Jordanien: 5. Rundbrief von Hannah Wiegand

Ihr Lieben,

bevor ich mich wieder auf den Weg nach Deutschland mache, noch ein letzter Rundbrief. Mir ist bewusst, dass es immer noch vieeeele, viele Themen gibt, die ich kaum erwähnt habe, oder über die ich ausführlicher hätte schreiben können. Leider fehlt mir momentan die Zeit dazu und es würde den Rahmen dieser Rundbriefe sprengen. In diesem Rundbrief werdet ihr Jordanien und einen Teil meiner Schwierigkeiten noch ein Mal auf eine ganz andere Art und Weise kennenlernen.

Summer School

Eine Aktion, auf die ich mich schon sehr lange gefreut habe und von der mir schon viel erzählt wurde: die jährliche Summer School. Zusammen mit einer 17-köpfigen Gruppe spanischer Freiwilliger haben wir im Juli 20 Tage lang täglich Aktivitäten für Kinder organisiert und durchgeführt.

Jeden Tag von 09.00 bis 13.00 Uhr haben wir rund 50 übermotivierte Kinder mit Fremdsprachenunterricht, Spielen, Bastelstunden und Sport beschäftigt, für gefühlte weitere 50 Selfies pro Tag gelächelt, täglich über 50 Tüten Chips verteilt, geleert und weggeschmissen und diese Zeit auch sehr genossen 😉 Jeden Nachmittag haben wir uns mit den spanischen Freiwilligen als auch mit den Freiwilligen aus der Gemeinde getroffen, um den folgenden Tag zu planen. Während eine Gruppe ein Programm für die älteren Kinder erstellt hat, war ich in der Gruppe für die Kleinen.

Selfietime

Die Highlights waren sowohl die beinah täglichen Wasserspiele, von denen die Kinder kaum genug bekommen konnten, als auch die Abschlussfeier am letzten Tag. Für diese Feier haben wir zusammen in Gruppen zwei Tänze, ein Lied und ein Theaterstück eingeübt. Dank meiner Theatererfahrung habe ich die Rolle der Großmutter aus „Rotkäppchen und der Wolf“ gut meistern können.

Gerade für mich war die Zeit mit den spanischen Freiwilligen sehr schön, teilweise kam es mir wie Urlaub vor. Ich habe mit ihnen zusammen gewohnt und beinah den ganzen Tag verbracht und dabei gemerkt, wie sehr wir uns ähneln und wie sehr ich so etwas vermisst habe.
Auf der anderen Seite war es dennoch auch manchmal etwas schwierig für mich, diese zwei komplett verschiedenen „Gruppen“, meine jordanischen Freunde und die Spanier, zusammen unter einen Hut zu bekommen. Um das vielleicht mal an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir saßen am Fußballfeld und haben der Mannschaft der Gemeinde zugejubelt, als mich Pablo gefragt hat, ob er mich massieren sollte. Ich wette, keinem von euch kommt diese Situation bis zu diesem Punkt irgendwie seltsam oder außergewöhnlich vor. Mir allerdings schon. Immerhin saßen wir dort zusammen mit den Schwestern und meinen jordanischen Freunden. Und hier ist es vollkommen unmöglich, dass ein Junge ein Mädchen in der Öffentlichkeit massiert. Solche und weitere Situationen haben mich immer in einen Zweispalt gebracht: Einerseits weiß ich inzwischen, wie ich mich zu verhalten habe, was ich machen kann und was ich lieber lassen sollte. Auf der anderen Seite habe ich mich innerhalb der spanischen Gruppe so normal gefühlt, da kam es mir irgendwie seltsam vor, dieses Angebot abzuschlagen. (Im Endeffekt habe ich das Angebot der Massage angenommen, aber nach einer knappen Minute aufgrund meines schlechten Gewissens und komischen Blicken wieder abgebrochen).

Ein paar Impressionen der Summer School

Geschlechterunterschiede – Wie Männer denken

Oft werde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, noch ein weiteres Jahr hier zu bleiben, oder hier zu studieren, oder zu heiraten.  Ich denke oft über diese Frage nach, aber die Antwort ist ziemlich schnell klar: nein. Ich bin sehr glücklich hier, aber mit einem Thema werde ich mich wohl nie richtig anfreunden können: Die zugeschriebenen Rollen der beiden Geschlechter.

