Ukraine: 3. Rundbrief von Franziska Keller

Hoffnung

Plötzlich stehen alle um mich herum auf. Alle 50.000 Zuschauer, die, wie wir, am heutigen Spieltag im Stadion Olympisky in Kiew sind. Die Verwunderung darüber steht meinen Eltern ins Gesicht geschrieben. Was passiert jetzt? Ich weiß es, da ich hier schon mehr als 9 Monate Erfahrung sammeln konnte. Instrumentalmusik erklingt, ich bekomme Gänsehaut und stehe auf. Meine Eltern tun es mir gleich. Vor einem normalen Ligaspiel erklingt jetzt die ukrainische Nationalhymne, die auch ich mittlerweile fast fehlerfrei mitsingen kann. Jeder der 50.000 Zuschauer legt die Hand auf die Brust und stimmt voller Herzblut ein. Meine Eltern sind überrascht und erstaunt zugleich. Wie so viele Männer, Frauen und Kinder mit so einem Stolz die Nationalhymne singen können. So etwas kennen wir in Deutschland höchstens von Länder- nicht aber von Ligaspielen. Doch das gemeinsame Singen der Hymne gibt den Menschen hier Hoffnung, ein Gefühl von großem Zusammenhalt. Selbst im Kleinen, selbst wenn wir im Keller gemeinsam Fußballspiele schauen, macht das dort jeder: Aufstehen, Hand auf die Brust und voller Liebe die Nationalhymne der unabhängigen Ukraine singen! Denn so zeigt hier jeder: „Ich bin ein Teil dieser Ukraine!“


Übrigens: Einen ähnlichen Effekt hat auch die Aussage- und Begrüßungsformel Слава Україні, Героям Слава! (Slava Ukraini, Herojam slava! Übersetzt: Ruhm der Ukraine. Ruhm ihren Helden), die auch oft bei Fußballspielen, Konzerten oder anderen großen Veranstaltungen zu hören ist. In ihrer Bedeutung durch die Organisation Ukrainischer Nationalisten und die Ukrainische Aufstandsarmee ursprünglich nationalistisch geprägt, hat die Aussage seit dem Euromajdan 2013 eine deutliche Bedeutungswandlung erfahren. Hintergrund ist das Erscheinen neuer sogenannter Helden in der ukrainischen Erinnerungs- und Gedenklandschaft und die Auffassung, dass diese neuen Helden, die gestorbenen Helden des Maidan und des Krieges im Osten des Landes, Ruhm erhalten. Die sollte also deshalb auch für uns heute nicht mehr mit nationalsozialistischem Gedanken verstanden werden.


 

Hoffnung. Ein großes Wort. Viele meiner Freunde und Bekannten hier haben schon lange ihre Hoffnung verloren. Die Ukraine, die ich mittlerweile als meine zweite Heimat bezeichnen würde, steckt seit nunmehr drei Jahren im Krieg. Im Krieg gegen? Nun, ich weiß es nicht so genau. Zumindest nicht, wenn ich objektiv an diese Frage herangehe.  Hier kann und will euch natürlich nur meine Sicht der Dinge berichten. Ich bin kein Politikstudent, bekomme meine ganzen Informationen nur von einer subjektiven Sicht. Was auch nicht verwerflich ist! Ich möchte euch nur meine Sicht der Dinge hier aufzeigen. Die Menschen hier haben eine klare Antwort: Gegen Putin! Doch ist sie wirklich so klar? Ist es nur Putin, der diesen Krieg verursacht oder sind es auch die Menschen, die ganz im Osten des Landes leben und sich mehr zu Russland hingezogen fühlen als zur Ukraine?

Von Ivano-Frankivsk ist der Krieg für mich genauso weit weg wie Trier es ist. Dennoch ist er nah, berührt mich. Wenn eine gute Freundin bei einem Abendessen erzählt, dass sie nicht weiß, wie die Generation nach ihr, also ihre Kinder, aufwachsen soll – ohne Vater, der als junger Mann, eben genau jetzt, gestorben ist, berührt mich das. Wenn sie nicht weißt, ob sie überhaupt einen Mann finden wird, da so gut wie die Hälfte der jungen Männer ins Militär einberufen werden – und viele an der Front sterben, berührt mich das. Wenn ich darüber schreibe und es mir vorkommt als erzählte ich in einem Geschichtsunterricht über die Ereignisse des Ersten oder Zweiten Weltkrieges, dann berührt mich die Gegenwart dahinter. Denn es ist keine Geschichte, es ist die Gegenwart. Es ist hier die Realität! Das passiert alles genau jetzt und hier in der so schönen Ukraine.

Während ich diesen Rundbrief schreibe, frieren junge Männer in meinem Alter, im Alter meiner Freunde hier und auch der in Deutschland, im Osten des Landes und warten darauf, dass etwas passiert.

