Bolivien: 6. Rundbrief von Teresa Zwick

Liebe Rundbriefleser, liebe Freunde, liebe Verwandte und Unterstützer,

einfach unglaublich, wenn ich mir vorstelle, dass ich in weniger als vier Wochen wieder zu Hause bin und die 13 Monate in Bolivien schon um sein sollen. In den letzten zwei Monaten durfte ich wieder so unglaublich viel erleben, dass die Zeit noch schneller vergangen ist und mir mittlerweile doch auch mulmig zu Mute wird, wenn ich an meinen bevorstehenden Abschied denke. So langsam aber sicher wird mit bewusst, dass Vieles, von dem was ich jetzt tue, das letzte Mal in Bolivien von mir getan wird., dass es heißt, von mir ans Herz gewachsenen Menschen Abschied zu nehmen – für immer oder aber zumindest für eine wahrscheinlich lange Zeit. Jetzt meinen Rundbrief zu verfassen, ist für mich eine gute Gelegenheit, meine Gedanken und Gefühle und Erlebnisse zu verarbeiten und Revue passieren zu lassen.

 

Aus meinem Alltag und Nicht-Alltägliches in Pampa Huasi

Die letzten Wochen vor den Winterferien, sprich Ende Juni, habe ich mit den Mädels im Computerkurs gemeinsam an einem Tisch-Gebet-Buch gearbeitet. Das ist jetzt so gut wie fertig und kann beim Mittagessen bald zum Einsatz kommen. Außerdem habe ich sehr viel Zeit mit Stricken verbracht, da ich noch möglichst viel zu Ende bringen wollte. Neben diesen alltäglichen Aktivitäten hatten wir für fünf Tage Besuch von einer Mitarbeiterin der Fundación und einer der Organisation Sinpa’rispa (Quechua für „verflochten“). Gemeinsam veranstalteten die beiden einen Workshop zum Thema „Arbeiten als Haushaltshilfe“. Es wurden Tätigkeiten wie Putzen, Bügeln und Waschen erklärt und geübt. In einem weiteren Element des Workshops konnten die Mädchen ihren Träumen für die Zukunft auf den Grund gehen und mussten überlegen, welche Schritte sie dafür gehen müssen: Schule abschließen, eventuell studieren oder einen Beruf erlernen, Arbeit finden… Doch um diesen Zukunftsplänen auf die Spur zu kommen, sprachen wir auch über die Vergangenheit und die Gegenwart: Was sind meine Stärken und Schwächen, welche Ereignisse haben mich in meinem Leben geprägt, was mache ich gerne…
Mir hat das Programm sehr gut gefallen und ich bin der Meinung, dass die Mädchen sehr viel aus den fünf Tagen mitnehmen konnten.

Einen Nachmittag durfte ich mit zu einer Beerdigung in Pampa Huasi. Ein Pfarrer ist nicht immer zugegen, deswegen richtete die Familie die Beerdigung alleine aus. Viele Leute aus dem Dorf waren anwesend, um sich von dem Verstorbenen zu verabschieden. Dieser lag in einem offenen Sarg auf einem zirka 70cm hohen gemauerten Grab. Die Anwesenden traten immer wieder heran und nahmen ihre Hüte ab, um damit ein Kreuzzeichen über dem Leichnam, der unter bunten gewebten Tüchern und Decken lag, zu machen. Außerdem bekamen die Gäste Alkohol in Plastikbechern ausgeteilt. Den größten Teil gossen sie auf den Boden zu Füßen des Sargs und tranken den letzten kleinen Schluck selbst. Außerdem wurden Zigaretten und Kokablätter von der Familie verschenkt und gemeinsam zu Ehren des Toten geraucht bzw. gekaut. Wieder ein Brauch in dem sich christliche und andine Tradition (Alkohol auf den Boden gießen für die Pachamama/Mutter Erde). Für mich hatte das Ganze eine sehr behagliche Atmosphäre, es wurde sich viel unterhalten, dennoch aber sehr andächtig. Es war schön für mich zu sehen, wie die Menschen ihre letzten Stunden mit dem Toten teilten, ohne dabei viel Trauer zu zeigen, sondern vielmehr den Toten in Ehren zu gedenken.

