Bolivien: 2. Rundbrief von Teresa Zwick

Liebe Familie, Freund, Unterstützer und Interessierte,

ich kann es kaum glauben, dass mein letzter Rundbrief schon 2 Monate her sein soll… Aber mein Kalender kündigt mir an, dass jetzt die Adventszeit losgeht, es ist also Dezember und hier ist Sommer. Schon ein komisches Gefühl. In den sozialen Medien sehe ich die Bilder aus Deutschland: Schals, Mützen, gefrorene Felder und ich backe Kekse im T-Shirt. Jetzt aber erst Mal von Vorne…              

Die im letzten Rundbrief angekündigte erste Reunión Anfang Oktober fiel für mich und Aaron letzten Endes doch ins Wasser, da sie immer wieder verschoben wurde, wir aber nicht so lange in Sucre bleiben konnten. Dafür hatten wir die Möglichkeit an der 24h-Stunden-Aktion der Fundación teilzunehmen. Diese ist sozusagen das bolivianische Pendent zur 72h-Stunden-Aktion des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend), mit dem Unterschied, dass die 24h-Aktion hier sehr viel häufiger stattfindet. Es gibt verschiedene soziale Projekte in der ganzen Stadt und auch auf dem Land. Ich durfte bei einem Erste Hilfe Kurs für Schüler dabei sein und anschließend beim Müllaufsammeln helfen. Es wurden z.B. auch Bäume gepflanzt und Essen gesammelt.

Als ich nach Pampa Huasi zurückkam, stellte ich zunächst fest, dass in meinem Zimmer eine Wand fehlte. Zur Innenseite des Internats hin bekam ich nämlich eine Tür eingesetzt, sodass ich nun auch nachts die Möglichkeit habe, ins Internat zu können. Bis alles fertig war, durfte ich nun im Computerraum übernachten, in den die Mädels schon meine, in Pampa Huasi gebliebenen Sachen, gebracht hatten. Mein Aufenthalt war auch diesmal nicht von langer Dauer: Nach einer knappen Woche musste ich zurück nach Sucre, da das Internat für das darauffolgende Wochenende geschlossen hatte. Um dann nicht tatenlos in der Stadt rumzusitzen, fragte ich die Fundación nach einer Aufgabe. Diese war auch schnell gefunden: Ich durfte einen Computerkurs für das Internat planen, um den Bewohnerinnen das Arbeiten mit PCs näher zu bringen. Zurück auf dem Land fing ich auch gleich mit dem Unterricht an, der sich jedoch schwieriger als erwartet, gestaltete. Da ich bis dahin noch keinen Beamer zur Verfügung hatte, musste ich quasi jedem Mädchen an jedem Computer für sich die Funktionen erklären. Hinzu kam noch, dass ich diese Woche alleine ohne Otiliana, die Leiterin, im Internat mit den Mädels war, weshalb die Bereitschaft etwas zu lernen etwas nachließ. Das galt nicht nur für den Computerkurs, sondern auch für den abendlichen Schulunterricht. Es war ziemlich anstrengend.
Auch Otiliana beklagt sich oft über die fehlende Motivation, die wir sicherlich auch von Jugendlichen in dem Alter in Deutschland kennen. Doch hier wollen viele lieber in den Städten arbeiten, um Geld zu verdienen, statt in die Schule zu gehen. Lernen wird als Zeitverschwendung angesehen. Dass sie, um später gute Chancen und Verdienstmöglichkeiten zu haben erst mal eine solide Ausbildung brauchen, sehen sie nicht. Und das ist es schließlich, wofür es dieses Projekt gibt: Um Perspektiven zu schaffen. Einmal, indem sie etwas Handwerkliches lernen, wie Stricken mit der Maschine oder Nähen und zum Anderen, indem sie in die Schule gehen können und jetzt auch Computer-Kenntnisse erwerben.
Wenn die Mädchen ins Internat eintreten, dürfen sie sich zwischen den Bereichen Nähen und Stricken entscheiden. In einem der Bereiche machen sie dann für die nächsten zwei Jahre eine Ausbildung. Danach besteht für alle die Möglichkeit, nochmal zwei Jahre in dem anderen Bereich zu lernen. Doch das nimmt kaum jemand wahr. Und das, obwohl sie nach vier Jahren in der Schule ihr Bachillerato (also Abitur) machen könnten, welches ihnen ermöglicht zu studieren. Doch alle zieht es in die Städte in der Hoffnung auf bessere Verdienstmöglichkeiten. Auch für die Fundación hat das Folgen. Während vor ein paar Jahren noch 40 Schülerinnen hier lernten, sind es jetzt jährlich nur noch zwischen 8 und 15. Neben den Jugendlichen bietet das Internat aber auch Frauen aus dem Dorf die Möglichkeit, Ausbildungen zu machen. Im nächsten Jahr sollen sie ebenfalls am Computerkurs teilnehmen. Dieser ist Teil der Ausbildung, konnte in den letzten Jahren aber nicht realisiert werden.

