Uganda: 2.Rundbrief von Julie-Anne Wagner

 

Hallo meine Lieben, es ist wieder soweit.

Es sind nun einige Wochen seit dem letzten Rundbrief vergangen und ich habe viel erlebt. Es ging los mit der Fahrt nach Ruanda. Die Fahrt durch den Südwesten Ugandas war wunderschön, denn die Landschaft ist geprägt von unzähligen Hügeln. Hier leben auch die Berggorillas! Zu meiner Enttäuschung habe ich nichtmals bemerkt, als der Bus über den Äquator gefahren ist.

Dann an der Grenze musste ich erstmal viel Papierkram erledigen. Außerdem wurde mein ganzes Gepäck nach Plastiktüten durchsucht, weil diese in Ruanda verboten sind. Ich war in Nyagatare, Musanze, Gisenyi und in der Hauptstadt Kigali. In Gisenyi gibt es den Grenzsee zwischen Ruanda und dem Kongo. Hier darf man auch schwimmen. Außerdem gibt es dort Heiße Quellen, an denen man massiert wird. Traumhaft! An dieser Stelle möchte ich mich auch bei den Freiwilligen bedanken, die mich so lieb aufgenommen haben. Die Reise hat mir deutlich gemacht, dass Afrika nicht gleich Afrika ist. Ruanda ist das sauberste Land, was ich jemals gesehen habe. Die Straßen sind recht gut ausgebaut, es scheint auch Verkehrsregeln zu geben. Für mich liegen einfach Welten zwischen Uganda und Ruanda.

Weg von Uganda nach Ruanda
Weg von Uganda nach Ruanda
img_20161109_141811
Nationalpark der Berggorillas
img_20161109_183733
Die Freiwilligen Judith, Konstantin, Sophia und ich 🙂

Auf dem Rückweg war mir sofort klar, als ich wieder in Kampala war. Überall Straßenstände und Straßenhändler, Bettler, Lärm, Prügeleien, Chaos. Ich wusste, dass die lange Busfahrt nun ein Ende hatte, denn ich war da. Auch wenn Ruanda ein wunderschönes Land ist und ich eine sehr schöne Zeit dort hatte, war ich auch echt wieder froh, in Uganda zu sein. Ich habe gespürt, dass Uganda einfach das richtige Land für mich ist, dass ich mich dort wohlfühle. Da nehme ich auch in Kauf wie dreckig, vermüllt und chaotisch Uganda sein kann. Sobald ich in Ococia angekommen war, bin ich erstmal ins Healthcenter gegangen. Keiner wusste,
wann ich zurückkommen würde und umso mehr habe ich mich auf die mir mittlerweile so bekannten Gesichter gefreut. Noch schöner war es aber, zu sehen, wie die Leute sich gefreut haben, mich wiederzusehen. Sie sagten, dass ihre Gebete erhört worden seien, dass ich wieder zurückgekommen bin. Die Menschen hier geben mir einfach ein Gefühl von Geborgenheit.

Der Anblick von meinem Zimmer war dann aber eher erschreckend. Alles voll Spinnen, Kakerlaken, Moskitos, Ameisen. Wenn man hier einmal für mehrere Tage oder Wochen nicht in seinem Zimmer war, nehmen die Insekten es in ihren Besitz. Sie werden wohl nie meine Freunde werden!

Ausschlafen konnte ich dann auch nicht wirklich, denn um 7 Uhr in der Frühe war dann auch schon die Messe. Ich glaube, ich brauche noch ein bisschen Zeit, bis ich mir hier ein Bild über den Glauben gemacht habe. Ich gehe hier mittlerweile dreimal die Woche in die Messe. Aber man kann das nicht mit den deutschen Gottesdiensten vergleichen. Jeder singt, tanzt und bewegt sich mit, und das mit so einer Überzeugung, wie ich sie selten gesehen habe. Es stört auch niemanden, wenn Kinder währenddessen rumlaufen, Mütter ihre Babys stillen oder Hühner fröhlich mitgackern. Der Hund des Priesters schläft immer auf dem Altar. Das kann ich auch verstehen, da die Messe mal gerne mehrere Stunden dauert. Der Glaube spielt für die Menschen im Alltag eine unglaublich große Rolle, alles wird in Beziehung zu Gott gesehen.

Ein paar Tage nach meiner Rückkehr wurde ich von Hundebellen und Aufruhr geweckt. Ich sah Männer mit Hunden auf unser Haus zugelaufen kommen. Ich stand auf und fragte direkt nach, was denn los sei. Schlangen in der Küche. Zwei schwarze Kobras. Achso, nur Schlangen, dachte ich und machte mir einen Tee. So geht es mir irgendwie in vielen Situationen, dass so viele Dinge schon normal für mich geworden sind, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. Und manchmal will ich das stoppen. Zum Beispiel wenn ich sehe, wie Frauen und Kinder auf dem Feld arbeiten, Kinder geschlagen werden. Ich möchte nicht, dass sich das einfach in meinem Kopf abspeichert und dass dies für mich normal wird. Natürlich weiß ich, dass das alles schrecklich ist, aber ich nehme es schon gar nicht mehr so wirklich wahr, bis ich mich zwinge, mir alles nochmal Tag für Tag, Situation für Situation ins Bewusstsein zu rufen.

