Ruanda: 3. Rundbrief von Tobias Stoll

Meine neuen Herausforderungen des Alltags

Als ich im Sommer letzten Jahres nach Ruanda flog, war mir bewusst, dass das Leben hier anders sein wird als zu Hause in Deutschland. Aber was das wirklich heißt, möchte ich in diesem Rundbrief näher beschreiben.

Vom ersten Tag an hatte ich kein fließendes Wasser in meiner Unterkunft in Nyarurema. Beim Bau einer neuen Straße wurden die Wasserleitungen zerstört. Dadurch musste jeden Tag am Brunnen im Dorf Wasser geholt werden, je zwischen 20 und 40 Litern, je nachdem wie viel Wasser ich zum Trinken, Essen und Duschen gebraucht habe. Das ausgiebige Duschen habe ich auf ein Minimum reduziert – notfalls reicht es eben auch aus, zweimal in der Woche zu duschen. Der nächste Brunnen ist ca. 500 Meter von meinem Zuhause entfernt, ein Weg, den ich durchaus zu Fuß bestreiten kann. Doch ab Anfang September baggerten die Bauarbeiter versehentlich  diesen Brunnen an.  Bis Ende des Monats musste das Wasser dann von einem weiter entfernten Brunnen geholt werden. Dieser ist im Nachbardorf Buguma, etwa 1,5 Kilometer von meiner Unterkunft in Nyarurema entfernt. Diese Distanz kann man nur mit einem Fahrrad schaffen, ohne Fahrrad wäre man für zwei Kanister, die je 20 Liter Wasser fassen, stundenlang unterwegs. Inzwischen sind die Leitungen zwar repariert, dennoch habe ich nicht jeden Tag fließendes Wasser zur Verfügung. Der Druck in den Wasserleitungen schwankt ziemlich stark. Deswegen muss ich mich, bevor ich duschen gehen will, versichern, ob auch genug Wasserdruck vorhanden ist. An manchen Tagen kommt auch gar kein Wasser mehr aus der Leitung, aber die meisten Häuser (auch das, in welchem ich wohne) haben einen Wassertank, der befüllt wird, wenn Wasser vorhanden ist, sodass man auf dieses Wasser zurückgreifen kann, wenn es notwendig ist.

Ähnliches gilt für den Strom. Fast jeden Tag haben wir Stromausfall – manchmal nur für ein paar Sekunden oder auch Stunden. Seltener sind Stromausfälle, die einen halben oder gar einen ganzen Tag andauern.  Die Stromausfälle entstehen wahrscheinlich dadurch, dass der einzige Stromerzeuger ein Wasserkraftwerk in Musanze ist, welches immer vom Wasserstand abhängig ist. Zum anderen spielt ggfls. auch die häufig selbst zusammen gebaute Hauselektrik eine Rolle, welche bei fast jeder Regenschauer einen Kurzschluss verursacht. Ebenso wird der Strom auch oft von der Regierung für einen gewissen Zeitraum abgeschaltet. Meist um Energie zu sparen, wenn der Wasserstand am Wasserkraftwerk sehr niedrig ist. Zum Beispiel war kurz nach Weihnachten an mehreren Tagen hintereinander der Strom zwischen 18:00 Uhr und 20:00 Uhr weg – so konnte ich mich aber gut darauf vorbereiten. Durch die häufigen Stromausfälle gestaltet sich natürlich auch der Unterricht im Computerraum öfter etwas schwierig.

Das Einkaufen von Lebensmitteln und sonstigen Gebrauchsgütern kann hier zu einer kleinen Herausforderung werden. Zwar gibt es von mittwochs bis samstags in den umliegenden Dörfern jeweils einen Markt, aber ich weiß nie ob ich das, was ich suche, auch wirklich dort findet. Eier einzukaufen kann u.a. zu einem kleinen Abenteuer werden. Teilweise bin ich für diese schon zwei Stunden zu einem weiteren Nachbardorf gegangen, da ich einen Mann getroffen habe, der dort noch Eier zu verkaufen hatte.  Benötige ich  außerdem etwas in einer großen Stückzahl, fahre ich von Mittwoch bis Samstag jeden Tag auf einen anderen Markt um die gewünschte Anzahl zu kaufen oder ich versuche es in der kommenden Woche erneut.

