Bolivien: 1. Rundbrief von Lara Eisenbarth

Bolivien ist drei mal so groß wie Deutschland. In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, in Bolivien 11 Millionen. Was dies unter anderem bedeutet, durfte ich in letzter Zeit erfahren und auch meine weiteren 11 Monate hier werden davon stark geprägt sein.
Doch dazu später mehr…

Liebe Rundbriefleser-/ innen,

nun bin ich bereits seit 9 Wochen hier in Bolivien. Wie die Zeit vergeht! Eine Zeit voller neuer Erfahrungen, neuen Bekanntschaften,

neuer Eindrücke, neuem Essen, neuer Gewohnheiten.

Die ersten fünf Tage haben wir gemeinsam als Gruppe von Freiwilligen aus Trier und Hildesheim in La Paz verbracht. Dort hatten wir ein kleines Willkommensseminar bei der COMISIÓN DE HERMANDAD (Partnerschaftskommission).

La Paz ist wirklich eine unglaublich beeindruckende Stadt, die auf ca 4000hm liegt und gemeinsam mit der angrenzenden Stadt El Alto 2 Millionen Einwohner beheimatet.
La Paz ist nicht die politische Hauptstadt Boliviens, allerdings befindet sich hier der Regierungssitz. Daher finden die meisten Demonstrationen dort statt und so haben auch wir eine größere mitbekommen. Demonstriert wurde gegen die Steuer von Straßenständen, welche es in Bolivien fast an jeder Ecke gibt.

Auch mit der Seilbahn sind wir gefahren, von dort aus hatten wir einen fantastischen Blick über die Stadt (die Städte) mitten in den Bergen.

Auch wenn sich Treppensteigen eher wie Bergsteigen bei 35 Grad angefühlt hat, hatte glücklicherweise fast keiner von uns Probleme mit der Höhe.

In Bolivien gibt es eigentlich in keinem Haus eine Heizung. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn es ist meist relativ warm. Der Winter in La Paz ist es allerdings nicht! Tagsüber ist es zwar angenehm warm draußen, doch das Haus, in dem wir untergebracht waren, hat auch tagsüber eine Innentemperatur von 10 Grad nicht überschritten, von den Temperaturen nachts ganz zu schweigen.

Nach diesen unglaublichen und eindrucksvollen fünf Tagen ging es dann für mich mit zwei anderen Freiwilligen weiter in Boliviens Hauptstadt Sucre. Uns stand eine überraschend gemütliche, zwölfstündige Busreise bevor. Unsere Flota (Reisebus) war nicht mit Sitzen ausgestattet, sondern mit riesigen Sesseln, mit denen man sich fast komplett zurück lehnen konnte. Also kein Vergleich zu Flixbus!

Auf nach Sucre

La Paz ist laut, hektisch, groß und kalt – Sucre ist das Gegenteil!
Sucre gilt als die schönste Stadt Boliviens (laut Lonely Planet Reiseführer).
Im Jahr 1991 wurde die Altstadt von der UNESCO zum Weltkuturerbe ernannt, auf Grund der vielen gut erhaltenden Häuser, die während der Kolonialzeit entstanden.

Das ist die Recoleta – einer meiner Lieblingsplätze in Sucre. Von dort hat man einen tollen Ausblick auf die komplette Stadt.

Die nächsten drei Wochen habe ich in einer Gastfamilie gewohnt und währenddessen einen Sprachkurs gemacht. Ich bin sehr froh schon 2 ½ Jahre Spanisch in der Schule gelernt zu haben, denn auch so war die Kommunikation schon kompliziert genug – ist sie nach 9 Wochen immer noch. Meine Gastfamilie ist sehr lieb und besorgt. Und auch wenn ich nun schon seit über 5 Wochen nicht mehr dort wohne, weiß ich, dass ich dort jederzeit Willkommen bin. Das ist ein sehr schönes Gefühl.

