Indien: 3. Rundbrief von Emma Dick

Liebe Leserinnen und Leser,

mein mittlerweile drittes Rundbrief würde ich gerne mit einem Gedicht anfangen.

Während ich gefasst
durch meine Pläne blättere,
wacht Mutter Indien
in wallender Hitze
über mir und lauscht.

Von deinen Plänen
wird nichts vollbracht!
Taumelnd, schwenke
ich durch Gegensätze
und versuche meinen Alltag zu überwinden.

Der Zug fährt um 8,
dann doch eher 12, wenn kümmert es noch ?
Dann wird erst morgen gemacht.

INDIEN !! 🙁

Ich bin Teil eines Puzzles,
aus Schmutz, Lärm und Chaos
doch ich will hier nicht raus.


Jedes Teil des Puzzles
verbirgt wunderschöne Farben,
Liebe und Chaya.

Mutter Indien ist kein Land ,
Sie ist eine Welt ! Und schenkt
was dir noch besser gefällt.
INDIEN !! 🙂

Verfasst von Juliette, Toni und mir beim Zwischenseminar

Weihnachten im ,,Home of Love“

Unsere kleine weihnachtliche Dekoration vor dem Haus

Kurz vor Weihnachten wurden unseren Damen neue Kleider ( Nachthemden) gespendet und den Herren schicke bunte Tücher, am 24 Dezember trugen alle ihre neue und schöne Kleider. Am 25 Dezember gab es eine große Messe und der Nikolaus war bei uns im Haus.

Am Abend kam auch unser Gründungsvater von Society of Kristudasis, Erzbishop Mar Jacob Thoomkuzhy, von ihm gab es Geschenke für besondere Leistungen, an die Bewohner, die fleißig im Haushalt und Garten mithelfen. Es gab einen Kuchen, es wurde getanzt und gesungen, danach wurde jeder einzeln aufgerufen und der Vater hat jedem ein Geschenk überreicht. Als plötzlich auch mein Name aufgerufen wurde, war ich etwas überrascht, die Schwestern haben dann mir zugeflüstert, dass er wirklich mich meint, und so bekam ich auch ein Geschenk, ein neues Churridar (Kleid) und die Bewohner und Schwestern haben sich mit mir gefreut.

Als das offizielle Teil vorbei war, riefen mich die Schwestern in den Hof, denn da wurde zur Feier des Tages ein Buffet und ein Tisch aufgebaut und sehr liebevoll dekoriert. Ich dürfte einen Platz am Tisch einnehmen und mit meiner Chefin Sister Sobah, ein paar Ehrengästen, der Schwester von unserem Vater und dem Vater selbst dinieren, es war eine große Ehre für mich, aber ich fühlte mich trotzdem etwas unwohl dabei, denn ich stehe wirklich ungern im Vordergrund . Zum Essen gab es zur Abwechslung mal keinen Reis mit Curry, sondern Chicken Nuggets, Rind und Pommes, und als Nachttisch ein leckeres Eis. Es war ein sehr schöner Abend, zudem ich noch nie vorher Weihnachten gefeiert habe.

Auf der Arbeit läuft es auch ganz gut für mich, denn nun genieße ich das Vertrauen der Schwestern und wenn die mal viel zu tun haben oder im Stress sind, nachdem das Essen verteilt wurde, darf ich auch mal die Führung übernehmen. Die anderen Bewohner unterstützen mich dabei und sind eine große Hilfe für die Schwestern und mich.

Zwischenseminar in Udaipur

Marina Beach, ein Junge schält die Meeresfrüchte unter glühender Sonne
Warteraum nur für Frauen, mit der Möglichkeit eine Dusche zu nehmen , Steckdosen und super Free Wifi

 

Mein Neujahr war ziemlich unspektakulär, um Punkt 12 Uhr Nachts gab es in der Stadt paar Feuerwerke und die Schwestern hielten eine Messe. Doch für mich hieß es Rucksack packen, denn schon am 2. Januar startete ich zum Zwischenseminar in Udaipur. Am Abend fuhr ich mit dem Sleeper Zug nach Chennai, um dort meine zwei Mitfreiwilige zu treffen. Früh am Morgen kam ich an, während ich auf die Mädels gewartet habe, nahm ich am Bahnhof eine Dusche und machte mich auf den Weg zum Marina Beach. Denn ich hatte ganze 10 Stunden Wartezeit.

