Bolivien, La Paz :“Palliri“ 1. Rundbrief von Gizem Günes

Endlich angekommen… ich kann meine Gedanken und Gefühle noch gar nicht richtig beschreiben…weil ich es selbst noch nicht fassen kann… ich bin in Bolivien …ich wollte an dem Projekt Palliri schon seit über einem Jahr teilnehmen und hier bin ich…wenn ich darüber nachdenke muss ich selbst den Kopf schütteln. Als ich meiner Familie und meinen Freunden davon erzählt hatte, dass ich ein FSJ in Lateinamerika absolvieren will, haben mich viele mit ganzem Herzen unterstützt und bewundernd angeschaut und viele waren begeistert. Natürlich gab es auch einige, die es als Wahnsinn gesehen haben. Bolivien, das Land in dem viele Vergewaltigungen und Raubüberfälle passieren könnten. Also, ich lebe noch. Wenn man vorsichtig und behutsam ist und sich dementsprechend verhält und anpasst, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Man ist auf der sicheren Seite. Ich bin eine Person die an das Schicksal glaubt. Auch bin ich überzeugt davon, dass wenn etwas passieren soll, sei es positiv oder negativ, also gute und schlechte Erfahrungen, würde das Schicksal  mich auch in Deutschland treffen. Es spielt keine Rolle, wo ich bin. Wenn es passieren soll, passiert es einfach. Ich muss sagen, ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gesammelt habe. Meiner Meinung nach gehören außerdem auch schlechte Erfahrungen dazu.

Ich bin jetzt schon seit über einem Monat in Bolivien und habe sogar angefangen, auf Spanisch zu träumen. Man sagt ja, erst dann ist man im Land angekommen. Ich weiß noch, wie ich einen Tag vor der Abreise im Bett gelegen habe und mich gefragt habe, was ich da eigentlich mache. Ein ganzes Jahr in einem fremden Land mit fremden Leuten weg von Zuhause, Freunden und Familie. Doch als ich den ersten Monat in El Alto in meiner Gastfamilie verbracht hatte, wurde mir eins klar: ab sofort hatte ich hier eine zweite Familie, meine fünf Brüder nicht zu vergessen. Was wiederum für mich eine neue Erfahrung ist, da ich in Deutschland nur zwei Geschwister habe. Ich bin so liebevoll und herzlich aufgenommen worden, dass ich das Gefühl hatte, ich kenne die Familie schon seit Jahren, hier bin ich gut aufgehoben. Ich hoffe, dass der Kontakt auch anhält, wenn ich nach einem Jahr wieder nach  Deutschland muss.

Den Sprachkurs habe ich auch erfolgreich abgeschlossen, welcher leider nur eine Zeitdauer von einem Monat hatte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich froh bin, dass ich in der Schule schon Spanisch Unterricht hatte. Das hat für mich einfach vieles vereinfacht. Vielleicht werden einige darüber lachen, aber ich bin an dem Punkt angekommen, dass ich schon Notizblock und Stift mit mir herum trage, damit ich mir die Wörter, die sich noch nicht in meinem Wortschatz etabliert haben, aufschreiben kann. Ich verstehe schon vieles, doch mit dem Antworten tue ich mich noch schwer. Aber ich glaube, in 2-3 Monaten sieht es wieder anders aus. Ich wohne seit zwei Wochen im Freiwilligenhaus, welches meine Ansprüche wirklich übertroffen hat. Wir haben eine große Küche neben an ein riesiges Ess- und Wohnzimmer, die zwei großen Bäder nicht zu vergessen, sogar einen Garten und einen Hund. Ich wollte schon immer einen Hund haben. Weiterhin hausen hier noch vier Mädels und ein Junge. Wir sind eine bunte Mischung.

An was ich mich noch gewöhnen muss, ist das wechselhafte Klima, die Esskultur und natürlich die Höhe, die mir besonders am Anfang zu schaffen gemacht hat und weswegen ich ein Wochenende im Krankenhaus verbringen musste. Jedoch liegt das alles schon in der Vergangenheit und ich habe es überstanden. Mir geht es sehr gut ich bin fit wie ein Turnschuh. Ich habe das alles sehr gelassen genommen, bin ja auch nur ein Mensch und mein Körper muss sich noch an diese große Umstellung gewöhnen. Aber mit der Zeit wird das alles schon klappen.

Auch wenn viele die hier leben sich über den chaotischen Verkehr beschweren: sogar das gefällt mir. Die Stadt La Paz schläft einfach nie, an jeder Ecke und Straßenseite ist Leben. Das Spiel der Lichter abends, wenn man in der Seilbahn sitzt ist atemberaubend ich kann es nicht in Worte fassen, nicht beschreiben. Ich war am Freitag noch bei der Hermandad, um meinen bolivianischen Ausweis abzuholen. Der Hermandad, die seit dem ersten Tag unserer Anreise an unserer Seite ist, lobenswerte Arbeit leistet, uns, also die Freiwilligen,  unterstützt, möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.

Einige Freunde habe ich hier auch schon gewonnen, seien es Deutsche, die hier in Bolivien studieren, Freiwillige aus anderen Projekten, die in meiner Nähe wohnen, oder meine Arbeitskollegen aus dem Kindergarten und aus der Schule. Das Projekt „Palliri“ besteht aus mehreren Projekten: einem Kindergarten, einer Schule und einer Kleiderfabrik. Im Kindergarten habe ich eine Woche die Kleinen betreut und in der Schule helfe ich den Schülern mit Englisch. In der Kleiderfabrik werde ich nächste Woche arbeiten. Danach werde ich mich für ein Projekt entscheiden finde es schön, dass ich diese Auswahlmöglichkeit habe.

Im Dezember und Januar werden mich meine beste Freundin und mein Vater in Bolivien besuchen kommen, worauf ich mich sehr freue. Die Vorfreude ist auch deshalb so groß, da ich im Dezember Geburtstag habe. Das wird für mich ein unvergessliches  Geburtstagsgeschenk werden

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