Ruanda: 2. Rundbrief von Tobias Stoll

Mein neues zu Hause 

Nyarurema ist ein kleiner Ort mit ca. 1000 Einwohnern. Er liegt in der Ostprovinz von Ruanda, genauer gesagt, im Sektor Nyagatare Zelle Gatunda. Es ist ein recht beschaulicher Ort mit zwei kleinen Einkaufsläden, einer Hauptstraße und zwei kleinen Nebenstraßen. Im Verhältnis dazu ist das Kirchengelände riesig groß. Es beinhaltet ein Pfarrhaus, zwei Nonnenhäuser, eine Kirche, ein Helpcenter (kleines Krankenhaus), eine Schneiderei, eine Schreinerei, eine Schule und nicht zu vergessen, das Haus in dem ich lebe. Dieses wurde vor gut 25 Jahren von Italienern gebaut. Sie waren auch noch bis letztes Jahr vor Ort und koordinierten von Nyarurema aus ihre Freiwilligen im ganzen Land. Das Gelände um das Haus ist fast genauso groß wie Nyarurema selbst. Die Bewohner können die Räume der Pfarrei für viele verschiedene Aktivitäten nutzen, u.a. finden die Proben für Kirchenchor und Tanzgruppe hier statt.

Der Nachbarort heißt Buguma. Hier sind mehrere Geschäfte angesiedelt und das Dorf verfügt sogar über ein kleines Restaurant, in dem man Ziegenfleisch am Spieß essen kann. Diese Speise bekommt man fast überall im Land zu kaufen und mir persönlich schmeckt sie sehr gut. Außerdem fahren von Buguma die einzigen Busse in die Hauptstadt Kigali. Jeden Donnerstag findet ein kleiner Markt statt. Dort kaufe ich die Hauptzutaten für mein Essen, z.B. Kochbananen, Orangen, Süßkartoffeln, Fleisch, usw. In Buguma befindet sich auch meine Stammschneiderin, welche für mich „impantaros“ und „ishatis“ (Hosen und Hemden) aus traditionellen bunten Stoffen näht.

Die meisten Bewohner arbeiten als Bauern oder sind von der Kirche  in Schule, Schneiderei, im Büro oder als Sicherheitskräfte angestellt. Jeden Tag treffe ich unzählige Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit auf dem Weg nach Hause sind. Mittlerweile kenne ich schon ein paar von ihnen. Vom ersten Tag an begrüßte mich eine ältere Frau äußerst herzlich, was sich bis heute nicht geändert hat. Ich sehe sie jeden Tag und wir unterhalten uns auf gebrochenem Kenyaruanda miteinander, d.h. sie unterhält sich mit mir und ich sage meist nur „Yego“ also „Ja“. Trotzdem freut es mich immer wieder sie zu sehen, auch, weil ich sie bisher nur gut gelaunt antraf. Dies baut mich an schlechten Tagen ein wenig auf.

Auch viele Dorfbewohner kennen mich mittlerweile und es ist für sie ganz normal, dass ein „umuzungu“, also „ein Weißer“, im Dorf lebt. Direkt vor meinem Haus befindet sich das Krankenhaus, vor dem jeden Tag neue Menschen aus dem ganzen Sektor in Schlangen warten. Für diese Menschen bin ich jeden Tag ein neuer komischer und interessanter Anblick. Am Anfang musste ich mich erst an das ständige „beobachtet werden“ gewöhnen, aber inzwischen macht mir das nichts mehr aus. Ich verstehe, dass die meisten Menschen hier nicht oft „einen Weißen“ sehen und ich für sie eine kleine Attraktion darstelle. Sie gucken noch überraschter, wenn sie hören, dass ich ein wenig Kenyaruanda sprechen kann oder den kleinen Kindern die Hand gebe und frage, wie es ihnen geht. Die Kinder freuen sich unglaublich darüber und ihr Lachen ist für mich ein Geschenk.

