Nigeria: 2. Rundbrief von Karen Berg

Es hat sich viel verändert. Ich lebe jetzt hier, ich fühle mich nicht mehr fremd (oder nur noch sehr selten). Es ist kein abstraktes Jahr, in dem ich die Welt verbessern will, sondern meine Realität, ich lebe hier und habe meinen Alltag gefunden. Das mag vielleicht wenig aufregend klingen, ist es aber doch immer wieder aufs Neue.

Alltag ist hier auch nicht gleich Alltag, sondern wird immer wieder von neuen Erfahrungen durchbrochen. Viele Dinge fallen erst nach einiger Zeit auf, manches sehe ich nach dem Zwischenseminar in Ghana mit anderen Augen und auch alle kirchlichen Feiertage erlebe ich zum ersten Mal in Nigeria.

Etwas ganz Besonderes für mich war ‚Christ the King‘, also Christkönig, hier wirklich groß gefeiert mit einer Prozession von einem der Parishs bis zur Kathedrale. Darunter kann man sich aber keine Prozession wie in Deutschland vorstellen; Es gab Tanzgruppen, Gruppen von Musikern, viele Schulkinder in ihren Schuluniformen und ein bunter Haufen Menschen, die ihren Glauben feierten.

Ende November habe ich ein Wochenende in Enugu verbracht, für das die Priesterseminaristen das Programm für das jährliche ‚Cultural Weekend‘ im Priesterseminar Bigard organisiert haben und ich mit großen Augen im Publikum saß und aus dem Staunen nicht mehr heraus kam. Es gab unglaublich viele verschiedene Tanzgruppen und ‚Masquerades‘, aber auch kurze Sketche und einige Bilder, die von den Seminaristen gemalt wurden.

Tanzgruppe, Cultural Weekend

 

Cultural Weekend, Enugu

 

Weihnachten kam schneller als erwartet – und war genauso schnell wieder vorbei. Zumindest wenn man es mit dem vergleicht, was ich aus Deutschland gewohnt bin.

Weihachten fing nicht im September an, wenn es die ersten Lebkuchen zu kaufen gibt. Nicht im Oktober, wenn man erste Weihachtsdeko sieht. Selbst im November, wenn ich auf den Weihnachtsmärkten gewesen wäre konnte ich nicht von Weihnachtsstimmung sprechen. Weihnachten kam mit der Trockenzeit und als mir so viele Leute gesagt haben, sie könnten es schon in der Luft schmecken.

Weihnachten kam für mich ziemlich überraschend mit der Christmette am 24.12. während mir immer noch jeder hätte erzählen können, es sei Juli und ich es ohne zu Zögern geglaubt hätte.

Weihnachten“ war der erste Weihnachtsfeiertag. Ohne Vorankündigung durch Lichterketten, Weihnachtsfilme und „Last Christmas“. Es war die lange Messe am Weihnachtsmorgen, es war „Rice and Chicken“, Freunde besuchen und Zeit miteinander verbringen. Es war, Leute wieder zu treffen, die für Weihnachten nach Hause gekommen sind. Weihnachten war für mich auch, Nutella im Supermarkt zu finden und festzustellen, dass es zusammen mit Kochbananen absolut unübertrefflich schmeckt.

Der Übergang von Regenzeit zur Trockenzeit, auf die ich mich sehr gefreut habe, kam für mich mit Malaria und ein paar Tagen im Bett und hat mir die übliche Wintergrippe ersetzt. Davon abgesehen waren Dezember und der Jahreswechsel von vielen, vielen Hochzeiten begleitet, die mich weiter das Tanzen gelehrt haben – und wie ich Reden aus dem Stegreif halte.

Mit dem neuen Jahr begann auch der zweite Term in der Schule und ich komme immer besser mit dem Unterrichten zurecht. Es macht unglaublich viel Freude zu sehen, was meine Schüler schon alles gelernt haben und auch, wie stolz sie auf das Gelernte sind. Trotzdem gibt es immer wieder Tage, an denen ich keine Lust habe, zur Schule zu gehen, an denen ich nicht eine aufgedrehte und viel zu laute Klasse beruhigen will. Das geht meistens aber genauso schnell wieder vorbei wie es gekommen ist.

Dann erinnere ich mich wieder, wie viele inspirierende Menschen ich hier schon getroffen habe, wie oft ich hier eine überschäumende Lebensfreude gespürt habe.