In der Zeit habe ich mir auch zum ersten Mal selbständig einen Ticket für die Rückfahrt gekauft, natürlich war der Vorgang ziemlich fremd für mich, doch ich habe mich durchgefragt und ob von einem Mann oder einer Frau, mir wurde alles erklärt und ich bekam auch ein paar nützliche Tipps. Auch in meiner Zeit im Warteraum hatte ich einige tolle Gespräche mit Mädels in meinem Alter, die auch auf ihren Zug gewartet haben.

Aber es wäre ja kein Abenteuer ohne Zwischenfälle, als ich in der Warteschlange für die Toilette anstand kam eine Frau zu mir und fragte: “ Bist du Amerikanerin ?“ ich antwortete Nein und wartete geduldig bis ich dran bin. Die Frau schaute sich um und fragte sehr aufdringlich und fordernd “ Hast du Geld ? Hast du Rupees ?“ ich tat auf dumm und fragte sie, wieso sie das wissen möchte. Als Antwort bekam ich “ Ich arbeite in einem Hospital, du MUSST mir Geld geben, wenigstens 100 Rupees musst du mir geben“, ich fand es etwas dreist und antwortete ihr dem gleich “ Nein meine Liebe, ICH arbeite in einem Hospital, also musst du mir 100 Rupees geben“, natürlich hat sie so eine Antwort nicht erwartet und verschwand ziemlich schnell. Sie war keine Bettlerin, doch wohl zu sehr geprägt von dem Klischee das alle “weiße“ reich sind und das bei uns das Geld auf den Bäumen wächst, aber ansonsten fand ich sie ganz nett.

Wie erkennt man in Indien das man seinen Staat verlassen hat ? Am Roaming!! Tatsächlich, sobald ich Kerala verlassen habe, bekam ich eine Benachrichtigung das ich nun im “Ausland“ bin und Roaming benutze. Um es deutlicher zu erklären , es wäre so wenn man aus Rheinland – Pfalz nach Saarland fährt und plötzlich für seine Anrufe das doppelte zahlen muss. Ein sehr verrücktes System, doch so wusste ich immer ungefähr in welchem Bundesstaat wir uns zurzeit befinden, denn es kam eine SMS.

Nun traf ich auf meine zwei Mitfreiwillige aus Tamil Nadu, Antonia und Lea. Da wir schon etwas zu spät waren und unser Zug von Chennai nach Jaipur los gefahren ist, mussten wir in das erste Wagon hüpfen, dabei war unserer Platz im 11. Wagon. Drei weiße Mädchen mit Rücksäcken wandern vom ersten in den 11 Wagon, ich glaube sogar die Ratten an Board wussten über uns Bescheid, es war eine sehr lustige Aktion und der Beginn von einer großartigen und unvergesslichen Reise.

Unterwegs haben wir viel geredet und gelacht, so dass die zwei Tage im Zug ganz schnell vorbei waren. In Jaipur sind wir früh am Morgen angekommen und beschlossen nach einer Erfrischung zu einem Stadttrip. Die Stadt war ganz anders als ich es von mir im Süden kenne, denn bei uns ist es sehr Grün und hier hat mich die Landschaft eher an eine Wüste erinnert.

Als Krönung des Tages haben wir einen Elephantensafari gemacht und sind dann zurück zum Bahnhof um auf unseren nächsten Zug zu warten.

Elefant Safari in Jaipur
Amer Fort in Jaipur

In Rajasthan fallen Nachts die Temperaturen sehr tief, so dass, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwand, wir froren, es war immer kalt, denn bei uns im Süden sind es täglich ca. 30°.

Nun sind wir endlich in Udaipur angekommen, am Nachmittag haben wir die Stadt etwas erkundigt und uns von der langen Reise erholt, bis die anderen Teilnehmer kamen, da wir einen Tag früher anreisen mussten.

