Indien: 1. Rundbrief von Emma Dick

Namaskkaram aus dem sonnigen Kerala!!!

Liebe Leserinnen und Leser,

als erstes möchte ich mich bei all den Menschen, die mich unterstützen und es mir ermöglicht haben, in Indien zu sein und so Vieles erleben zu dürfen, ganz herzlich bedanken!

In meinem ersten Rundbrief werde ich die höchste Priorität darauf legen, mehr über die besonderen Menschen zu erzählen, die ich bis jetzt auf meiner großen Reise getroffen habe, anstatt über das Essen oder die Natur. Was selbstverständlich auch wichtig wäre, aber es sind die Menschen, die durch ihre offene und warmherzige Art mir den Eintritt in eine ganz neue Welt ermöglicht haben.

Nun bin ich seit zwei Monaten in Indien. Am 5. August ging meine Reise los. Zuhause verabschiedete ich mich von meiner Mutter und meinem Bruder, und es ging los mit dem Zug nach Frankfurt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich war nicht nervös. Doch die Vorfreude war viel stärker, und ich bin mir sicher, es war eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Meine Reise war ganz angenehm, aber mit einer etwas stressigen Zwischenlandung in Sri Lanka, was wahrscheinlich daran lag, dass ich als einzige Europäerin den Flug nach Cochin Airport gebucht hatte. Aber die Mitarbeiter haben mir dabei sehr geholfen. Sobald ich im Flieger saß und die wunderschöne Aussicht genießen durfte, war der ganze Stress und die Müdigkeit vorbei. Ich musste lächeln, denn nun waren es nur noch zwei Stunden, die mich von Indien trennten.

Nach insgesamt 22 Stunden bin ich endlich in Cochin Airport gelandet. Bei der Passkontrolle gab es dann den ersten indischen Smalltalk. Der Beamte war sehr neugierig, blieb aber freundlich. Am Ausgang warteten bereits (außer der ungewohnten Hitze) die Schwestern Molly und Mother Jaisamma, die mich mit einer Umarmung empfangen haben. Auf der Fahrt zum Convent in Pudukad war ich dann ganz schön sprachlos, und es lag nicht an der Müdigkeit oder an meinen Sprachkenntnissen. Sondern weil ich es zum einen nicht glauben konnte, endlich da zu sein, und zum anderen war es ein Gefühl, als ob ich nach Hause gekommen wäre. Sehr seltsam, da ich noch nie in Indien war.

Im Convent angekommen, warteten bereits die anderen Schwestern auf mich, mit Ihnen auch die Köchin Minih. Sie ist eine von den Menschen, über die man sagt „Sie lebt mit dem Herzen“. Und das stimmt auch. Sie kann nur Malayalam und Hindi, doch wir haben uns sofort super verstanden. Sie nannte mich nur Umme (Kuss). Wir waren sogar alleine shoppen, und am liebsten würde sie mich 24 Stunden am Tag in der Küche behalten, um mich zu füttern und zu reden, denn ich hatte oft das Gefühl dass sie etwas einsam ist.

Independence Day an der Mary Matha ICSE School
Independence Day an der Mary Matha ICSE School

Nun zurück zu dem Convent und meinem Projekt. Am Samstag bin ich angekommen und musste gleich feststellen, dass wir uns nicht so wirklich verstehen, da das Malayalam/Englisch doch ziemlich anders ist, als das was ich in der Schule gelernt habe und vor allem sehr schnell gesprochen wird. Denn so langsam und deutlich reden wahrscheinlich nur die Englischlehrer.

Mein Zimmer im Convent war einfach aber gut, nur an die kalte Dusche am Morgen musste ich mich ein paar Tage gewöhnen. Aber mittlerweile finde ich es ganz erfrischend und es soll wohl gut für die Gesundheit sein.

Neuanfang

Am Mittwoch, schon in der ersten Woche in Indien, habe ich dann vorerst das Projekt gewechselt und bin in das ca. 60 km entfernte Kizhakambalam zur Mother Mily umgezogen. Das Convent hier wurde erst vor einem Jahr erbaut, wir haben kein WiFi oder TV, aber das Haus ist sehr groß und schön. Zum ersten Mal bin ich hier den Menschen aus der Umgebung begegnet, denn die Schwestern gehen jeden Morgen um 6 Uhr zur Messe in die Kirche um mit der Gemeinde zu beten.

