Bolivien: 1. Rundbrief von Anne Rosner

Liebe Freunde, liebe Verwandte, liebe Interessierte,

nun bin ich schon mehr als zwei Monate in Bolivien und es wird Zeit, euch von meinen bisherigen Erlebnissen und  Erfahrungen zu berichten.

Mein erster Monat

Nach Monaten der Vorbereitung durch meine Entsendeorganisation SoFiA ging es für mich und acht andere Freiwillige am 06.08.2017 endlich los in Richtung Bolivien. Nach einem langen und anstrengenden Flug von über 30 Stunden mit verschiedenen Zwischenstopps kamen wir früh morgens gemeinsam mit zehn weiteren Freiwilligen des Bistums Hildesheim am Flughafen von La Paz an. In der ersten Woche wohnten wir alle gemeinsam in La Paz und lernten die „Hermandad“, die Partnerorganisation von SoFiA, und uns gegenseitig kennen. La Paz ist der Regierungssitz von Bolivien und liegt auf über 3.600m. Am Anfang hatte ich recht viele Probleme mit der Höhenkrankheit, was sich in Kopfschmerzen, Übelkeit und Luftproblemen bemerkbar machte. Aber das hat sich relativ schnell mit Hilfe von Coca-Tee gelegt. Die Stadt ist sehr groß, dicht besiedelt und der Verkehr in der Innenstadt ist chaotisch. Aus diesem Grund wurden 2014 drei Seilbahnlinien eröffnet und bis 2020 sollen noch 5 weitere Linien eröffnet werden, die den Verkehr reduzieren sollen. Nach fünf Tagen in La Paz ging es für mich und 3 weitere Freiwillige mit einem Reisebus 7 Stunden nach Cochabamba.

Am Terminal wurden wir herzlich von unseren Familien und den Pfadfindern empfangen. Ich habe mich sehr gefreut, die Pfadfinder nach unserem Besuch dort im letzten Jahr wiederzusehen und war super glücklich, endlich wieder in Cochabamba zu sein. Da die

Ankunft am Terminal

Pfadfinder auf dem Foto sehr wichtig sind für meinen Freiwilligendienst darf ich sie euch kurz vorstellen: (von links) Marzio aus meinem Pfadfinderstamm „Tunari“, Daniel mein Mitbewohner, Marcela aus dem Büro auf Distriktsebene, Paul mein Vorgänger, Alex mein Freiwilligenkoordinator und Loukas auch aus meinem Partnerstamm.

Dann ging es für mich erstmal für drei Wochen in meine Gastfamilie. Meine Gastfamilie ist sehr groß und herzlich und ich wurde lieb empfangen. Meine Gastmutter heißt Marina und sie hat 7 Kinder, 10 Enkel und zwei Urenkel. Während der Zeit in der Gastfamilie besuchte ich jeden Morgen für 4 Stunden die Sprachschule „Carmen Vega“. Es ist eine kleine Sprachschule die mir gut geholfen hat das Spanisch, was ich drei Jahre zuvor in der Schule erlernt habe, aufzufrischen und zu festigen.

 

Bolivien – Cochabamba

Während der Zeit in meiner Gastfamilie habe ich viel über die Kultur und die Menschen, sowie die Politik im Land erfahren dürfen. Bolivien liegt im Herzen Südamerikas und hier leben fast 11 Millionen Menschen. Die Hauptstadt ist Sucre und der Regierungssitz (übrigens mit 3600 m der höchste der Welt) befindet sich in La Paz. Das Land ist sehr vielfältig und geprägt durch das Hoch- und das Tiefland. In Bolivien befinden sich Teile und Ausläufer der Anden, Wüsten, Dschungel, der größte Salzsee der Welt und auch der bekannte Titicacasee. Die offizielle Sprache ist Spanisch, aber es werden darüber hinaus noch 33 weitere indigene Sprachen gesprochen. In Bolivien gibt es 9 Departamentos (Bundesländer) und alle sind von Grund auf verschieden. Mein Einsatzort ist Cochabamba, die viergrößte Stadt Boliviens. Cochabamba liegt auf einer Höhe von 2600 m und hat mit umliegenden Orten eine Bevölkerung von über 1,5 Millionen Menschen. Das Klima ist das ganze Jahr über beständig und Jahreszeiten gibt es hier kaum. Am Tag ist es meistens um die 20°C und in der Nacht kann es hier richtig kalt werden. Die Region in und um Cochabamba ist recht trocken und so ist jeder Regen ein Segen für das Land. Schnee haben die meisten Cochabambinos (Name der Menschen aus Cochabamba) noch nie gesehen. Manchmal schneit es auf dem „Cerro Tunari“, dem höchsten Berg in der Nähe mit 5.035m, im Nationalpark Tunari nahe der Stadt.