Zum Zwischenseminar: die Teamer Jona, Angelika und Eva haben ihr bestes gegeben, geduldig ließen sie uns aussprechen, auch wenn es manchmal ein totaler Unsinn war. Oft braucht man keinen Rat oder weiß die Lösung bereits selbst. Doch erst durch das “aussprechen“ bekommt man einen klaren Verstand und den Durchblick über sein Leben im Projekt. Manchmal sitzt man in seinem eigenen Käfig, doch die Seminartage und der Austausch mit Gleichgesinnten gibt einem den Mut auch mal zwischen die Stäbe zu blicken. Und ich muss zugeben, die Aussicht dort ist viel angenehmer. Der Abschied fiel sehr schwer, denn es waren wundervolle Tage mit vielen interessanten Gesprächen und vor allem Menschen die einen verstehen, die verstehen wie es hier ist.

Reisen

Nach unserem Zwischenseminar beschlossen wir drei noch ein paar Tage zu Reisen, mit dem Nachtbus ging es als erstes nach Jodhpur, danach Jaisalmer. Mitten in der Nacht sind wir dort angekommen und total erschöpft ins Bett gefallen, am morgen frühstückten wir auf der Dachterrasse und gingen los auf unsere Erkundungstour. Es ist eine wunderschöne Stadt, zwar auch touristisch aber es behielt seinen besonderen Charme. Wir fanden eine “German Bakary“ worüber wir uns sehr gefreut haben, ließen uns Ohren und Nasen stechen in einer Werkstatt am Straßenrand und am Abend aßen wir Italienisch über den Dächern von Jaisalmer am Fort, denn so einen schönen Abend haben wir wohl verdient.

Jaisalmer Fort und die Aussicht auf die Stadt

Am nächsten Tag hatten wir etwas großes vor, nämlich eine Camel Safari mit Übernachtung in der Wüste. Es war ein großartiges Erlebnis, so dunkel die Nacht und so hell und deutlich waren die Sterne am Himmel. Am Lagerfeuer gab es dann Chapati mit Gemüsse und am Morgen sind wir auf den Kamelen zurück geritten.

Sonnenuntergang in der Wüste von Jaisalmer

Wir verbrachten noch paar schöne Tage in Jaisalmer und fuhren per Nachtbus zurück nach Jaipur, wo unserer Zug nach Hause abfahren sollte .

Doch in der Wartezeit beschlossen wir etwas ganz verrücktes und besonderes zu machen, nämlich ein Tattoo. Jede von uns hat ihr ganz persönliches Motiv kreiert und es ging unter die Haut, es ist etwas, was uns Lebenslang an die wunderschöne Zeit in Indien erinnern wird, denn Indien verändert, Indien prägt, Indien kreiert und nur sie alleine kennt das Motiv.

,,So stirbt man also…“

Zwei Wochen nachdem ich meine Arbeit im “Home of Love“ angefangen habe, bekamen wir eine neue Patientin. Wie ich vermute hatte sie einen Schlaganfall, sodass sie sich nur beschränkt bewegen konnte, die Motorik war gestört, so wie die Gesichtsmuskulatur. Direkt am ersten Tag sollte ich sie übernehmen, sie möchte mich nicht, denn meine Aufgabe war es, ihr zu helfen und sie wehrte sich strikt dagegen. Ich mochte sie auch nicht besonders, denn oft hat sie mir damit den letzten Tropfen Geduld genommen.

Mit der Zeit habe ich es gelernt anhand von Blicken und Bewegungen zu verstehen, was sie gerade möchte, und bemerkte auch das sie ausgezeichnet Englisch verstehen konnte. Sie hat es gelernt, immer mehr Hilfe anzunehmen, denn sie verstand, sie kann es nicht mehr alleine schaffen. Ich übernahm sie mit der Zeit mehr und mehr, denn wir hatten wohl eins gemeinsam, wir beide konnten nicht sprechen und nehmen ungern Hilfe an. Sie wurde immer wütend wenn jemand anders versucht hat ihr zu helfen, denn wir hatten wohl im stillen eine Grenze ausgemacht, welche Hilfestellung sie annimmt und welche nicht, wenn ich in der Nähe war suchte sie den Blickkontakt zu mir, damit ich sie aus dieser misslichen Lage befreie.

