Ruanda: 1.Rundbrief von Adrian Wirtz

Die Zeit fliegt!

6:30 Uhr: Aufstehen                                                                                                                                                 6:45 Uhr: Frühstück                                                                                                                                                   7:15 Uhr: Mot du martin                                                                                                                                         7:30 Uhr: Schulbeginn                                                                                                                                           12:15 Uhr: Mittagessen                                                                                                                                         14:00 Uhr: Sprachkurs                                                                                                                                         15:30 Uhr: Fußballtraining oder Akrobatik                                                                                                     19:00 Uhr: Abendessen                                                                                                                                     20:30 Uhr: Mot du soir                                                                                                                                        21:00 Uhr: evt. Gitarren- oder Deutschunterricht

So sieht mein Tagesablauf im „Centre des Jeunes“ in Gatenga, Kigali mittlerweile aus.

Als ich am 24.07., um 12:40 Uhr, in Kigali, voller Vorfreude aber auch ein wenig aufgeregt gelandet bin, wurde ich von Dominik, meinem Vorgänger und Pater Jean-Piere, dem Direktor des Centres, am Flughafen erwartet und herzlich begrüßt.


                      Ankunft am Flughafen

Auf der Fahrt zu meiner Einsatzstelle stellte ich überrascht fest wie viel sich in der Zeit zwischen meinem Besuch mit „Handwerk-Hilft“ im April und jetzt verändert hatte. Eine Baustelle reite sich an die andere, neue Straßen waren fertig gestellt und die nächsten großen Projekte bereits begonnen. Die Menge an Baustellen hat sich bis heute nicht verändert.

„Rechts, links oder doch gerade aus?“

Diese Frage habe ich mir im Laufe der ersten zwei Wochen sehr oft gestellt!                                   Hiermit möchte ich mich zunächst bei meinem Vorgänger Dominik bedanken, der mir bei der Beantwortung dieser Frage in den eineinhalb Wochen, die wir zusammen hier waren, sehr geholfen hat, obwohl er gerade dabei war sich zu verabschieden. Er hat mich mit vielen seiner Freunde und Bekannten, sowie Priestern, Schülern und Ausbildern bekannt gemacht. Außerdem zeigte er mir das gesamte Gelände und erklärte mir beispielsweise wie er das Computerlab in den letzten Monaten neu eingerichtet hat. Auch die Stadt und die Märkte wurden mir bereitwillig gezeigt und zu anstehenden Abschiedspartys anderer Freiwilliger durfte ich natürlich auch immer mitkommen.


  Dominik und ich mit Blick auf das Centre

Dies alles hat es mir sehr erleichtert mich schnell zurecht zu finden, Kontakte zu knüpfen und mich einzuleben.                                                                                                                                     DANKE!

Einsamkeit? – Was ist das?

Aber wer denkt, dass mir nach diesen eineinhalb Wochen langweilig geworden ist liegt falsch. Noch bevor Dominik abreiste kamen Jakob, alias Haarald und Tobias, zwei andere Freiwillige von SoFiA zu Besuch. Zusammen holten wir meine Mitfreiwilligen Claire und Lukas vom Flughafen ab und verbrachten den Rest der Woche in meiner Wohnung, um ihnen die Stadt zu zeigen und unsere Visapapiere abzugeben.


Ankunft meiner Mitfreiwilligen Claire (zweite von links) und Lukas (zweiter von rechts)

Nachdem meine Mitfreiwilligen abgeholt wurden und in ihre Einsatzstellen in den Nord-Osten von Rwanda gebracht wurden, tauchte unangekündigt eine sechsköpfige Gruppe von Amici del Popoli, den Eigentümern des Hauses in dem ich wohne, aus Italien auf und wohnten eine Woche bei mir.


                     Mein Wohnzimmer

                       Vor meinem Haus

Als diese wieder weg waren, kamen dann zwei Mitarbeiter des Humen-Help-Networks, die momentan in Uganda arbeiten vorbei, wohnten übers Wochenende bei mir und kündigte sich für eine weitere Woche an.

Kaum waren diese abgereist standen Amici del Popoli, die ihre Rundreise durch Rwanda abgeschlossen hatten und meine Mitfreiwilligen wieder bei mir vor der Tür. Haarald und Tobias wurden von Claire und Lukas zum Flughafen gebracht und verabschiedet. Lukas entschied sich danach spontan, aufgrund einer Lebensmittelvergiftung, eine ganze Woche bei mir zu verbringen.


