Ruanda: 1. Rundbrief von Lukas Wendling

Ein bisschen mehr als 2 Monate sind nun vergangen und die Zeit vergeht für mich wie im Fluge. In meinem folgendem Rundbrief werde ich euch einige Einblicke in mein Projekt und mein alltägliches Leben hier in Ruanda gewähren.

Abschied:

Es ist schon ein komisches Gefühl. Das letzte mal seine Freunde sehen, das letzte mal gemeinsam mit der Familie zu essen, den letzten Kaffee zusammen zu trinken, das letzte mal sein Zimmer, sein Haus und seine bis dato Heimat zu sehen. Der Weg zum Flughafen, begleitet von Respekt für das was vor mir liegt und Erwartungen an mein künftiges Zuhause. Und dann war es auch schon Zeit auf Wiedersehen zu sagen, meine Familie und mein gewohntem Umfeld für 13 Monate hinter mir zu lassen und zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Claire ins Flugzeug zu steigen. Aber nach einigen Stunden Flug und einigen Stunden Aufenthalt in Äthiopien war der Moment gekommen, auf den ich mich ein halbes Jahr gefreut habe: Ruanda. Am Flughafen wurden wir auch schon herzlich von unseren Vorgängern begrüßt. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt durch Kigali waren mein Vorgänger Tobias und ich bei unserer Gastfamilie in Kigali zum Essen eingeladen. Um dies zu erklären: Seit einigen Jahren hat der Freiwillige in meinem Projekt eine Gastfamilie in der Hauptstadt bei der er immer willkommen ist und übernachten kann, wann auch immer es einen nach Kigali verschlägt. Sehr wahrscheinlich wird meine Familie in Deutschland, meinen Gastbruder Joseph, welcher für ein Jahr als Revers-Freiwilliger nach Deutschland kommt, als Gastsohn aufnehmen.

Projekt:

Ich arbeite an der „Ecole Technique Paroissiale“, kurz „E.T.P“, in Nyarurema, ein kleines Örtchen in der Ost-Provinz von Ruanda. Die E.T.P ist eine private Secondary-School mit ca. 250 Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen 16 und 25. Nach erfolgreichem absolvieren der Klasse „Senior 6“ und nach den „National Exams“, vergleichbar mit den deutschen Abiturprüfungen, erhält man die allgemeine Hochschulreife. Nyarurema liegt nur ca. 5km von der ugandischen Grenze entfernt und die Natur hier ist atemberaubend.  Die E.T.P ist in drei Zweige unterteilt:

Accountings: Dort liegt der Fokus der Schüler_innen, auf dem Umgang mit Mathematik und Englisch, da dieser Zweig darauf ausgelegt ist, sie auf den Beruf des/der Sekretär_in vorzubereiten.

Computer Science: Hier lernen die Schüler_innen den Umgang mit Software und Hardware von Computern.

Construction: Hier liegt der Schwerpunkt auf der Handwerklichen Ausbildung. Auf technisches Zeichnen und praktische Erfahrungen wird sehr viel wert gelegt.

Doch das sind nur die Spezifikationen der Schüler. Grundlegende Fächer wie Englisch, Mathe und Religion muss jeder belegen.

Aber was ist nun meine Rolle?

Momentan begleite ich einen Englischlehrer täglich im Unterricht um zu lernen, wie ich mit einer Klasse umzugehen habe. Denn nächstes Schuljahr (Ende Januar), werde ich in jedem Zweig, wöchentlich in AG-Form eine Art Diskussionsrunde anbieten. Doch ich werde den Schüler_innen keine Grammatik oder dergleichen beibringen, sondern werde mich größtenteils nur mit ihnen unterhalten, damit sie mehr Praxiserfahrung erlangen. Das heißt: Ich schreibe ein Thema an die Tafel und darüber werde ich zwei Stunden mit ihnen darüber diskutieren.

Des weiteren begleite ich einen Construction-Lehrer einmal wöchentlich den ganzen Tag im praktischen Construction Unterricht, um auch hier den Umgang und die Vorgehensweise zu lernen. Ich habe nämlich von meiner ehemaligen Schule und der Partnerschule der E.T.P, dem Johannes-Gymnasium in Lahnstein, ein Partnerschaftsprojekt bekommen. Ich werde, auch nächstes Schuljahr, gemeinsam mit einer Constructionklasse, eine Aquaponikanlage bauen. Wer sich nun fragt: Was ist eine Aquaponikanlage? Tut dies zurecht. Es ist ein nachhaltiges System, welches Fisch- und Pflanzenzucht mithilfe eines Wasserkreislaufs vereint. Die Anlage besteht aus zwei Frischbecken und zwei flachen, länglichen Wasserbecken auf denen Styrodurplatten schwimmen. Dort sind Pflanzenkörbe eingelassen, durch die die Wurzeln von beispielsweise Salat ins Wasser ragen. Dadurch kann die Pflanze, nachdem das Wasser durch einen Biofilter gereinigt wurde, Nährstoffe aufnehmen. Das heißt im Klartext: Die Fische ernähren die Pflanzen. Im Endeffekt kann man so, essbaren Fisch und Gemüse kostengünstig, nachhaltig und effektiv züchten. Es ist eine große Aufgabe für mich, aber mit der Unterstützung meiner alten Schule werde ich dieses Projekt im kommenden Jahr zuversichtlich angehen. Außerdem habe ich in diesem Jahr schon bei dem Bau einer Aquaponikanlage im Schulgarten des Johannes-Gymnasiums mitgewirkt und kenne mich daher ein wenig aus.

