Bolivien: 2. Rundbrief aus Cochabamba

Liebe Leser,

seitdem ich das letzte Mal berichtet habe, habe ich viel erlebt und möchte euch davon berichten. Dieser Rundbrief wird von meinem Alltag in Cochabamba, der Arbeit mit den Scouts und von den ein oder anderen gesammelten Eindrücken handeln.

Arbeit mit den Scouts

Die Arbeit hier mit den Pfadfindern lässt sich für mich recht schwierig beschreiben, denn festgesetzte Arbeitszeiten oder einen genauen Arbeitsplan gibt es nicht. Meine „Arbeit“ ist es sozusagen, einfach hier zu sein und die Partnerschaft zwischen DPSG Trier und der ASB Cochabamba aktiv leben.

Somit bin ich hier als Freiwilliger des Distrikt Cochabamba tätig und nehme an diversen Aktivitäten des Distriktes teil. Außerdem bin ich Teil eines Stammes geworden und bin dort als Leiter der Pfadfinderstufe tätig. Zudem unterstützt der Distrikt Cochabamba auch einige kleine soziale Projekte, wie Kindergärten, Waisenhäuser oder auch das Projekt Mosoj Ph’unchay., meiner weiteren Einsatzstelle.

 

Im Folgenden möchte ich von dem Projekt Mosoj Ph’unchay, der Arbeit im Pfadfinderstamm und im Distrikt berichten.

Im Projekt Mosoj Ph’unchay leben Kinder mit starken Brandverletzungen. Relativ viele bolivianische Kinder haben Brandverletzungen, die sie sich oft im Alltag zuziehen. Da meist beide Elternteile arbeiten, um Geld zum Überleben zu verdienen, sind Kinder schon im jungen Alter alleine zuhause. Beim Versuch den Gasherd anzuzünden oder beim Kochen passieren die meisten Unfälle.

Im Zentrum leben ca. 15 Kinder im Alter von 4 bis 15 Jahren, die alle schwere Brandverletzungen erlitten haben und deren Familien kein Geld haben, um den Kindern die nötigen Medikamente und Arztbesuche zu finanzieren.

Im Zentrum bekommen sie Unterkunft, Verpflegung und medizinische oder auch physiotherapeutische Versorgung gestellt.

Ich selbst helfe dort in der Küche, spiele mit den Kindern oder übernehme Hausmeisteraufgaben.

 

Seit September bin ich im Stamm Murray Dickson tätig. Der Stamm hat ca. 150 Mitglieder, von denen ca. 25-30 in der Pfadfinderstufe sind. Zusammen mit Mario, meinem Leiterkollegen, haben wir jeden Samstag unsere Gruppenstunde, die den gesamten Nachmittag füllt. In diesen spielen wir mit den Jugendlichen, bauen wir zum Beispiel Zäune oder Lagertore oder befreien unser kleines Wäldchen von Müll. Letzteres tun wir recht häufig, da sich einige Anwohner gerne den Weg zum Müllcontainer oder Müllauto sparen.

Hin und wieder gibt es größere Stammes Aktivitäten, wie zum Beispiel im November ein Lager, zu dem wir die Pfadfinder von zwei befreundeten Stämmen einluden. Zusammen mit den Stämmen Incas und Loyola veranstalteten wir eine kleine Spieleolympiade in einem Vorort von Cochabamba.

Stamm Murray Dickson

Den größten Teil meiner Arbeit mit den Scouts ist jedoch die Arbeit im Distrikt. Hier gibt es fast jeden Abend Versammlungen, bei denen Vertreter der 4 verschiedenen Stufen und Vertreter der Stämme zusammenkommen und diverse Lager, Wanderungen oder auch andere Unternehmungen und Aktivitäten planen. Diese Versammlungen dauern oft bis tief in die Nacht. Für das CADIPAS (Lager des Distrikts) saßen wir manchmal bis 2 Uhr nachts in den Räumen des Pfadfinderzentrums und planten.

Darüber hinaus arbeite ich Donnerstags auf dem Nationalzeltlagerplatz der bolivianischen Pfadfinder in Arani. Dieser befindet sich ca. 1-2 Stunden Auto oder Busfahrt von Cochabamba entfernt. Dort kümmere ich mich um die Pflanzen und Bäume oder repariere Sachen, wie zum Beispiel die Klos, Duschen oder Kleinigkeiten in den versch. Lagerplätzen und Häusern.

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen gibt es Pfadfinderaktionen, wie zum Beispiel campamentos (Lager) oder auch caminatas (Wanderungen).

Von zwei Unternehmungen möchte ich genauer berichten, dem Camipio und dem Cadipas.

Anfang Oktober hat das Camipio stattgefunden. Eine Wanderung, bei der ich als Leiter tätig war. Insgesamt über 60 Kilometer, über 1000 Höhenmeter ging es mit rund 250 Scouts der Pfadfinderstufe durch die Landschaft um Cochabamba herum.