Vorstellung der Besucher während des „Mot du matin“

 

Und dann war auch schon September und der Besuch von Handwerk-Hilft, der Partnerorganisation meines Projektes, stand an…

In den folgenden Wochen ging es mit Besuch von Freiwilligen und Helfern von verschiedenen Organisationen so weiter, sodass ich bisher noch nie länger als 3 Tage am Stück alleine war.

„Was willst und kannst du machen?“

Aber nun mal zurück zum Anfang.                                                                                                                      Da die zweiwöchigen Sommerferien begannen als ich erst eine Woche hier war, hatte ich zunächst viel Zeit selber das Centre und die Stadt zu erkunden.


Blick über Kigali aus dem zwölften Stock eines Hochhaus

 Blick über Teile des Centres

 

 

 

 

 

 

 

Zu Beginn des Schulstarts stellten Jean-Piere und ich uns dann die Frage, wie ich mich mit meinen Fähigkeiten einbringen kann. Wir kamen zu dem Schluss, dass ich vormittags ergänzend zu Aimer, der Lehrerin im Computerlab, in den Computerklassen unterstützend zur Seite stehen sollte. Nachmittags solle ich im Jugendzentrum, vier mal die Woche, mit den Fußballtrainern zusammen die Centre Mannschaften (U11/15/17) trainieren und zweimal in der Woche mit den Akrobaten turnen.


                             Computerlab

                        Akrobaten

 

 

 

 

 

In der ersten Schulstunde haben wir mit den Schülern eigene E-mailadressen erstellt. Erst eine Woche später viel mir auf, dass dies die Arbeit für den Lehrer und mich sehr erleichtert. Ab sofort bekamen die Schüler ihre Arbeitsblätter und Erklärungen zu den einzelnen Programmen per E-mail geschickt. Diese werden dann von ihnen gedownloaded und nach der Bearbeitung wieder zurück an den Lehrer geschickt.


                   Computerunterricht

Mittlerweile hat sich die Kommunikation mit der Lehrerin und mit den Schülern eingespielt und macht Spaß. Normal ist es hier auch, dass eine Klasse oder zumindest Teile einer Klasse gar nicht oder viel zu spät zum Unterricht erscheint. Das zu spät kommen liegt daran, dass die Unterrichtszeiten nur grobe Richtlinien darstellen. Daran musste ich mich die ersten Wochen gewöhnen.

 

Dasselbe gilt auch wenn es darum geht, wann das Fußballtraining oder das Akrobatiktraining beginnt. So reicht es vollkommen wenn ich erst um 15:50 Uhr erscheine, obwohl offizieller Beginn um 15:30 Uhr war.                                                                                            Speziell das Training mit den Akrobaten, bei dem ich selber Schüler bin und lerne, macht mir extrem viel Spaß. Pyramiden werden gebaut, Überschläge geturnt, Schaukämpfe veranstaltet und sich verrängt, dass es einem beim Zusehen wehtut. Leider muss ich feststellen, dass ich auf Grund anderer Termine nicht immer anwesend sein kann.


      Fußballspiel der U15 (Endstand 2:1)

Das Fußballtraining ist ebenfalls spannend, da nicht alle Englisch sprechen und somit immer übersetzt werden muss. So bin ich auf die seriöse Übersetzung meiner Worte angewiesen, wobei ich mir da nicht immer sicher bin;)

Am Ende funktioniert es aber immer und die Zusammenarbeit mit den Trainern und Spielern bereitet mir viel Freude. Momentan belegen sowohl die U15 als auch die U17 den ersten Platz in ihrer Liga. Dies ist allerdings nicht mir zuzuschreiben.

Durch den Sport habe ich sehr schnell viele Kontakte geknüpft. So kann ich nur bestätigen, dass der Sport verbindet!!!

Außerdem habe ich seit mitlerweile eineinhalb Monaten Kinyarwanda-Sprachkurs bei meiner Lehrerin Constance. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass sich alle Wörter gleich anhören bei den vielen w´s, u´s und a´s. Nach kurzer Zeit konnte ich dann zwischen den Wörtern differenzieren. Mit der Grammatik bin ich jetzt fast komplett vertraut. Für das nötige Vokabelnlernen fehlt mir, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, oftmals die Zeit…


          Brother Daniel

 

Zufällig hat sich ergeben, dass mir Brother Daniel, meist zweimal die Woche, Gitarrenunterricht gibt. Im Gegenzug bringe ich ihm Deutsch bei, wobei wir uns immer amüsieren. Nebenbei ist Daniel auch die Person im Centre mit der ich am meisten zu tun habe und mich am besten verstehe. Wenn es irgendwelche Fragen oder Probleme gibt steht er mir, neben meinem offiziellen Mentor, der von außerhalb kommt, immer zur Seite.

