La Paz: „Palliri“ 2. Rundbrief von Gizem Günes

Was ist der Unterschied zwischen „ankommen“ und „sich einleben“? Ich glaube, das eine schließt das andere nicht aus. Das Wort „sich einleben“ ist jedoch eine Stufe weiter als „ankommen“. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich gut eingelebt habe. Mir fällt es jedes Mal an den Kleinigkeiten auf. Man hat sich an eine gewisse Routine gewöhnt oder angepasst. Das Wort Routine ist nicht negativ zu deuten, sondern im Gegenteil. Zum Beispiel das Wissen, dass fünf Brötchen einen Boliviano kosten oder dass man für knapp ein Liter Milch sechs Bolivianos bezahlen muss. Sei es die Straßenecke an der man weiß, wann man genau aussteigen muss, um einen weiteren Minibus zu nehmen. Alles das sind Zeichen, dafür, dass man sich einen groben Überblick geschaffen hat, aber auch das persönliche Empfinden zählt dazu. Sei es das sekundenlange Lächeln, das sich auf das Gesicht zaubert, dass einem das Gefühl gibt, dass es die richtige Entscheidung war ein FSJ in Bolivien zu absolvieren. Oder sei es, einen Blick aus dem Augenwinkel auf die traditionellen Frauen Boliviens zu werfen. Für mich sind diese Frauen, „Cholitas“ genannt, ein lebendes Wahrzeichen Boliviens. Mit ihren aufgepolsterten bunten Röcken, die den Boden berühren. Nicht zu vergessen die englischen Hüte die sie über ihren zwei geflochtenen Zöpfen tragen, die bis zu ihren Schultern herunterhängen. Somit eine andere „Kleiderkultur“ präsentieren. Ich werde diese „Cholitas“ vermissen sowie vieles andere auch.

Die Unterstützung meiner Familie, Freunde und Bekannten bedeutet mir unbeschreiblich viel. Jedoch auch zwischendurch was von meinen Lehrern zu hören macht mir unendliche Freude und motiviert mich umso mehr.

Meine Arbeit besteht nicht nur darin, morgens zur Fabrik zu gehen, dann runter nach la Paz in die Boutique zu fahren. Mittlerweile darf ich auch E-Mails und Briefe von den Kindern die an unser Projekt gesendet wurden auf Spanisch übersetzen. Ich muss sagen, auch wenn die Arbeit in der Boutique mir an diesen Tagen fehlt, ist es auch einmal eine Abwechslung, zuhause zu sein, zu übersetzen und zu tippen.
Meine Spanischkenntnisse haben sich verbessert. Ich verstehe alles und kann auch ohne jegliche Probleme schnell und zügig antworten.
Nach dem Feierabend versammelt sich die WG am Essenstisch. Erst wird zu Abend gegessen, dann über den Tag geredet und die nächste Folge von unserer spanischen Serie geschaut. Mittlerweile muss ich mich kaum noch konzentrieren um alles zu verstehen. Es kommt alles von alleine. Mich kostet es eher Kraft auf Deutsch oder Englisch zu reden. Es kommt sogar vor, wenn ich mit meiner Familie rede, dass einige spanische Begriffe fallen. Am Wochenende werden dann die Einkäufe für den Haushalt abgehakt. Am Sonntag geht es auf die „Feria“. Einer der größten Wochenmärkte Lateinamerikas. Auf der „Feria“ kann man so gut wie alles finden, die Frage ist nur wo man mit dem Suchen anfängt und wo die „Feria“ endet. Abgesehen von meinen WG-Mitbewohnern haben wir gerade vier Hundewelpen, die für eine kurze Zeit mit uns wohnen werden. Freue mich jedes Mal nach der Arbeit mich um die Kleinen zu kümmern und mit ihnen zu spielen. Das sorgt für einen freien Kopf und man kann abschalten. Noch eine Woche werden sie bei uns hausen, danach werden sie an Familien weiter gegeben und ein neues Zuhause bekommen. Bis dahin werde ich die Zeit mit den Kleinen genießen. Die Trennung von den Kleinen wird mir schwer fallen, das weiß ich jetzt schon.

Ich möchte euch noch von unserem Campingwochenende berichten, das wir in Achocalla auf dem Bauernhof unserer Organisation mit den Kindern aus dem Projekt verbracht haben. Vier Tage vorher haben wir mit den Vorbereitungen angefangen, was wir diese zwei Tage mit den Kindern unternehmen werden und haben einen Ablaufs-Plan für das Wochenende erstellt. Wir kamen an, ohne Zeit zu verlieren bauten wir erstmals die Zelte auf, haben etwas gegessen, die Spiele präsentiert und bis zum Abend die Zeit damit verbracht. Am Ende des Abends haben wir am Lagerfeuer unser Stockbrot zu uns genommen und dem Klang der Gitarre zugehört. Im Großen und Ganzen hat sich die Arbeit und die Mühe gelohnt. Die Kinder waren glücklich und zufrieden, ihnen hat es Spaß gemacht ein Wochenende auf dem Bauernhof mit den Tieren zu verbringen, Spiele zu spielen und sich mit den anderen aus dem Projekt auszutauschen.
Und so ließen wir den Abend ausklingen und haben die Aussicht in vollen Zügen genossen. Die leuchtenden Straßenlaternen mit den Lichtern der einzelnen Häuser aus Achocalla so ähnlich wie eine Vulkanglut, die über die ganze Stadt verbreitet in ihrem leuchtenden Schimmer.