Indien: 2. Rundbrief von Emma Dick

Liebe Grüße aus Kerala!

Im „Home of Love“ leben insgesamt 96 Bewohner und 15 Schwestern, dabei wird es unterteilt in “Oben“ und “Unten“ , unten ist Erdgeschoss und bedeutet das die Menschen sich selbstständig versorgen können und kleine Tätigkeiten erledigen, wie z.b. abwaschen, putzen oder im Garten arbeiten. Dagegen sind diejenigen die oben leben auf unsere Hilfe angewiesen, ob Essen, die tägliche Hygiene oder zur Bett gehen.

Home of Love
Home of Love

Nun habe ich einen geregelten Alltag, an 6 Tagen die Woche beginnt für mich der Tag um 7.30 Uhr mit dem Frühstück, dabei Frühstücken wir immer gemeinsam in unserem Speisezimmer. Danach geht es für mich nach Oben zur unseren Patienten, die schon sehnsüchtig auf das Frühstück warten. Wir haben in unserem Bereich ca. 55 Bewohner zu versorgen, die Schwestern und ich verteilen das Essen und diejenigen, die nicht selbstständig essen können, bekommen das Essen von uns angereicht. Danach räumen wir das Geschirr und die Essensreste ab und es geht weiter zum Baden.

Eingang zum Waschraum
Eingang zum Waschraum

Wir haben viele Damen, die bei der täglichen Hygiene auf unsere Hilfe angewiesen sind. An 365 Tagen im Jahr werden die Damen von uns jeden morgen gewaschen und bekommen frische Kleider. Für die Herren kommen männliche Helfer von außerhalb, um die zu baden, frisieren, rasieren und frische Kleider anzuziehen.

 

 

Am Anfang hatte ich etwas Berührungsängste, denn es ist nicht alltäglich, dass man fremde Menschen auch im Intimbereich wäscht und umzieht, dabei hatte ich die meiste Angst davor etwas falsch zu machen, oder da viele mir sehr zerbrechlich vorkamen, denen weh zu tun. Aber ich habe super Schwestern als Kolleginnen, die mir bei allem helfen und mich unterstützen , auch wenn wir oft nicht die selbe Sprache sprechen, wir verstehen uns trotzdem sehr gut.

Jede Dame hat ihren bestimmten Ritual, bevor es zum Baden geht oder danach, so gibt es einige, die nur frisch gebadet das Frühstück zu sich nehmen , zur bestimmten Zeit zum Baden kommen oder andere besondere Rituale pflegen. Mittlerweile konnte ich mir das alles schon merken, aber trotzdem geht es manchmal sehr verrückt her, denn oft verliert man ganz einfach den Überblick. 🙂 Ich sage immer baden, weil wir keine Duschen oder Badewannen haben , das Wasser wird in Eimern gefüllt und mit Schwamm und Seife werden die Damen gewaschen.

Währenddessen gibt es auch viele andere Aufgaben, wie z.B. die Betten beziehen oder schauen ob alles frisch und sauber ist , die frischen Kleider und Handtücher bereitlegen, Rollstühle waschen oder die Katheter und Behälter leeren und waschen, denn die eigene Hygiene ist in Indien ganz wichtig und hat einen besonderen Stellenwert.

Die Damen im Schlafbereich
Die Damen im Schlafbereich

Zuerst waren die Damen sehr schüchtern mit mir und hatten große Scham, oder waren sehr skeptisch, doch mittlerweile haben die mich angenommen und rufen oft Molee (Tochter) zu mir. Einige sind in Tränen ausgebrochen und haben mir die Hände geküsst, ich dachte in diesem Leben kann mich nichts mehr erschrecken, aber nein, es sind die ganz einfachen menschliche Tränen, die mich so überrascht und gleichzeitig erschrocken haben.

Es ist selbstverständlich, dass ich auch die weniger schöne Arbeit übernehme, dafür bin ich doch da, und wenn die Schwestern es machen, wieso sollte ich eine besondere Behandlung bekommen. Denn nicht die Hautfarbe oder die Herkunft entscheidet darüber, was für ein Mensch man ist. Ich mache diese Arbeit gerne und es macht mir auch Spaß, denn die Patienten sorgen mindestens paar Mal am Tag dafür, dass ich lächeln muss, oder sie fragen wie es mir geht.