Ich finde immer größeren Gefallen daran, mit den Mädels Fußball zu spielen. Der Sport ist auch unsere Hauptbeschäftigung an den Wochenenden. Denn da ist der Stundenplan mal nicht so vollgepackt. An einem Sonntag standen wir insgesamt fast 5 Stunden auf dem Feld. Der Sport hat mich den Mädels auch wieder ein kleines Stück näher gebracht, sodass jetzt sogar die Schüchternste, die sich nie traute auf Spanisch mit mir zu sprechen, auf mich zu kommt und sich mit mir von selbst unterhält. Es ist so schön nicht mehr fremd zu sein und es war ein wirklich komisches Gefühl, vor den Ferien in Pampa Huasi aufzubrechen, da mir bewusst wurde, wie wenig Zeit mir danach nur noch bleibt.

 

Tarija

Blick auf Tarija

Den Ferienbeginn nutze ich um für ein Wochenende nach Tarija zu fahren. Dort besuchte ich einen ehemaligen bolivianischen Freiwilligen, den ich während seines Freiwilligen-Dienstes in Deutschland kennen gelernt hatte. Unter anderem verbrachte er damals auch Zeit mit meiner Jugendgruppe, der katholischen Jugend Heimbach-Weis, und fuhr zum Beispiel mit uns ins Pfingstlager. Ich hatte in Tarija nun die Gelegenheit die Jugendgruppe seiner Gemeinde kennenzulernen, die zur Pastoral Juvenil Vocacional (PJV, die ebenfalls eine Partnerschaft mit dem BDKJ Trier hat) gehört. Als klar wurde, dass auch eine Kleingruppe der Begegnungsreise des BDKJs nach Tarija kommen würde, hielt ich kurzerhand mit der Fundación Rücksprache, um noch ein paar Tage länger bleiben und die Gruppe unterstützen zu können. Gemeinsam besuchten wir Projekte und Orte rund um Tarija. Zum Beispiel eine Rehabilitations-Einrichtung für Suchtkranke, einen Mittagstisch für Schulkinder, eine Pfarrgemeinde außerhalb der Stadt und ein bekanntes Weingut. Tarija ist berühmt für seinen Weinanbau.

 

Ein letztes Mal bei meiner Gastfamilie

Mein Gastvater und ich beim Kolping-Familien-Tag

Um meine letzten Urlaubstage zu nutzen, fuhr ich von Tarija mit kurzem Zwischenstopp in Sucre weiter nach La Paz, um dort meine Gastfamilie ein letztes Mal zu besuchen. Es ist so schön ein Teil dieser Familie geworden zu sein und dass, obwohl wir uns dieses Jahr nur so selten sehen konnten. Zufälligerweise war ich an einem Sonntag da, an dem der Kolping-Familien-Tag von La Paz stattfand. So nahm ich kurzerhand mit teil. Es wurden lustige Spiele gespielt, in denen die einzelnen Familien gegeneinander antraten, wie z.B. Eierlaufen oder Gemüse-Wettschälen. Gemeinsam hatten wir jede Menge Spaß und einen wunderschönen Sonntag. Aber auch einfach wieder in einer Familie mit zu leben, war toll. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich immer wieder so herzlich aufgenommen wurde und mich zuhause fühlen durfte. Der Abschied diesmal war aber im Gegensatz zum Abschied letztes Jahr im August total irreal. Dass ich diesmal nicht einfach nochmal mal vorbeifahren werden kann, habe ich bisher verdrängt.

 

Unterwegs mit der Gruppe der BDKJ-Begegnungsreise

Von La Paz aus ging es für mich direkt weiter nach Cochabamba, um dort an einem interkulturellen Workshop gemeinsam mit den Deutschen der