Isoko Kimirongo , der Markt in Kigali

Mitte November war es hier so trocken, dass die Kühe nicht genug zu essen bekommen haben. Dadurch gab es in der ganzen Region keinen einzigen Liter Milch zu kaufen. In der nächst größeren Stadt, welche 40 Kilometer weit weg ist, habe ich welche kaufen können.

Die Kleidung von Hand zu waschen ist auch gar nicht so einfach wie ich das anfangs dachte. Normalerweise sammle ich meine Wäsche etwa einen Monat. Ich beginne damit, dass ich die Wäsche in Farben einteile und in Wasser mit Handwaschmittel einlege. Danach wasche ich jedes Teil mit einer Seife sauber und lege es wieder ein. Zum Abschluss werden die Kleider ausgewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Dies kann ich aber nur machen, wenn ich fließendes Wasser habe, da ich für die verschiedenen „Waschgänge“ viel Wasser benötige. Diese Prozedur dauert etwa vier Stunden. Am Anfang war das etwas gewöhnungsbedürftig, mittlerweile mache ich es aber gerne, da ich dabei für mich alleine vier Stunden still arbeiten und gut nachdenken kann.

Für meine Leser hört sich das vielleicht nicht so schön an, aber ich habe mich recht schnell daran  gewöhnt. Für mich und die Menschen, die hier leben, gehört all dies zur Normalität und auch ich rege mich nicht mehr auf, wenn beispielsweise der Strom ausfällt. Ich hab einen ganz anderen Tagesrhythmus hier entwickelt, mache mir nicht viele Pläne für den Tag, sondern schaue einfach was ich überhaupt machen kann. Ich gehe zum Beispiel montags nach Buguma um Eier zu kaufen, aber es gibt keine. Dafür esse ich dort dann einfach „Bruchet“ und versuche es an einen anderen Tag nochmal. Und all diese Veränderungen machen das Leben hier echt schön. Ich weiß zwar nie, was ich genau am nächsten Tag vorhabe, aber das ist so schön abwechslungsreich.

Buhoro!

„Ihr Deutschen habt Uhren, in Ruanda haben wir Zeit“ ein ruandisches Sprichwort (so oder so ähnlich). Und ich kann nur bestätigen: Wenn ich hier etwas nicht brauche, dann ist es eine (Armband)Uhr.

Das Sprichwort trifft es eigentlich ganz genau. Ich brauche zwar hier eine Uhr um rechtzeitig in der Schule zu sein und um zu wissen, wann die Schule zu Ende ist, aber das ist auch wirklich das einzige, was hier pünktlich startet und endet. Alle anderen angegebenen Zeiten für bspw. die Abfahrt der Busse, den Beginn der Messe oder für eine Verabredung mit Freunden sind eher als Richtwerte gedacht. Ich habe es mir mittlerweile abgewöhnt, annährend rechtzeitig los zu gehen, da ich meist der einzige war, der schon am verabredeten Ort war und dort wartete. Ich warte lieber zu Hause bis der Busfahrer anruft, dass er gleich da ist oder ich gehe eine Stunde nach eigentlichem Beginn der Messe los. Bei Verabredungen mit Freunden kann ich getrost zwei Stunden später losgehen und trotzdem bin ich meist der Erste.