Meine Damen

In vielem sind sie wie kleine Kinder und auf die kann man doch einfach nicht böse sein, auch wenn ich etwas drei oder vier mal neu machen muss. Dann heißt es kurz durchatmen und weiter geht’s.

 

 

 

 

 

 

Nun zurück zum meinem Tagesablauf, nach dem Morgenprogramm habe ich meistens 1,5 Stunde Pause, denn da muss ich erstmals mich umziehen, duschen und meine Arbeitskleider waschen, denn es ist sehr schwierig selbst trocken und sauber zu bleiben.

Um 12.00 Uhr gibt es Chaya und einen kleinen Snack mit den Schwestern und um 12.30 geht es wieder nach oben, denn es gibt Mittagessen, was zumeist aus Reis, Curry und verschiedenen Beilagen besteht wie z.B. Gemüse oder mal Fleisch oder Fisch. Wir servieren, reichen an und räumen ab, danach werden die Patienten in ihre Zimmern gebracht, um sich etwas auszuruhen. Wenn alle versorgt sind, gibt es auch Mittagessen für uns und eine Pause, in der man seine Aufgaben erledigen kann oder ganz einfach mal für einen Mittagsschläfchen.

Das Mittagessen
Das Mittagessen

Um 17 Uhr sind wir wieder in unserem Speisezimmer für einen kleinen Snack und Chaya, denn um 17.30 Uhr geht es weiter mit dem Abendessen. Nach dem Abendessen werden die Damen in ihre Zimmer gebracht und für die Nacht fertig gemacht, es wird Medizin eingenommen, die Katheter werden geleert und nach dem Rechten geschaut, ob alle zufrieden sind. Um ca. 18.30 Uhr heißt es auch für mich fertig für heute, die Schwestern gehen zum Gebet in unsere eigene große Kapelle im Haus und um 20.00 Uhr gibt es Abendessen.

Mein freier Tag ist immer der Samstag. Am Sonntag beginnt der Tag um 6.45 Uhr mit einem Gottesdienst. Sehr oft wird das Essen für die Bewohner von Familien, Firmen oder Vereinen gespendet, die dann uns auch dabei unterstützen das Essen zu verteilen , es gibt etwas Süßes oder Früchte, worauf sich die meisten sehr freuen.

Ich finde es vorbildlich und begrüße es sehr, dass diese Menschen sich um die Älteren kümmern und ein schönes Essen spenden, denn diese Menschen haben nichts und niemanden. Aber die sind sehr herzlich und dankbar für jede Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt. Zwar können die auch manchmal zickig und rebellisch sein wie Teenager, aber so wird es nie langweilig hier. Das muss zur Abwechslung auch mal sein, sonst wäre es ja total langweilig.

,,Mein Leben im Projekt“

Hier im Haus habe ich viele Freiheiten und darf endlich selbstständig sein und meine Pläne für die freie Zeit gestalten. Wenn ich in die Stadt gehen möchte oder zum Meer, dann kann ich es problemlos machen, denn meine freie Zeit gehört nur mir. Die Schwestern unterstützen und ermutigen mich auch sehr dabei, mit Tipps oder ganz einfach damit, dass die es für selbstverständlich halten, das ich alleine gehen kann. Ich bin keine Besonderheit hier oder etwas, was beschützt werden muss. Genau das genieße ich richtig. Endlich kann ich mich in der Stadt , Calicut ist eine Großstadt, frei bewegen ohne beobachtet zu werden, dass habe ich sehr vermisst. Mein erster großer Ausflug ging selbstverständlich zum Meer, das nur 9 km von unserem Haus entfernt ist.

Calicut Beach
Calicut Beach

Kritik

Mir wurde mal eine Frage gestellt ,“Hat es sich gelohnt aus Deutschland nach Indien zu gehen,um dort Hintern abzuwischen?“, oder bei einer Feier hier im Haus wurde ich von einem Mädchen in meinem Alter sehr herablassend ausgefragt, wieso ich den überhaupt nach Indien gekommen bin und nicht in Deutschland studiere. Wieso kommt eine Europäerin in so ein Haus wie Home of Love und bleibt nicht in ihrem schönen Zuhause, denn es sind doch nur alte Menschen hier und die Arbeit ist auch nicht besonders nobel.