Bei den Schwestern hier in Kizhakambalam habe ich mich direkt sehr wohl gefühlt. Auch von der Gemeinde wurde ich sehr freundlich empfangen und konnte direkt die ersten Kontakte knüpfen. Bin auch das erste Mal mit dem Bus gefahren, was hier sehr abenteuerlich ist und die erste Regel lautet, es gibt keine Regeln, außer “Immer festhalten und schnell sein“ aber nach ein paar Fahrten macht es sogar Spaß.

Doch mein Glück dauerte nicht lange, denn es gab Schwierigkeiten mit meinem Visum, da es für die Schule in Pudukad ausgestellt worden war, konnte ich mich auch nur dort anmelden. Das wusste vorher natürlich niemand, doch Mother Jaisamma aus dem ersten Projekt hat mir sehr dabei geholfen. Allgemein verstanden wir uns gut, denn wir haben wohl eine eigene Sprache entwickelt, so dass wir sogar kleine Witze machen konnten. Mother Jaisamma und Mother Mily haben mich von Anfang an unter ihren Schutz genommen.

Nachdem nun alle Formalitäten erledigt waren, musste ich in Pudukad bleiben und warten und warten… , denn es sollte ein Kontrolleur kommen. Die erste Woche verbrachte ich ohne eine wirkliche Beschäftigung, in der zweiten Woche durfte ich dann unterrichten. Naja, was heißt unterrichten, ich bekam eine Klasse, und wir haben Spiele gespielt. Hier möchte ich mich für die zahlreichen Whoops bei den Seminaren bedanken :D,ansonsten wäre ich verloren.

An der Mary Matha ISCE School fehlte mir sehr der Kontakt zu anderen Menschen. Denn es gab nur die Schule und den Convent, so dass ich meine Sprachkenntnisse nur aus Büchern verbessern könnte. So war ich nicht besonders glücklich dort.

Doch nach einem kleinen Anstoß aus Deutschland und meiner großartigen Mentorin Sister Christina, durfte ich Ende August endgültig in mein neues Projekt in Kizhakambalam umziehen.

Zweiter Neuanfang oder-
“Wer denkt, das Leben unter Schwestern ist langweilig, denkt ganz falsch.“

Das Convent
Das Convent in Kizhakambalam

In unserem Haus leben wir als “Stammbesetzung“ zu fünft mit Sr.Mily, Sr.Anette, Sr.Lynette, Sr.Virmala und mir. Doch fast jede Woche kommen andere Schwestern zu uns zur Besuch, auf Durchreise oder zum Prayer, und jeden Dienstag kommt Priester Ebay zur Messfeier in unsere Kapelle.

Jede Schwester hat ihre eigene einzigartige Persönlichkeit und in unserem Fall auch eine eigene Sprache, denn wir reden Englisch, Malayalam und Deutsch. Es ist manchmal sehr witzig und verwirrend, vor allem für die Besucher und für mich selbst, da ich noch mit meiner Familie auf Russisch reden muss. Aber es macht großen Spaß, mehrsprachig zu leben und die Schwestern sind wie meine Familie und Lehrer zugleich. Bei den Schwestern hier im Projekt darf ich all die Aufgaben übernehmen, die sie auch machen. Es wird zusammen geputzt, abgewaschen und im Garten gearbeitet, nur beim Kochen bin ich noch am Lernen. Aber was die Schwestern kochen schmeckt immer ausgezeichnet.

Ich habe hier keine geregelte Arbeitszeiten, wenn eine Familie die Schwestern an einem Samstag oder Sonntag empfangen möchte oder jemand ist krank geworden und wir den besuchen wollen, dann gehen wir hin, denn hier lebt man auch ganz gut ohne Termine. Die Aufgaben der Schwestern bestehen darin, für die Menschen da zu sein, wenn die sie brauchen, für einen kleinen Besuch oder die Lösung eines Problems.