Auch alle anderen Zeitangaben sind eher spekulativ. Zum Beispiel, wenn ich im Dorf nachfrage wie viel Zeit der Bus von Nyarurema in die Hauptstadt Kigali benötigt, bekomme ich oft die Antwort zwei bis drei Stunden. Es sind aber in Wirklichkeit vier bis sieben Stunden (vier Stunden ist Rekordzeit, die ich bis jetzt erst einmal geschafft habe). Bei normalem Verkehrsaufkommen benötigt der Bus fünfeinhalb oder sechs Stunden. Auch wenn ich den Busfahrer frage, wie lange wir noch bis zum gewünschten Ziel fahren, bekomm ich oft als Antwort: eine Stunde. Unabhängig davon, wie lange es in wirklich noch dauert. Wenn es dann nur noch eine Stunde ist, sagt er, dass es noch fünf Minuten sind.

Am Anfang war es für mich schwierig, damit klar zu kommen, da ich nie wusste, wann ich losgehen muss oder wie lange ich unterwegs bin. Mittlerweile ist es kein Problem mehr, mir ist es nicht wichtig, ob ich nun zwei Stunden oder sieben Stunden im Bus sitze. Mir ist es egal, wenn ich drei Stunden zu einer Verabredung zu spät komme, weil ich beispielsweise nicht früher mit dem Putzen fertig geworden bin. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie lange etwas dauert oder wie lange ich unterwegs bin. Wenn der Tag zu Ende ist und wir hatten doch keine Zeit um uns zu treffen, holen wir das an einem anderen Tag nach. Denn das einzige, wovon wir alle genug haben, ist Zeit. Man macht sie sich einfach. Ich plane nicht viel und versuche aus der Zeit, die ich habe, das Beste zu machen. Generell ist es hier sehr wichtig die Zeit, die man hat, mit anderen Menschen zu verbringen. Wenn man sich verabredet hat und man kommt zu spät, weil man noch jemanden getroffen hat, ist das vollkommen in Ordnung, da es gut sein kann, dass auch der/die andere auch jemanden getroffen hat, mit dem er sich ausgiebig unterhalten hat. Dadurch passiert es das Öfteren, dass man nicht zu zweit ist, sondern zu fünft oder zu siebt.

Beim  Schreiben dieser Zeilen kam mir als erstes das Wort „Buhoro!“ in den Sinn. Es bedeutet: Langsam! Am Anfang habe ich es oft gehört und viele meiner Mitmenschen haben es zu mir gesagt, inzwischen nehme ich es selbst oft in den Mund um stressige Situationen zu entschärfen oder Ruhe einzubringen. Langsam, keinen Stress. Weniger bis gar nicht mehr aufregen. Genießen.

Besuch bei zwei Freunden

Mein bekanntes Fazit

Nach der Eingewöhnung an das etwas andere Leben hier, gefällt es mir sehr gut und es ist in vielerlei Hinsicht lockerer und einfacher als der strukturierte Tagesablauf, den ich von Deutschland kenne. Ich denke, ich lebe hier intensiver. Ich mache keine großen Pläne und hetze mich nicht ab. Es ist nicht wichtig, ob ich heute oder morgen oder erst nächste Woche das Haus putze. Viel wichtiger ist es, sich mit Freunden oder mit anderen Menschen zu unterhalten und viel Zeit in der Gesellschaft von anderen zu verbringen, Begegnungen erfahren.

Ich habe das Gefühl, kleinere Dinge hier viel mehr zu schätzen. Wenn ich im Bus sitze, freue ich mich, dass ich Zeit habe, in Ruhe Musik zu hören. Wenn ich mitten in der Nacht eine Stunde auf den nächsten Bus warten muss, freue ich mich den unglaublichen Sternenhimmel hier zu sehen (der Sternenhimmel hier ist wirklich super schön).

Ich brauchte Zeit um mich an den Rhythmus hier zu gewöhnen, aber inzwischen ist es einfach nur toll.

Bis zum nächsten Mal und viele Grüße,

Tobi

Hier noch ein paar Bilder:

Kinderbelustigung in Musanze mit einer anderen Freiwilligen
Typisches Verkehrsmittel
Gewohntes Verkehrschaos in Musanze