Jordanien: 1. Rundbrief von Charlotte Kaspar

Welcome to Jordan! – !مرحبا بكم في الأردن

 

Liebe Freunde, Verwandte, Unterstützer und Rundbriefleser,

ich bin jetzt schon seit über zwei Monaten hier in Jordanien, auch wenn es mir vorkommt, als wäre ich erst letzte Woche angekommen. Zeit, euch einmal von meinen ersten Erfahrungen zu berichten. Ich habe mich schon gut eingelebt und meinen Platz im Projekt gefunden. Doch von Anfang an…

Ankunft und die ersten Tage

Am 01.08. fing für mich nicht nur ein neuer Monat, sondern auch ein neues Leben in Jordanien an. Neues Umfeld, neue Leute, neue Sprache, neues Essen, neue Kultur… Ich hatte ein Jahr Vorbereitung hinter mir und doch – wie soll man sich vorbereitet fühlen, wenn man eigentlich doch nicht weiß, was einen erwartet?

Nach einem Zwischenstopp in Athen und 12 Stunden Reise stand ich dann um 2.00 Uhr nachts in Amman mit meinem wenige Minuten alten Touristenvisum am Flughafen. Am Ausgang sind mir dann schon meine Vorgängerin Hannah und jemand aus der Gemeinde entgegengekommen, um mich abzuholen.

Nach weiteren eineinhalb Stunden Autofahrt Richtung Norden habe ich dann irgendwann zum ersten Mal ein Schild entdeckt „Mount Lady Church“/ Anjara. Während der Fahrt habe ich fast ununterbrochen neugierig aus dem Fenster gesehen, um erste Eindrücke von dem Land zu sammeln, in dem ich ein Jahr verbringen werde. Die erste Nacht habe ich trotz langer Reise voller Aufregung und Anspannung darüber, wer und was mich am nächsten Tag erwarten wird, unruhig geschlafen.

Nach einer Dusche und einem Tee, bei dem mich die Priester begrüßt haben, war ich bereit, mein neues Umfeld zu entdecken. Hannah hat mich auf dem Gelände der Projektstelle rumgeführt. Ich hatte es mir kleiner vorgestellt und war überrascht, drei bzw. vier Wohnhäuser vorzufinden, ein Fußball-/ Tennisplatz, eine Schule, einen Fitnessraum, einen Basar, ein Physiotherapie-Praxis, einen sehr schönen Garten mit Grill-Ecke, Spielgeräten, Oliven- sowie Feigenbäumen und Trauben und natürlich die Kirche und einen Schrein. Dabei kam es auch schon zu einem ersten Kennenlernen mit den fünf Nonnen und einigen von den kleinen Kinder, die hier leben. Da die Schule erst im September wieder angefangen hat, waren die meisten hier lebenden Kinder und Jugendlichen für einige Wochen in ihren Familien, sodass ich nicht alle sofort kennen gelernt habe. Die Ferienstimmung hat mir allerdings geholfen, schneller anzukommen. Trotzdem konnte ich beim Aufräumen der Lagerräume und bei der Betreuung der hier gebliebenen Kinder schon direkt mit anpacken. 

An meinem dritten Tag besprachen der Priester, die Oberschwester und ich dann meine zukünftigen Aufgaben. Sie stellten mir ihre Ideen vor und fragten mich, wie und wo ich mich einbringen kann und möchte.

So konnte ich mir in den ersten zehn Tagen, bevor es für mich nach Amman zum Sprachkurs ging, ein erstes Bild machen. Trotzdem war mir auch klar, dass ich erst mit Schulbeginn alle Abläufe und meine Aufgaben kennen lernen werde und dadurch auch meinen Platz finden werde.

Die Kirche mit Hof/Parkplatz/Schulhof
Garten mit Grillecke

 

 

 

 

 

Terrasse vor dem Haus der Kleinen

Sprachkurs in Amman, Sprache und Verständigung

Bekanntlich ist Arabisch eine sehr schwer zu erlernende Sprache. Mein Respekt wurde in den ersten Tage auch nicht geringer, da ich wirklich nichts verstanden habe, wenn auf Arabisch gesprochen wurde. Kaum ein Wort gleicht denen, die ich aus dem Englischen, Spanischen, Französischen oder Deutschen kenne. Da die Kinder aber kein Englisch sprechen, hat mich das noch zusätzlich angespornt zu lernen, um auch mit ihnen kommunizieren zu können. Vor dem Sprachkurs hatte ich mich schon mit dem Alphabet und den ersten Wörtern wie „Hallo“ vertraut gemacht und gehofft, nach dem Sprachkurs eine gute Basis zu haben.

Die kleine aber feine Sprachschule und deren Unterkunft haben mir gut gefallen, da sie sehr zentral liegen und die Mitarbeiter, Sprachschüler und Mitbewohner der Sprachschulwohnung aufgeschlossen und nett waren. So habe  ich mich nicht alleine gefühlt habe, in der vier Millionen Einwohner Stadt Amman.