Die Fundación

Nach 4 Wochen Aufenthalt in Bolivien habe ich dann meine Projektstelle kennengelernt – die Fundación Solidaridad y Amistad Tréveris-Chuquisaca (Stiftung Solidarität und Freundschaft Chuquisaca-Trier). Die Fundación ist aus der seit mehr als 50 Jahren bestehenden Partnerschaft zwischen dem Bistum Trier und der Erzdiözese Sucre entstanden. Mittlerweile hat sich diese Partnerschaft auf ganz Bolivien ausgebreitet und auch das Bistum Hildesheim gehört dazu.

Die Fundación unterhält 23 Internate und Ausbildungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Studenten und ermöglicht diesen somit den Zugang zu Bildung. Diese Einrichtungen befinden sich im Departamento (Bundesland) Chuquisaca, das zu einer der ärmsten Regionen Boliviens gehört. Hinzu kommen noch verschiedene inhaltliche Projekte wie beispielsweise Ehrenamtliches Engagement von Jugendlichen, Umweltschutz und Frauenrechte.

Zwischen dem BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Trier und der Fundación besteht eine enge Zusammenarbeit und somit erhält die Fundación einen großen Teil ihrer finanziellen Mittel aus den Erlösen der Boliviensammlung und weiteren so genannten kleinen Projekten. Obwohl ich in Deutschland bereits einige Male bei der Boliviensammlung mitgewirkt habe, hatte ich bisher wenige Kenntnisse über die Verwendung der Erlöse. Daher freut es mich umso mehr zu sehen, was durch diese Aktion hier Tolles erreicht werden kann.

Die Zusammenarbeit besteht aber nicht nur aus der finanziellen Unterstützung, sondern auch aus partnerschaftlichem Miteinander – und dazu gehören wir Freiwilligen.
Jedes Jahr werden zwei Freiwillige bei der Fundación und einer bei der PJV (Nationale Jugendpastoral Boliviens), eine weitere Partnerorganisation des BDKJs, eingesetzt. Ebenso leistet auch jeweils ein Freiwilliger der Partnerorganisationen einen Dienst im Bistum Trier. Den „neuen“ Freiwilligen Adalid, der ab Februar seinen Freiwilligendienst in Trier absolvieren wird, konnte ich auch schon kennenlernen. Und auch mit Lidia, einer sehr lieben, ehemaligen Freiwilligen unternehme ich häufiger etwas. Es ist schön, sich mit ihnen austauschen zu können.

Gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Franziska aus Konz-Könen habe ich hier im Gebäude der Fundación eine Wohnung. Unsere Wohnung besteht aus drei einzelnen Zimmern – ein gemeinsames Wohnzimmer mit Küche und zwei Schlafzimmer mit jeweils eigenem Badezimmer. Die Wohnung ist recht schön, sehr geräumig und stadtnah – ich fühle mich dort sehr wohl. Und obwohl wir quasi im Büro wohnen, sind wir hier sehr unabhängig – vor allem am Wochenende. Trotzdem kann es dann mal vorkommen, dass wir sehr früh aus dem Schlaf gerissen werden, weil beispielsweise eine Gruppe aus Deutschland zu Besuch kommt und wir ein bisschen dolmetschen und erzählen sollen.

Franziska und ich auf der Recoleta

Auf der Suche nach meinem Projekt

Schon vor meiner Abreise war die Aussage über meinen genauen Arbeitsbereich noch ziemlich offen und das hat sich auch in Sucre vor Ort bisher nur wenig geändert. In meinen ersten fünf Wochen in der Fundación habe ich also die verschiedensten Dinge gemacht.

Die erste, vierte und fünfte Woche habe ich im Büro ein bisschen mitgeholfen – Fragebögen ausgewertet, Lernutensilien für die Kinder in den Internaten zurecht geschnitten und ja, häufig war auch nichts für mich zu tun.