In meiner Anwesenheit sollen die Kinder sich mehr trauen, Englisch zu reden. Nach anfänglichem Zögern können wir uns mittlerweile sehr gut unterhalten, denn ich versuche, mehr Malayalam zu sprechen, und so trauen sie sich mehr, Englisch zu sprechen und sind dann als Übersetzter tätig, wenn ich mich mit anderen Familienmitgliedern unterhalte. Zur Not wird „Ausländisch“ gesprochen, d.h. mit Händen und Füßen. Das klappt auch ganz gut, wir verstehen uns. Die Menschen sind offen und zeigen großes Interesse, so kommt man ganz leicht in ein Gespräch.

In Kizhakambalam ist es etwas ländlicher, und somit war meine Ankunft eine kleine Sensation. Die Menschen sind sehr neugierig. Am Anfang konnte ich damit nur schwer umgehen, aber mittlerweile, wenn ich in die nächste Kleinstadt Pattimattom fahre, merke ich nach den ersten 30 min die vielen Blicke nicht mehr so intensiv. Aber trotzdem wäre mir manchmal weniger Aufmerksamkeit viel lieber, denn es hat auch seine Nachteile. Wenn ich z. Bsp. mal einen Spaziergang oder Familienbesuche mache, wundern sich viele, dass ich alleine bin und die Sisters werden dann am nächsten Tag sofort gefragt, ob ich das überhaupt darf. Oder mir wird ständig Hilfe angeboten, da die Menschen in unserer Gemeinde sehr hilfsbereit sind. Es ist lieb gemeint, doch ich versuche, Stück für Stück meine Selbstständigkeit zu erlangen, denn es ist das, was mir am meisten fehlt.

So kommt es mir oft vor, dass ich mich sehr unnütz fühle. Aber zum Glück habe ich Mother Mily; sie hat selbst mehrere Jahre in Deutschland gelebt. Deshalb kann sie meinen Drang nach Selbstständigkeit sehr gut verstehen und die Menschen immer beruhigen, dass ich selbstverständlich auch alleine etwas erledigen kann, und sie sich deswegen keine Sorgen zu machen brauchen.

In unserer Umgebung leben ganz viele Muslims, Hindus und Christen. Wie man sieht: es kann auch friedlich funktionieren. Denn jeder lebt seinen Glauben und respektiert den Glauben und die Feiertage von seinem Nachbarn.

In jedem Haus in dem ich bisher war, ob mit Sisters oder alleine, bei reicheren oder ärmeren Familien, wurde ich sehr warm empfangen. Die Menschen haben sich aufrichtig gefreut, dass ich ihr Gast bin und mich für die Kultur, Sprache und die Familie interessiere.

Das Onam Fest

Das Onam Fest ,die Mädchen sind im traditionellen weißen Saree, die Jungs in Munte Tüchern. Davor liegt der riesige Blumenteppich.
Das Onam Fest  – die Mädchen sind im traditionellen weißen Saree, die Jungs in Munte Tüchern gekleidet. Davor liegt der riesige Blumenteppich.

Kurz nach meiner Ankunft im neuen Projekt haben wir das Onam Fest gefeiert. An der Kirche haben die Kinder aus dem Cachetism Unterricht mit der ganzen Gemeinde einen wunderschönen Blumenteppich ausgelegt. Vier Teams sind gegeneinander angetreten, und jeder hat seinen Teil geschmückt.

Die Mädchen, die das weiße Onam Saree tragen, werden “Malayaly mankas“ genannt, und es gibt einen Wettbewerb. Es werden Fragen zur Geschichte des Festes gestellt, und diejenige, die am besten geantwortet hat, bekommt den ersten Platz. Für mich haben sich die Veranstalter eine besondere Aufgabe überlegt. Da ich auch eine von den “Mankas Girls“ war, musste ich auf die Bühne, nach einer kurzen Vorstellungsrunde und ein paar Fragen über Deutschland …

JA ich habe es getan! Ich habe auf der Bühne vor der Gemeinde gesungen, es war sehr aufregend. Doch da die Gemeinde mich wie eine große Familie aufgenommen hat, war ich nicht so nervös wie sonst, es hat sogar Spaß gemacht. Danach gab es Spiele wie “Die Reise nach Jerusalem“ oder “Topf schlagen“, doch was mir besonders auffiel und sehr gefallen hat war, dass junge Menschen mit den älteren gerne etwas gemeinsam unternehmen. Allgemein haben die jungen Menschen viel Respekt vor den älteren. Die zweite Besonderheit ist, dass die Menschen auch ohne Alkohol richtig Spaß haben können und dass es am Ende der Feier keine Alkoholleichen gab.