 

Mein Geburtstag
Auch meinen Geburtstag verbrachte ich auf dem Land. Den Tag zuvor hatte ich mit ein paar der Mädels Kuchen gebacken und es wurden Rollos de Queso, ein Gebäck mit Käse, vorbereitet. Das alles, sowie einen Orangen-Kuchen gab es dann zum Frühstück. Da an diesem Tag auch zwei Pfarrer im Dorf waren, die noch zu einer Kommunion und Firmung und zu einer Hochzeit mussten, blieb ich nicht im Internat, sondern machte mich mit ihnen auf den Weg. Erst fuhren wir nach San José de Alisos, einem kleinen Dorf, eine Stunde von Pampa Huasi entfernt. Insgesamt gingen 120 Kinder und Jugendliche zur Firmung oder Kommunion. Die Kirche hier war ein Raum mit kleinem Podest, auf dem ein Tisch als Altar diente. Bänke oder Stühle gab es keine. Die Messe war sehr schön. Während die Kommunionkinder bei uns in Kleid und Anzug gekleidet sind, hatten sie hier ein weißes Band um die Stirn gebunden, die Firmlinge ein rotes. Nach einem leckeren Mittagessen, ging es für uns weiter nach Inca Pampa, wo die Hochzeit stattfand. Die Bräute trugen normale Alltagskleidung, doch man erkannte sie an einem Band mit Blüten, das sie sich um den Kopf gebunden haben. Die Männer trugen einen bunten Schal. Auch mit der Zuneigung in der Öffentlichkeit ist es hier etwas anders: Für die Brautpaare war es zum Beispiel eine große Überwindung, sich vor der versammelten Dorfgemeinschaft zu küssen.
Mein Geburtstag war also sehr erlebnisreich und ich bin froh, dabei gewesen zu sein.
Als ich einen Tag später nach Sucre kam, konnte ich auch hier noch etwas weiter feiern. Da zu dem Zeitpunkt auch Peter Nilles, der Geschäftsführer von SoFiA, in Sucre war, kam auch Sophie aus Potosí angereist. Gemeinsam mit ihr bereiteten Aaron und ich eine leckere Lasagne als Geburtstagsessen zu. Am nächsten Nachmittag bekam ich außerdem von der Fundación eine riesige Sahnetorte mit meinem Namen und ein Ständchen von den Mitarbeitern gesungen. Anlässlich meines Geburtstages konnte ich auch mein erstes Päckchen aus Deutschland öffnen. Das Päckchen von meinen Eltern erreichte mich leider nicht pünktlich.
Am nächsten Morgen fuhren Sophie, Aaron, Peter und ich gemeinsam mit Ader, dem Chef der Fundación, für einen Projektbesuch in den Ort Tomina. Hier bekamen wir zunächst von Schülern selbstgedrehte Videos gezeigt, die auf verschieden Probleme, wie die Vermüllung in den Städten und auf dem Land, aufmerksam machen sollten. Im Anschluss war noch Zeit für Fragen an die Schüler und an bolivianische Freiwillige der Fundación, die für ein paar Monate Projekte auf dem Land unterstützen.

