 Grad, außerdem geht auch um sechs Uhr die Sonne auf. Dementsprechend stehen die meisten Menschen um sechs Uhr auf und gehen dann nach einem Frühstück, das aus süßem Kaffee und einem Brötchen, Tapioka (eine Art Pfannkuchen aus Maniokmohl) oder Plätzchen besteht, zur Arbeit. Um ca. neun Uhr gibt es fast überall eine kleine „Frühstückspause“ und dann wird noch mal bis zwölf Uhr gearbeitet. Zum Mittagessen gehen/fahren die meisten Menschen nachhause. Die Mahlzeit besteht dann aus Reis, Feijao (Bohnen) und Fleisch oder Fisch. Bis zwei Uhr ist dann meistens Pause. Danach geht die Arbeit weiter, wie lange ist allerdings sehr unterschiedlich.
Um sechs Uhr geht die Sonne unter und damit werden die Temperaturen ab späten Nachmittag auch wesentlich angenehmer. Aber auch am Abend ist nochmal viel Leben auf der Straße. Viele Menschen setzen sich vor ihr Haus und quatschen mit Freunden oder Nachbarn, andere gehen auf den vielen Plätzen in der Stadt spazieren oder treiben Sport. Gegen sieben Uhr wird dann noch zu Abend gegessen: Reis, Feijao und Fleisch.

Ganz wichtig ist auch hier das Duschen! Es ist völlig normal, dreimal am Tag zu duschen. Körperhygiene und ein guter Geruch sind hier sehr wichtig für die Menschen. Auch, sich gepflegt und schön anzuziehen, besonders als Frau.
Aber das Duschen ist natürlich auch wichtig, um den Körper immer wieder etwas abzukühlen.

Mein persönlicher Alltag sieht recht ähnlich aus. Ich stehe um halb sieben auf und werde dann um viertel nach sieben von Antonio, der auch bei der Diözese arbeitet, mit dem Motorrad abgeholt und zur Arbeit gebracht. Dort bleibe ich dann bis elf Uhr und fahre danach zum Mittagessen nach Hause. Dann habe ich ein bisschen Pause, lese, schlafe ein bisschen, lerne etwas portugiesisch oder unterhalte mich ein bisschen mit meiner Gastmutter. Nachmittags gehe ich dann noch mal arbeiten.
Montags, Mittwochs und Freitags habe ich dann von fünf bis sechs Uhr noch Sprachunterricht, zweimal die Woche gehe ich abends ins Fitnessstudio und zweimal die Woche in die Tanzschule, um Forró zu lernen. Das macht mir sehr viel Spaß und die Forrómusik gefällt mir auch sehr gut!

 

Land der Gegensätze

Schon in diesem Rundbrief würde ich gerne ein paar Worte zu den riesigen Unterschieden in Brasilien sagen. Dieses Thema begegnet mir nämlich wirklich täglich und beschäftigt mich sehr. Erstmal ist das das Land einfach unglaublich groß! Ungefähr 25 mal so groß wie Deutschland. Dadurch sind die Unterschiede in Bezug auf Kultur, Reichtum, Klima, Bevölkerung, und so weiter in den einzelnen Regionen schon riesig. Aber es reicht schon sich in Parnaiba und der nahen Umgebung umzuschauen. Gerade im Bezug auf Reichtum sind die Unterschiede hier unglaublich. Es gibt viele reiche Menschen in Parnaiba. Sie haben große zweistöckige Häuser mit einer Mauer und Elektrozaun drum herum. Es gibt aber genauso auch noch Familien, die in Lehmhäuser leben und sogar einige, die ihren Lebensunterhalt auf der Müllkippe verdienen.

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Die Wohnsiedlungen, die Expräsident Lula hat bauen lassen.

Vor einigen Jahren hat der damalige Präsident Lula (Luiz Inácio Lula da Silva) ein gutes Programm ins Leben gerufen! Es wurden vom Staat Wohnsiedlungen gebaut, die gerade für Menschen in sehr ärmlicher Wohnsituation gedacht sind. So, wie ich das verstanden habe, können die Menschen einen „Antrag“ für eine Wohnung dort stellen. Dann werden sie von einer Behörde besucht und es wird die bisherige Unterkunft beurteilt. Danach erhält die Familie eine Wohnung in der Siedlung oder eben nicht.
Ob der jetzige Präsident Temer dieses Projekt allerdings weiterführen wird, weiß keiner so genau…