 

Wayanad

Am Aussichtspunkt ,nähe Wayanad. Eine Kurvenreiche Straße führt von ganz unten bis in die Berge.
Am Aussichtspunkt nahe Wayanad. Eine kurvenreiche Straße führt von ganz unten bis in die Berge.

Meine wunderbare indische Mother, Sister Mily hat mich eingeladen, mit ihr und Father Subin in die Nähe von Wayanad mitzukommen, um ihre Familie zu besuchen. Von Ernakulam nach Kozhichode sind wir sieben Stunden lang mit der Railyway gefahren. Zug fahren ist hier ein Erlebnis. Während der Fahrt gehen alle drei Minuten Verkäufer durch, und man kann alles Mögliche bei denen kaufen. Nach einem kleinen Zwischenstopp in Kozhichkode ging es mit dem Auto weiter, hoch in die Berge. Spät am Abend sind wir dann bei der Familie angekommen, wo wir schon sehnsüchtig erwartet wurden. Am nächsten Tag haben wir dann weitere Familienmitglieder besucht, unter anderem auch den 90-jährigen Vater von Sister Mily. Überall wurden wir liebevoll empfangen. Es war ein schönes Erlebnis, und ich bin meiner indischen Mother Mily sehr dankbar, und es war eine Ehre für mich, dass ich ihre Familie kennenlernen durfte.

Wir besuchten eine Feier im Mädchen Internat Nivedetha. Insgesamt werden 81 Mädchen von 17 Orden begleitet, diese Mädchen haben sich schon in jungen Jahren dazu entschieden ihr Leben dem Glauben und den Menschen zu widmen.
Wir besuchten eine Feier im Mädchen Internat Nivedetha bei Aluva. Insgesamt werden 81 Mädchen von 17 Orden begleitet. Diese Mädchen haben sich schon in jungen Jahren dazu entschieden, ihr Leben dem Glauben und den Menschen zu widmen.

Manchmal feiern wir im Convent kleine Partys. Der Priester hält eine Messe in unserer Kapelle und danach gibt es ein schönes Abendessen, z.Bsp. wenn eine der Schwestern Geburtstag hat. Und es ist immer ein besonderes Erlebnis wenn ein Bischof zur Besuch kommt. Darüber freue mich immer, weil die meisten hervorragend Deutsch sprechen, und es ist sehr interessant ihnen zuzuhören. Denn Religion wird hier ganz anders gelebt, als bei uns in Deutschland. Das ist eines der Themen, die wir öfters ansprechen.

 

Fort Cochin

Die Familie Manoj aus unserer Kirche hatte Sister Mily und mich dazu eingeladen, mit ihnen zum Meer zu fahren. Das wurde ein fantastisches Erlebnis, denn ich verstehe mich super mit den zwei Kindern Neeha und Sween. Die beiden sind 12 und 10 Jahre alt und nennen mich immer Emma Cheecchi (ältere Schwester). Am Strand waren wir durch die vielen Wellen nass, dreckig und voller Sand ,aber sehr glücklich. Danach ging es weiter in die Stadt zum Duche Palast, der Synagogue, der LuLu Mall in Ernakulam und am Ende des Tages zur einer der prachtvollsten Kirchen, die ich je gesehen habe. Ich bin gerne bei der Familie Manoj, denn es sind wunderbare Menschen und die Kinder sind mir schon ans Herz gewachsen.

Fort Cochin
Fort Cochin

Mein Fazit nach zwei Monaten ist, dass Indien nie so sein wird, wie du es dir vorstellst. Aber es liegt an dir, ob du das Land mit deinen Augen oder deinem Herz betrachtest. Ich persönlich betrachte es mit dem Herzen, es ist manchmal sehr verrückt, laut, bunt und gegensätzlich. Doch komme was wolle, ich liebe es!

Hoffentlich habe ich euch nicht zu sehr gelangweilt, denn oft kann man die Begegnungen nicht wirklich in Worte fassen. Aber ich werde mein Bestes geben.

Liebe Grüße

eure Emma oder –

Yema, Umme(Kuss), Amma(Mama), Cheecchi(ältere Schwester)…

Mittlerweile habe ich ganz viele Namen 😀