Ich finde diese Fragen sehr interessant.

Entschuldigen Sie mir meine Direktheit, aber was unterscheidet einen europäischen Hintern vom indischen ?, sind es etwa keine Menschen oder verdienen die es nicht gepflegt und umsorgt zu werden?

Was macht mich so besonders, dass ich diese Arbeit nicht machen sollte?

Eine Arbeit, die in jedem Teil dieser Erde gemacht wird, denn wir Menschen altern nun mal, oder werden krank und danke Gott!, wenn man noch der Herr über seinen eigenen Körper und Verstand ist.

Ja, es hat sich für mich gelohnt, denn wahrscheinlich gibt es nichts Schöneres als am Ende des Tages zufriedene und dankbare Augen zu sehen. Zu wissen das man sich heute nicht nur um sich selbst oder das eigene Ego gekümmert hat.

Wenn es am Nachmittag kleine Snacks wie Früchte oder Kekse gibt, versuchen die Damen oft es mir am Abend unterzuschmuggeln, als Zeichen ihrer großen Dankbarkeit, sie umarmen mich oder singen ein Lied. Denn diese Menschen haben absolut nichts , doch das wenige, was die haben, teilen sie gerne.

Ich als “die Europäerin“, kann von diesen Menschen mehr lernen als es mir je eine Uni beibringen könnte, denn man kann Tausende von Bücher lesen über die menschlichen Gefühle , aber die zu sehen und zu spüren, ist etwas das man niemals vergisst. Ich weiß überhaupt nichts über deren Vergangenheit oder wieso die hier im Haus sind und ich habe kein Recht dazu jemanden zu verurteilen. Ich sehe sie täglich , ich sehe, wie sie mit Schwestern, mir und miteinander umgehen und das ist das einzige was zählt.

Ja ,es ist manchmal chaotisch und oft habe ich Rückenschmerzen , doch zur Zeit kann ich mir keine schönere Arbeit vorstellen, es erfüllt mich und bringt eine gewisse Ruhe. Denn ich kann vieles von meinen Patienten und den Schwestern lernen, die Sprache ist nur ein kleiner Teil davon. Die Schwestern haben mich sehr gut in ihre Gemeinschaft aufgenommen, obwohl ich zur Anfang eine Probezeit bestehen musste. Doch mittlerweile werden mir auch die schwierigeren Aufgaben anvertraut.

Ich bereue es überhaupt nicht, hier und jetzt in Indien zu sein, anstatt an der Uni, denn hier lerne ich Lektionen für das Leben.

Meine Damen
Meine Damen

 

Ende November ist eine der Patientinnen verstorben, natürlich ist es nicht einfach wenn man sich an einen Menschen gewöhnt hat, doch es ist der Lauf des Lebens und hier im Haus lebt man ständig mit dem Gedanken, dass es für jemanden der letzte Tag sein könnte.

 

 

 

 

 

Geldreform

Am 9. November, quasi über Nacht, wurde bekannt gegeben das in ganz Indien bis zum 31.12.2016 die 1000 und 500 Rupee Scheine ausgetauscht werden sollen. Sehr viele hat diese Nachricht überrascht und überfordert, unter anderem auch mich.

Denn als Ausländer habe ich kein Bankkonto in Indien , sondern nur Bargeld, das Problem lag aber daran, dass pro Person und pro Tag nur 2000 Rupee eingetauscht wurden. Somit blieb ich für eine ziemlich lange Zeit ohne Geldmittel. Offiziell dürfte man noch bis Dezember mit den alten Scheinen zahlen, doch niemand wollte die annehmen, sondern nur loswerden. Auch wenn man ganz viel Glück hatte und an das neue Geld herankam, war es unmöglich, damit etwas zu bezahlen, denn keiner hatte Wechselgeld. Die Bankautomaten waren sehr schnell leer und da ich nur bei der ATM Bank Geld abheben darf, gab es für mich auf Dauer nur einen Aushang “No Cash“.

Die Regierung hat es damit begründet, das das neue Geld viel sicherer ist, da es in letzter Zeit zu viel Falschgeld im Umlauf gab. Doch wenn man bedenkt, dass noch sehr viele Menschen in Indien kein eigenes Bankkonto besitzen und vor allem die Älteren noch das Geld unter der Matratze aufbewahren, ist das eine Mammutaufgabe die in 1,5 Monaten zu bewältigen .

