Brasilien: 5. Rundbrief von Judith Demerath

Ich war einmal fremd hier, kannte niemanden. Ich habe mich mal fremd gefühlt in dieser Familie. Ich habe mich einmal nutzlos gefühlt auf der Arbeit. Und jetzt? Jetzt habe ich hier Freunde und Hobbys, habe Aufgaben auf der Arbeit, diese anfangs fremde Familie ist meine zweite Familie. Ich habe gute und schlechte Tage, bin traurig, glücklich; genervt, zufrieden; müde, motiviert,…Mein Leben hier ist so etwas wie normal geworden. Ich bin auch hier zuhause, gehöre dazu, habe einen Alltag. Die Fremde Brasilien ist auch Heimat geworden…

Hallo ihr Lieben,

Und deshalb fällt es mit heute auch etwas schwerer anzufangen. Es sind weniger Ereignisse über die ich Euch berichten kann, es sind eher Momente, die ich mit sehr lieb gewonnen Menschen teilen durfte, das Gefühl von Alltag und Normalität, das ich mehr und mehr spüre.

Alltag ist häufig recht negativ behaftet, meiner Meinung nach. Ich denke da schnell auch an Trott, immer das Selbe jeden Tag… In gewisser Weise ist es das ja auch. Aber einen Alltag zu haben, heißt auch, zuhause zu sein. Nicht die großen Reisen und besonderen Erlebnisse machen den Tag besonders, sondern kleine Momente, die mir im Alltag begegnen. Ich denke da an meinen witzelnden Bruder, der sich schon wieder belustigt über die Mutter aufregt oder ein sehr vertrautes Gespräch nach der Arbeit mit der Köchin Dora, die mir eine sehr gute Freundin geworden ist. Oder auch eine Busfahrt an den Strand, mit all dem Rummel und der Hitze um mich herum. Oder das Abendlicht, wenn ich von der Arbeit am Nachmittag nachhause fahre. Oder das gemeinsame Lachen mit Freunden. Oder das zufällige Begegnen von einem Freund auf der Strasse. All das erfüllt mich und zeigt mir irgendwie auch, dass ich einen großen Wunsch erfüllen konnte: in einer fremden Kultur und einem fremden Land heimisch zu werden. Das ist mir unglaublich wertvoll.

Natürlich gibt es auch Dinge, die ich nicht gut finde in dieser brasilianischen Kultur. Es ist nicht alles schön und super hier! Aber das geht mir mit der deutschen Kultur genauso.

Und natürlich gibt es auch Tage an denen ich schlecht drauf bin, keine große Lust habe und nicht überglücklich bin. Aber die gibt es auch in Deutschland. Glück und Freude sind nun mal keine Gefühle, die ständig da sein können. Wenn wir nicht einmal traurig und lustlos sind, dann würden wir nie verstehen, wie schön es ist, richtig glücklich und fröhlich zu sein. Dieser Gedanke hilft mir hier immer über die etwas schlechteren Tage hinweg.

 

Aber trotzdem gibt es aber auch zusätzlich noch ein paar Erlebnisse über die ich euch berichten möchte:

Das ”festa do inverno” (=Winterfest) in Pedro ll
Vergangenes Wochenende fuhr ich mit meiner Gastschwester Valeria nach Pedro ll zum festa do inverno. Das ist ein recht bekanntes Fest in dieser Region, bei dem national bekannte Musiker auftreten und sehr viel Kunsthandwerk verkauft wird, wie zum Beispiel Schmuck mit dem Opal. Dieser wird nämlich in Pedro ll abgebaut. Aber auch Hängematten, gewebte Matten, Kleidung und vieles mehr. Es war ein sehr schönes Wochenende! Es gab Reggae, Samba, Rock, Blues und Jazz, tagsüber sind wir einmal zum Gritador gefahren, ein  Aussichtspunkt in der Nähe von Pedro ll und meine Gastschwester und ich hatten einfach mal mehr Zeit als Freunde zu verbringen. Zur Erklärung: meine Gastschwester ist gleichzeitig auch meine Ansprechpartnerin hier, sodass wir häufig nur über die Arbeit und Organisatorisches sprechen und weniger einfach freie Zeit miteinander verbringen.

Hier haben wir uns eine Fazenda in Pedro ll angeschaut. Auf dem Foto sieht man die Produktion von Zuckerrohrsaft, der aus dem Zuckerrohr gepresst wird.

Pedro ll hat mir auch sehr gut gefallen! Es ist eine kleine Stadt etwas weiter vom Meer entfernt. Es gibt viele antike Häuser dort und jeder kennt jeden. Das hat mir sehr gut gefallen!

