Bolivien: 1.Rundbrief von Hanna Dehne

Mein erster Monat in La Paz

Hallo  ihr Lieben!

Es ist ja jetzt inzwischen doch schon relativ lange her, dass ich aus Deutschland gestartet bin und deshalb wird es so langsam aber sicher mal Zeit, Euch von meinen Erfahrungen und meinem Leben hier zu berichten.

Angefangen hat meine Reise am 5. August am Flughafen in Frankfurt, nach einem sehr tränenreichen Abschied habe ich es letztendlich doch geschafft, auf die andere Seite der Ticketkontrolle zu kommen und machte mich mit den 7 anderen Bolivien-Freiwilligen von SoFiA auf den Weg durch den Flughafen, auf der Suche nach unserem Gate. Während  dieser ganzen Reise wurde mir erst richtig bewusst, was wir für ein Glück hatten, nicht alleine reisen zu müssen. Alleine das richtige Gate und den passenden Flieger zu finden ist zwar sicher kein Hexenwerk, aber es ist doch viel angenehmer, das  Ganze zu mehreren zu machen und sich dabei weiterhin auf Deutsch unterhalten zu können.

Hinflug Bolivien 5.August 2016

Von Frankfurt sind wir dann erst nach Madrid, von dort aus nach Santa Cruz und dann schließlich nach La Paz geflogen. In Santa Cruz haben wir zum ersten Mal den bolivianischen Sinn für Zeit zu spüren bekommen und hätten dadurch fast unseren Flieger verpasst, weil die Einreisebehörde (zumindest nach dem deutschen Zeitgefühl) ihre Stempel sehr gemächlich verteilt hat.

Je näher wir La Paz kamen, desto größer wurden Anspannung und Vorfreude und irgendwann fiel uns auf, dass überhaupt keiner wusste, was nach unserer Ankunft dort auf uns zukommen würde. Deshalb schrieben wir schnell eine Nachricht an Daniel (der Freiwilligenkoordinator in Bolivien, er spricht wunderbarerweise Deutsch) und bekamen zur Antwort, dass er und unsere Gastfamilien uns erwarten würden. Das steigerte unsere Aufregung natürlich noch mal um Einiges.

Früh am Morgen des 6. Augusts (übrigens der Nationalfeiertag von Bolivien) kamen wir dann am Flughafen La Paz / El Alto an, wo, wie versprochen, alle auf uns warteten.

Flughafen El Alto – La Paz

Es muss von außen bestimmt sehr witzig ausgesehen haben, wie eine Gruppe von übermüdeten weißen Jugendlichen mit riesigen Koffern und Rucksäcken und eine Gruppe Bolivianer sich gegenüberstehen und neugierig beobachten, alle mit der Frage im Kopf, mit wem sie den kommenden Monat ihre Zeit verbringen werden. Nach der Begrüßung bekamen wir ein Blatt mit wichtigen Telefonnummern und Anweisungen für das bevorstehende Wochenende (neue Simkarte kaufen, den Weg zur Sprachschule zeigen lassen) und auf einmal wuchs auch die Angst in mir. Wir sollten das ganze restliche Wochenende alleine bei Menschen verbringen, die wir überhaupt nicht kannten und eine Sprache sprechen, die ich so gut wie gar nicht beherrsche. – Für die, die es nicht wissen: Ich hatte zwar mal drei Jahre Spanisch in der Schule, aber das ist inzwischen auch schon wieder zwei Jahre her und hängengeblieben ist davon bei mir nichts weiter als die Zahlen und eine Begrüßung .