 

ETP Nyarurema

Die ETP (Ecole technique paroissale) Nyarurema ist eine Berufsschule mit 140 Schüler_innen, 10 Lehrer_innen und fünf Verwaltungskräften im Büro. Diese Schule fungiert, wie fast alle Schulen im Land, als Internat. Dadurch leben die Schüler fast zehn Monate im Jahr an dieser Schule. Die Schule verfügt über einen Essenssaal, zwei Schlafsäle, eine Bibliothek, einen Computerraum und neun Klassenräume. zur Zeit wird mit Hilfe von Spenden ein neues Schulgebäude aufgebaut. In diesem soll ab Januar praktischer Unterricht gelehrt werden. Die Schüler sind in drei Klassen eingeteilt Construction, Accountings und Computer Science. Wir unterrichten hier Schüler von Senior four bis Senior six, was vergleichbar ist mit deutschen Abi Klassen vom 11. bis zum 13. Schuljahr.

Mein  Arbeitstag beginnt um 08:00 Uhr. Um 07:00 Uhr stehe ich auf, dusche und frühstücke. Um 08:00 Uhr gehe ich zur Schule und öffne den Computerraum. In diesem werden verschiedene Fächer von einem einfachen Excel oder Word Kurs bis hin zu Robotics und C Programmierung unterrichtet. Von 10:30 – 10:50 Uhr ist Frühstückspause. In dieser Zeit sitze ich mit den Lehrer_innen im Lehrerzimmer und wir trinken zusammen schwarzen Tee mit Milch und unterhalten uns. In den Pausen versuchen  wir uns zu unterhalten, meist auf Englisch,  so dass ich einigermaßen mitreden kann. Danach geht es wieder zum Unterricht. In der Mittagspause von 12:30 – 14:00 Uhr  bin ich meistens zu Hause und koche Essen für den Tag.  Die letzten Unterrichtsfächer starten um 14:00 Uhr und enden um 16:30 Uhr. Im Anschluss habe ich Freizeit bis 18:00 Uhr. In dieser Zeit wasche ich  mein Geschirr von mittags ab und entspanne ein wenig oder arbeite im Garten. Um 18:00 Uhr startet die letzte Aufgabe des Tages. Ich betreue bis 20:30 Uhr den Computerraum, wo die Schüler den  Computer frei benutzen dürfen, um zum Beispiel Hausaufgaben zu erledigen oder um sich auf Tests vorzubereiten.

Ich unterstütze den Unterricht im Moment an vier Tagen in der Woche in den Fächern Robotics, Sketch Up (ein 3D Zeichenprogramm) und Elektronik. In Robotics programmieren wir z.B. gemeinsam Lego Mindstorm Roboter. Der Schwerpunkt dieses Unterrichts liegt darin, den Schülern auf einfachste Weise das Programmieren von Maschinen näher zu bringen. Zum Besuch von Innenminister Lewenz haben wir beispielsweise einen Roboter gebaut der „Hallo ETP“ schreiben konnte. In Sketch Up werden technische Handzeichnungen der Schüler in 3D am Computer erstellt. Das größte Hobby dieser Klassen ist, in den Abendstunden im Computerraum ihr eigenes Traumhaus in 3D zu erstellen. Der Elektronikunterricht macht mir am meisten Spaß. Dies rührt sicherlich daher, dass ich mich hiermit schon mein gesamtes Arbeitsleben beschäftige. Im Moment behandeln wir in diesem Fach viel zum Thema Sicherheit in elektrischen Schaltungen und sicheren Umgang beim Arbeiten mit elektrischen Komponenten. Ab Januar wird auch praktischer Unterricht dazu kommen, worauf ich mich schon sehr freue.

 

Meine persönliche Sprachbarriere

Mittlerweile bin ich vier Monate hier und habe mich sehr gut eingelebt. Am Anfang war es gar nicht so einfach für mich. Im Unterricht von erwachsenen Schülern (16 bis 27 Jahre alt) dabei sein und unterstützen, keine Freunde oder Bekanntschaften, immer der Weiße zu sein und das alles in einem Land von dem man nicht viel weiß, außer das, was man sich im Internet angelesen hat. Aber irgendwie funktionierte es. Nicht zuletzt, weil  die Menschen  mich hier auch immer mit offenen Armen empfangen. Dies hat mir den Einstieg sehr erleichtert.