Freitags um 22 Uhr abends war der Start der ersten Etappe geplant. Schon im ersten Teil der Wanderung wartete auf die Scouts eine Strecke von ca. 15 Kilometern und 500 Höhenmetern, die es zu bewältigen galt. Los ging es dann um 1 Uhr nachts, sodass wir um ca.5 Uhr morgens unseren Lagerplatz erreichten.

Samstag und Sonntag wurde wesentlich mehr gewandert, doch dies geschah am Tag und war in einer eher lockern Atmosphäre. Es wurde gesungen, Spiele gespielt und sich nett unterhalten. Sonntags kehrte ich dann erschöpft und übermüdet ins Distriktzentrum zurück.

 

Zwischen den Jahren, vom 26. Bis zum 30 Dezember stand das Cadipas, das Distriktlager, an. 5 Tage campen auf dem „Campo Escuela“ in Arani. Dieses Lager wurde lang im Voraus geplant. Die ca. 130 Dirigentes (Leiter) waren in verschiedene Kommissionen eingesetzt. Ich selbst leitet zusammen mit einem befreundeten Leiter die Kommission „Operaciones“. Die genaue Arbeit von „operaciones“ kann man schlecht beschreiben, denn sie war äußerst vielfältig. Vom Bühnenaufbau, Beschaffung benötigter Gegenstände über Sicherung des Zeltplatzes bis hin zur Tontechnik, war alles dabei. Die Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht, auch wenn sie sehr anstrengend war. 6 Uhr morgens aufstehen und den Tag nachts um 1 Uhr mit der Leiterrunde beschließen; geschlafen habe ich fast nicht.

Über den genauen Ablauf oder das Programm des Lagers zu berichten, würde vermutlich den Rahmen sprengen. Gesagt sei nur, dass das Lager unter dem Motto „Mittelalter“ stand und die zahlreichen Spiele und Wettkämpfe dazu dienten, um am Ende des Lagers einen Sieger, den König, zu erküren.

 

Insgesamt ist das Pfadfinderleben hier in Bolivien etwas anders, als in Deutschland. Nach einer Zeit des Eingewöhnens gefällt es mir allerdings sehr gut, auch wenn es Punkte gibt, die mir nicht gefallen. Zum Beispiel ist die Pfadfinderei hier wesentlich militärischer ausgelegt.

 

Alltag und Leben in Cochabamba

Auf ca. 2600m über NN. gelegen, mit einem ganzjährig frühlingshaftem Klima und den vielen sonnigen Trockentälern, zählt sie zu einer der schönsten Städte Boliviens. In Cochabamba lässt es sich gut leben. Es gibt viele Parkanlagen, schöne Ausflugsziele rundherum und eine schöne Innenstadt.

Außerdem ist Cochabamba zu meiner Freude hin bekannt für das beste Essen Boliviens. Hier wird viel Fleisch, Kartoffeln und Reis gegessen, das ganze scharf gewürzt. Lieblingsessen habe ich auch schon gefunden. Sillpancho, Trancapecho und Pique Macho gehören mit Sicherheit dazu. Sillpancho zum Beispiel besteht aus Reis, Kartoffeln, einem Spiegelei, Tomatensalat und einem Stück Fleisch. Trancapecho ist praktisch Sillpancho, das in ein Brötchen gepackt wird. Übersetzt bedeutet Trancapecho übrigens: Verstopfung der Brust. Der Name ist hier Programm. Pique Macho ist wohl am ehesten mit einem Gulasch, von Rinderfleisch und Würstchen, zu vergleichen.

Unter den Scouts habe ich schon in den ersten Monaten Freunde gefunden. Mittlerweile hat sich mein Freundeskreis gefestigt und ich habe zwei Freunde, mit denen ich gute Gespräche führen kann und denen ich vertraue. Zusammen unternehmen wir ziemlich viel. Wir gehen wandern, abends etwas essen, Billard spielen und ab und zu auch mal ein Bierchen trinken.

Aber auch die Begegnungen mit Bolivianern, die ich nicht direkt zu meinen Freunden zähle, laufen hier immer auf einer sehr freundschaftlichen Basis ab. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, hilfsbereit und interessiert neue Kulturen, zum Beispiel die Deutsche, kennenzulernen. Immer wieder frage ich mich, warum viele Menschen in Deutschland ihre „Türen geschlossen halten“ und bei weitem nicht so gastfreundlich sind, wie ein Großteil der Freiwilligen es in den Einsatzländern vorfinden.

Weihnachten war ich bei einer Familie eines guten Freundes von mir eingeladen. Ich wurde direkt als Familienmitglied aufgenommen und fest „integriert“. Ich habe Geschenke bekommen und verschenkt und es gab ein schönes Abendessen.

