Bolivien: 5. Rundbrief von Teresa Zwick

Liebe Rundbriefleser,

weitere zwei Monate sind vergangenen, von denen ich euch gerne berichten möchte:

Zusammen mit meinen Eltern und mit meiner Schwester ging es nach gut einer gemeinsamen Woche nach Pampa Huasi. Wir wurden herzlich empfangen. Es wurde getanzt, gut gegessen und meine Eltern haben von den Mädels im Internat das Dorf gezeigt bekommen. Nach ein paar schönen Stunden im Internat hieß es dann Abschied nehmen.

Es war schön direkt in meinem gewohnten Umfeld zu sein, da ich so nicht alleine war und viele Leute um mich herum hatte. Es kehrte also direkt wieder Alltag ein. Morgensgab es  den Computerunterricht und nachmittags fanden die Kurse statt, in dieser Woche mit einer Besonderheit: Wir hatten einen Techniker zu Gast, der den Mädels aus dem Internat und den Jugendlichen aus der Schule, die abends zum Nähen kommen, das Reparieren von Nähmaschinen beibrachte. Am Wochenende fand zudem ein Fußball-Turnier statt, sodass die Workshops mit den Spielen koordiniert werden mussten. Neben den Klassen der Schule stellte auch das Internat eine Mannschaft. Ein paar Spiele entschieden die Mädels auch für sich.

 

Besuch von meinem Freund

Geimsame Maisernte im Internat

Sonntags hieß es aber schon wieder, zurück nach Sucre zu fahren, da eine Reunión stattfinden sollte. Tat sie nicht; jedenfalls nicht am angegebenen Termin, sondern eine Woche später. Vergebens war ich aber nicht in Sucre, da mein nächster Besuch aus Deutschland anreiste – mein Freund. Nach einem Wochenende in Sucre verbrachten wir fast eine Woche im Projekt. So konnte ich weiter im Computerkurs helfen und er meinen Alltag hier kennen lernen. Wir halfen gemeinsam bei der Maisernte, bereiteten Humitas (kleine Päckchen aus Maisblättern mit einem Teig aus gemahlenem Mais) zu und spielten Fußball mit den Mädels. Am letzten Abend haben wir gemeinsam getanzt, erst auf bolivianische Musik und anschließend haben Jan Philipp und ich Disco-Fox und Cha-Cha-Cha gezeigt und den Mädels etwas beigebracht.

Humitas – Maispäckchen befüllen

Anschließend sind wir gemeinsam für knapp zwei Wochen gereist. Zunächst haben wir meine Gastfamilie in La Paz besucht. Ich habe mich riesig gefreut, alle nach 8 Monaten wieder zusehen. Von La Paz aus sind wir für zwei Tage an den Titicacasee gefahren, haben dort ganz viel leckeren frischen Fisch gegessen, sind auf die Sonnen- und die Mondinsel gefahren.
Zurück in La Paz ging´s einen Tag später per Fahrrad die „Ruta del Muerte“ (Todesstraße) runter. Diese Straße verdankt ihren Namen vergangenen Zeiten, als sie der einzige Weg zwischen La Paz und dem Ort Coroico im Tiefland war. Zu dieser Zeit kam es zu vielen Unfällen, da auf dem schmalen Weg zwei LKWs kaum aneinander vorbeipassten und oft einer den tiefen Abhang hinunter viel. Für Fahrräder ist aber genug Platz und Gegenverkehr gibt es auch keinen mehr. Nach den 55 km Downhill taten mir ganz schön die Hände und mein Hintern weh und ich war froh als wir in unserer Unterkunft in Coroico ankamen. Coroico ist ein kleiner Ort in den Yungas, dem Urwald. Er liegt auf 1700 Metern Höhe, dadurch ist es dort schön warm. Wir blieben für zwei Tage hier und genossen den Anblick auf die Berge.

Der Ausblick auf die Yungas von Coroico aus

Um wieder nach La Paz zu kommen, nahmen wir einen Trufi, einen der kleinen Busse, die rund um die Uhr fahren. Nachdem wir nochmal eine Nacht bei meiner Gastfamilie geschlafen hatten, ging es zurück nach Sucre und von dort aus für Jan Philipp Richtung Heimat und für mich nach Santa Cruz.

 

Treffen der Hermandad

Santa Cruz ist die größte Stadt in Bolivien und eigentlich für ihr heißes, feuchtes Klima bekannt. Das galt allerdings nicht für dieses Wochenende. Dank des Dauerregens stiegen die Temperaturen kaum über 15° C an. Einerseits angenehm, andererseits nicht, wenn man auf Hitze eingestellt war und daher kaum entsprechende Klamotten dabei hatte. Das Treffen fand in einer Schule statt. Eingeladen waren alle Hermandad-Gruppen aus der „Zonal oriente“ also dem Tiefland. Gemeinsam wurde zu verschiedenen Themen gearbeitet und sich ausgetauscht. „Tenemos trabajo, tenemos dignidad“ (Wir haben Arbeit, wir haben Würde) war z.B. eins dieser Themen. Außerdem stand ein gemeinsamer Besuch der Messe mit dem Erzbischof von Santa Cruz auf der Agenda. Dieser fand morgens um 7 Uhr statt. Die Kirche war dennoch voll. Wenn man bedenkt, dass bei späterer Stunde normalerweise eine unerträgliche Hitze herrscht, ist es gut nachvollziehbar, dass die meisten gerne früher aufstehen.

