Ukraine: 2. Rundbrief von Franziska Keller

Dankbarkeit

DANKBAR sein – Ich glaube, dass ist nicht so einfach wie es sich anhört.
Doch was bedeutet es, DANKBARKEIT zu zeigen?

Ich habe in den letzten Monaten hier sehr viel über DANKBARKEIT gelernt: Ich bin DANKBAR gegenüber SoFiA, dass sie mir überhaupt dieses Jahr in der Ukraine ermöglichen und dafür, dass sie mir mit Rat und Tat immer zur Seite stehen, wenn ich Fragen oder Probleme habe. Ich bin gegenüber meinen Eltern sehr DANKBAR, für alles, was sie mir ermöglicht haben; dafür, dass sie mich auch in diesem Jahr von Tag zu Tag mehr unterstützen, obwohl es für sie wahrscheinlich am schwersten ist, dass ihre Tochter jetzt erst einmal für 13 Monate weg ist.
Ich DANKE allen, die mich auf meinem Weg hier begleiten.

Aber auch über eine andere Sache bin ich sehr DANKBAR. Ich bin DANKBAR für die Erfahrungen, die ich in der Ukraine mache. DANK ihnen hat sich mein Blick auf Europa verändert, durch sie und durch Reflexion meiner eigenen deutschen Kultur lerne ich viel über mich, aber auch über Deutschland und Europa: Was es heißt, in einem Europa mit offenen Grenzen aufgewachsen zu sein und zu leben, lernt man vielleicht erst dann zu schätzen, wenn Freunde nicht einfach in die EU reisen können, ohne die bürokratische Hürde Visum zu bewältigen. Was ein Sozialstaat wie Deutschland wirklich bedeutet, merkt man wohl erst dann, wenn man erfährt, wie ein Leben ohne einen funktionierenden Sozialstaat im Rücken aussehen kann. Ich glaube kaum einem ist bewusst, wie lästig und anstrengend es wäre, wenn wir für einen Urlaub in z.B. Polen erst einmal ein Visum beantragen müssten, für welches man gefühlte 50 Seiten ausfüllen muss und noch vieles mehr.

DANKBAR zu sein, für das was ich habe – auch das habe ich hier gelernt. Nicht immer nur zu meckern, sondern wirklich mit dem zufrieden zu sein, wie es gerade ist, ist mir erst einmal sehr schwer gefallen. DANKBAR zu sein, für die Freunde, die ich hier habe, für den Spaß, für die Freude, für einfach alles. Aber ich bin auch dafür DANKBAR, dass ich Steine in den Weg gelegt bekommen habe, dass ich es nicht immer einfach hatte, weil ich daran gewachsen bin, zu der Person bin wurde, die ich jetzt eben bin. Wer weiß, vielleicht würde ich nicht diesen Freiwilligendienst machen?

Nikolausaktion

DANKBAR, dieses Wort schwirrte mir auch sehr oft bei unserer Nikolausaktion, die die Malteser hier jedes Jahr veranstalten, durch den Kopf. Ich möchte euch den Ablauf dieser Aktion kurz beschreiben:

Jedes Jahr schreibt jedes Kind aus den Internaten in der umliegenden Region (Ivano-Frankivsk Oblast) einen Brief an den Heiligen Nikolaus. Die Internate, das sind Schulen, in denen u.a. (Halb-)Waisen oder beeinträchtigte Kinder, die von ihren Eltern nicht großgezogen werden können, leben. Die Briefe der Kinder werden erst in der Klasse gesammelt, kommen dann zur Rektorin/ zum Rektor, der diese Briefe dann in unser Malteserbüro bringt. Dort sammeln wir die Briefe aus den ca. 18-20 Internaten. Wenn diese bei uns eingetroffen sind, kommen die ersten Leute in unser Büro, um sich einen Brief auszusuchen. Die darin geschriebenen Wünsche werden von ihnen so gut es geht erfüllt. Das Geschenk, was sie daraus machen, wird danach wieder bei den Maltesern abgegeben. Wir sortieren die Geschenke nach Schule und Klasse.
An den Tagen vom 16.12 bis zum 22.12 sind wir dann in die Internate gefahren. Dort hat die Malteser-Jugend ein kleines Theaterstück aufgeführt, was zum Thema „St. Nikolaus kommt zu den Waisen“ (was auch der Titel der Aktion ist) gepasst hat. Nachdem das Theaterstück beendet war, wurden alle Geschenke ausgeteilt. Wir sind oftmals noch nach der Bescherung durch die Klassen in dem Internat gegangen, haben mit den Kindern gespielt oder geholfen die Geschenke auszupacken.