Einige Gebäude der E.T.P

Mein Leben:

Wie lässt sich mein Leben hier beschreiben? Ich lebe das erste mal alleine in einem Haus nur für mich. Ich muss jeden Tag für mich kochen, meine Wäsche per Hand waschen und mich generell um die Sauberkeit des Hauses kümmern. Ich besitze einen sehr großen Garten, indem fast alles wächst, was man in Ruanda auch auf dem Markt finden kann. (Kartoffeln, Süßkartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Papaya, Mango, Ananas, Koch- & Süßbananen, Zuckerrohr, Granatapfel, Avocado, und, und, und…). Sich um all das zu kümmern benötigt sehr viel Zeit. Es gab auch schon Tage, an denen ich 5 Stunden meine Wäsche gewaschen habe, ohne zu merken, dass es so lange gedauert hat. Generell hat Zeit hier einen komplett anderen Stellenwert als in Deutschland. Es gibt ein Sprichwort: „Die Menschen in Deutschland haben Uhren, die Menschen in Ruanda haben Zeit.“ Und genau so fühlt es sich auch an. Alles mit der Ruhe. Gefällt mir, diese Einstellung. Ich habe auch nicht lange gebraucht, mich an die „Ruandische Zeit“ zu gewöhnen.

Ich habe hier auch schon gute Freunde gefunden, mit denen ich auch schon viel Zeit verbracht habe. Es sind 4 Lehrer der E.T.P im Alter zwischen 26 und 31. Den Altersunterschied merke ich überhaupt nicht und es ist schön, Leute zu haben mit denen ich meine Gedanken und Gefühle teilen kann. Generell ist „teilen“ sehr verbreitet. Und nicht nur auf der materiellen Ebene. Ich wurde schon des Öfteren bei Familien und Freunden zum Essen eingeladen und ich war hier überall herzlich willkommen.

Zu Besuch bei einer ruandischen Familie

Natürlich fühle ich mich allein schon wegen der unterschiedlichen Hautfarbe ein wenig fremd, aber dieses Gefühl schwindet von Woche zu Woche. Am Anfang wurde ich noch täglich als „umuzungu“ bezeichnet, was auf Kinyarwanda „Weißer“ bedeutet. Heute kann ich durchs Dorf gehen und die meisten Menschen nennen mich „Lukas“. Diese Entwicklung war schön zu erleben.

Mit meinem Bruder Joseph, der auch Schüler an der E.T.P ist, verbringe ich auch sehr viel Zeit. Er kommt oft zu mir nach Hause und zeigt mir ab und zu, wie man ruandisch kocht. Außerdem spielen wir und ein paar andere Schüler regelmäßig Basketball. Es ist verrückt, wie jemand in so einer kurzen Zeit, ein so guter Freund werden kann.

Einige Male verschlug es mich auch in die Hauptstadt Kigali. Größtenteils wegen Angelegenheiten, die ich mit Behörden klären musste. Beispielsweise mein Visum, meine ID-Card (ein ruandischer Personalausweis) oder wegen den Wahlen. Doch nach der Ausreise meines Vorgängers Ende August, war ich leider gezwungen einige Tage länger in Kigali zu bleiben als geplant. Mir ging es sehr schlecht und ich bin ins Krankenhaus gefahren. Diagnose: Lebensmittelvergiftung. Das war aber glücklicherweise meine einzig schlechte Erfahrung, die ich hier machen musste. An die täglichen Stromausfälle und ein zweiwöchiger Wasserausfall gewöhnt man sich schnell und man lernt damit umzugehen. Es gab auch bis jetzt viele, sehr schöne Momente im laufe meines Frewilligendienstes. Sei es tolle Begegnungen mit sehr interessanten Menschen, die Wahlparty im Garten des Botschafters, mit deutschem Essen und den ersten Hochrechnungen in Kigali oder einfach die Ruhe und der Frieden der hier allgegenwärtig ist.

Der Innenminister Roger Lewentz zu Besuch in Ruanda

Ein weiterer schöner Moment war, als die Delegation des Innenministers Roger Lewentz, Anfang Oktober zu Besuch nach Nyarurema kam. Begleitet wurde er unter anderem vom Schulleiter des Johannes-Gymnasiums, Rudolf Loch, welcher schon einen Tag vorher anreiste, um so viel Zeit mit der Partnerschule zu verbringen wie möglich. Er überreichte im Zuge der Partnerschaft und im Namen einiger Familien aus Lahnstein und Umgebung, Schülern, welche von diesen Familien unterstützt werden, Briefe, Smartphones und weitere Geschenke. Einen Tag später, reiste dann auch der Rest der Delegation an. Nach einigen begrüßenden Worten und typisch ruandischem Tanz, wurde das „Workshopgebäude“, in dem praktischer Construction Unterricht gehalten wird, feierlich eröffnet. Es wurde im letzten Jahr mit Unterstützung aus Deutschland erbaut. Danach wurden einige Reden gehalten und Roger Lewentz appellierte an die Schüler, dass sie die Zukunft Ruandas und die Zukunft der Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz seien. Nach einem sehr leckeren Mittagessen im Parish (Kloster) musste die Delegation aber auch schon weiter.

Doch den schönsten Tag bist jetzt hatte ich, als ich mit meinem Mitfreiwilligen Adrian auf einen Berg, gegenüber von Nyarurema gewandert bin. Von dort aus hatte man eine atemberaubende Aussicht auf die Schönheit des kleinen Ruandas. Jetzt kann ich auch nachvollziehen wieso Ruanda als „das Land der tausend Hügel“ bekannt ist. So etwas schönes habe ich selten in meinem Leben gesehen.

Das Land der tausend Hügel

Abschließend möchte ich sagen, dass es mir hier sehr gut geht, ich mich auf meine weitere Zeit hier freue und sehr zuversichtlich in die Zukunft schaue. Ihr werdet wieder von mir hören.

Peace.