 

Handwerk-Hilft

Die erste Woche im September war bisher meine anstrengendste, aber auch eine der erlebnisreichsten Wochen: wenig Schlaf, viele Fragen, viel Zeigen, auch für mich viele neue Eindrücke und ein altbekanntes Gesicht brachte der Besuch von Handwerk-Hilft.                  Zwei Ausbilder, 8 Azubis und zwei Industriedesigner aus Luxemburg kamen in mein Haus. Obwohl das Haus bis oben hin voll war, war das Zusammenwohnen sehr harmonisch.


                10:00 Uhr: Frühstückspause

Besonders aufgefallen ist mir in der Woche, dass in der Woche vorher alles auf Hochglanz poliert wurde, da es für die Menschen hier etwas ganz besonderes ist, wenn so viele Abazunguz (Weiße) zu Besuch sind. Auch die Tatsache, dass eigens für diese Woche ein Kaffeepause mit ruandischem Gebäck eingelegt wurde, unterstreicht dies. Sehr schön war auch zu sehen, dass die Kommunikation zwischen den Schülern hier und den Azubis von Tag zu Tag besser wurde. Leider musste ich auch festestellen, dass manche Besucher mit etwas zu viel Engagement versuchten, ihre Ideen zu verwirklichen ohne dabei die Schüler und Ausbilder vor Ort richtig mitzubeziehen.


   „Die muss direkt ausprobiert werden!“

                     Vor dem Fußballspiel

Ein Resultat, was sich sehr großer Beliebtheit erfreut, sind die beiden Tischtennisblatten, die in der Woche gebaut wurden und jetzt im Internat und im Jugendzentum aufgestellt sind. Weitere schöne Momente waren das gemeinsame Völkerball spielen und das obligatorische Fußballspiel, welches dieses Jahr nicht gegen die Ausbilder sondern gegen die Schulmanschaft ausgetragen wurde und 6:0 verloren ging.

 

Nach dem Spiel hatten wir leider neben sechs Gegentoren auch zwei Verletzte zu beklagen.

 

 

 

Auch für mich neu, war der Besuch der Schreinerausbilder. Dort erlebte ich zum wiederholten Mal in dieser Woche, was für ein Erlebnis es für die Familien war, die Besucher aus Deutschland „Willkommen“ zu heißen.

Das altbekannte Gesicht war mein Vater, der mich vorher extra gefragt hatte, ob er mitkommen darf. Natürlich gestattete ich ihm die Reise und es erwieß sich als praktisch, da er mir so noch viele Dinge, die ich nicht mitgenommen hatte, mitbrachte.

Als Fazit dieser Woche kann ich feststellen, dass es schön war, das Verhalten der Besucher als annähernd Außenstehender zu beobachten, eigene Schlüsse daraus zu ziehen, viele lachende Gesichter zu sehen und vorallem zu merken wie kurz eine Woche ist.                    Aus diesem Grund bin ich froh, dass ich 13 Monate hier leben darf.

„Kartoffelknödel mit Gulasch und Möhrensalat“

Während der Besichtigung der Schulküche kam Donata, Powerfrau und Kochlehrerin, auf die Idee, dass es doch eine gute Idee sei, wenn ich ihr und der Kochklasse ein typisch deutsches Gericht beibringen könnte.


   Lektion 1: Kuchen backen #Bestanden

So kam es dann dazu, dass gut eine Woche später das Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde. Auch Mari und Ina, zwei andere Freiwillige, die zu besuch waren, durften mitkochen. Doch bevor es losging wurde ich von Donata in meine Kochuniform gesteckt. Die Schüler machten teilweise große Augen, als ich auf einmal vor ihnen stand. So schrieb ich zunächst unter dem Gelächer mancher Schüler das Rezept an die Tafel. Als sich dies alle notiert hatten ging es los. Es wurden Kartoffeln geschält, gekocht, durch den Fleischwolf gedreht und zu Klößen geformt. Tomaten, Paprika,Möhren und unter mancher Träne auch Zwiebeln geschält und geschnitten. Das Fleisch wurde gewürfelt, angebraten und vieles mehr. All dies wurde zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt und alle liefen stehts mit einem Grinsen im Gesicht durch die Küche. Abschließend wurde dann gegessen und zu meiner Überraschung schmeckte es wirklich allen, sodass nichts übrig blieb. Auf Grund dieses Erfolges wurde das Ganze eine Woche später wiederholt.