Am Anfang war ich nahezu geschockt, was ich nur auf Grund meiner Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht angeblich nicht machen könnte! Während mir am Anfang immer Worte wie Unterdrückung oder Unterwerfung in den Sinn gekommen sind, denke ich inzwischen ein wenig anders über die Rolle der Frauen in der jordanischen Gesellschaft und habe viele Dinge gelernt, die mich teilweise Gegenteiliges denken lassen. Auf den ersten Blick scheint hier der Mann eindeutig das Familienoberhaupt zu sein. Er  wird mit zunehmendem Alter eine immer höhere Autoritätsperson. So zumindest scheint es nach außen hin. Doch trifft dieses äußerliche Bild wirklich zu?

Dadurch, dass immer mehr Frauen studieren und arbeiten und sich gleichzeitig um den Haushalt und die Kindererziehung kümmern, haben Frauen eine doppelte Verantwortung. Mütter haben oftmals eine viel nähere und reichere Beziehung zu ihren Kindern als die Väter. Ich frage mich, wie viel diese Frauen innerhalb ihrer Familie bzw. ihrer Ehe wirklich zu sagen haben, auch wenn es nach außen anders aussehen mag?

Aber eigentlich wollte ich in diesem Rundbrief darüber schreiben, wie Männer die geschlechtsspezifischen Rollenunterschiede wahrnehmen, empfinden und begründen.  Und wer kann mir hier besser helfen als meine jordanischen Freunde?

Zum Thema „Die Rolle der Frau in Jordanien“ würde ich sehr gerne auf einen sehr interessanten und guten Blockeintrag meiner Freundin Paula hinweise, die wie ich ein Jahr in Jordanien verbracht hat (https://sinnphonie.jimdo.com/2017/03/27/die-rolle-der-frau-in-der-jordanischen-gesellschaft/).

Von Paula inspiriert wollte ich drei verschiedene „Personengruppen“ interviewen, um möglichst drei  unterschiedliche Betrachtungsweisen in Erfahrung zu bringen.                     Die beiden Befragten der ersten Gruppe stammen beide aus Lateinamerika. Der eine von beiden lebt seit über 11 Jahren in Jordanien, während der andere erste Eindrücke von der jordanischen Gesellschaft bei einem viermonatigen Aufenthalt sammelte. Die Frage an beide lautete, wie sie sich als ausländische Männer in der jordanischen Gesellschaft zurechtfinden und die hiesige, geschlechtsspezifische Rollenverteilung wahrnehmen.

Bei der zweiten Gruppe stammen alle Befragten aus Anjara. In dieser Gruppe sollte insbesondere auch berücksichtigt werden, wie unterschiedliche Altersgruppen über die Rollenverteilung denken,  ob sich ihre Einstellung und ihre Gedanken evtl. mit zunehmendem Alter verändert haben und ob gewisse „Stereotypen der Rollenverteilung“ schon von Kindesalter an beigebracht wurden.

Die dritte „Gruppe“ kann man eigentlich nicht als Gruppe bezeichnen, da sie nur aus einer einzelnen Person besteht: einem Jordanier, der seit über 30 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet.

Abschließend möchte ich auf den Umstand hinweisen, dass viele Faktoren auf unser Rollenverständnis Einfluss nehmen können: der Bildungsstand und unsere Erziehung, das soziale Umfeld, unsere Religionszugehörigkeit und der Kulturkreis, in dem wir aufwachsen…. Demnach wollte ich die Interviewpartner auch nach ihrer Meinung bzgl. möglicher Ursachen für die unterschiedliche Rollenverteilung von Mann und Frau in Jordanien befragen.

  1. Gruppe:
  • G, 40, m, aus Argentinien, wohnt in England, 4-monatiger Aufenthalt in Jordanien
  • H, 45, m, aus Argentinien, lebt seit über 20 Jahren im Nahen Osten, Gemeindepriester „Our Lady of the Mount“-Church seit 11 Jahren

 

  1. Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen Mann und Frau in Jordanien und was denkst du, woher sie kommen?
    • What are the main differences between man and woman in Jordan for you and what do you think where do they come from?