In der zweiten Woche bin ich dann mit Herlan, meinem Ansprechpartner hier vor Ort, in die Gemeinden Monteagudo, Huacareta und San Jorge de Ipati (alle in Chuquisaca) gereist. Das machen die Mitarbeiter der Fundación häufig, um beispielsweise den Kindern und Jugendlichen neue Projekte vorzustellen oder um sich zu vergewissern, dass alles reibungsfrei abläuft. Fast jedes Internat hat eine gewisse „Spezialisierung“, z.B. stellen die Kinder Honig her und bauen Gemüse an oder sie stellen Schmuck und Schuhe her. In San Jorge de Ipati (unauffindbar bei GoogleMaps) werden die Kinder jetzt lernen, aus Ton die verschiedensten Figuren zu formen. Die Idee dahinter ist, dass die Kinder durch diese Kenntnisse etwas können, was sie in der Menge ein wenig „herausstechen“ lässt. So könnten sie in diesem Fall beispielsweise die Figuren später anfertigen, sie verkaufen und damit eventuell einen Teil ihres Studiums finanzieren. Diese Woche hat mir besonders gut gefallen, denn ich konnte einerseits viel von Chuquisaca sehen und andererseits viel über die Arbeit der Fundación lernen. Außerdem habe ich mich gut mit den Kindern aus den Internaten, die meist sehr offen und interessiert waren, verstanden.

Das Reisen in Bolivien ist anders als in Deutschland. Man setzt sich nicht für relativ geringe Entfernungen in ein Flugzeug und ist zwei Stunden später da. Nein, man fährt mit dem Bus – stundenlang, tagelang – und fühlt sich danach wie Wackelpudding, weil in Bolivien (laut Wikipedia) nur 28% der Straßen asphaltiert sind. Doch die wunderschöne Landschaft lässt mich dieses Geholpere gerne in Kauf nehmen! Außerdem kann es sein, dass man stundenlang keiner Menschenseele begegnet…

Landschaft um Sucre

In der darauffolgenden Woche habe ich im Internat Santa Maria gearbeitet. Das ist ein Internat ausschließlich für studierende Mädchen und es liegt nur wenige Straßen von meiner Wohnung entfernt. In Sucre gibt es nicht nur ein Internat für Studentinnen, sondern auch eins für Studenten. Durch diese Einrichtungen ermöglicht die Fundación jungen Erwachsenen, die von außerhalb der Stadt kommen und sich eine eigene Wohnung nicht leisten können, ein Studium. Einerseits war es schön, mit gleichaltrigen Mädchen Bekanntschaft zu machen, andererseits waren sie die meiste Zeit in der Universität und nur zum Mittagessen im Internat. Also bestand meine Arbeit größtenteils darin, die Köchin zu unterstützen, Dokumente zu sortieren oder ein bisschen Gärtnerin zu spielen. Trotzdem habe ich mich dort sehr wohl gefühlt, was vor allen Dingen an der super lieben Köchin lag. Mit ihr waren Franziska und ich auch letzte Woche im Theater und haben uns  traditionelle bolivianische Tänze angeschaut.

Virgen de Guadelupe

Außerdem war Mitte September in Sucre echt was los. Jede Stadt in Bolivien hat ihre(n) persönlichen Schutzpatron-/ in. In Sucre ist es die Virgen de Guadalupe, zu deren Ehren in dieser Zeit ein Fest gefeiert wird. Also gab es auf dem Plaza 25 de Mayo (Hauptplatz) eine Messe mit tausenden von Teilnehmern und einer anschließenden großen Prozession mitsamt des Bildes der Virgen. Zudem wurden um die ganze Plaza Autos mit Gemüse, Silberbesteck, Blumen oder Geld geschmückt, ebenfalls zu Ehren der Virgen.

Geschmückte Autos beim Fest der Virgen de Guadalupe

Am darauffolgenden Wochenende fand dann eine Entrada (eine Art Umzug) statt, bei der in aufwendigen Kostümen die verschiedensten Tänze mit den verschiedensten geschichtlichen Hintergründen aus ganz Bolivien aufgeführt wurden.

Traditionelle Tänze vor dem Rathaus Sucres

Ja nun bin ich bereits seit 9 Wochen hier in Bolivien.

Wie die Zeit vergeht!

Wenn ich an meine ersten Wochen zurückdenke, merke ich, wie viele Dinge längst alltäglich geworden sind, die mich damals ein wenig überfordert oder verwundert haben.