Begegnungsreise, einigen anderen Freiwilligen und Bolivianern teilzunehmen. Wir behandelten in diesem Workshop vor allem das Thema „Klischees“  Außerdem wurde eine „Noche Cultural“ für die deutschen Gäste veranstaltet, also eine „Kulturnacht“, bei der landestypische Tänze und Musik präsentiert wurden. Während sich die Reisegruppe auf den Weg nach Uyuni machte, fuhr ich gemeinsam mit Aaron, meinem Mitfreiwilligen, zurück nach Sucre. Dies war das einzige Mal, dass ich in Bolivien eine Flota verpasst habe, da diese wider Erwarten pünktlich abfuhr. Zum Glück bekamen wir aber noch Tickets für einen Bus eine halbe Stunde später. Zurück in der Hauptstadt trafen wir nun auch den BDKJ-Vorstand, der für einer Konferenz der Fundación gekommen war. Gemeinsam hatten wir ein Mittagessen mit den Mitarbeitern der Fundación und, als die Reisegruppe zwei Tage später auch in Sucre eintraf, nochmal eine „Noche Cultural“. Dort bekamen wir auch wieder musikalische und tänzerische Darbietungen geboten. Auch die Deutschen durften etwas beitragen, sodass alle gemeinsam das „Fliegerlied“ tanzten und eine Laurentia machten.

Willkommensschild in Thiumayu für die Gäste aus Deutschland

Neben einem Besuch der Räumlichkeiten der Fundación in Sucre, stand für die Gruppe der Begegnungsreise auch ein Projektbesuch auf dem Land an. Hierzu wurden drei Kleingruppen gebildet. Eine fuhr nach Azurduy, eine weiter nach Padilla und ich begleitete eine ins Internat nach Thiumayu. Thiumayu liegt tiefer als Sucre und ist daher deutlich grüner. Im Internat leben Kinder von 5 bis 15 Jahren, die aus weit entfernten Gemeinden kommen und dort nicht zur Schule gehen können. Gemeinsam mit den Kindern hatten wir sehr viel Spaß. Wir arbeiteten gemeinsam im Garten, strichen das Tor des Internats und pressten Zuckerrohr. Neben diesen „Arbeiten“ spielten und sangen wir aber auch viel mit den Kindern. Auch in Thiumayu bekamen wir wieder eine „Noche cultural“ dargeboten. Eine der älteren Schülerinnen hatte sogar ein Gedicht auf Deutsch für uns einstudiert. Der Abschied nach zwei Tagen von den aufgeweckten, super lieben Kindern viel uns allen wirklich schwer, doch es ging weiter nach Padilla. Als wir abends in Padilla eintrafen, war auch hier gerade eine „Noche cultural“ im Gange – die vierte in dieser kurzen Zeit. Auch hier war das „Fliegerlied“ wieder ein voller Erfolg. Für mich war es total schön, endlich nochmal ein paar Stunden in Padilla verbringen zu können, nachdem ich mich im Januar nicht richtig verabschieden hatte können. Das sich viele noch an mich erinnern konnten und meinen Namen wusste, zauberte mir direkt ein Lächeln ins Gesicht. Am nächsten Morgen hatten wir noch eine Messe in Padilla, bevor es dann zurück nach Sucre ging. Es ist immer wieder beeindruckend, zu sehen, wie vielfältig die Tänze sind und erstaunlich das die Mehrheit, egal ob Jung, ob Alt, sie alle selbstverständlich kennen. Der kulturelle Reichtum des Landes ist unbegreiflich groß.

Für die Gruppe der Begegnungsreise brachen nun die letzten Tage an, die es noch voll und ganz zu genießen galt. Wir waren viel in der Stadt unterwegs; besuchten unter anderem das Kloster San Felipe de Neri (siehe Bild), auf dessen Dach man steigen kann und einen wunderschönen Ausblick über die Dächer Sucres hat. Außerdem fand in den vergangenen Wochen der „Alasitas Markt“, auf dem wir auch mal gemeinsam vorbeischauten, statt. Dies ist ein Markt, auf dem man alle möglichen Gegenstände in Miniatur findet. Zum Beispiel kleine Häuschen, Mini-Geldscheine, Lebensmittel im Kleinformat,… Es soll Glück bringen, wenn man sich die Sachen in klein kauft, die man sich wünscht. Die meisten lassen diese Gegenstände segnen und hoffen so auf göttlichen Beistand bei der Erfüllung der Wünsche. Außerdem gibt es auf diesem Markt Fahrgeschäfte, wie Karussells oder Mini-Riesenräder für Kinder, und zum Beispiel ganz viele Tischkicker.