Cerro Tunari mit 5.035 m

„Fiesta de la Virgen de Urkupiña“

Mein erstes großes Ereignis war die jährlich im August  stattfindende „Fiesta de la Virgen de Urkupiña“ (Fest der Jungfrau von Urkupiña), einem religiösen und kulturellen Fest in Cochabamba. Das Fest geht auf eine Legende zurück, wonach eine Schäferin einige ihrer Tiere verloren hatte und verzweifelt umherirrte, um sie zu finden. Da erschien ihr plötzlich die Jungfrau Maria über einem Berg und riet ihr, sie solle so viele Steine aus dem Felsen klopfen, wie sie Schafe verloren hatte. Die Schafhirtin tat dies, und die Steine verwandelten sich daraufhin in Schafe. Seitdem wird alljährlich an diesem Ort die Gottesmutter mit einem großen, dreitägigen Pilgerfest verehrt. (aus Paulinus 33/2010 von Christel Krein).
Die Jungfrau von Urkupiña ist die Schutzpatronin der Stadt und zu ihren Ehren wird ein mehrtägiges Fest veranstaltet mit Straßenumzügen und vielen Gottesdiensten. An einem Tag des Festes sind wir nachts ca. 14 km ins benachbarte Quillacollo gepilgert um an einem der vielen Gottesdienste teilzunehmen. Besonderes einprägsam sind die vielen traditionellen Tänze und die Musik, welche bei den Straßenumzügen präsentiert wird.

Straßenumzug beim Volksfest „Fiesta de la Virgen de Urkupiña“

 

Mein Haus, …

Der erste Monat ging für mich schnell rum und Anfang September bin ich umgezogen in das Distriktzentrum der Pfadfinder in Cochabamba, kurz DSC. Das Haus liegt im Zentrum der Stadt, was natürlich sehr praktisch ist, da ich von hier aus nahezu alles zu Fuß erledigen kann, wie z.B. einkaufen. In Cochabamba gibt es einen großen Markt namens „La Cancha“, der mit zu den größten Straßenmärkten Südamerikas zählt. Hier gibt es auch große Supermärkte die vergleichbar sind wie z.B. Rewe, Edeka und Co aber am meisten kaufe ich in kleinen „Tante Emma Läden“ ein. Sie sind an jeder zweiten Ecke zu finden und haben fast alles, was man zum Leben braucht und sie liegen immer auf dem Heimweg. Am Anfang musste ich mich erstmal in der großen Stadt und vor allem mit dem Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtfinden. Hier ist der öffentliche Nahverkehr deutlich anders. Es gibt Taxis, Truffis (wie VW-Bus), Taxitruffis und Micros (wie amerikanische Schulbusse) und alle halten ohne feste Haltestellen, einfach auf Zuwinken. In Cochabamba gibt es keinen Bahnverkehr und kaum Fahrräder, obwohl im letzten Jahr ein neuer Fahrradrundweg eröffnet wurde. Aber nach einer Woche Truffi-Rätselraten und falsch ein bzw. falsch aussteigen, finde ich mich inzwischen sehr gut in der Innenstadt und auch den Randbezirken zu Recht.

DSC – Distrikt Scouts Cochabamba

Mit mir zusammen wohnt Daniel, der auch Pfadfinder ist und mit ihm wird es nie langweilig. Langweilig wird es in diesem Haus eh eigentlich nie. Es gibt immer etwas zu tun und abends sind immer viele andere Pfadfinder da, die zu Stufen- oder Distriktversammlungen kommen. In den ersten zwei Wochen haben noch Paul, mein Vorfreiwilliger, und Evé, eine Pfadfinderin, mit mir zusammen gewohnt. Sie zeigten mir alles, haben mir meine Aufgaben vermittelt und so hatte ich einen perfekten Start in mein Projekt bei den Pfadfindern. Das Leben der Pfadfinder ist in Bolivien komplett unterschiedlich. Und für mich ist es interessant die Strukturen Stück für Stück besser kennenzulernen. Es gibt ca. 8.000 Pfadfinder in Bolivien und davon 3.500 Pfadfinder in 22 Gruppen allein in Cochabamba. In diesem Moment muss ich Euch aber leider auf den nächsten Rundbrief vertrösten, da ich die Strukturen und das Leben mit den Pfadfindern noch besser kennenlernen und verstehen will, um euch dann ausführlich im nächsten Brief zu berichten.

