Rumänien: 3. Rundbrief von Lea Siegel

Liebe Freunde/innen und Bekannte,

Anfang März habe ich mich dann auf dem Weg zu meinem Zwischenseminar gemacht und vorher noch einen Zwischenstopp bei einer Freundin in Targu Mures gemacht. Wir waren zusammen auf einem Bier-Pong Event der Stadt, welches immer ihr Freund organisiert. Dort sind wir noch auf weitere Freunde gestoßen und ich auf alte Bekannte aus meiner Anfangszeit dort. Nun konnte ich mich auch schon aus einem Mix von Ungarisch und Englisch mit ihnen unterhalten, was ein Fortschritt zum letzten Mal darstellt. Einer meiner Freunde hat mich sogar bis nach Shigioara mit dem Bus begleitet, da auch er in einer Stadt in der gleichen Richtung wohnt und genauso wie ich nur für ein Wochenende in Targu Mures war. Anschließend bin ich mit dem Taxi vom Bahnhof in Shigioara zur Burg und dem Kolpinghaus gefahren, wo unsere Zwischenseminar stattfinden sollte. Das größte Kompliment, das ich an diesem Tag bekommen habe, war, dass ich zu schnell Ungarisch reden würde. Der Taxifahrer war nämlich rumänisch und konnte nur Bruchstücke Ungarisch.

Gruppenbild

Meine Freundinnen von Sofia und drei neue Freiwilligen von anderen Organisationen habe ich dann im Kolpinghaus endlich angetroffen. Mal kurz gesagt: Die Wiedersehensfreude war einfach riesig. Wir sind uns in die Arme gefallen und haben einfach erstmal angefangen zu quasseln.
In den nachfolgenden Tagen ist mir aufgefallen, dass wir einerseits sehr verschiedene Erfahrungen gemacht haben, aber auch komplett unterschiedlich auf verschiedene Situationen geschaut haben. Mir persönlich hat dieser Erfahrungsaustauch sehr geholfen, sowie auch die Entfernung zu meinem Projekt. In dieser Zeit konnte ich verschiedene Probleme nochmal mit anderen Augen sehen, und ich habe mich mit meinen Problemen auch nicht mehr so alleine gefühlt. Mit meinen Leuten zuhause konnte ich zwar auch über diese Sachen sprechen, doch können sie einen nicht so verstehen, wie einer der gerade dasselbe durchmacht.
Auf meinem Rückweg bin ich noch mit den zwei Freiwilligen vom Roten Kreuz mitgefahren, die einen Zwischenstopp in Rupair eingelegt haben, um dort ein Projekt der deutschen Minderheit zu besuchen. Dabei handelt es sich um ein Internat, ein Altenheim und eine berufsausbildende Werkstatt. Was sehr faszinierend war, ist der sogenannte Kreislauf. Die Kinder können im Internat wohnen, auf eine benachbarte Schule gehen und an zwei Tagen pro Woche in die Werkstatt, um anschließend nach Abschluss der 12. Klasse schon gleich zum Zeugnis noch eine Ausbildung zu besitzen und so bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Werkstatt zur Ausbildung von Jugendlichen

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Denkweise der Personen dort. Nämlich nicht so viel über Sachen nachdenken, sondern einfach ausprobieren und schauen was rauskommt. So sind hier immerhin einige Projekte entstanden.
Es gibt dort sogar kleine deutsche Gottesdienste. Sie werden von einer Gemeinschaft von 4-5 Dörfern veranstaltet. Jedes Wochenende findet der Gottesdienst in einem anderen Dorf statt, und ein kleiner Bus holt alle Gemeindemitglieder ab. Es gibt keine eigene Kirche; die Gottesdienste finden in einem Pfarrhaus in einem kleinen Raum statt. Anschließend gibt es in einem Nebenraum immer noch selbstgemachten Kuchen und Kaffee. So etwas würde ich mir hier in Deutschland auch mal wünschen. Ich bin mir sicher die Anzahl der Kirchengänger würde sofort ansteigen.

In dem Altenheim haben wir auch geschlafen. Als Dankeschön haben wir morgens beim Frühstückmachen geholfen. Die Köchin war einfach klasse. Sie hat abwechselnd mit den Freiwilligen vom Roten Kreuz auf Rumänisch geredet und mit mir auf Ungarisch. Deutsch konnte sie nicht, brauchte sie in diesem Fall ja aber auch nicht. Zum Abschied hat sie mich noch einmal kräftig umarmt und mich „kicsi katicabogár“ genannt, was so viel heißt wie kleiner Marienkäfer.

Am 22. März habe ich dann Namenstag gehabt, ohne dass mir das bewusst war. Ich bin morgens ganz normal zur Arbeit gegangen, wie immer, ohne mir groß etwas dabei zu denken. Zwischendurch war ich kurz im Büro meiner Chefin, um etwas zu fragen und habe dort eine rosa Blume gesehen und zu meiner Chefin gemeint, dass diese wirklich „szép“ (schön) wäre.

