Ukraine: 1. Rundbrief von Simon Klasen

Aller Anfang ist schwer…

…und damit meine ich nicht meinen Start hier in der Ukraine und in meinem Projekt, welcher (überraschend) einfach von der Hand ging, sondern das Verfassen dieses Rundbriefes. Ich bin nun schon über 2 Monate in der Ukraine und könnte über so vieles berichten oder mir den Kopf zerbrechen, dass es unmöglich ist, in diesem Text einen vollständigen Eindruck von meiner Lage und meiner Situation zu vermitteln. Ich möchte trotzdem mein Bestes geben und möglichst viele Aspekte meiner bisherigen Zeit hier aufgreifen.

Beginnen wir von Anfang an: Am Dienstag, den 01.08.2017 um 3 Uhr morgens brachte mich meine Familie zum Busbahnhof in Trier. Dort wartete ich mit David, der ebenfalls seine Reise als SoFiA-Freiwilliger antrat – sein Projekt ist die Mithilfe bei der Malteser-Organisation Ivano-Frankivsk, meines bei der Caritas -, dass der Bus nach Lviv aufbrach. Wir fuhren den kompletten Tag, die darauffolgende Nacht und kamen nach einem Umstieg in Lviv um 14:00 mittags in Ivano-Frankivsk an, wo wir von Igor, dem Dolmetscher der Caritas, Helena, Davids Vorgängerin von vor 2 Jahren und lauschigen 35° begrüßt wurden. Wir wurden in unsere Wohnungen gefahren und anschließend hat Helena uns netterweise die wichtigsten Orte im Stadtzentrum gezeigt, war mit uns Pizza essen und hat uns ein bisschen eingewiesen.
Ich hatte schon in den ersten Tagen das Gefühl, hier sehr gut anzukommen. Meine Wohnung ist wunderbar gelegen an einer der schönsten Straßen Ivano-Frankivks, der Shevchenka Straße. Diese ist eine Fußgängerzone zwischen dem Stadtpark und dem eigentlichen Stadtzentrum. Da der Großteil der Geschäfte also woanders ist, spazieren hier hauptsächlich Leute und Familien entlang, setzen sich auch gerne mal auf die Bänke und trinken oder essen etwas. Zudem ist meine Wohnung sehr geräumig und hat einen Balkon, von dem aus ich das Geschehen beobachten kann.

                   „Meine“ Straße: die Vulyzya Shevchenka in Ivano-Frankivsk

Von der Stadt selbst habe ich den Eindruck, dass sie sehr lebendig ist. Zu (fast) jeder Tageszeit sind hier viele Fußgänger unterwegs, auf den großen Straßen, welche die Stadt dominieren, tummelt sich der Verkehr. Ein besonderes Highlight ist für mich der Markt in der Stadtmitte, auf dem man kiloweise gutes Gemüse für wenig Geld kaufen kann. Die restlichen Sachen kaufe ich ganz normal im Supermarkt, von denen es hier besonders viele und dafür in kleinerer Ausführung gibt. Allerdings hat das Stadtleben auch seine Schattenseiten: Frische Luft vermisse ich hier etwas, zudem ist der öffentliche Verkehr in der Innenstadt zwar sehr gut ausgebaut, in die umliegenden Dörfer kommt man ohne ein Auto allerdings nur schwierig.

Aber es blieb sowieso nicht viel Zeit sich einzugewöhnen, denn schon nach 3 Tagen begann die erste Malteser-Aktion, bei der ich netterweise teilnehmen durfte. Sie bestand daraus, eine große Pilgerfahrt von Ivano-Frankivsk in das 20 km entfernte Dorf Krylos zu begleiten und dort bei der Feldküche mitzuhelfen.
Das Ganze war ein großes christliches Fest, in Krylos selbst waren viele Stände aufgebaut und die ganze Nacht über fanden Gebete, Konzerte und griechisch-katholische Gottesdienste statt. Es war außerdem eine gute Gelegenheit die Malteser-Jugend und die Arbeitsweise der Malteser kennenzulernen.

                      Der Pilgerzug kurz vor dem Ziel

Obwohl diese nicht meine eigentliche Einsatzstelle sind und sich meine Mithilfe nur auf meine Freizeit von der Caritas beschränkt, finde ich hier gut Anschluss bei Gleichaltrigen und die Wochenendaktionen sind immer eine schöne Abwechslung zu meinem Arbeitsalltag.

                    „Я нероба“ – „Ich bin ein Nichtsnutz“
David und ich bei der Feldküche; wir fühlten uns durch diese Aussage eigentlich ganz gut beschrieben und haben aus Spaß ein Foto damit gemacht

Bei dieser ersten Aktion war die Reizüberflutung noch zu hoch für mich und David, um wirklich eine Hilfe zu sein. Auch an die Geschlechtertrennung bei der Arbeit – Mädchen schnippeln und kochen, Jungen schleppen und bauen auf – mussten wir uns erst einmal gewöhnen.

Gleichzeitig hat es die Jugendlichen etwas verwirrt, dass wir nicht wussten wie man große Zelte abbaut, faltet und die Sachen einsortiert.  Alles in Allem war es aber ein schöner Wochenendausflug in traumhafter Landschaft, einer von der Art, wie sie mit den Maltesern noch 2-3 Mal stattgefunden haben.

