Nigeria: 3. Rundbrief von Karen Berg

Bevor ich nach Nigeria geflogen bin, habe ich zum Abschied ein Büchlein mit einem Zitat für jeden Tag bekommen. Mal ist das ein Zitat von Goethe oder Oscar Wilde, zwischendurch ein irischer Segenswunsch oder Sprichwörter. Unter den Sprichwörtern heißt es dann „aus Spanien“ oder „aus Thailand“. Anfangs habe ich mit den Zitaten die Tage gezählt – bis ich dann gar nicht mehr zählen wollte. Jetzt ist mir das Buch nochmal in die Hände gefallen und beim Durchblättern bin ich auf ein paar Sprichwörter „aus Afrika“ gestoßen. Nette kleine Lebensweisheiten wie auch die aus Spanien und Thailand. Der einzige Unterschied ist, dass es immer „Afrika“ heißt – und nie „Algerien“, „Tansania“ oder vielleicht „Uganda“.

Wie so oft hat man nicht so recht zwischen Land und Kontinent unterschieden. Damit befindet man sich allerdings in bester Gesellschaft: Sowohl George W. Bush als auch Joe Biden haben Afrika als „Nation“ bezeichnet.

Afrika wird wie so oft als eine untrennbare Einheit angesehen und nicht als ein Kontinent mit einer Vielzahl an Nationen. Es mag wie eine Kleinigkeit wirken und der ein oder andere wird jetzt denken, das sei übergenau, aber viel zu oft verharren wir in Denkmustern, die nicht offensichtlich oder bewusst sind.

Genauso wie die Tatsache, dass man sobald man Bilder von Frauen, die Früchte oder Taschen auf dem Kopf tragen sieht, es so leicht mit Armut verbindet. Damit will ich nicht sagen, dass Deutschland als typisches Industrieland nicht reicher wäre, sondern viel eher, dass etwas, das so offensichtlich nichts mit dem Wohlstand einer Person zu tun hat trotzdem damit verknüpft wird. (Als ich meine viel zu volle Reisetasche durch Ghana geschleppt habe war es im Übrigen viel angenehmer sie auf dem Kopf zu tragen, auch wenn mir das nicht wenige verwirrte Blicke eingehandelt hat – überwiegend von anderen Touristen.) Sieht man Bilder von Eis und Schnee aus der Antarktis, sprich eine wirklich ungemütliche Vegetation, käme ja auch niemand je auf die Idee an Armut zu denken, bei Bildern von kargen, sandigen Landschaften aus Afrika allerdings schon.

Diese Verknüpfungen geschehen unbewusst viel zu häufig und gipfeln letztendlich in dem unbestimmten Gefühl, dass man als Deutscher in der globalen Hierarchie über Nigeria, über Afrika steht. Ganz einfach, weil weiter die Denkweise beibehalten wird, dass ein Deutscher, ein Engländer oder Spanier mehr wert sei als ein Nigerianer oder Ghanaer. Krass ausgedrückt das bequeme rassistische Denkmuster, dass ein Weißer mehr wert sei als ein Schwarzer.

Dieses Denkmuster ist nicht nur unfair, sondern es verletzt unglaublich viele Menschen. Wie verletzend es ist kann ich mir nur ansatzweise vorstellen. Eine Vorstellung habe ich vor einigen Tagen bekommen, als mir bei einer der hier üblichen Straßenkontrollen ein „Go back to your country!“ (Geh zurück in dein Land/ dahin, wo du hergekommen bist) an den Kopf geworfen wurde. Kein schönes Gefühl. Das Ganze war für mich keine große Sache und schnell vergessen, aber ich möchte gar nicht daran denken, wie oft das irgendjemand in Deutschland, der nicht ‚deutsch‘ aussieht zu hören bekommt. Hierbei möchte ich aber betonen, dass das das allererste Mal war, dass mir etwas in der Art passiert ist. In allen anderen Fällen sind die Menschen hier durchweg offen und heißen mich herzlich willkommen.

Eine Straßenkontrolle weiter hat sich dann ein anderer Polizist ausgesprochen freundlich mit mir unterhalten und mich mehrmals willkommen geheißen – Etwas, was hier ganz klar die Regel statt der Ausnahme ist.