Viele haben und werden ihre ganzen Ersparnisse verlieren, das Geld was sie sich für das Alter angespart haben. Doch natürlich interessiert es diejenigen nicht, die für sich schon ausgesorgt haben. Ich persönlich hatte “zum Glück“ nur 9000 Rupee (ca. 120€) , doch auch mit ihnen hatte ich genug Ärger, bis schließlich die Schwestern das Geld auf ihr Konto eingezahlt haben. Danach hieß es warten und Chaya trinken, denn man müsste theoretisch , wenn man Glück hat, 5 Wochen hintereinander zur Bank gehen, um das Geld abheben zu können, denn in unserer Gegend bekam man anfangs noch 4000, danach nur 2000 Rupees pro Woche.

Am Montag, den 28 November hat es den Menschen endgültig gereicht, so das die auf die Straße gingen, um dagegen zu streiken. Man muss es sich erst mal vorstellen, in einer großen Stadt wie Calicut gab es den ganzen Tag keinen Straßenverkehr, alle Geschäfte und Büros waren geschlossen. Gebracht hat es nichts, doch man kann die Wut der Menschen verstehen, vor allem Kleinhändler und Landwirte müssen ohne Lohn auskommen und die Rechnungen bezahlen. Denn, ob es im Land eine Geldreform gibt, interessiert ja die Rechnungen nur wenig.

Es sind IMMER und ÜBERALL die Armen, die unter solchen Reformen leiden und das Wenige, was sie haben, verlieren werden.

Schon in meiner ersten Wochen in Indien habe ich diese Grenzen bemerken können, denn für meine Registrierung musste ich mich Online anmelden, mittlerweile wird hier auch sehr vieles Online erledigt. Doch das Problem liegt darin; das nicht jeder Zugang zum Internet hat, geschweige einen eigenen PC oder Kenntnisse im Umgang.

Doch die Regierung verlangt es, sie verlangt etwas, wozu das Land noch nicht bereit ist und das finde ich sehr schade, denn wenn jemand keine ausreichende Bildung genießen durfte, wird er von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Die Feier

Am 16 November gab es bei uns im Haus eine sehr große Feier, unserer Haus “Home of Love“ wurde 11 Jahre alt , das wurde auch ganz groß gefeiert .

Die Show
Die Show

Es gab ganz viele Gäste im Haus , eine Familie hat die Feier für das Haus und unsere Bewohner organisiert und gespendet. Viele Nachbarn kamen um mit uns zu feiern, draußen vor dem Eingang wurde eine Bühne aufgebaut , nachdem es mittags eine feierliche Messe gab und jedes Zimmer gesegnet wurde, gab es am Abend eine super Show mit einem Buffet für alle. Es gab Live Musik und großartige Tanzauftritte, bis spät in die Nacht wurde das Fest zelebriert.

( Falls jemand an einem Video interessiert ist, schreibt mich gerne an)

Fazit

Nun bin ich seit vier Monaten in Indien, in diesen vier Monaten gab es für mich bereits mehr Veränderungen als in den letzten paar Jahren.

Indien ist kein Land, Indien ist eine Welt, in die man eintaucht, ohne Aussicht ganz wie der alte aufzutauchen. Ich bin hier ganz oft alleine, aber niemals einsam, denn ich finde immer eine Beschäftigung, sei es Yoga, lesen, in das nächste Dorf spazieren oder Wäsche waschen, denn mit den Händen zu waschen ist wie ein Besuch im Fitnessstudio.

Man kann hier ziemlich schlecht Freundschaften knüpfen, das Problem liegt gar nicht an der Sprache, sondern an verschiedenen Lebensweisen. In unserem Haus gibt es niemanden ungefähr in meinem Alter, denn in meinem Alter sind die Meisten mit dem Studium oder der Arbeit beschäftigt und jüngere mit der Schule. In der freien Zeit wird dann vieles mit der Familie unternommen , denn die ist in Indien ganz wichtig. So werden viele Kurse und Freizeitangebote in das Schulprogramm integriert.

Aber es ist ok, denn wahrscheinlich ist es das Richtige, was ich zur Zeit brauche.

Mit ganz vielen lieben Grüßen

eure Emma