Bolivien: 1. Rundbrief von Mara Thiel

Liebe Freunde, Verwandte und Interessierte,

es ist soweit, ihr lest endlich meinen ersten Rundbrief. In den letzten zwei Monaten ist so viel passiert, dass ich mir sowas von nicht vorstellen kann alles hier reinzupacken. Leider wurden mir auch ein paar Steine in den Weg gelegt. Trotz allem bin ich gegenüber meines Freiwilligendienstes noch immer höchst zuversichtlich! Ich versuche euch mit möglichst vielen Fotos zu versorgen, damit das ganze hier nicht zu trocken wird.

Meine erste Woche startete in La Paz, gleich auf knapp 3800m ging es los. Glücklicher Weise hatte ich keine Probleme mit der Höhe. Habe auch tatkräftig Coca-Tee getrunken und Coca- Blätter gekaut. Aber gekaut schmecken sie mir überhaupt nicht. In la Paz hatte ich mit 18 weiteren Freiwilligen ein Einführungsseminar von der Partnerschaftskomission ,,Hermandad‘‘. Die sind hier in Bolivien für uns Freiwillige zuständig.  Die 5 Tage sind wir sind in einem ehemaligen Kloster, was zu einem Tagungshaus umfunktioniert wurde, untergekommen.

Typischer Marktstand in La Paz
Blick über La Paz

Da sich mein Projekt in Santa Cruz de la Sierra befindet, ging es nach dem Seminar für mich  gleich weiter. Nach 21h Busfahrt habe ich schließlich Santa Cruz erreicht. Erster Eindruck: heiß und sandig. Herzergreifend liebevoll wurde ich von meiner Gastmutter am Busbahnhof empfangen.

Empfang durch meine Gastmutter

Gleich darauf ging es auch zum ersten Mal Hühnchen essen. Richtig, ich esse wieder Tiere. Dass ich Vegetarier bin/war wurde nicht so ganz aufgenommen oder einfach nicht verstanden. Ich habe einen Pakt mit mir selbst geschlossen. Ich werde normal mitessen, wenn für mich gekocht wurde. Sofern ich mich alleine ernähren kann, bleibt es fleischfrei. Ich will ja nicht unhöflich sein. Meine nächste Hürde war dann mein Zimmer. Ich hatte nicht, wie vorher versprochen, ein eigenes Zimmer und musste also mit meiner Gastmutter in einem Zimmer schlafen. Mit einer fremden erwachsenen Frau, die du nicht mal verstehst, in einem Zimmer zu schlafen, war für mich nicht einfach. An die Sache mit dem Zimmer habe ich erst nach 3 Wochen gewöhnen können, obwohl meine Gastmutter und auch meine 3 Gastgeschwister super bemüht waren.  Sie haben am Wochenende sogar etwas mit mir unternommen. So ging es einen Sonntag mal zu richtig schönen Lagunen. Leider ist diese Gastfamilie nur für den Sprachkurs für mich bestimmt gewesen, da sie zu weit von meinem Projekt entfernt wohnen.

Schwimmen während des Wochenendausflugs

Ende August ging es dann schließlich endlich in mein Projekt und in die neue Gastfamilie, die näher an der Schule ist! Die Schule besteht eigentlich aus zwei Schulen die nichts miteinander zu tun haben. Sie teilen sich lediglich ein Gebäude. Die ,,Secundaria‘‘, Klassenstufe 6-12 gehen morgens und die ,,Primaria‘‘, Klassenstufte 1-6 gehen nachmittags zur Schule. Die Kinder und Jugendlichen teilen sich also abgesehen vom gleichen Schulgebäude auch die gleichen Schulbänke und Stühle. Manche Schüler passen einfach nicht mit ihren Beinen unter den Tisch.  Die Klassen sind alle super groß sind. Meistens 35-40 Schüler.

Mein erster Arbeitstag begann um 15 Uhr nachmittags. Ich habe nur meinen Stundenplan überreicht bekommen und durfte wieder gehen. Komischer Weise musste ich laut des Planes nur nachmittags arbeiten. Am Wochenende erreichte mich die freudige Nachricht, warum ich nicht morgens erschienen wäre. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass die Schulen auch zwei verschiedene Direktorinnen und Sekretariate haben, die nicht wirklich viel miteinander kommunizieren. So wurde mein 6h Tag zu einem 12h Tag! Jeden Tag 12h zu arbeiten wurde einfach zu viel. Einen Kompromiss zu finden, der beiden Direktorinnen passte, war der komplizierte Teil. Gabriela, eine zuständige für uns Freiwillige konnte es glücklicher Weise für mich klären. Jetzt arbeite ich nur morgens und an einem Nachmittag auch mittags. Auch mein Aufgabenfeld wurde geändert und geklärt. In Deutschland wurde mir gesagt, dass ich im sportlichen Bereich eingesetzt werde. Ich konnte einen Einblick in die verschiedenen Fächer werfen und wurde gefragt ob ich in Englisch aushelfen könnte und meine Ideen in Kunst einbringen möchte. In allen Kursen helfe ich nur unterrichtsbegleitend aus und somit nehme ich keinem Lehrer einen Arbeitsplatz weg. Daraufhin habe ich mich zusätzlich noch für Kunst und Englisch entschieden. Ja richtig, ich mache Englisch. Meine alten Englischlehrer schlagen jetzt wahrscheinlich beide Hände über dem Kopf zusammen. Englisch ist hier jedoch meiner Meinung nach nicht das wichtigste Fach. Es wird nur zweistündig in der Woche unterrichtet und die Lehrerin spricht zusätzlich leider kaum Englisch. Somit ist es definitiv bereichernd, wenn ich die Aufgaben aus dem Buch erklären kann und sie nicht vorher noch bei einer Übersetzungsseite im Internet eingegeben werden müssen. Die Bedeutung der Sprache ist den Kindern nicht bewusst. So werden auch Hausaufgaben teilweise nur durch eine Internetseite übersetzt.