G: Jordanien society is very backward when it comes to equality between men and women. I think that the main difference is regarding the social roles of men and women. Men are providers, whereas women stay at home, work at home, they take care of their family and they “serve” all the men in the family.
Woman’s social life or any social roles are almost non-existent. There is no conception of equality between men and women whatsoever.
I think the reason of such level of disparity is due to the Islamic religion.

 

H: You must to know there different answers according to the people…in which level of the society.  I think it’s also important for you to know that: They person will not only answer you about what they think according to the culture, the level what they are.  Also according the person is in front of the. Okay? Because he is it not easy, the people will not be honest with their answer; according to the people are inside or the people are hearing them.
The more important difference…. For sure they are not on the same level, situation, position,.. It is a machismo society. Patriarchal also. The most important decisions come from the ancient people, the oldest people of the tribes. Never the ladies. They are always man.  From here the other things, because it is a patriarchal society. You can put here a loooot of example. It’s a tribe mentality, patriarchal society, because that is the consequence is machismo,… and also the Muslim religion doens’t accept big changes of that. Here it is so different to change. It is in what Queen Rania is working in that for many years; but it is not easy for her.

 

  1. Was darf ein Mann tun, was eine Frau nicht tun darf in Jordanien? Was kann ein Mann, wofür eine Frau körperlich und gesellschaftlich nicht in der Lage ist?
    • What is allowed to men and at the same time forbidden to women in Jordan? What can a man do, where a woman is not able to?

G: Most of the considered “male” activities are generally not allowed for women, e.g. being family providers, professional development, social activities, dress code (women must be “covered” as much as possible), sports and even the acceptable social vice of smoking.
Although sex is not an acceptable practice outside marriage, if a man happens to have a sexual encounter, there are not any consequences for him. If women are not “virgins” until the moment of their marriage, the consequences are catastrophic for them at all level within their family and socially.

H: I know many things, but there are just examples. To ride a bicycles, to ride a horse, to smoke, to study,… no that’s okay actually. But – according to the different levels of the people, yes? For many of them, still, the daughter can’t study. Also to have a sentimental relation or to go to a night club in Amman.

 

 

  1. Magst du deine Rolle als Mann in Jordanien? Warum?
    • Do you like your role as a man in Jordan? Why?

G: I don’t feel comfortable with the role of men in Jordan. I think that it is not fair on women and on other men who are unable to fit into that poor paradigm. It takes more to be a “man” than being a provider.

H: Anyway, the Arab society, Muslim and Christans society respect the women. But – the women of the family. So, I am not thinking in myself, but I am thinking in my sisters. If my sisters would live here… For sure they would be respected, from the family, in the places there are working. But the problem is – the others. I think it is not easy for them to be a lady in the Arab society. In the family, in the tribe they are really protected and also good considered, Muslims and Christians. The problem is outside of the tribes, of the place they are living. For example you, if you go there in the traffic light…
I am not happy for his situation. Even if I am a man, it is not nice, not normal.

Ohne dieses Interview groß zu interpretieren, würde ich gerne nur zwei Anmerkungen dazu geben und den Rest für sich selbst stehen lassen.

Die beiden Gespräche zeigen mir eine ganz wichtige Sache: Auch für ausländische Männer ist die geschlechtsspezifische Rollenverteilung hier nicht unproblematisch. Während bei mir „If I were a boy…“ in Dauerschleife läuft und ich einige Male mein Geschlecht verflucht habe, habe ich nur wenig daran gedacht, wie sich Männer fühlen. Männer, die eventuell etwas weibliche Züge habe, die eventuell Gefallen an Hausarbeiten finden,  die gerne kurze Hosen tragen – Männer, die eben nicht dem vorgeschriebenen Männerbild entsprechen.