 

Zurück im Internat

Einsetzen der Samen

Ende Mai bekam ich die Gelegenheit an einem Workshop über gesunde Ernährung und Gemüseanbau teilzunehmen. Dieser wurde von der Institution veranstaltet, die sich in Chuquisaca um die Ernährung in den Schulen kümmert. Am ersten Morgen bekamen wir einen Vortrag über die adäquate Lagerung von Lebensmitteln, über gesunde und ausgewogene Ernährung und über Gemüsezucht gehalten. Nachmittags ging es dann zum ersten praktischen Teil, dem Kochen über. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern bereiteten wir z.B. Hamburger aus Linsen oder „Fleisch“-Bällchen aus Soja zu. Alles aus den Zutaten, die die Bildungseinheiten, wie Schulen oder unser Internat von der Institution gestellt bekommen. Am darauffolgenden Morgen versammelten sich alle Teilnehmer im Garten der Grundschule. Hier folgte die zweite Praxiseinheit. Wir lernten zum Beispiel, wie man aus vorhandenen Materialien Werkzeuge herstellen kann, Beete richtig anlegt, Samen setzt und bewässert. Ich habe wirklich eine Menge erfahren und richtig Lust bekommen, ein eigenes Gemüsebeet anzulegen.

 

Laternenamzug am Vorabend des 25. Mai

Der 25. Mai ist in Chuquisaca, in dem Departamento, in dem ich lebe, ein großer Feiertag. Denn vor 208 Jahren (1809) wurde hier der erste Schrei nach Unabhängigkeit Südamerikas laut. Nach 16 Jahren des Kampfes gegen die Spanier konnte im Jahre 1825 endlich der Unabhängigkeitserklärung von Antonio José de Sucre unterzeichnet werden. Ihm verdankt die Hauptstadt Sucre ihren Namen. Um an diesen großen Tag zu erinnern, finden bereits am Abend des 24. Mai Laternenumzüge statt, auch bei uns in Pampa Huasi. Alle Beteiligten hatten Laternen in rot-weiß gebastelt, in Anlehnung an die Flagge Chuquisacas. Nach dem Umzug durch die Straßen versammelten sich alle in der Sporthalle. Es wurden die verschiedensten traditionellen Tänze aufgeführt. Die Mädels aus dem Internat hatten sogar zwei einstudiert, die sie der Dorfgemeinschaft an diesem Abend präsentierten.
Am Morgen darauf versammelten sich alle Schüler mit Fähnchen auf der Straße, es wurde über die damaligen Ereignisse informiert, Gedichte rezitiert und die Nationalhymne gesungen. Abschließend liefen wird nochmal alle gemeinsam durch die Straßen und es wurden Sätze wie „Viva el 24 de mayo“ („Es lebe der 25. Mai“) oder „Gloria à Simon Bolivar“ („Ruhm für Simon Bolivar“, südamerikanischer Freiheitskämpfer) gerufen.

Neben diesem ruhmreichen Tag, wird am 24. Mai auch an eine Schreckenstat vor 9 Jahren gedacht. Am 24. Mai 2008 kam es in Sucre zu Ausschreitungen gegenüber der indigenen Bevölkerung. Sie wurde gedemütigt, musste auf dem Zentralplatz vor den Stadtbewohnern auf die Knie fallen und wurde brutal zugerichtet. Um über dieses Unrecht aufzuklären wird an diesem Datum der Tag gegen Rassismus und Diskriminierung begangen. Alle Bildungseinheiten, also auch wir als Internat, sind dazu aufgerufen, über das Unrecht, das den Menschen damals wiederfahren ist, aufzuklären.

Ein weiterer Feiertag ist der 06. Juni, Tag des Lehrers. In Pampa Huasi wurde dieser schon einen Tag früher gefeiert. Auch hier fand wieder ein Umzug durch die Straßen Pampa Huasis statt. Den Lehrern wird so für ihre Arbeit gedankt. Abends war ich zu einem gemeinsamen Essen mit den Lehrern eingeladen. Es wurden Reden gehalten und es gab einen leckeren Schweinebraten mit Süßkartoffeln, Kartoffeln und Mais.

Das Essen am „Tag des Lehrers“

Außerdem wurde an diesem und dem darauffolgenden Tag ein Fußballturnier veranstaltet. Wir vom Internat stellten zwei Mannschaften. Ich durfte auch in einer der beiden mitmachen. Wir waren die Mannschaft, die eigentlich nur zum Spaß angetreten war, während sich die anderen Chancen auf den Sieg ausrechneten. Letzten Endes belegten aber wir, die „schlechtere Mannschaft“ den zweiten Platz des Turniers und verfehlten den ersten sogar nur knapp. Nicht verfehlt hat leider ein Ball einer Gegnerin mein Gesicht, sodass meine Brille etwas zu Schaden gekommen ist. Die letzten drei Monate muss es jetzt wohl ein geklebter Bügel tun. Das Fußballturnier war dennoch ein Riesenspaß und ich bin froh, dass ich teilnehmen durfte.

Das waren die Highlights der letzten zwei Monate. Worüber ich mich außerdem riesig gefreut habe: Die Maschine, mit der man Muster stricken kann, funktioniert wieder. Diese war seit längerem kaputt, ich wollte sie aber so gerne mal ausprobieren. Für mich ist das ein bisschen wie Zauberei, man spannt eine Schablone in die Maschine, setzt zwei Fäden ein und muss nur noch einen Teil hin und her schieben und es wird Reihe um Reihe gestrickt. Die vielen Handarbeiten, die ich hier lernen und machen kann, werden mir sicherlich fehlen, wenn ich wieder in Deutschland bin.

Langsam geht’s in den Endspurt, noch knappe drei Monate. Ich freue mich, auf das, was mich noch erwartet. Bis in zwei Monaten!

Herzliche Grüße

Teresa