Obwohl ich meine Familie und das „deutsche“ Weihnachten ein wenig vermisst habe, haben mir Bolivien und meine bolivianischen Freunde ein schönes Weihnachtsfest geschenkt.

Mit Alex und Rodri, Blick auf Cochabamba

 

Von Entwicklungsländern, der dritten Welt und einer Welt

Vielleicht haben es einige von euch mitbekommen, vielleicht aber auch nicht. Ende des letzten Jahres befand sich Bolivien in einer Wasserkrise. Nun gut, eigentlich befindet es sich das immer noch und vor allem die Stadt Cochabamba ist seit mehreren Jahren davon betroffen. Was in Cochabamba nahezu Alltag ist, bekam nun am Ende des letzten Jahres auch die Stadt La Paz heftig zu spüren. Über 2 Monate kein fließendes Wasser, steigende Wasserpreise und Krankheiten, die auszubrechen drohten. Plötzlich sprach das ganze Land von dem schier endlos andauernden Wassernotstand. denn der Regen blieb selbst im Dezember aus, der normalerweise schon ein Monat der Regenzeit ist. Das halbe Land ohne ausreichende Wasserzufuhr.

Wie kann es sein, dass die so dringend benötigte Regenzeit ausblieb und Länder, wie zum Beispiel Bolivien knapp vor einer Katastrophe stehen?

Die Antwort fällt eigentlich nicht schwer, es liegt an der Klimaerwärmung. Deren Auswirkungen machen sich als erstes in den „Extremregionen“ unserer Erde bemerkbar. Das heiß zum Beispiel an Nord- und Südpol, in den Wüsten oder eben in Gebirgsregionen, wie den Anden.

„Aufgrund der Klimaerwärmung lässt das Einsetzen der dringend benötigten Regenzeit in Bolivien aus. Folglich befindet sich das Land nun seit einigen Monaten in einer Wasserkrise.“

In etwa so könnte eine Schlagzeile oder ein kurzer Bericht in den deutschen Nachrichten lauten. Ganz einfach: Grund? Klimaerwärmung!

Es reicht aber eben nicht alles einfach so stehen zu lassen. Was sind die Gründe, oder besser, wer ist der Grund für solche Phänomene, wie eine Wasserkrise Boliviens?

Ich bin mir sicher, dass wir die Antwort alle kennen, sie uns aber nicht eingestehen wollen. Wir, die Industrieländer, der globale Norden oder „die erste Welt“, oder welchen Namen wir uns noch geben wollen, sind es, die viele Probleme in der von uns bezeichneten „dritten Welt“ verantworten zu haben. Nicht alle, aber viele!

Selbstverständlich tragen wir nicht einzig und alleine Schuld an der Klimaerwärmung. Auch Bolivien achtet wenig auf den Umweltschutz. Doch waren wir es, die zuerst Fabriken, Kraftwerke und immer mehr Autos produzierten.

Die Folgen davon tragen jetzt die Länder, die nicht in der gemäßigten Klimazone liegen. Und zum Großteil liegen nun mal die „Entwicklungsländer in den besagten Regionen unserer Erde.

Klimaerwärmung ist ein Problem das hier vorliegt. Eines von Vielen.

Wer hat uns oder unsere Vorfahren dazu legitimiert Kolonien zu errichten, auszubeuten und uns über andere Länder hinwegzusetzen?

Man griff in die Entwicklung anderer Staaten ein, um sich eine Vormachtstellung gegenüber anderen Ländern zu sichern. Man wollte anderen Staaten und Ländern geografisch, finanziell und materiell überlegen sein.

Die Kosten dafür trugen und tragen immer noch die Länder, die unter Kolonialherrschaft standen. So auch Bolivien.

Wie sich die Länder ohne das Eingreifen von Kolonialmächten entwickelt hätten können wir leider nicht mehr wissen.

 

Aber was solls? – als „Wiedergutmachung“ leisten wir ja heute Entwicklungsarbeit…!

Doch was legitimiert uns dazu, zu entscheiden was gut für „Entwicklungsländer“ oder die „dritte Welt“ ist?

 

Wir, als erste Welt oder globaler Norden besitzen in so vielen Dingen Legitimationen, die kaum hinterfragt werden. Diese Legitimationen sind für uns selbstverständlich, es ist unser Standard, den wir besitzen.

Unsere Standards hinterfragen wir kaum oder meines Erachtens wollen viele diese erst gar nicht hinterfragen.

Ist es Standard, dass fließend Wasser aus dem Wasserhahn kommt? Dass jedermann Zugang zu Elektrizität hat? Dass man vom Staat versorgt wird? Dass es Zugang zu Bildung gibt?

In „unserer Welt“, der „ersten“ ja, doch hier?

Und was ist „unsere Welt“ oder „bei uns“?

Leben wir nicht alle am gleichen Ort?

 

 

Viele Grüße aus Bolivien. Mir geht’s gut!

Euer Paul