Viel Zeit hatte ich aber nicht, um darüber nachzudenken, denn ich war die erste, die zugeteilt wurde. Und schon saß ich – nach einer schnellen Verabschiedungsrunde von den anderen Deutschen-  mit meinem Gastvater Juan Pablo im Auto seines Vaters und wir fuhren von El Alto runter nach La Paz. Im Auto kamen mir Sorgen auch überhaupt nicht mehr in den Sinn, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, gebannt aus dem Fenster zu schauen und ein kleines Gespräch mit Juan Pablo (auf Spanisch) und seinem Vater (auf Spanisch mit Englisch gemischt) zu führen.

erster Ausblick aus dem Auto auf La Paz

Angekommen in La Paz, wurde ich von Nagera (Juans Frau) und Sophie (ihre 1 ½ jährige Tochter) begrüßt, wir machten einen kleinen Rundgang durch die noch kleinere (aber dafür sehr gemütliche!) Wohnung und ich bekam erst mal einen Coca-Tee gegen die Kopfschmerzen, die ich von der Höhe bekommen habe (La Paz liegt immerhin auf 3600 Metern Höhe). Den Rest des Wochenendes hatten wir dann Zeit zum Eingewöhnen, Jetlag ausschlafen und erste Fortschritte im Spanischlernen zu machen. Dabei merkte ich schon, dass bei mir anscheinend doch mehr Spanisch hängengeblieben ist, als ich dachte! Vor allem die Tatsache, dass ich viel Französisch in der Schule gelernt habe, hat mir hier das Verstehen und auch das Sprechen um ein Vielfaches vereinfacht; die beiden Sprachen ähneln sich nämlich sehr. Dadurch wurde ich dann tatsächlich beim Einstufungstest des Sprachkurses in den B1 Kurs eingeordnet, was mich dann doch ein wenig stolz gemacht hat ;-).

 

Zusammen mit noch 8 weiteren deutschen Freiwillligen aus dem Bistum Hildesheim hatten wir drei Wochen lang  jeden Tag fünf bis sechs Stunden Spanischunterricht, was zwar (zumindest für die meisten von uns) sehr hilfreich war, aber doch auch sehr anstrengend. Nach oder vor dem Sprachkurs oder auch am Wochenende haben wir immer mal wieder Unternehmungen mit den Freiwilligen gemacht: wir waren zusammen essen, haben bolivianische Discoluft geschnuppert, haben uns zum Grillen getroffen und sind nach Tihuanacu (eine alte Inkastadt in der Nähe von La Paz) gefahren. Da wir ansonsten den ganzen Tag sowohl in der Sprachschule als auch zuhause immer nur Spanisch reden konnten, waren diese Treffen immer eine sehr willkommene Abwechslung, um das Gehirn ein bisschen zu entspannen und sich über die neusten Erfahrungen in den Gastfamilien und der bolivianischen Kultur auszutauschen.

Ausblick über La Paz (mit dem Teleférico im Hintergrund auf dem letzten Bild)

Außerdem hatten wir zwischendurch auch noch ein einwöchiges Einführungsseminar mit einigen anderen deutschen Freiwilligen, sodass wir insgesamt vier Wochen alle zusammen in La Paz waren, bevor wir über das ganze Land verteilt in unsere Projekte aufbrachen. Bevor es aber soweit war, hatten wir noch einen schönen Abschiedsgottesdienst mit allen Freiwilligen aus Trier und aus Hildesheim zusammen mit den Gastfamilien, der uns viel Mut für das bevorstehende Abenteuer mitgab.

Ich war sehr traurig, als ich mich nach den vier Wochen von meiner Gastfamilie verabschieden musste, denn ich verstehe mich wirklich richtig gut mit ihnen. Ich würde sogar wagen zu behaupten, dass ich es mit meiner Gastfamilie perfekt getroffen habe: meine Gasteltern sind noch sehr jung (23 und 28 Jahre alt) und wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge und konnten über alles reden. Außerdem ist ihre kleine Tochter einfach unglaublich süß und hat mein Herz im Sturm erobert, sodass sie inzwischen so etwas wie die kleine Schwester ist, die ich mir immer gewünscht habe. Alle drei haben mich super herzlich aufgenommen und schnell zu einem Teil ihrer kleinen Familie gemacht. Wir haben zusammen ihre Eltern besucht, sie haben mir die Stadt gezeigt und sie haben mich immer wieder egal wohin mitgenommen, um mir ein bisschen mehr vom bolivianischen Leben zu zeigen. Sie haben mir zudem den Anfang total erleichtert, dadurch dass sie die ersten Tage extra ‚harmloses‘ Essen für mich gekocht haben, bis mein Magen sich ein wenig eingewöhnt hatte. Insgesamt sind sie einfach eine super liebe und mit viel Humor gesegnete Familie, die mir den ersten Monat so weit weg von zuhause nicht einfacher hätte machen können.