Allein das Busfahren war am Anfang eine Herausforderung für mich. In Sucre gibt es keine Haltestellen, das heißt wenn ein Bus kommt, streckt man einfach den Arm aus. Wenn man aussteigen möchte, ruft man „voy a bajar“ (ich werde aussteigen) oder „parada“ (Halt). Man bezahlt sowohl im Bus, als auch im Taxi einen Festpreis pro Person. Dabei spielt es keine Rolle, ob man 50m fährt oder bis zum anderen Ende der Stadt und Sucre ist deutlich größer als Trier. Der Verkehr hier ist generell ein wenig rauer als in Deutschland und anstatt „Rechts-vor-links“ zu beachten, hupt man hier an einer Kreuzung.

Längst habe ich mich an die vielen Hunde auf der Straße gewöhnt, deren Gebelle mich nachts häufig in den Schlaf „wiegt“ und morgens weckt. Ich habe mich daran gewöhnt, in einer Wohnung immer meine Schuhe anzulassen, mittags bis zum Platzen zu essen und stundenlang meine Klamotten von Hand zu waschen.

Die Preise hier erscheinen mir manchmal so verrückt, so bezahlt man für ein vier Gänge Menü mit Getränk ca 22 bolivianos (2,75€) und für das Glas Nutella 97 bolivianos (~12€).

Das Essen hier ist schon anders – fettiger, süßer, teilweise einseitig und sehr fleischlastig. Das war es dann mit dem Vegetarierdasein – nach 5 Tagen in Bolivien.
Auf jeden Fall gibt es hier auch unglaublich leckere Gerichte, z.B. Empañadas (Teigtaschen mit Füllung) oder die Fruchtsäfte.

Und das Obst und das Gemüse sind einfach nur köstlich!

Anstatt sich vor dem Essen einen guten Appetit zu wünschen, bedankt man sich im Nachhinein und die anderen antworten mit „Provecho“ (Appetit). Sogar solche Kleinigkeiten, musste ich ein paar Mal miterlebt und selbst gemacht haben, bevor sie mir geläufig wurden.

Einmal war ich bei den Eltern meiner Gastmutter zum Essen und sie haben mich gefragt, was ich denn gerne trinken möchte. Wasser habe ich dann gesagt, doch das hatten sie nicht, nur literweise Cola und Fanta in den skurrilsten Geschmacksrichtungen. Coca Cola dominiert hier schon ziemlich den Markt, sogar das Wasser ist meistens von Coca Cola.

Viele meiner Freunde in Deutschland sagen, wie unpünktlich ich bin – kommt nach Bolivien und ihr werdet eure Meinung ändern! Als wir zum Reisen aufgebrochen sind, war es geplant, um 3 Uhr loszufahren, um halb 8 haben wir dann so langsam die Stadt verlassen – eine Seltenheit ist das nicht. Von dieser Gelassenheit könnte man sich in Deutschland echt mal etwas abschauen.

In Bolivien gibt es extreme Höhenunterschiede! Der Sajama, der höchste Berg Boliviens, liegt auf 6542hm, der Rio Paraguay hingegen auf gerade einmal 90hm. Schon nach nur wenigen Stunden Fahrt zieht sich häufig meine Wasserflasche stark zusammen, da so schnell so viele Höhenmeter überbrückt wurden.

Das alles war meist sehr spannend und faszinierend. Und bis auf ein paar kleine Magenprobleme habe ich mich hier auch immer sehr gut und wohl gefühlt, was bestimmt zu einem großen Teil auch an Franziska liegt, die mir in dieser kurzen Zeit eine gute Freundin geworden ist. Es war gut, schon so viele Mitarbeiter und Arbeitsbereiche der Fundación kennenlernen zu können, jedoch wünsche ich mir so langsam eine konkrete Aufgabe und eine gewisse Art von Alltag.
Die nächsten sechs bis sieben Wochen werde ich höchstwahrscheinlich in dem Internat in San Jorge de Ipati verbringen – das klingt doch schon nach Alltag!

Ich bin unglaublich froh hier sein zu dürfen und freue mich auf die kommende Zeit!

Liebe Grüße, Lara