mein Projekt, …

Meine Aufgaben im Projekt der Pfadfinder sind sehr unterschiedlich und vielfältig, sodass ein typischer Tagesablauf kaum möglich ist zu berichten. Also was mache ich den ganzen Tag?!  Neben meinem Hauptprojekt bei den Pfadfinder beginnt die Woche mit einer zusätzlichen Aufgabe von Montags – Mittwochs in einem Kinder-/Weisenheim mit ca. 30 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 – 18 Jahren. Ich helfe ihnen bei den Hausaufgaben, bringe sie zur Schule und wenn alle Aufgaben erledigt sind, spielen wir gemeinsam. Am Anfang war die Arbeit mit den Kindern sehr schwierig, weil ich sie kaum verstanden habe. Aber Tag für Tag funktioniert die Kommunikation besser und es macht mir sehr viel Spaß mit ihnen zu arbeiten.
Donnerstags arbeite ich dann auf dem Nationalzeltplatz der Pfadfinder und betreibe die Pflege und Bewässerung der Pflanzen. Der Zeltplatz liegt in Arani (auf über 2.800 m), einer etwa 55 km entfernten Provinzstadt. Dort ist es generell sehr trocken, was eine natürliche Vegetation kaum zulässt (im Moment kommt hier der Frühling und die Regentage nehmen in den nächsten Monaten deutlich zu – von April-September ca. 2 Tage/Monat von Oktober bis März ca. 10 Tage /Monat). Die Pfadfinder haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Zeltplatz zu bepflanzen. Wo vor 8/13 Jahren nur kleine Sträucher wuchsen, stehen heute mittelhohe Bäume.

die Pfadfinder …

Samstags finden immer die Gruppenstunden der Pfadfinder statt. Ich werde in meinem Partnerstamm Tunari, benannt nach dem umliegenden Gebirge,  in der Stufe der Jungpfadfinder eingesetzt werden. Bisher konnte ich nur einen Samstag meine Gruppe kennenlernen, da ich die anderen Samstage ein paar andere ausgewählte Gruppen besuchen und ihre Stämme kennenlernen durfte. Mein Stamm Tunari hat insgesamt 96 Mitgllieder und über 15 aktive Leiter. Seit 2006 ist es der Partnerstamm der Seepfadfinder in Koblenz-Güls.

und mein Leben hier…

Natürlich bin ich nicht nur Pfadfinderleiterin der Gruppe Tunari, sondern arbeite auf Distriktsebene der Pfadfinder in Cochabamba und übernehme repräsentative und administrative Funktionen und spezifisch pfadfinderische Aufgaben. Dazu gehören Versammlungen, die abends im DSC stattfinden, die Instandhaltung und Säuberung des DSCs und natürlich alle weiteren zahlreichen Pfadfinderaktionen, die meistens am Wochenende stattfinden, wie „Clean up the world“, oder verschiedene Pfadfinderlager. Die letzten drei Wochenenden war ich auf drei Lagern der Pfadfinderstufen Rover, Pfadfinder und Jungpfadfinder. In allen Lagern waren fast alle Pfadfindergruppen Cochabambas vertreten was die Aktionen zu großen Lagern machte. Z.B. waren auf dem Lager der Jungpfadfinder über 323 Kinder und 95 Leiter vertreten. Alle Aktionen standen unter verschiedenen Mottos, so hatte die Pfadfinderstufe eine große Fahrradtour mit mehr als 100km in zwei Tagen und die Jungpfadfinder eine große Wanderung, mit dem Thema Hobbit, über zwei Tage.

Lager der Jungpfadfinderstufe

Partnerschaft

Bereits über 50 Jahren besteht zwischen der ASB „Asociacion de Scouts de Bolivia“ in Cochabamba und der DPSG Trier eine enge Partnerschaft. In Zuge dessen finden alle zwei Jahre Begegnungsreisen der Pfadfinder statt, mit der ich schon im vergangenen Jahr Cochabamba, die Pfadfinder und auch die Gruppe Tunari besuchen durfte. Jährlich wird ein Pfadfinder nach Cochabamba entsandt und alle zwei Jahre kommt ein Pfadfinder von Cochabamba nach Deutschland um das Leben im Partnerland kennenzulernen und die Deutschbolivianische Partnerschaft zu stärken. In der Diözese Trier haben mehrere Pfadfinderstämme einen Partnerstamm in Cochabamba.

Zum Schluss kann ich nur sagen, dass ich jeden Tag sehr dankbar und glücklich bin, diesen Freiwilligendienst machen zu dürfen. Das ist genau das richtige für mich und ich fühle ich hier in Cochabamba richtig wohl. In meinem nächsten Rundbrief werde ich dann noch mehr auf Land und Leute hier in Bolivien und das Pfadfinderleben mit den Unterschieden zu Deutschland eingehen.

Ich hoffe, euch hat mein erster Rundbrief gefallen und wenn ihr Fragen und Anregungen habt könnt ihr mir immer gerne schreiben!

Muchos saludos aus Bolivien,

Eure Anne