 

Ein Beispiel aus dem Englischunterricht der 9. Klasse.

 

Manchmal passieren auch echt verrückte Dinge in der Schule. Da machst du im Sportunterricht Übungen mit den Kindern und dann kommt ein Straßenhund angelaufen, der dir mal schön etwas mitten auf die Laufbahn hinterlässt.

Ich wurde super lieb von den Lehrern und Schülern willkommen geheißen. Jede Klasse hat etwas für mich vorbereitet.

Mit Plakaten und ganz vielen Willkommens-Küsschen wurde ich an einem Montagmorgen ganz süß überrascht.

Am 23.08. war ,,Dia de estudiante‘‘, also Tag der Schüler und Schülerinnen.. Sowas habe ich noch nie erlebt. Die Lehrer haben Theaterstücke und Tänze (in die ich gleich mit eingebunden wurde) eingeübt und Essen für die Schüler gekocht. So wurde der ganze morgen damit verbracht die Schüler und Schülerinnen zu zelebrieren. Sogar ein Basketballspiel, Lehrer gegen Schüler wurde veranstaltet.

Am „Dia de Estudiante“

Am Tag danach, dachte ich, dass ich ganz normal arbeiten gehe. Dann wurde ich nichtsahnend mit zu einer riesigen Parade genommen, mit Fahnen, Tänzen und allem drum und dran. Dort waren ALLE Schüler, ALLER Schulen von Santa Cruz. Und ich sage euch eins, es gibt viele Schulen! Und auf einmal konnten sich alle Schüler in Reih und Glied aufstellen. Wenn das doch immer so klappen würde. Ohne die Sprache zu sprechen, eine Autoritätsperson darzustellen, ist gar nicht mal so einfach. Da hapert es schon an ,,bleib auf deinem Platz sitzen‘‘ und ,,wir werfen keine Stifte‘‘ und ,,Ruhe bitte‘‘.

Bei der Parade in Santa Cruz

Leider hat es mit meiner neuen Gastfamilie nicht ganz so geklappt. Mit der Hygiene hat es nicht gestimmt, sodass ich leider wechseln wollte/musste. Ein harmloses Beispiel ist, dass die Hunde aus den Kochtöpfen fressen, aus denen auch gekocht wird. Relativ schnell hatte ich dann auch Probleme mit dem Magen. Woher ich im Endeffekt krank wurde weiß natürlich niemand. Was sich eigentlich schon über 2 Wochen ankündigte, endete dann im Krankenhaus. Eine bakterielle Entzündung im Magen mit Salmonellenvergiftung hieß es dann. Nachdem mein Aufgabenfeld auf der Arbeit endlich stand, wurde ich also schön 5 Tage komplett außer Gefecht gesetzt. Nun bin ich schließlich in meiner neuen Familie und somit beginne ich jetzt einen Neuanfang. Aber ich bin auf dem Weg der Besserung!

Bei der Arbeit

Trotz aller Widrigkeiten, macht mir die Arbeit so viel Spaß! Mich erfüllt es die Kinder so glücklich zu sehen!! Zu sehen, wie interessiert sie meine Arbeit annehmen, gibt mir Kraft. Viele Kinder kommen in den Pausen zu mir und fragen wie man denn ihren Namen auf Englisch ausspricht oder was denn bestimmte Wörter heißen, die ihnen gerade durch den Kopf schwirren. So erreiche ich manchmal das Lehrerzimmer nicht rechtzeitig bevor die Pause schon wieder zu Ende ist. Also was ich sagen will, mir geht es gut. Keiner muss sich Sorgen machen. Wenn es mir nicht gut gehen würde, wäre ich schon längst wieder zuhause. Außerdem will ich das ganze hier immer noch unbedingt. Es ist und bleibt genau das richtige für mich.
Leider konnte ich euch noch nicht so viel über Land und Leute berichten. Was sich aber in den nächsten Briefen definitiv ändern wird!

Also freut euch auf den nächsten Brief.

Sonnige Grüße

Eure Mara