Da allerdings niemand anders zur gleichen Zeit auf meinem Level (Level 0!) war und den gleichen Kurs (den jordanischen Dialekt und nicht Hocharabisch) belegt hatte, war ich mit meiner Lehrerin alleine. Das bedeutete zwar Einzelunterricht zu bekommen, aber leider auch, dass die Stundenanzahl zurückgestuft wurde, sodass ich täglich nur eine Stunde Unterricht hatte. Leider kommt man mit einer Stunde natürlich nicht so schnell voran. Ich habe dann versucht, mit Hilfe des Arbeitsheftes mir selbst einiges beizubringen und meine viele Freizeit genutzt, um Amman mal alleine, mal gemeinsam mit Leuten aus der Sprachschule zu entdecken.

Amman gilt als wichtigstes Zentrum Jordaniens, da es sowohl das wirtschaftliche und politische als auch kulturelle Zentrum des Land ist. Auch aufgrund seiner Einwohnerzahl (die Hälfte aller Einwohner Jordaniens leben in Amman) und seiner sich immer weiter ausdehnenden Fläche wird Amman besondere Bedeutung zugeschrieben. Die Stadt wurde auf sieben Hügeln erbaut und ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts so schnell gewachsen, dass sie sich heute über etwa zwanzig Hügel erstreckt.

Trotz der Uniformität der weißen Kalksteinhäuser gibt es wie in jeder Großstadt starke Kontraste: so zum Beispiel die alten Kulturschätze wie das römische Theater oder der Zitadellenhügel oder die modernen, klimatisierten, super sauberen Shoppingmalls daneben. Wenn man diese nach einer Taschenkontrolle betritt, kommt man sich vor, als befände man sich in einer anderen Welt. Denn die Malls stehen sehr im Kontrast mit den vielen, dreckigen Straßen voller Müll, in denen es im Sommer in der Sonne um die fünfzig Grad heiß werden kann und auch dementsprechend schlecht riecht. 

Oder auch die Besonderheit, dass man in Amman vergleichsweise viele Kirchen vorfindet, obwohl Jordanien ein muslimisches Land ist. Es kommt nicht selten vor, dass sich eine Kirche neben einer Moschee befindet. Die christliche Minderheit genießt durch die Politik des Königs einen im nahen Osten einzigartigen Schutz und Status.

auf dem Zitadellenhügel hat man die beste Aussicht über Amman
vor einer Beduinen-Kulisse im Museum in Amman

Mit vielen Jordaniern kann ich mich gut auf Englisch verständigen und unterhalten. So spreche ich mit den älteren Kindern in der Gemeinde auch Englisch. Mit den Schwestern und Priestern rede ich auf Spanisch, weil diese fast alle Spanisch sprechen können, obwohl die meisten momentan aus Ägypten kommen. Da der Orden aber aus Argentinien kommt, können viele auch Spanisch. Also die Verständigung klappt, jedoch versuche ich jeden Tag mit dem Arabischen etwas weiter zu kommen, sodass ich mehr als einzelne Wörter oder kleine Sätze, wie das mittlerweile der Fall ist, verstehe.

in Salt bei einem Sonntagsausflug mit einer Freiwilligen aus Italien, einem Freiwilligen aus Frankreich und zwei angehenden Priestern, die zur Zeit alle hier in Anjara sind

 

Our Lady of the Mount – Mission

Der Orden Religious Family of the Incarnate Word begann seine Mission 2004 hier  in Anjara, welches ca. 20.000 Einwohner zählt. Davon sind ca. 1.000 Einwohner christlich und diese Anzahl teilt sich noch einmal in 500 römisch-katholische und 500 griechisch-orthodoxe Christen.

Seitdem diente das Parish schon vielen christlichen Kindern aus ganz Jordanien, die aus Familien mit unterschiedlichsten Problemen kommen, als Zuhause. Einige bleiben nur für kurze Zeit, während andere schon fast ihr ganzes Leben hier wohnen. Es kamen schon Kinder hier her, die erst wenige Wochen alt waren und einige, die mittlerweile studieren, werden immer noch unterstützt. Aktuell ist die kleinste zwei Jahre alt und die Älteste, die ihr Abitur im Winter wiederholen wird, 19 Jahre. 

Viele Pilgergruppen kommen hierher, um die Marienstatur im Schrein neben der Kirche zu besichtigen. Diese soll 2010 Blut geweint haben.

Schrein mit Marienstatue

Die Schule wird von ca. 220 christlichen und muslimischen Schülern besucht, und trägt durch das gemeinsame Lernen und Aufwachsen dazu bei, dass die Kinder gegenseitigen Respekt erlernen, um somit ein harmonisches Zusammenleben der Religionen zu ermöglichen.

Ansonsten dient das Gelände als Treffpunkt, in dem sich Jung und Alt, ob nach der Messe, oder einfach nur zum Reden oder Sport treiben, zum Grillen oder Feiern treffen. So gibt es auch wöchentliche Treffen von Jugendgruppen, welche auch gemeinsam Ausflüge unternehmen, und einen Chor.