Mein Namenstaggeschenk

Am Ende des Tages habe ich diese und ein paar Süßigkeiten dann geschenkt bekommen. Ich fand diese Kleinigkeit wirklich süß und habe mich sehr darüber gefreut.
Am 2. April war der internationale Tag des Autismus. Hierfür treffen sich Menschen mit Autismus, deren Angehörige und Leute wie meine Kollegen und ich, die mit diesen Menschen arbeiten. Der Treffpunk in unseren Teil von Rumänien ist diesmal in Miercurea- Ciuc gewesen.
Die Vorbereitungen haben aber schon wesentlich früher begonnen, als man nun meinen könnte und zwar nicht mit lästigem Papierkram, der hierfür erledigt werden muss, sondern mit lauter Discomusik aus einem unserer Räume. Wir haben ein Mädchen bei uns, welches wirklich sehr talentiert im Tanzen ist und aus diesem Grund einen Tanz aufführen wollte.

Fest zum Tag des Autismus

So ist nun jeden Morgen bei uns Waka Waka von Shakira rauf und runter gelaufen und ich habe angefangen die Pompoms in den unterschiedlichsten Farben zu basteln. Es sollte ja schön bunt werden.
Am Ende sind es sogar zwei Tänze geworden. Einer wild und frech mit Pompons und ein anderer klassisch mit Geige. Die Geige war sehr alt und man konnte nicht mehr auf ihr spielen, jedoch hat Gellert sein Schauspiel wunderbar gemeistert. Während der Aufführung ist zwar nicht alles glatt gelaufen, aber manchmal macht ja die Improvisation den ganz besonderen Charme aus. So auch hier. Während des Tanzes haben sich Jugendliche aus fremden Gruppen auf die Bühne geschlichen und mitgetanzt. Dabei kam es zu einem Duell um Aufmerksamkeit zwischen einem unserer Mädchen und einem fremden Mädchen. Dies hat aber einfach perfekt zur Musik gepasst und war einfach lustig. Am Ende hat dann jeder noch eine Tulpe bekommen, als kleine Aufmerksamkeit.

Am besten gefällt mir bei der Arbeit, wenn ich auch mal eine Stunde übernehmen darf. Dies passiert meistens ganz spontan. So wie auch letzte Woche, wo ich es erst fünf Minuten vor Stundenbeginn erfahren habe.
Ich habe mich dann kurz entschlossen, eine große Malstunde zu veranstalten. Der ganze Tisch wurde mit großen weißen Blättern zugeklebt und eine Auswahl von Acrylfarben auf den Tisch gestellt. Anschließend hat einer „Der Wolf und die drei kleinen Schweinchen“ vorgelesen, wozu sie dann etwas malen sollten. Meine Befürchtung war ja eigentlich, dass ich am Ende nur kleine Schweinchen auf dem Blatt haben werde. Diese ist aber nicht eingetroffen… Am Ende hatten ich etwa zu 80 % Häuser gehabt und einen Wolf und ein Kaninchen.
Woher das Kaninchen kam, kann ich mir zwar nicht erklären, aber na gut. Eine hat sich leider ganz geweigert, an der Stunde teilzunehmen. Aber auch dies haben wir raffiniert gelöst. Ihr Nachbar hat einfach so viel mit dem Pinsel gespritzt, dass ihre Fläche am Ende auch farbig war. Allerdings war er anschließend auch komplett farbig.

Nun, das war es erstmal zum Thema Arbeit. Aber es gibt ja auch noch ein Leben nach der Arbeit. Langsam aber sicher kündigt sich auch hier in Miercurea-Ciuc der Frühling an, und die eisigen Wintertemperaturen verschwinden.

Meine Freiwilligenkoordinatorin und ich

Hier um Miercura-Ciuc herum gibt es wunderschöne Felder, die einfach perfekt zum Wandern und Blumenpflücken geeignet sind. Hier bin ich in letzter Zeit öfters mit Freunden oder meiner „Gastfamilie“ hochgewandert.
Bei meiner „Gastfamilie“ bin ich auch immer gleich mit eingeladen, wenn irgendwelche Familienfeste oder Besuch ansteht. Daran musste ich mich aber auch erst mal gewöhnen, weil sie mir das am Anfang immer noch gesagt haben, dass ich doch auch kommen sollte und es irgendwann wohl einfach selbstverständlich war. Da habe ich doch wirklich mal auf der Geburtstagsfeier meiner Gastmutter ohne Geschenk gestanden. Dies ist mir aber auch nur einmal passiert.

meine „Gastfamilie“

Bei der Firmung der Tochter war ich dann vorbereitet und habe mich bezüglich eines passenden Geschenkes auch extra informiert. Man schenk dazu keine großen Sachen, wenn man nicht gerade zur Familie gehört. Aber eine Kleinigkeit, wie eine Kerze oder auch eine Blume, ist immer passend. Aber auch ohne große Events ist es immer schön hier das Familienleben mitzuerleben.

Glücklich, wer den Frühling begreift und an ihm staunen kann.

Manchmal kann einem der Frühling in der Natur, einer Familie oder auch in den Augen von Menschen begegnen. Ich wünsche euch, dass ihr ihn in ganz vielen Facetten erleben könnt.
LEA