Mit der Zeit hat sich auch meine Einstellung gegenüber der Sprache geändert (die Muttersprache der meisten hier in Awgu ist Igbo, da aber fast alle auch Englisch sprechen komme ich problemlos zurecht). Während ich am Anfang etwas halbherzig versucht habe, Igbo zu lernen, weil ich dachte, dass ich mich schließlich mit jedem auf Englisch unterhalten kann, merke ich jetzt wie schön es ist tatsächlich eine „Unterhaltung“ auf Igbo zu führen. Dass das nur Smalltalk ist ist dann erst mal nebensächlich, wenn ich merke wie sehr sich mein Gegenüber freut wenn ich auf Igbo antworte; wie sehr es auch mich freut, dazuzulernen.

Ich lerne ständig dazu, oft unbewusst und manchmal auch einfach, dass mir nach einer ganzen Kokosnuss schlecht ist. Nach vier Mangos auch.

Es ist vergleichsweise einfach, die großen Ereignisse in Worte zu fassen, dazu kommen aber unglaublich viele Begegnungen mit Menschen, die sich nicht so einfach beschreiben lassen, die aber meine Zeit hier ausmachen und prägen. Es sind Kleinigkeiten, die mich immer mehr ankommen lassen.

Ja, es kommt vor, dass ich auf meine Hautfarbe reduziert werde und zu Beginn habe ich das sehr persönlich genommen, wusste nicht wirklich damit umzugehen und wollte erst recht keine Sonderbehandlung. Ich will nicht der Ehrengast sein, nicht schon hundert Meter vorher angekündigt werden, weil ich von den üblichen Onye ocha- Rufen begleitet werde. Es ist nicht immer angenehm und trotzdem habe ich mich selbst dabei ertappt, als mir in Enugu ein Weißer begegnet ist und ich mir wirklich auf die Zunge beißen musste um nicht „Onye ocha“ zu rufen. Und um ehrlich zu sein, habe ich es in Ghana ein bisschen vermisst „Onye ocha“ zu sein.

Mitte Januar bin ich für die letzten Vorbereitungen für das Zwischenseminar in Ghana nach Abuja geflogen, um dort mein ghanaisches Visum zu bekommen und habe so immerhin einen kurzen Eindruck von der Hauptstadt bekommen.

Anfang Februar ging es dann zuerst nach Abuja und von dort aus nach Ghana, an sich alles kein Problem, ein bisschen Papierkram wegen des nigerianischen und ghanaischen Visums, aber es lief alles gut- bis ich zur Emigrationsbehörde am Flughafen kam. Dort wurde mir dann gesagt, dass ich mit meinem (gerade verlängerten) Visum nicht fliegen könne. Nach einigem Hin und Her war dann irgendwann klar, was genau fehlte und ich saß etwas ratlos fest. Im Endeffekt kam die Schwester, die mir auch vorher schon mit meinen Visa geholfen hat mit dem fehlenden Dokument, ich hatte drei Handynummern mehr und war um eine lustige Unterhaltung reicher.

Ghana ist zwar auch westafrikanisch, aber trotzdem hat man den Unterschied zu Nigeria deutlich gemerkt, auch wenn ich gerne mal dachte, dass ich durch Nigeria ganz Afrika kenne. Dazu kann ich jetzt nur noch anmerken, dass wir uns auch eher ungern mit Frankreich über einen Kamm scheren lassen. Was also für Europa schon nicht funktioniert, ist bei einem wesentlich größeren Kontinent noch weniger möglich.

Das Zwischenseminar hat geholfen, einen neuen Blickwinkel zu eröffnen, das vergangene halbe Jahr zu reflektieren und sich mit anderen Freiwilligen auszutauschen. Es hat auch gezeigt, wie sehr sich mein Blickwinkel verändert hat seitdem ich hier lebe.

Mole Nationalpark, Ghana
Busua, Ghana

 

Nach dem Zwischenseminar haben wir zu dritt noch die Zeit in Ghana genutzt und sind ein bisschen gereist. Oft haben wir uns durchgefragt um von A nach B zu kommen und haben ein ums andere Mal die Erfahrung gemacht, dass jeder hilft wenn man nur fragt, manchmal auch ungefragt.

So schön die Zeit in Ghana auch war, mindestens genauso schön war es zurückzukommen. Als ich dieses Mal in Awgu ankam, kam ich zurück nach hause, konnte all die vertrauten Gesichter wiedersehen, wieder in meinem Bett schlafen, etwas Alltag einkehren lassen. Ich merke immer wieder, dass ich zuhause bin. Es ist nicht alles perfekt, aber es ist ein Jahr voller Leben.