Gerade wie H auf die letzte Frage, ob er seine Rolle als Mann in der jordanischen Gesellschaft gerne annimmt, antwortet, finde ich interessant. Er beantwortet diese Frage im Hinblick darauf, wie sich wohl seine Schwestern in diesem Umfeld fühlen würden. Mich würde interessieren wie Jordanier diese Frage beantworten…

… und gerne hätte ich euch dies auch beantworten können und nicht nur die o.g. Interviewpartner sprechen lassen. Aber seit mehr als drei Wochen warte ich nun schon auf Antworten meiner jordanischen Freunde, frage regelmäßig nach und erhalte doch keine Antworten. Leider habe ich auch keine Zeit mehr, noch länger zu warten und auch die Motivation zum Nachfragen und Hinterherlaufen nimmt ab.

Auf diese Weise bekommt ihr in diesem Rundbrief Jordanien mal auf eine ganz andere Art zu spüren. Absprachen werden getroffen, aber ob sie auch eingehalten werden, ist eine ganz andere Sache.

Ich weiß, dass viele Männer denken, dass Frauen körperlich nicht in der Lage sind, schwere Kisten zu tragen, dass Frauen nicht alleine auf die Straße gehen sollten, dass sie am besten auch nicht wiedersprechen und sich ordentlich kleiden sollten. Und dies nicht, weil sie weniger wert sind, sondern weil man sie besonders behandeln muss, um ihnen besondere Wertschätzung entgegen zu bringen oder um sie zu beschützen. Man kann eine solche Ansicht begründen, doch wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich auf diese Extrabehandlung gerne verzichten. Auch fällt es mir oft schwer, diesen speziellen Umgang mit Frauen als etwas Positives zu betrachten…

Denn wenn ich ernsthaft gefragt werde, warum ich denn nicht gerne spülen würde, OBWOHL ich eine Frau bin, sieht man mir meine Irritation über diese Frage sicher von kilometerweiter Entfernung an. Wenn man mir ganz ernsthaft erzählt, Frauen hätten im Gegensatz zu Männern keine Probleme und sollten immer glücklich sein und lachen, habe ich in meinen Gedanken schon Plakate für die nächste Feminismus Demonstration gemalt. Und wenn mir dann auch noch liebevoll in die Backen gekniffen wird mit dem Auftrag, ich solle doch mal in die Küche gehen und Kaffee oder Tee oder irgendwas machen, schließlich seie ich doch eine Frau, bin ich die Erste und Lauteste bei dieser Demonstration.

Leider hat diese Demonstration noch nie stattgefunden. Auch wenn ich wahrscheinlich oft still bleiben sollte, kann ich es nicht immer. Das Resultat solcher Situation ist, dass ich von vielen als charakterlich sehr stark angesehen werde. In Deutschland wäre eine solche Charaktereigenschaft mit Sicherheit von Vorteil, hier führt es allerdings zu anderen Reaktionen, wie z.B.  „Alhamdu’allah muss ich nicht jemanden wie dich heiraten!“

Rückblickend betrachtet finde ich, dass ich einen guten Mittelweg gefunden habe, meine eigenen Werte mit den Strukturen vor Ort zu vereinbaren. Sicher hätte ich manchmal besser reagieren können, aber man ist bekanntlich erst im Nachhinein schlauer.

Meine Erfahrungen und meine Zeit in Jordanien sind etwas Unersetzliches. Mit Sicherheit werden sie immer eine Rolle in meinem Leben spielen. Welche? Dafür brauche ich vielleicht noch etwas Zeit, eine Antwort für mich zu finden. Was ich bis jetzt nur sagen kann, ist, dass ich unglaublich wertvolle Begegnungen gemacht habe, unendliches Glück und Dankbarkeit verspüre und immer mehr anfange, unsere Welt ein kleines Stückchen mehr zu verstehen.

Ich danke allen, die mich während meiner Zeit in Jordanien unterstützt haben. Allen, die mir immer wieder Mut gemacht haben, mich neuen Dingen zu öffnen. Allen, die mich mit Fragen und neuen Anregungen dazu motiviert haben, nicht aufzugeben, die Gesellschaft zu verstehen. Allen, die sich die Zeit genommen haben, sich meine Erfahrungen und Erlebnisse durchzulesen.

Ich danke euch. Manchmal sagt ein einfaches Danke mehr als 1000 Worte – DANKE!

 

Hannah

Meine zweite Familie