Wie jede meiner Damen hat sie sehnsüchtig darauf gewartet, bis ich meine Arbeit erledigt habe, ihre kleine Flache Wasser nachfülle und ,,Good Night!“ sage. Sie hat öfters geweint, eines Tages wusste ich auch warum, denn sie zeigte mir ihr Fotoalbum. Viele Bilder von schönen Reisen, prachtvolle Kleider und viele Menschen um sie herum, sie konnte nicht aufhören die Tränen zu vergießen, denn nun war nichts mehr davon da. Nachdem Baden trank sie gerne exakt eine halbe Tasse Chaya und kämmte sich danach die Haare, sehr pingelig hat sie bis zum Letzt auf ihr Äußeres, Manieren und Sauberkeit geachtet, sie war anders. Sie erinnerte mich immer an eine strenge Lehrerin, die doch nur das beste für ihre Schüler will.

Als ich alle zum Neujahr gratulierte, fühlte sie sich noch wohl. Doch als ich nach drei Wochen wiederkam vom Zwischenseminar, lag sie schon im schweren Zustand unter Infusionen. Ich ging zu unseren Bewohnern, um Süßigkeiten zu verteilen, die mir meine Mutter aus Deutschland geschickt hatte, denn viele meiner Damen dachten schon, ich komme nie mehr zurück. Als ich zu ihr kam, griff sie nach mir so fest sie konnte, sie wollte etwas sagen, doch es fiel ihr sehr schwer, es war wie ein stummer Schrei. Mit jedem Tag ging es ihr immer schlechter, ihr Atem wurde schwerer und der Blick wurde leerer, jeden Tag habe ich sie drei mal täglich besucht, denn ich wusste, sie wartet darauf, wie wahrscheinlich jeder Mensch hatte sie Angst in so einem Zustand alleine zu sein. Seit ihrer Ankunft sah ich an ihrer Seite alle Phasen der Depression, nun war sie bereit, wenn ich sie besucht habe, kam sie immer kurz zu sich und versuchte meine Hand zu halten.

Ihre Hände waren ganz warm, wenn ihre Knie unbedeckt waren, habe ich versucht die zu bedecken, dabei vergoss sie immer paar Tränen, es war sehr wichtig für sie, auch in diesem Zustand eine würdevolle Frau zu sein, und ich wusste es. Mit keinen Wörtern, könnte ich je beschreiben wie es ist zu sehen wie ein “fremder“ Mensch, ohne je ein Wort zu sagen, doch im Grunde soviel erzählt hat. Ich weiß über Sie absolut nichts, ich weiß nicht mal wie Sie hieß, wie alt Sie war, was mit den Menschen auf den Photos passiert ist. Doch ich weiß eins, Sie war eine ganz besondere Frau, elegant, stark und intelligent, Sie wollte in Würde gehen.

Am Freitag Abend habe ich Sie zum letzten mal besucht. Am Samstag, meinen einzigen freien Tag in der Woche, starb Sie im stillen.

Fazit

Nun bin ich seit 6 Monaten in Indien, ich habe den Süden und Norden des Landes gesehen und eins kann ich sagen, Indien ist wie Gift.

Ein Gift der durch die Adern direkt ins Herz gelangt, man trifft viele Menschen, einige haben keine guten Absichten, doch das Land ist voll von Menschen, die einen nicht nur mit offenen Armen, sondern mit einem offenem Herzen begegnen.

Man lernt das Leben einfacher zu nehmen und zu vertrauen, zu vertrauen das die Züge, die ständig seltsame Geräusche von sich geben sicher am Ziel ankommen, zu vertrauen, dass das Essen am Straßenrand und Bahnhof sicher ist, und das ein Piercing, welches in einer Werkstatt mit der Zange gestochen wurde, genauso gut ist wie von einem professionellen Piercer. Man lernt, dass es Menschen gibt die dir nur helfen wollen, ohne dafür etwas zu verlangen. Wirtschaftlich, sozial und ökologisch gesehen ist das Land ein totales Chaos, doch es ist wie ein Puzzle und es ist schön, auch wenn auf bestimmte Zeit, ein Teil davon zu sein.

Liebe Grüße

Eure Emma