Ein nicht ganz aktueller Film auf Spanisch über das Projekt, der einen guten Eindruck vermittelt: http://project.lpj.org/projects/jordan/our-lady-of-the-mount-center/

 

Meine Aufgaben, Alltag

Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Arbeit der Schwester, die für die großen Mädchen ab 13 Jahren zuständig ist, zu unterstützen. So verbringe ich auch die meiste Zeit des Tages in der Wohnung der dreizehn Mädchen.  Hier befindet sich auch mein Zimmer, das jedoch durch eine Zwischentür von den Zimmern der Mädchen abgetrennt ist und über einen separaten Eingang zu erreichen ist.  Wir essen gemeinsam, ich helfe ihnen bei der Hausarbeit oder beim Lernen. Obwohl die Mädchen schon größer sind und man sie theoretisch nicht ununterbrochen beaufsichtigen muss, ist es doch notwendig, sie an ihre Aufgaben zu erinnern oder zu schauen, dass der Kühlschrank nicht plötzlich leer ist oder kleinere und größere Streitigkeiten zu schlichten.

Auch wenn ich noch nicht lange hier bin, habe ich die Mädchen, so verschieden sie auch sind, schon lieb gewonnen und ich komme gut mit ihnen zurecht, so laut und anstrengend sie auch manchmal sein können. Ich merke, dass es ihnen auch gut tut, mal mit mir sprechen zu können und nicht immer nur mit den Schwester oder den Priestern.

Einige der Mädchen, bei denen ich die meiste Zeit bin, in ihrem Wohnzimmer
im Garten mit einem Priester

Nachdem die Schule begonnen und einer der Priester, die Direktorin der Schule und ich darüber gesprochen hatten, wo ich in der Schule gerne mitwirken möchte, haben wir uns dazu entschieden, dass ich erstmal den Lehrerinnen in KG1 und KG2 assistiere. Das ist eine Art Kindergarten bzw. Vorschule, die von Kindern im Altern von vier bis sechs Jahren besucht wird. Bevor die Kinder in die erste Klasse kommen, sollen sie mit den arabischen und englischen Buchstaben vertraut sein. Das heißt, ich helfe dabei, wenn die Kinder Übungsblätter ausfüllen, Buchstaben schreiben lernen und führe mit Aufsicht, wenn sie malen, spielen, zum Kiosk gehen oder  Frühstückspause machen. Das mache ich meistens zwei bis drei Stunden pro Tag.

Mir wurde frei gestellt, wie lange ich bleiben möchte und wenn ich die Klassenstufe mal wechseln möchte, ist das auch kein Problem. Ein andere Vorschlag war, dass ich im Englischunterricht der höheren Klassen mithelfen kann. Doch für den Moment bin ich mit KG1 und KG2 zufrieden, da ich mich auch sehr gut mit einer der jungen Lehrerinnen verstehe.

Klassenzimmer KG 2

Ansonsten erledige ich ab und an noch kleine Aufgaben wie Emails schreiben, beim Kochen mithelfen, Vorbereitungen für das gemeinsame Essen erledigen. Eigentlich ist hier immer etwas los und zu tun. Bis jetzt habe ich auch schon einigen Mädchen und einer Schwester ein paar Stunden Klavierunterricht gegeben. Ich bekomme zwar öfter zu hören: „Ich will unbedingt Klavier spielen lernen, bring mir was bei!“ Doch das zu sagen und dann in die Tat umzusetzen, sind hier zwei verschiedene Dinge.

 

Aqaba und Einweihungsfeier  

Zwei ganz besondere Ereignisse durfte ich auch schon miterleben.

Zum einen das Highlight des Jahres für viele der Kinder. Die gesamte Gruppe, die im Parish wohnt, ist Ende August vor Schulbeginn für fünf Tage nach Aqaba gefahren. So hatte ich schon die Möglichkeit, die südlichste Ecke Jordaniens zu sehen. Während es im Süden Jordaniens am Roten Meer sehr heiß und trocken ist, wird es wenn man wieder nach Norden fährt Kilometer für Kilometer grüner.

in Aqaba im Hotel, beim Abendessen und am Lagerfeuer am Strand

Und zum anderen die Einweihungsfeier des neuen Wohnhauses für die Jungs „Mary Mother of Hope“, obwohl dieses noch nicht bezugsfertig ist. Die Feier war etwas ganz Besonderes, da das Sammeln von Mitteln zur Finanzierung viel Zeit und Arbeit in Anspruch genommen hatte. Zur Eröffnung kam hoher geistlicher Besuch wie auch die jordanische Ministerin für soziale Entwicklung und zahlreiche Unterstützer aus anderen Teilen der Welt.  http://en.abouna.org/en/holylands/inauguration-house-mary-mother-hope-anjara

Das neue Wohnhaus der Jungs und Bilder von der Einweihungsfeier

Ich hoffe, ich konnte erste Einblicke über mein Leben hier geben. Wem das noch nicht genug war und wer noch mehr erfahren will, der kann sich gerne bei mir melden. Ansonsten hört ihr spätestens im nächsten Rundbrief von mir.

Bis dahin,

Charlotte