Beim Abschied haben sie mich dann auch schon zur Taufe ihrer Tochter ein paar Monate später eingeladen, worüber ich mich natürlich riesig gefreut habe!

Meine Gastfamilie

Dann war es soweit, vom Terminal (Busbahnhof) in La Paz sind Helene (eine andere Freiwillige) und ich mit dem Nachtbus losgefahren nach Cochabamba, wo wir morgens um 6 ankamen und von unseren Verantwortlichen abgeholt wurden.  Juan Pablo – immer nur Juampi  genannt- ist mein Begleiter hier, er hat zwar nichts mit den Projekten zu tun, in denen ich arbeite, aber er ist sozusagen meine Familie und mein bester Freund hier und ist immer für mich da, wenn ich ihn brauche. Er hat mich vom Terminal abgeholt, wir sind zusammen mit dem Taxi nach Vinto (ein kleiner Vorort von Cochabamba) gefahren, es war nur noch möglich Spanisch zu sprechen und plötzlich kam doch auch bei mir die große Frage auf:  „Warum tust du dir eigentlich so einen Quatsch an, du bist komplett alleine und verstehst vielleicht die Hälfte von dem, was er dir sagt…..“ Aber dieser Gedanke war dann doch schnell wieder verflogen, denn Juampi ist einfach eine super liebenswerte gute Seele und schon im Taxi hat er mir von einer Tanzgruppe erzählt, in der ich mitmachen kann, sodass letztendlich die Vorfreude und Aufregung doch viel größer war als jede Angst oder Zweifel.

Hier erzähle ich euch dann im nächsten Rundbrief, sonst wird es, glaube ich, ein bisschen zu viel;-)

Noch ein kleines PS:

Um die Struktur des Freiwilligendienstes in Bolivien besser zu verstehen, muss ich euch noch kurz erklären, was die Hermandad ist. Zwar ist SoFiA meine Entsendeorganisation in Deutschland, aber hier gibt es sozusagen ein bolivianisches Gegenstück dazu, die Hermandad (übersetzt: Bruderschaft). Die Hermandad ist entstanden aus der Partnerschaft zwischen der Diözese Trier und der bolivianischen Kirche, zu der später Hildesheim dazugekommen ist und arbeitet im Namen der bolivianischen Bischofskonferenz. Was so erst einmal sehr kompliziert klingt, bedeutet einfacher gesagt, dass es hier einen sehr regen Austausch zwischen den beiden Ländern gibt und nicht nur Freiwilligendienste in beide Richtungen (Deutsche in Bolivien und Bolivianer in Deutschland) möglich sind, sondern darüber hinaus auch noch viele weitere Projekte erarbeitet und verwirklicht werden. Die Hermandad hat in jedem Teil dieses Landes viele Mitarbeiter und Abgeordnete, aber das Büro selber besteht aus genau vier Leuten mit Sitz in La Paz. Eine dieser vier Personen ist (bzw. war bis vor ein paar Tagen) Daniel, den ich ganz am Anfang schon erwähnte, denn er ist der Freiwilligenkoordinator der Hermandad und damit unser erster Ansprechpartner und Papa für alles.

So, wenn ich jetzt in den nächsten Rundbriefen die Hermandad erwähnen sollte (was ziemlich sicher der Fall sein wird!), wisst ihr wenigstens, von was ich spreche 😉

alle Freiwilligen von Trier und von Hildesheim
Sophie und ich in El Alto

 Ganz liebe Grüße

Eure Hanna