Hoffnung. Das haben sie hier alle ein stückweit verloren. Jede Woche erzählt mir mein Chef, dass wieder ein Familienbetrieb die Türe schließen muss, sei es der Stammfriseur oder die Autowerkstatt, die die Malteser von Beginn an begleitet hat: „Es gibt einfach kein Geld mehr! Wie soll ein Rentner, der 1500 Hrywnja bekommt, sich einen Friseurbesuch von 200 Hrywnja (30 Hrywnja sind ca. 1€) leisten können? Auch die Lebenserhaltungskosten steigen immer weiter an.“ Und so ist es. Ich bezahle hier für viele Lebensmittel, wie Nudeln, Fleisch und Kartoffeln genau dasselbe wie in Deutschland. Nur Obst und Gemüse ist etwas günstiger. Die Ölkosten waren dieses Jahr so hoch, dass Familien es sich oft nur leisten konnten, einen Raum des Hauses oder der Wohnung zu heizen.
Und da soll man noch Hoffnung haben, dass in zwei-drei Jahren alles wieder besser ist? Schwierig. Ich kann die Menschen hier verstehen.

Der Krieg fordert viele Opfer. Er kostet Geld. Er kostet Männer – und er kostet Land. Land, welches die Ukraine wirtschaftlich aufrechterhalten hatte, nämlich den Donbas, das Industriezentrum der Ukraine. Alles wurde zerstört.

Donezk ist sicherlich vielen entweder vom Fußball oder durch die Medien ein Begriff. Die Fußballmannschaft der Stadt ist für mich ein Sinnbild der Hoffnung! Sie spielen seit drei Jahren keine Heimspiele mehr, haben ihr wirklich schönes und großes Stadion durch den Krieg verloren. Dennoch geben sie nicht auf, haben anfangs auf einem bewucherten Rasen ihre Vorbereitung für die kommende Saison gemacht, spielen mittlerweile in Chernivtsi, letztes Jahr noch in der Arena von Lviv. Diese beiden Städte im Westen der Ukraine sind über 1000 km von Donezk entfernt. Schachtar Donzek ist derzeit die beste Mannschaft der Ukraine, wird wieder Champions League spielen, und das, obwohl sie in absehbarer Zeit keine Hoffnung auf Heimspiele hat.
Trotzdem kämpfen sie, geben nicht auf. Sie habe ich mir zum Vorbild genommen, den Menschen Hoffnung wieder zu geben.

Das klingt etwas skurril, nicht wahr? Das jemand Menschen Hoffnung geben möchte, der in vier Monaten in das sichere und schöne Deutschland zurückkehren wird. Dennoch: Ich kann jedem einzelnen hier Mut zusprechen! Auch wenn es nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein ist, werde ich durch mein Leben hier bei den Menschen, die mir nahe stehen, etwas ändern können. Ob es die Hoffnung ist, die ich ein kleines Stück zurückgebe oder ob ich den Menschen, die meinen Rundbrief empfangen, die Augen öffne und sage „Hey! Hier ist immer noch Krieg und wir dürfen nicht einfach daneben stehen und zusehen! Hier muss etwas gemacht werden!“ Und jeder, wirklich jeder, kann einen kleinen Teil dazu beitragen, die Welt zu verbessern. Und wenn jeder etwas Kleines macht, dann wird vielleicht in ferner Zukunft der Krieg in der Ukraine nur noch in den Geschichtsbüchern stehen.

„Alles Gute auf der Welt passiert nur, weil jemand mehr macht, als er muss!“

Und somit verabschiede ich mich wieder von euch. Nun sind es für mich auch nur noch vier Monate, bis ich nach Hause komme. Ich blicke dem Rest meiner Zeit hier mit einem traurigen Auge entgegen. 13 Monate Ukraine hat sich für mich am Anfang als eine so lange Zeit angehört, aber sie ging jetzt schneller vorbei als ich dachte.

Ich füge euch noch ein paar Bilder meiner Reisen ein, damit ihr noch weitere Eindrücke bekommt, wie schön und sehenswert die Ukraine doch ist!

Eure Franzi

 

Der Maidan Platz in Kiew
Ausgestellte Bilder auf dem Maidan Platz
Der Fluss Dnepr, der durch Kiew fließt
Ausblick über Lviv vom Ratshaus aus
Das Ratusha (Rathaus) von Lviv
Typische Ukrainische Tracht, die Weschewanka
Ausblick über Ivano-Frankivsk
Eine Legende besagt, wer mit einer Münze den Hut des Schornsteinfegers trifft, wird ein Leben lang Glück haben

Über Franziska Keller

Hallo, Ich bin Franziska und 20 Jahre alt. Über SoFiA mache ich einen Freiwilligendienst in der Ukraine bei den Maltesern. Nach meinem Abi habe ich mich dazu entschlossen einfach mal in ein anderes Land zu gehen und dort die Lebensweise zu erfahren. Ich kann jedem nur empfehlen, so etwas mal zu machen!