 

Die letzten Wochen vor den Ferien im Projekt
Bei der für uns ersten Reunión Anfang November durften Aaron und ich von unserer Arbeit in den Projekten berichten. Ich erzählte von dem Computerkurs und von den Schwierigkeiten, ohne Beamer zu arbeiten. Für die folgenden Monate wurde uns daraufhin ein Beamer geliehen. Damit klappte es auch viel besser. Montags bis freitags gab es nachmittags drei Stunden Unterricht. Die essenzielen Funktionen von Word haben wir  durchgesprochen und ausprobiert. Unter anderem bereitete ich auch einen kleinen Test für die Mädels vor, da sie am Ende des Schuljahres auch Noten bekommen sollten.
Da wir seit zwei Wochen eine zusätzliche Lehrkraft, die den Nähunterricht hält, haben, ist jetzt Vieles leichter zu planen und zu organisieren. Otiliana muss so nicht mehr zwischen dem Nähkurs und dem Strickkurs hin- und herpendeln und ist deutlich entlastet. Die letzten Wochen waren trotzdem ziemlich anstrengend, da die Notenbücher ausgefüllt, die Abschlussfeier vorbereitet und vieles übers Jahr Liegengebliebene erledigt werden musste. So hatte ich auch viele administrative Aufgaben zu erledigen: Zum Beispiel gestaltete ich einen Flyer mit Einladung und Programm und ein Mosaik mit Fotos der abgehenden Schüler für die Abschlussfeier, ich erstellte Tabellen zum Eintragen der Noten und half Otiliana diese auszufüllen.

Zwischendurch gab es auch mal Zeit, um z.B. die „Schulfeste“ in den Schulen im Dorf zu beuschen. So gab es zunächst in der Escuela secundaria, also in der Schule für die älteren Schüler, einen Tag, an dem alle Klassen etwas austellten und eine Woche später dann in der Escuela primaria (Grundschule). Unter den ausgestellten Sachen, waren Dinge wie Lampen aus wiederverwendeten Flaschen, die im Kunstunterricht gestaltet wurden, oder Spiele zum Üben von Multiplikation. Mit Multiplikation beschäftigten wir uns auch im Internat, da für die Mädels ein Test anstand. Statt also die hier sehr beliebten Musik-DVDs zu schauen, stand abends ab und zu eine Abfragerunde auf dem Plan. Letztendlich hatten es dann alle drauf und dem Test stand nichts mehr im Weg.

Im Internatsleben hat sich eigentlich nicht viel geändert. Ich habe mich gut eingelebt, helfe beim Kochen oder bei nicht anderen Aufgaben, wie der Kartoffelernte. Da wir so viele Kartoffeln hatten, die bis zu den Ferien gegessen werden mussten, standen diesen Monat dreimal täglich Kartoffeln auf dem Speiseplan. Außerdem durfte ich mich am Pizza backen versuchen, da die Mädels diese gerne mal probieren wollten. Leider nahm ich nicht nur normales Mehl, sondern ein gezuckertes, das hier für Nachspeisen verwendet wird. Die Pizza war folglich etwas süß.

Geimeinsame Kartoffelernte im Internat

Anlässlich der bevorstehenden Sommerferien gab es in der Dorfhalle ein großes Fest der Schule mit 27 Programmpunkten. Alle Klassen führten etwas vor: Es gab Sporteinlagen und verschiedenste traditionelle Tänze. Die Kostüme der Schüler waren größtenteils selbst genäht oder aus Pappe gebastelt. Wirklich beeindruckend, was die Lehrer mit ihren Schülern auf die Beine gestellt hatten. Am selben Tag wurden die neue Lehrerin und ich auch im Gemeinderat vorgestellt. Als Otiliana ein paar Worte gesagt hatte, waren ich dran: Auf Spanisch erzählte ich etwas zu meiner Person, doch die meisten verstanden mich kaum, sodass Otiliana nochmal auf Quechua übersetzte. Außerdem ist es in Bolivien üblich, wenn man anfängt vor mehreren Menschen zu reden, zunächst alle anwesenden Leute bzw. Gruppierungen einzeln zu begrüßen. Das habe ich leider noch nicht so drauf und vergesse es gut und gerne mal. Bis jetzt hat mir das zum Glück noch keiner übel genommen.