Mein erstes Miterleben eines Unterrichts war für mich wirklich neu. Ich hatte mich ein wenig vorbereitet. So  stellte ich mich der Klasse auf Englisch mehrere Minuten lang vor. Am Ende schaute ich nur in fragende Gesichter. Fast niemand hatte verstanden, was ich gesagt habe. Das Problem ist, dass die Schüler zwar englisch sprechen, jedoch sehr dürftig und ich damals einfach zu schnell und zu viel geredet habe. Seitdem ich das begriffen habe, rede ich viel langsamer und wenn ich merke, dass die Schüler nicht verstehen, was ich sage, versuche ich das Ganze zu umschreiben. Meistens befindet sich auch ein Schüler in jeder Klasse, der die englische Sprache so gut beherrscht, dass er es für die anderen Schüler in Kenyaruanda übersetzt. Das hat sich inzwischen gut eingespielt, dadurch ist die Sprachbarriere fast kein Problem mehr.

Freunde habe ich inzwischen auch gefunden. Ich verbringe viel Zeit mit Lehrer_innen der Schule oder Ärzten des Healthcenters. Dies rührt wohl daher, dass diese fließend englisch sprechen und es für mich leichter ist, mich mit ihnen zu unterhalten. Inzwischen habe ich auch ein paar Freunde aus dem Dorf, aber dabei ist die Sprachbarriere immer noch ein großes Problem. Mein Kenyaruanda reicht oft nicht aus und ihr Englisch ist entweder gar nicht vorhanden oder nur sehr schlecht.  Bis vor ca. 15 Jahren wurde an den Schulen auf französisch unterrichtet, daher haben die meisten nie Englisch gelernt.

Insgesamt freue ich mich schon sehr über meine Freundschaften hier. Wir besuchen uns gegenseitig und verbringen viel Zeit miteinander. Viele von ihnen habe ich im einzigen Restaurant hier im Ort bei einem kühlen Getränk kennen gelernt. Die meiste Zeit verbringe ich jedoch mit Pascal und Emanuel, zwei Construction Lehrer von unserer Schule. Sie sind fast im gleichen Alter wie ich und zwei nette und lustige Menschen. Wir hatten schon viel Spaß miteinander.

Lehrer und Freunde ETP

Dadurch, dass ich viele Menschen hier kennen gelernt habe, konnte ich bis jetzt einen guten Einblick in die Kultur und das Leben hier bekommen. Ich werde oft zu Festen und Familienfeiern eingeladen, bei denen ich auch mal in den kleinen einfachen Häusern der Dorfbewohner hineinschauen kann. Sie sind nicht mit mir bekannten, deutschen oder europäischen Wohnhäusern zu vergleichen. Sie sind meist nur fünf auf fünf Meter groß und innen gibt es Schlafzimmer und eine kleine Küche. Viele Häuser haben auch  einen Anschluss ans Stromnetz, aber die meisten Einwohner  haben kein Geld, um den Strom auch zu aktivieren. Was sie für das tägliche Leben benötigen, bauen die Menschen hier selbst an und  stellen daraus auch alles selbst her. Strom ist also für manche eher ein Luxusgut.

Erstes Familienfest, auf dem ich war

Die Menschen hier haben ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl und unterstützen sich gegenseitig bei allem was anfällt. Sie helfen den Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht arbeiten können und teilen alles was sie haben. Dadurch findet das Leben nicht in den Wohnhäusern statt, sondern auf der Straße. Es wird nicht in Klassen wie arm oder reich unterteilt. Von der Gemeinschaft her, dem Umgang miteinander und dem Zusammenleben sind die Leute hier im Grunde genommen viel reicher als wir. Ich finde das so beeindruckend und bin sehr froh, dass ich an diesem Leben teilhaben darf und direkt in die Gemeinschaft integriert wurde. Der Zusammenhalt ist wirklich bewundernswert und ich hoffe, dass ich davon einen Teil mit nach Hause nehmen kann.

 

Ich bin hier gut angekommen und glücklich, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Zu Anfang hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich hier so viele gute Freunde finde und richtig  gut integriert werde. An meinem Kenyaruanda muss ich noch arbeiten, aber ich bin mir sicher, dass es auch noch besser wird.

Ich weiß, dass ich mit meinen Rundbriefen ein wenig in Verzug bin. Ich hoffe auf Euer Verständnis. Es warten hier viele Aufgaben auf mich und ich verbringe sehr viel Zeit mit den Menschen hier im Ort, wodurch die Zeit für mich rasend schnell vergeht.

Grüße aus dem sonnigen Ruanda und bis nächstes mal.

Hier noch ein paar bildliche Eindrücke

Markt in Burguma
Markt in Burguma
Kaninchen essen mit anderen Freiwilligen
Begrüßung eines neuen Priesters