Wiederum nur 2 Tage später brachen David und ich abermals auf, diesmal für 2 Wochen zu unserem Sprachkurs nach Lviv. Zwei Unterrichtsstunden täglich ließen uns anfangs viel Zeit zum Lernen und um die Stadt zu erkunden. Lviv hat eine schöne Altstadt (von der übrigens auch das Titelbild dieses Beitrages stammt) und ist insgesamt westlicher und touristischer geprägt als Ivano-Frankivsk, was uns die Verständigung leicht machte. Jedoch wurde ich in der zweiten Woche krank und musste die meiste Zeit im Hostel verbringen. Auch der erhoffte Spracherfolg blieb bis auf die absoluten Grundlagen aus.
Netterweise macht Igor aber im Moment jeden Morgen eine Stunde Sprachunterricht mit uns, der etwas entspannter abläuft und mir wirklich weitergeholfen hat. Generell hat sich Igor, der als Dolmetscher der Caritas am meisten mit den deutschen Freiwilligen zu tun hat, in der Anfangszeit wirklich gut um mich gekümmert, mir alle Projekte gezeigt, dafür gesorgt, dass ich Internet in meiner Wohnung habe und vieles mehr.

Die Rückkehr nach Ivano-Frankivsk stellte dann auch meinen eigentlichen Projektbeginn dar. Schon ab dem ersten Morgen hieß es für mich um 7 aufstehen, um halb 9 an der Bushaltestelle sein, sodass ich gegen 9 im Nachbardorf Krykhivtsi und bei der Caritas ankam (die Leute hier nennen es Nachbardorf, eigentlich ist der Übergang nahtlos und die Lage an ein und der selben Hauptstraße).

   Klassische Arbeitssituation: Igor und ich in seinem Büro

In der Anfangszeit gab es noch relativ wenig zu tun. Meine Hauptaufgabe sollte zunächst die Betreuung der geistig Behinderten sein, die jeden Vormittag in die Caritas kommen. Jedoch war gerade Urlaubszeit und auch viele Mitarbeiter der Caritas nicht da, weswegen die Gruppe der Behinderten nicht kam. Stattdessen verbrachte ich die meiste Zeit in Igors Büro, korrigierte hier mal einen Text, half da mal, zwei Rollstühle aus der Innenstadt abzuholen und versuchte in der Zwischenzeit Vokabeln zu lernen.
Die wohl größte Aktion in der Zeit, bei der ich von Anfang bis Ende dabei war, war die Aktion „Erster Schulranzen“, bei der 50 – 60 Schulranzen gepackt und eine Woche später in einer kirchlichen Zeremonie an Waisenkinder verteilt wurden.

                  Aktion „Erster Schulranzen“ mit den Waisenkindern
              Betreuung von Beeinträchtigten in der Werkstatt der Caritas

Seit nun schon einem guten Monat kommen auch die Jugendlichen und Erwachsenen mit geistiger Behinderung jeden Vormittag in die Caritas (bis auf religiöse Feiertage, von denen es hier viele gibt) und ich helfe bei der Betreuung. Gemeinsam basteln wir entweder Sachen in der Schreinerei oder in einer Nähstube, malen etwas und wir gehen zweimal die Woche Fußball spielen. Mir macht die Arbeit viel Spaß und die Zeit geht dadurch sehr schnell rum.
Bis jetzt war keine Woche gleich, oft finde ich am Wochenende Beschäftigung bei einer Malteser-Aktion, und wir hatten mit einer weiteren ehemaligen Freiwilligen und ihrem Vater, mit Davids Schwester und mit Peter Nilles, dem SoFiA-Chef, bereits dreimal deutschen Besuch. Zudem habe ich mit David jetzt einen Sprachkurs in Deutsch und Englisch für die Malteserjugend gestartet, der sich zumindest in der Anfangszeit großer Beliebtheit erfreut.
Es gibt also immer etwas zu tun, ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Zeit.

In diesem Sinne möchte ich mich noch bei allen Leuten bedanken, die mich auf dieser Reise mental unterstützen, bei Familie, Freunden, Bekannten, bei allen, die zwischendrin mal an mich denken oder sich erkundigen, wie es mir geht (auch wenn das mit dem Antworten nicht immer ganz so gut klappt).
Es gibt noch vieles, was ich wohl erst beim nächsten Mal ansprechen kann. Der Krieg, der, um es ganz kurz in den Worten vom Zeitungsartikel über David im Trierischen Volksfreund auszudrücken, „geographisch zwar weit weg, emotional aber trotzdem nah“ ist, ukrainische Volksfeste, von denen ich schon einige miterleben durfte oder Vorurteile über dieses Land. Dazu dann in meinem zweiten Rundbrief mehr, falls nicht wieder zu viel bis dahin passiert. Ich bin sehr gespannt auf die nächste Zeit.
Ich wünsche euch allen schöne Herbsttage und bis bald,

…euer Simon

Über Simon Klasen

Hallo, mein Name ist Simon Klasen, ich bin 19 Jahre alt und ich habe mich entschieden, nach meinem Abitur einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen. Ich habe mich schon zu Beginn des dreizehnten Schuljahres bei SoFiA beworben und bin nun nach langer Zeit der Vorbereitung in die Ukraine gereist, wo ich für die Caritas Ivano-Frankivsk arbeite. Ich versuche, hier über Rundbriefe regelmäßig von meinen Erfahrungen zu berichten. Viel Spaß beim Lesen!