Am 1. Dezember fand auch bei uns im Internat eine Abschlussfeier statt. Mir wurde die Ehre zuteil, Patin für eine der abgehenden Schülerinnen zu sein. Kurz bevor es losging, erfuhr ich, dass ich ihr traditionell eine Blume schenken müsste. Also rannte ich nochmal schnell zu einem kleinen Laden, um eine zu besorgen. Als es dann wirklich losgehen sollte und sich alle Schülerinnen und der einzige Schüler, der auch die Ausbildung im Nähen gemacht hatte, schon in Reihe gestellt hatten, viel auf einmal der Strom aus. Normalerweise ist das nicht weiter schlimm, da man auf dem Land nicht darauf angewiesen ist, doch an diesem Tag hätten wir den Strom für die Übertragung mit dem Mikrofon gut gebrauchen können. So mussten die Redner eben etwas lauter sprechen. Meine Aufgabe als Patin bestand eigentlich nur darin, Marcelina nach vorne zu begleiten, wo sich alle Abschlussschüler während des Programms aufhielten. Es wurden viele Reden gehalten, die meisten davon auf Quechua, Zeugnisse überreicht (sogar ich durfte eins überreichen), am Schluss die Geschenke übergeben und mit Konfetti gratuliert. Die meisten bekamen Plastik-Eimer und Schüsseln geschenkt, sodass manche am Schluss bis zu zehn davon vor sich stehen hatten, und natürlich die besagten Blumen. Nachdem noch ein paar Fotos geschossen wurden, ging es ans Abbauen und dann zurück nach Sucre. Gerade als wir ins Auto einstiegen, ging ein heftiger Regen los. Das war perfektes Timing.

Auch Aaron war für die für freitags angekündigte Reunión wieder zurück in der Stadt. Doch diese wurde verschoben. Da Aaron jedoch in Santa Cruz auf einer Hochzeit eingeladen war, konnte er nicht bis montags warten. Für mich geht es nach der Reunión nach Azurduy, in ein Projekt mit Menschen mit Behinderung, wo ich für den Rest des Monats mithelfen darf. Ich bin schon sehr gespannt, was mich erwartet.

Sonstiges
Wie schon zu Beginn des Briefes erwähnt, ist es komisch, den Advent im Sommer zu verbringen. So richtig nach Weihnachten fühlt es sich einfach nicht an. Doch in meinen Paketen aus Deutschland, die ich am 02.12. auf der Post abholen konnte, befanden sich unter anderem auch Adventskalender, die wenigstens ein bisschen auf die Adventszeit einstimmen. Ein kleines Weihnachtswunder für mich war außerdem, dass ich alle drei Pakete, die für mich auf der Post lagen, mitnehmen durfte. Normalerweise bekomme ich nämlich einen Zettel von einer Mitarbeiterin der Fundación, mit dem ich dann zur Post gehe. Für ein Päckchen hatte ich diesen Zettel auch, nur eben nicht für drei. Als ich dann meine Päckchen sah, dachte ich schon, dass ich nochmal wiederkommen müsste. Aber wider Erwarten musste ich nur ein Zettel ausfüllen und unterschreiben, Briefmarken kaufen, um damit die Pakete zu bezahlen und bekam alle ausgehändigt.

Eine große Umstellung für mich ist es, meine Klamotten hier mit der Hand waschen zu müssen. Das beansprucht gut und gerne mal zwei, drei Stunden. Die Mütter der hiesigen Großfamilien mit um die neun Kinder sind wirklich nicht zu beneiden. Mittlerweile bin ich schon etwas geübter, aber am Anfang tat mir danach immer meine Hand weh und ich wusste auch nicht so recht, wie ich die Seife wieder aus meinen Klamotten raus bekommen sollte. Doch die Mädels aus dem Internat halfen mir. Apropos Wasser: Von der Wasserknappheit, wegen der sogar der nationale Notstand vom Präsidenten ausgerufen wurde, bekam ich recht wenig zu spüren. Auf dem Land änderte sich für mich nicht viel. Geduscht wird selten und wenn, nicht mit fließendem Wasser. Mittlerweile hat es aber hin und wieder geregnet, sodass sich die Situation meinem Gefühl nach zu urteilen schon etwas verbessert hat. Doch wie es in La Paz oder Cochabamba aussieht, die stärker davon betroffen waren, weiß ich nicht.

Bis zum nächsten Mal! Ich wünsche euch allen frohe Weihachten und einen guten Rutsch!

Ganz liebe Grüße

Teresa