 

 

 

 

Mein Geburtstag voller Ueberraschungen
Ein weiteres schönes Erlebnis war mein Geburtstag vor ein paar Wochen.
Morgens direkt eingestimmt wurde ich von meiner singenden Gastschwester, die in unserem Zimmer ein Ständchen “tanzte”. Das war ein wundervoll süsser Moment!
Auch auf der Arbeit habe ich ein Ständchen und sogar einen Kuchen bekommen. An dem Tag war sogar Zeit, neben den Hausaufgaben noch ein bisschen mit den Kindern zu spielen und zu malen. Das war wirklich schön!


Abends hatte ich zwei Freundinnen eingeladen und meine Gastmutter hat einen Maiskuchen und ein Maisgetraenk fuer mich vorbereitet. Darauf hatte ich mich schon sehr gefreut.
Plötzlich sind dann abends noch wesentlich mehr Freunde und Bekannte aufgetaucht. Valeria brachte dann auch noch eine Riesentorte für mich mit und es gab Musik und wir haben viel getanzt und gelacht. Das war wirklich eine riesen Überraschung für mich und ich werde diesen Tag wohl nie mehr vergessen!

Mein Gastvater und ich

Festas juninas (=Junifeste)
Ein sehr großes Ereignis zur Zeit sind auch die Festas juninas. Man kann sie ein bisschen mit Karneval vergleichen. Es handelt sich dabei um ein sehr traditionelles Fest des Nordostens. Es gibt traditionelle Musik und Tänze, die in jeder Stadt aufgeführt werden. Dazu zählen die Quadrilha, die etwas freier gestaltet wird und zum Beispiel auch ganz spontan auf Festen zusammen getanzt wird, und es gibt die Aufführung des “Boi” (=Stier). Diese Aufführung ist etwas aufwendiger. Es gibt viele verschiedene Rollen und eine Art Geschichte steht hinter dem Tanz.
Das ganze findet auf den Strassen und Plätzen der Stadt statt und die Veranstaltungen sind Gesprächsthema in aller Munde.
So war ich auch hier mehrmals Quadrilhas und Aufführungen vom “boi” gucken. Es hat mir unglaublich gut gefallen. Die  Tänze wurden hier als eine Art Wettbewerb aufgeführt. Die Gruppe mit der besten Aufführung hat dann gewonnen. Dabei gab es Kinder- und Erwachsenengruppen. Hier in Parnaiba beginnen die Gruppen schon ein Jahr vorher für die Shows zu proben.
Ich war sehr beeindruckt von den Shows, da eine Gruppe wirklich unglaublich viele Personen hatte und sie haben sich super organisiert und sehr synchron getanzt! Das war echt ein riesen Schauspiel!
Nach den Aufführungen ging das Fest dann noch mit in paar Forróbands weiter und ich kam nochmal ein bisschen zum Forrótanzen. Das hat mir richtig Spaß gemacht!

Tja, was gibt es sonst noch zu erzaehlen?

Auf der Arbeit ist alles recht normal geworden. Ich mag die Arbeit sehr sehr gerne  und freue mich jeden Tag, die Kinder zu sehen. Ende Juni wurden die Centros wegen Schulferien nochmal über den Juli geschlossen. Zum Abschluss vor den Ferien haben wir mit den Kindern eine kleine “festa junina” in den Centros veranstaltet. Es wurde gespielt, getanzt und gab “Chá de burro” (so etwas wie Michreis, nur mit Mais statt Reis). Das war ein sehr schönes Abschiedsfest und wir haben viel gelacht!

Hier beim Quadrilhatanzen im Centro

Tja und nun kann ich die verbleibenden Wochen mit den Kindern schon nur noch an einer Hand abzählen. Das ist ein sehr komisches Gefühl und so ganz realisieren kann ich es nicht…

 

 

 

Deutschstunden
Seit einigen Wochen gebe ich ein paar Interessierten Deutschunterricht. Einmal in der Woche treffen wir uns abends und es sind immer sehr lustige Gesprächsrunden. Mir gefällt das sehr gut, weil wir uns viel austauschen und die Atmosphäre sehr angenehm ist. Es geht nicht nur darum, deutsch zu lernen, sondern auch ein paar Dinge über Deutschland und die Kultur zu erfahren. Auch ich lerne immer wieder weiteres über Brasilien und auch die Sprache.

 

Zum Abschluss möchte ich durch ein paar Bilder noch einen Eindruck von meinem Leben geben:

Daniel und seine Schwester Jenifer. Wir hatten viel Spaß mit der Straßenmalkreide…
Beim Twister spielen
Wochenendausflug zu einer Wasserquelle in der Nähe von Parnaiba. Es war das Paradies!
Beim Spielen mit dem selbstgemachten Bolicho (Kegeln) (Leider lässt sich das Bild einfach nicht drehen, tut mir leid)

So, das wars jetzt erstmal von mir. Ich hoffe, ihr habt einen weiteren kleinen Eindruck in mein Leben hier bekommen. Ich freue mich, von Euch zu hören!

Ganz liebe Grüße,
Eure Judith