 

Religion

Parnaiba ist eine Stadt mit 150.000 Einwohnern und hat 7 Pfarreien und jede Pfarrei hat seinen eigenen Schutzpatron, für den einmal jährlich ein riesiges Heiligenfest veranstaltet wird, das zehn Tage dauert. Gerade ist diese Zeit der Heiligenfeste. Nacheinander finden sie statt.
Dabei gibt es auf dem Platz vor der jeweiligen Kirche immer viele Essensstände, jeden Tag sind Messen, es gibt eine Prozession, Versteigerungen und vieles mehr. Das hört sich ja alles erstmal nicht so besonders an, aber es ist einfach unglaublich wie viele Menschen sich hier immer versammeln! Die Gottesdienste finden auch nicht in der Kirche statt, das würde gar nicht funktionieren, sondern es wird ein Altar vor der Kirche aufgebaut und die Leute kommen mit Stühlen von überall her und suchen sich ein Plätzchen in der Menge.

Vor einer Woche war zum Beispiel die Prozession zu Ehren des Heiligen Sankt Franziskus und es waren ungefähr 80.000 Menschen dort! Zwei Stunden sind wir mit der Menge durch die Stadt gegangen, haben gesungen, gebetet und immer wieder rief jemand „Viva Sao Franciscus“, worauf die ganze Menge „Viva“ antwortete. Viele Menschen haben sich dazu auch braune Mönchskutten angezogen oder sind den Weg barfuß gelaufen. Und es fanden sich wirklich jegliche Gruppen von Menschen: Alte, Familien, Arme, Reiche, Jugendliche, alle gingen mit.

Grundsätzlich ist hier eine tiefe Verbundenheit und Ernsthaftigkeit der Menschen mit ihrer Religion zu spüren. Wenn Gebete oder Fürbitten gesprochen werden, schließen die Menschen die Augen und heben die Hände zum Himmel. Wenn gesungen wird, winken die Menschen im Takt oder klatschen in die Hände, nach dem Evangelium wird zum Beispiel auch geklatscht und beim Vater Unser halten sich die Menschen an den Händen.
Der Gottesdienst lebt hier wirklich!

 

Wahlen

Am vergangenen Sonntag fanden hier in Parnaiba die Bürgermeisterwahlen statt. Dazu sind vorher wochenlang Autos mit großen Boxen („Propagandaautos“) durch die Stadt gefahren und haben umgedichtete Propagandalieder auf die einzelnen Bewerber gespielt. Zusätzlich waren immer wieder Wahlveranstaltungen an verschiedenen Plätzen. Die Autos waren mit Aufklebern beklebt und überall bekam man kleine Werbeflyer.

Am Sonntag war es dann soweit. Alle Bürger von Parnaiba mussten wählen gehen, hier ist das nämlich verpflichtend. Geht jemand nicht wählen, muss er eine Strafe bezahlen und kann sich zum Beispiel nicht an der Universität einschreiben oder ähnliches. Die Meinungen darüber, ob das gut oder schlecht ist, gehen hier sehr auseinander.
Abends stand dann schon fest, wer Bürgermeister geworden ist. Viele Menschen, mit denen ich hier im Kontakt stehe, waren sehr unzufrieden. Einige sagen, sie haben Angst, dass der jetzige Bürgermeister nichts tun wird für die Entwicklung der Stadt. Das macht ihnen Angst.

Politik wird hier häufig als sehr kompliziert wahrgenommen. Viele Menschen sagen, sie interessieren sich nicht für Politik, weil sie hier keine guten Ziele erreicht. Andere sind sehr interessiert, aber auch sie sind  unzufrieden und frustiert, wie Politik hier läuft.
Ich bin gespannt, was ich darüber in den nächsten Wochen und Monaten noch erfahren werde.

 

Was mir noch wichtig ist: Was ich hier erlebe und beschreibe, ist natürlich nur ein sehr begrenzter  Ausschnitt des Lebens hier und kann auf keinen Fall verallgemeinert werden. Dazu kommt, dass es sich  um subjektive Eindrücke aus meiner Perspektive handelt.

 

So, das war es erstmal. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und ich freue mich natürlich auch über Emails mit Rückfragen, Anregungen, oder was auch sonst ihr mir gerne schreiben würdet.  Bis zum nächsten Mal!

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Ganz liebe Grüße aus dem gerade sehr heißen Brasilien!

Judith