Ehemaliges Kloster San-Felipe-Neri in Sucre

Die letzten zwei Tage des Programms in Sucre stand außerdem die Auswertung auf dem Programm. Zu dieser kamen auch Personen aus den Orten, die zu Anfang der Reise dabei waren, wie in meinem Fall aus Tarija. Es war also ein großes Wiedersehen. Ich durfte während der Auswertungs-Tage als Übersetzerin tätig sein. Am nächsten Tag hieß es dann zum Flughafen aufzubrechen. Es war schon ein komisches Gefühl, als die ganzen Deutschen im Sicherheitsbereich verschwanden und ich einfach da blieb mit den anderen Leuten, die an den Flughafen gekommen waren. Ich hoffe sehr, dass ich alle nochmal wieder sehe. Es war einfach eine super tolle Zeit mit der Gruppe und ich bin total froh, dass ich sie unterstützen durfte und ein bisschen von dem, was ich in Bolivien schon entdeckt und gelernt habe, weitergeben konnte. So habe ich die Ferien des Internats auch gut nutzen können, ohne viel in Sucre rumzusitzen und nichts zu tun zu haben. Die Ferien wurden ohnehin von zwei auf drei Wochen verlängert, da das Bildungsministerium beschlossen hatte, dass es noch zu kalt sei, um schon mit dem Unterricht weiter zu machen.

 

Verspätete Rückkehr nach Pampa Huasi

Eigentlich wollte ich freitags auch direkt wieder nach Pampa Huasi fahren, doch da kam mir ein Betriebsausflug der Fundación, zu dem Aaron und ich nochmal explizit vom Chef persönlich eingeladen wurden, in die Quere. Der Ausflug war auch wirklich schön. Wir haben gemeinsam gegrillt und Volleyball und Fußball gespielt. Doch leider verzögerte sich meine Rückkehr nach Pampa Huasi dadurch eine ganze Woche. Denn auch die Flota, die dienstags hätte fahren sollen, fuhr unglücklicher Weise nicht, weil ausgerechnet in dieser Woche das große alljährliche Fest, die Kirmes von Pampa Huasi, stattfand. Es machte mich besonders traurig, dass ich diese dadurch verpasste. Das wäre sicherlich einer der Höhepunkte meiner Zeit im Dorf gewesen. Stattdessen saß ich also in Sucre und versuchte dort wenigstens etwas Nützliches zu machen, indem ich beim Zusammenheften von Schulungsmaterialien für Lehrer und dem Öffentlichkeitsarbeits-Team beim Übersetzen von Videos half.

Sandra und ich am bolivianischen Nationalfeiertag

Endlich wieder in Pampa Huasi konnte ich hier wenigstens den National-Feiertag, an dem ich genau vor einem Jahr in Bolivien gelandet bin, miterleben. Kaum zu glauben, dass wirklich schon ein ganzes Jahr vergangen sein soll, seit meiner Ankunft. Der Tag an sich wurde wie die meisten Feiertage mit einer Parade durchs Dorf gefeiert. Alle Gruppen, die daran teilnahmen, versammelten sich mit bolivianischen Flaggen am Dorfplatz, um dort zunächst einige Reden zu hören und die Nationalhymne zu singen. Nach dem anschließenden gemeinsamen Gang durch Pampa Huasi löste sich die Veranstaltung dann wieder auf. Wir gingen zurück ins Internat und grillten dort anlässlich dieses Festtages. Sonst verbrachten wir diesen Tag nur noch mit Fußballspielen. Da der 6. August auf einen Sonntag fiel, war der Montag frei. Nach nur 5 Tagen heißt es jetzt für mich zurück nach Sucre zu fahren, da ich dort eine abschließende Präsentation über mein Jahr hier in Bolivien in der Fundación halten soll. Und auch die neuen Freiwilligen, die ich mich schon freue, kennen zu lernen, werden diese Woche ankommen.

Damit möchte ich mit meinem letzten Rundbrief aus Bolivien abschließen. Sobald ich in Deutschland ein bisschen Zeit finde, melde ich mich, um noch etwas von meinem Abschied, meiner Heimreise und meinem Ankommen in Deutschland erzählen.

Bis bald und ganz liebe Grüße aus Sucre

Teresa