Die DANKBARKEIT der Kinder war bis in die kleinste Ecke der Schule zu spüren. Die Freude an diesen Tagen überwog einfach. Dennoch gehe ich auch mit einem traurigen Gefühl aus der Aktion, sicher, weil auch ich in meiner Oberstufenzeit auf einem Internat war und viele Unterschiede erkennen konnte. Die Kinder haben häufig keine Eltern mehr, ihre einzige Familie ist das Internat. Hier wird zwar versucht, alles heimisch einzurichten, damit es den Kindern an nichts fehlt, aber man erkennt, dass es den Internaten und Einrichtungen an öffentlichen Geldern und staatlicher Unterstützung fehlt. Trotzdem: Es herrscht eine wunderschöne familiäre Atmosphäre, die Lehrer sind für viele Kinder wie zweite Eltern geworden. Dass solche Internate ermöglicht werden, dass es so etwas in der Ukraine, aber auch in vielen anderen Ländern gibt, auch dafür bin ich sehr DANKBAR.

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Einige Ausschnitte aus der Nikolausaktion

Weihnachten

Am 06.01.2017 habe ich mit einer guten Freundin Weihnachten gefeiert. Kurz etwas zu der ukrainischen Weihnachtstradition: Es ist nicht so wie in Deutschland, dass man Geschenke an Weihnachten bekommt, denn diese bringt der Heilige Nikolaus am 19.12. An Weihnachten sitzt man mit der Familie zusammen und isst 12 Speisen. Warum 12 Speisen? Wegen der 12 Jünger Jesu, die am letzten Abendmahl teilgenommen haben. Es ist also Tradition, dass 12 Gerichte gekocht werden: Von jedem Gericht muss man etwas probieren – das soll in den nächsten 12 Monaten Glück bringen. Aber das ist nicht die einzige Tradition. Auch ein Stuhl wird frei gelassen, für Gäste, die kommen möchten, damit sie nicht weggeschickt werden müssen. Im Laufe des Abends ist meiner Freundin plötzlich eine Gabel herunter gefallen. Als ich sie aufheben wollte, rief jeder am Tisch „ні“ (Ni), also „Nein“. Total verunsichert und geschockt setzte ich mich wieder aufrecht an den Tisch,  mit der Frage im Kopf: “Warum durfte ich diese Gabel nicht aufheben? Habe ich etwas Falsches gemacht?“. Meine Freundin erklärte mir später, dass dies das Zeichen dafür sei, dass ihre Liebsten, die schon tot sind, nun auch bei uns sind, mit uns essen und ich deshalb den heruntergefallenen Gegenstand nicht aufheben darf. Am Weihnachtsabend ist das hier der Glaube. Am Ende dieses Abends war nicht nur ich DANKBAR für die Einladung, auch die Familie hat sich sehr gefreut und sich BEDANKT, dass sie ihr Weihnachten mit mir teilen durften.

Hier möchte ich keine Bilder einfügen, da es doch ein sehr familiäres Fest war.

Was ich noch sagen möchte

Den Krieg im Osten spüre ich hier kaum. Er ist in den Köpfen aller, aber direkten Kontakt habe ich hier nicht mit dem Krieg. Man redet auch nicht darüber, ich müsste es direkt ansprechen, was ich jedoch nicht möchte, da ich einfach nicht weiß, wie ich damit umgehen kann/soll. So leid es mir für die Ukraine tut, so DANKBAR bin ich, in einem Land groß geworden zu sein, in dem der direkte Krieg seit 70 Jahren nicht mehr existiert.
[ICH distanziere mich mit den Worten „direkter Krieg“ deutlich von den Kriegen, in denen die Bundeswehr im Einsatz ist und auch von den Anschlägen in Paris, Berlin oder neulich erst vor einem Gericht in Syrien – auch sie sind, meiner Meinung nach,  eine Art Krieg.]

 

Man sollte öfter DANKE sagen und auch DANKBAR sein. Diese Art der DANKBARKEIT habe ich jetzt erst gelernt und bin froh nun dankbar sein zu „können“. Es geht nicht nur um das einfache sagen des Wortes „DANKE“, sondern auch darum es im Herzen zu fühlen und dass es von Herzen kommt.

Scheut euch trotzdem nicht, einfach mal DANKE zu sagen. Auch wenn ihr es als unwichtig in diesem Moment erachtet, ich bin mir sicher, eurer Gegenüber wird sich sehr darüber freuen! Macht euren Mitmenschen eine Freude und sagt DANKE!

Damit DANKE ich jedem von euch, der sich meinen Rundbrief durchgelesen hat und verabschiede mich aus dem -20 Grad kalten Ivano-Frankivsk!

Bis bald,

Eure Franzi

Über Franziska Keller

Hallo, Ich bin Franziska und 20 Jahre alt. Über SoFiA mache ich einen Freiwilligendienst in der Ukraine bei den Maltesern. Nach meinem Abi habe ich mich dazu entschlossen einfach mal in ein anderes Land zu gehen und dort die Lebensweise zu erfahren. Ich kann jedem nur empfehlen, so etwas mal zu machen!