Dass diese Denkmuster trotzdem nicht von heute auf morgen verschwinden ist mir nur zu bewusst, aber „alles was ich habe ist eine Stimme, die eine gefaltete Lüge entfalten soll. Die Lüge der Herrschenden, die turmhoch in den Himmel ragt“ (W. H. Auden) .

Alltagsschönheit

Es ist so vieles normal geworden und das freut und ärgert mich gleichermaßen, weil ich die alltägliche Schönheit nicht übersehen will, Normalität aber auch Vertrautheit bedeutet. Andererseits glaube ich nicht, dass ich mich jemals an die Kolibris gewöhnen, die immer wieder vor meinem Fenster rumflattern.

In letzter Zeit habe ich mich auch etwas mehr meiner Umgebung gewidmet und bin die Hügel im Umkreis hochmarschiert und immer wieder überrascht wenn ich von oben hinunter ins Tal auf Awgu schaue und feststelle, dass wirklich alles voller Bäume ist. Während dieser Ausflüge entdecke ich immer wieder unglaublich schöne Fleckchen Erde und fühle mich manchmal etwas zu touristisch, wenn ich diejenigen, die mit mir losgezogen sind, schätzungsweise alle 100 Meter anhalte um ein Foto machen zu können.

Außerdem stelle ich immer wieder fest, wie sehr einer der fast täglichen Regengüsse hier alles zum Stillstand bringt und dass sich die riesigen Sonnenschirme, die viele für ihre Stände am Straßenrand benutzen, auch ganz wunderbar als Regenschirm eignen und tatsächlich tragbar sind. Zum Glück habe ich mir nicht selbst dabei zuschauen können, als mir ein Sonnenschirm ausgeliehen wurde, weil ich wirklich dringend weiter musste und ich damit zusammen mit einer Freundin durch den Regen gesprintet bin.

Zwischenzeitlich verfliegt die Zeit, es war Ostern, wir sind im dritten und letzten Term des Schuljahres und die Ferien stehen praktisch vor der Tür. Während der Karwoche und vor allem an Ostersamstag und – Sonntag habe ich vermutlich mehr Zeit in den Messen verbracht, als dass ich geschlafen habe. Dadurch kam aber auch eine ganz besondere Stimmung auf, die ich nicht so schnell wieder vergessen werde.

Man sollte ja auch meinen, dass man sich irgendwann an die tägliche Morgenmesse über die Lautsprecher gewöhnt, aber um ehrlich zu sein sind Ohropax und ich immer noch die besten Freunde.

Am Tag der Abschlussfeier wirkten meine Sechstklässler dann auf einmal ganz groß und vor allem sehr, sehr stolz. Hier schließt die Grundschule mit der 6. Klasse ab und die weiterführende Schule beginnt mit der 7. Klasse bzw. „JS 1“. Einige meiner Schüler werde ich hoffentlich trotzdem auch außerhalb der Schule wiedersehen, wenn ich dienstäglich mehr oder weniger pünktlich versuche, einer mehr oder weniger beständigen Gruppe von Kindern Ballettunterricht zu geben. Mit wie viel Erfolg kann ich nicht wirklich sagen, aber wir haben alle reichlich Spaß an der Sache gefunden. Insbesondere wenn ich den Lautsprecher in den letzten 10 Minuten zu nigerianischer Musik aufdrehe und alle wie wild durch die Halle tanzen. Die Musik ist vielleicht erst mal ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber vor allem sehr, sehr tanzbar und ich habe meinen Gefallen daran gefunden.

Wenn ich zwischendurch dann mal in Enugu bin und ein kleines Vermögen ausgeben wollte, hätte ich im Supermarkt die Auswahl zwischen H-Milch aus Frankreich oder Polen. Vermutlich von glücklichen Kühen und einer eher unglücklich geratenen Globalisierung.

Mein Milchkonsum hält sich dementsprechend in Grenzen und ich ernähre mich hauptsächlich von einer lächerlich großen Menge an Ananas und Jollof Rice, Moi-Moi, Okpa, Yam und so vielen anderen nigerianischen Köstlichkeiten, die ich gar nicht alle aufzählen kann und nicht mehr missen möchte. Vermutlich komme ich mit einem Koffer voller Essen zurückgeflogen.

Bis dahin ist es aber noch eine Weile und ich werde jeden einzelnen der Tage genießen indem ich sie nicht mehr mit Zitaten zähle, sondern einfach auf mich zukommen lasse.