Schlange aus unserer Küche
Schlange aus unserer Küche

Ende November hat uns dann eine Schwester verlassen. Sister Kevin war hier mit Abstand die jüngste und hat viel frischen Wind ins Haus gebracht. Sie wurde allerdings in ein anderes Hospital versetzt, da sie Hebamme ist und dort dringender gebraucht wurde. An dieser Stelle möchte ich
mich gerne bei ihr bedanken – für all die Zeit, auch wenn es nur kurz war. Wir hatten so viele gemeinsame Lachanfälle, haben ständig zusammen irgendwelche Dinge verpeilt, zusammen gesungen und getanzt.

Sister Kevin und ich
Sister Kevin und ich

Dann war auch schon Dezember – ein unglaublich intensiver Monat für mich. Aus fünf Schwestern wurden vier. Die älteste Schwester, Sister Angelo, ist gestorben. Nach einer Trauermesse wurde ihr Körper in das Mutterhaus des Ordens gebracht, wo die Beerdigung stattfand. Aber nun zu meiner Arbeit: Fast täglich bin ich mit Truus, der Sozialarbeiterin Martha und Maria, einer Besucherin aus Österreich, in die Dörfer gefahren. In sieben Dörfern haben sich Selbsthilfegruppen für Kinder mit jeder Art von Behinderung gebildet. Da Truus die Schule für Kinder mit geistiger Behinderung starten möchte, hatten wir die schwere Aufgabe, von all den Kindern nur acht auszuwählen. Es war eine unglaublich wertvolle Zeit, denn jedes Dorf ist doch nochmal ein wenig anders, aber eines war überall gleich: Es gibt dort leider zu viele kranke Kinder. Und natürlich die schlechten Straßen, die wir zu passieren hatten. Eigentlich war ja Adventszeit, aber so richtig fühlen konnte ich das nicht. Man kann hier nur erahnen, dass Weihnachten ansteht. Keine oder kaum Dekoration, Hitze, Staub, keine Weihnachtslieder, kein Plätzchengeruch. Aber da ich in der Zeit soderso beschäftigt war, hat mir das nichts ausgemacht. Und wieder ein Dankeschön: und zwar an meine Familie und Freunde, die mir durch Pakete ein bisschen Weihnachten in mein Zimmer gezaubert haben!

Trockenzeit
Trockenzeit

Mich erreichte dann aber auch eine frohe Nachricht:Apio, eines der Mädchen, die im Konvent gelebt hat, hat ihr erstes Kind zur Welt gebracht.
Am 21. Dezember war hier ein großes Fest- St. Peters Day. Jedes Jahr am 21. soll eigentlich der Bischof für die Kommunionskinder kommen. Also wurde wochenlang darauf vorbereitet. Angemeldet waren 870 Kommunionskinder und rund 30 Hochzeiten. Alles war bereit, nur der Bischof nicht, also wurde der Tag zur Enttäuschung vieler Leute ohne den Bischof gefeiert. Wenige Tage später war Heiligabend, was hier allerdings nicht gefeiert wird. Aber meine Mentorin hat mich und die Schwestern zum Essen eingeladen, sodass ich dennoch einen wunderschönen Abend hatte. Umso mehr wurde dann auch am 1.Weihnachtstag gefeiert. Nach einer viel zu langen Messe ging es zum Healthcenter. Hier wurde mit all den Arbeitern und ihren Familien gefeiert. Es wurde gegessen, getrunken und getanzt. Dasselbe wiederholte sich auch an Neujahr, nur dass es nicht im Healthcenter war, sondern im Haus der Priester.

Clinican Rose, Faith und ich vor der Neujahrsparty
Clinican Rose, Faith und ich vor der Neujahrsparty

Ich kann sagen, dass ich angekommen bin. Aber manchmal gibt es trotzdem Momente, in denen ich mich frage, wieso ich das hier alles mache, weil es einfach Dinge für mich gibt, die hier niemand ersetzen kann: meine Familie, meine Freunde, mein Zuhause, meine Heimat. Dann ist auch noch der Inverter unserer Solaranlage kaputt gegangen. Na super, also kein fließend Wasser und kein Strom. Es könnte doch in Deutschland so viel einfacher sein. Aber dann sehe ich die Schwestern, die Jugendlichen, mit denen ich im Konvent lebe (um sie auch mal bei Namen zu nennen: Mary, Akello, Susan, Tedday,Theresa, Grace, Martin, Julias, Apio, Adongo…), die Arbeiter im Healthcenter, Truus und alle anderen die hier zu meiner kleinen Welt gehören, und ich weiß wieder, wieso ich das hier alles mache. Die Menschen geben einem so viel Kraft, so viel Freude, ein Wir-Gefühl. Und ich weiß, dass ich keinen einzigen Tag meiner Zeit hier bereuen werde.

Kindergarten Ococia
Kindergarten Ococia