Lektion 2: Kartoffelklöße mit Gulasch und Möhrensalat #Bestanden

Nach 6 Stunden in der Küche und der Klasse war ich ziemlich geschafft aber auch glücklich, da alle die Küche mit einem strahlen im Gesicht verließen. Besonders beeindruckt und glücklich war ich darüber, dass ein Junge der bei mir im Computerkurs sehr zurückhaltend, ängstlich und langsam auftrat, vollkommen aus sich heraus kam und beim Kochen viel Eigeninitiative zeigte.

Abschließend kann ich sagen, dass dies bisher einer der schönsten Tage war die ich hier gelebt habe.

„Karabaye“


   Vilko alias Karabaye

Einen Abschied hatten wir dann auch noch zu feiern. Vilko, besser bekannt als Karabaye, 76-jähriger Schreiner aus Slovenien, der seit über 35 Jahren in Afrika lebt und arbeitet, ist für unbestimmte Zeit nach Slovenien geflogen. Der Name Karabaye kommt daher, dass Vilko sehr gerne flucht und schimpft. Dabei verwendet er immer das Wort „Karabaye“, was so viel wie entsetzlich, scheußlich bedeutet. Karabaye spricht Italienisch, Englisch, Französisch, Kinyarwanda, Slovenisch, Deutsch, einen ugandischen Dialekt und vieles mehr. Allerdings vermischt er alle diese Sprache in einem Satz, da er es nicht mehr schaft, alles zu ordnen. Jetzt bleibt abzuwarten wann und ob er wieder kommt!?

Wahlparty

Die Bundestagswahlen wurden von fast allen Freiwilligen auf der Wahlparty, organisiert von der deutschen Botschaft, verfolgt. Dort gab es deutsches Essen.                                  Zudem bot sich die Gelegenheit alle anderen Freiwilligen in Rwanda kennenzulernen. Ich, der Freiwillige mit der Waschmaschine, bekam für viele ein Gesicht und es ergab sich, dass alle Betten in meinem Haus belegt waren. Teilweise von Freiwilligen, die ich vorher garnicht kannte. Aber ich finde auch das macht das Freiwilligendasein aus: Man fühlt sich mit den anderen Freiwilligen, auch wenn man sich mit manchen besser versteht als mit anderen, vebunden. Man teilt, diskutiert und erlebt miteinander.


Claire und Lukas beim Kochen

Neele und Donata beim Anschneiden des Geburtstagskuchens

 

 

Lukas, Claire und Neele blieben den Rest der Woche noch bei mir. Wir hatten viel Spaß bei Massageketten, Verstecken spielen im dunklen Haus, Kochen und Reden.

Gegensätze

Zum Abschluss meiner bisherigen Zeit reiste ich übers Wochenende nach Shyogwe, aufs Land. Dort besuchte ich Neele, eine Mitfreiwillige, und stellte fest, wie einfach und gut man leben kann: Zwei Betten, zwei Sessel, zwei Tische, zwei Stühle, zwei Regale, zwei Kochplatten und kein fließendes Wasser. Sie hat eine nette Nachbarin und eine wunderschöne Landschaft.


      Landschaft um Shyogwe

 

Zwei mehr als zweistündige Spaziergänge durch Bananenplantagen, Felder, Berg und Tal gehörten genauso zu meinem Wochenende wie Reis mit Gemüse kochen, keine Autos zu sehen und meine erste Fahrt auf einem Fahrradtaxi, nicht auf dem Motorradtaxi.                                                                                   Für mich war es Erholung pur, eine gelungene Abwechslung und als ich nach dem Wochenende zurück kam, hatte ich das erste mal das richtige Gefühl nach Hause zu komme!

 

 

Und jetzt sind schon über zehn Wochen seit meiner Ausreise aus Deutschland vergangen und ich muss entsetzt feststellen, dass die Zeit bisher verflogen ist.                                                   In der Zeit bisher ist mir besonders aufgefallen, wie glücklich es Menschen macht, einfach Zeit miteinander zu verbringen, wie zum Beispiel beim Kochen. Oftmals bedarf es gar keiner Worte, um mit dem anderen zu kommunizieren. Es reicht vollkommen aus, wenn man dem anderen zunickt und lächelt  oder sich mit Kindern im Centre oder auf der Straße abklatscht. Allein durch das genaue Betrachten des Anderen und die Zeit, die man sich für seinen Gegenüber und seine Mitmenschen nimmt, kann man sehr viel erfahren und geschenkt bekommen.

Hierzu folgender Link der zeigt, dass man, egal wo auf der Welt, beschenkt werden kann wenn man Zeit schenkt: http://m.huffpost.com/de/entry/10134096?