4. Rundbrief von Lisa Richertz aus Ruanda

Schulsystem
Viele Menschen können gar nicht richtig nachvollziehen, wieso ich mich in meiner Einsatzstelle vielleicht nicht so hundertprozentig wohlfühle. Nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht habe woran es liegen könnte bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es einfach das System ist, mit dem Kinder hier unterrichtet werden. Und da mein Projekt nun mal eine Schule ist muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich möchte auf gar keinen Fall sagen, dass es hier schlechter oder falsch ist. Es ist für mich einfach nur anders und mit anders muss ich erstmal klarkommen. Schnell verfällt man in das Verhalten die Situation bewerten zu wollen, ich denke das ist menschlich und passiert automatisch. Um verstehen zu können wovon ich spreche werde ich einfach mal das Schulsystem hier erläutern. Es gibt private kirchliche Schulen und öffentliche vom Staat finanzierte. Auch hier nochmal zur Anmerkung kann ich nur über Grundschulen sprechen da meine Einsatzstelle dies ist.

Meine Schule ist eine private Schule die der katholischen Kirche gehört. Dementsprechend sind auch die Schulgebühren unverhältnismäßig teuer aber auch das Lehrpersonal weiter ausgebildet und der Stoff der unterrichtet wird anspruchsvoller. Meist können Kinder in der 3. Klasse sich auf Englisch verständigen was gar keine Selbstverständlichkeit hier ist. Die privaten Schulen können auch ihre eigenen Regeln machen, längeren Unterricht und auch Unterricht am Wochenende. Die generellen Begebenheiten an meiner Schule sind grundsätzlich sehr gut. Es gibt einen Schulbus, Mahlzeiten in der Schule, ein wunderschönes Gebäude, einen Computerraum, eine Bücherei und ein Fußballfeld. All diese Standards sind sehr hoch für Schulen in Ruanda. Nun zu den Dingen die mir eher Probleme bereiten, da ich sie aus meiner Kultur nie kennen gelernt habe. Zunächst einmal sind pro Klasse ca. 40-50 Kinder vorhanden. Das erschwert  das Unterrichten sehr und es wirkt, als könnte auf die Problematik einzelner Schüler nicht richtig eingegangen werden. Darüber hinaus ist es hier auch normal, die Kinder als Bestrafungsmethode zu schlagen. Dies klingt für Menschen aus Deutschland erstmal sehr dramatisch und schlimm und auch ich hatte diese Empfindungen als ich hier ankam. Mittlerweile finde ich es immer noch nicht gut und könnte es auch selbst niemals tun allerdings habe ich gelernt zu akzeptieren, dass es ihre Kultur und ihr System ist, was in Deutschland vor einigen Jahren ja auch noch genauso war. Was falsch und richtig ist kann man nicht beurteilen denn beide Systeme funktionieren für die jeweiligen Länder. Womit ich allerdings die größten Probleme hatte und immer noch habe ist, dass die Kinder hier vom selber denken abgehalten werden.

Ich wurde so erzogen ob zu Hause oder auch in der Schule, dass es gut ist, Dinge zu hinterfragen und kritisieren. Hier allerdings ist das alles gegenteilig. Die Schüler bekommen etwas gelehrt und müssen dies wiederholen. Etwas zu hinterfragen gilt als respektlos gegenüber des Lehrpersonals. Dies spiegelt sich auch ganz extrem in der Mentalität der gesamten Bevölkerung wieder. Sie nehmen Dinge gerne so hin wie es ihnen gesagt wird. Daran zu Zweifeln oder gar Kritik auszuüben wird hier nicht getan. Das gilt sowohl für die Politik aber auch bei ganz banalen Alltagsdingen oder Streitigkeiten. Es wird immer lieber geschwiegen anstatt irgendwas Negatives aufkommen zu lassen. Auch hier kann man sich darüber streiten welches System besser ist. In meiner Auffassung sollten Kinder frei sein ihren eigenen Charakter zu entwickeln und kritisch die Welt zu betrachten und nicht alles blind als die eine Wahrheit für sich annehmen. Ich glaube, dass aufgrund dieser Mentalität auch viel Unwissenheit gegenüber wichtigen Themen wie z.B. HIV, Religion oder Weltgeschichte herrscht. Aus mehreren Gesprächen über diese Thematik habe ich erfahren, dass Menschen hier gerne den `einfacheren Weg` bzw. den Weg mit den möglichst wenigen Negativitäten wählen. Mir ist auch bewusst, dass es nicht gleichzeitig bedeutet dass die Menschen hier unglücklicher sind, ganz im Gegenteil. Aber prinzipiell ist es für mich manchmal sehr schwierig, weil auch ich mit meiner offenen Weltanschauung gelegentlich kritisiert oder nicht ernst genommen werde. Grundsätzlich kann man aber doch sagen, dass die Tendenz in den jüngeren Generationen eher zur Neugier geht, auch wenn dieser Prozess noch lange dauern wird und noch einige Diskussionen mit Menschen aus anderen Kulturen beinhaltet. Man könnte, wo wir beim Thema sind, kritisch betrachtet sagen, dass ich mit meiner Erziehung hier hin komme und davon ausgehe, dass eine Veränderung stattzufinden hat bzw., dass es besser ist wenn sich etwas ändert. Und ganz objektiv kann ich dabei auch nicht sein weil es ja nicht ohne Grund meine Überzeugung ist. Allerdings habe ich hier auch gelernt, dass Dinge die anders sind nicht gleich das schlechtere sind und dads man durchaus in dieser Kultur und Mentalität sehr viele positive Aspekte vertreten sind.

Ich glaube das Geheimnis, um auf beiden Seiten die guten Dinge rauszuziehen, sind genau solche Freiwilligendienste wie dieser, denn der bringt ohne Bewertung oder finanziellen Nutzen einfach nur den Austausch zwischen zwei Kulturen, bei der jeder für sich ganz alleine entscheiden kann ob oder wie viel er mitnehmen möchte. Es gibt nämlich durchaus sehr viele Punkte die auch ich mir von dieser Kultur angeschaut, als gut befunden und sie in mein Leben integriert habe. Da es ein rein theoretisches denken ist und ich dazu schwer Bilder aufnehmen konnte füge ich im Anhang einfach noch einige Impressionen von meiner Schule hinzu:

 

Mit den Schulkindern
Die Schule
In der Pause
Kinder im Unterricht
Kinder beim Spielen
Kinder in der Pause