1. Rundbrief Uganda Michael Stadler

Die erste Woche Kampala
Lilli, meine Mitfreiwillige im Projekt, und ich sind am 25.07.2017 hier in Uganda, Kampala um 4 Uhr nachts angekommen. Dort wurden wir von Julien abgeholt, sie ist unsere Vorgängerin. Die erste Woche haben wir gemeinsam mit ihr in Kampala, der Hauptstadt von Uganda verbracht. Dort haben wir dann erstmal alles auf uns wirken lassen, Eindrücke gesammelt und die Stadt und die Menschen etwas kennengelernt. Ich habe für mich festgestellt, dass Kampala zu groß, zu voll, zu dreckig und viel zu wuselig ist. Die Hauptfortbewegungsmittel hier sind 11er Busse, die auch kein Problem damit haben mit 15 Leuten durch die Gegend zu fahren und natürlich Bodas (Motorrad-Taxis). Die Busse und die Bodas schieben und quetschen sich dann irgendwie aneinander vorbei, am liebsten mit ständigem Hupen und ohne System. Zumindest konnte ich bisher noch keines erkennen.

Jetzt, nachdem ich mittlerweile das eine oder andere mal wieder in Kampala war, ergibt sich für mich dann doch bald ein Bild. Ich finde mich besser zurecht und habe mittlerweile dann auch das Taxi-System verstanden. In dieser ersten Woche haben wir uns – zu meiner Überraschung – SIM-Karten gekauft, damit wir eine ugandische Nummer haben und auch das unverschämt gute Mobilfunknetz nutzen können. Davon könnten sich deutsche Netzanbieter mal eine Scheibe abschneiden. Eine Erreichbarkeit ist für die Menschen hier in Uganda wichtig, da man häufig von Leuten nach der Nummer gefragt wird, um telefonisch in Kontakt bleiben zu können. Selbst hier in Ococia kann man – wenn man das möchte – optimal mit Video telefonieren, um die Daheimgebliebenen am Leben auf dem schönen Fleckchen Erde teilhaben zu lassen.

Zurück nach Kampala. Es stand noch ein recht wichtiger Termin in der Deutschen Botschaft an, wo es dann für Lilli und mich das erste Mal hieß: Warten, warten, warten. Wir brauchten eigentlich nur einen einzigen Stempel auf unserem schon ins Englische übersetzte Führungszeugnis. Nach ca. 5h hatten wir ihn dann, diesen Stempel. Jetzt hatten wir alle Dokumente zusammen, um unser Arbeitsvisum zu bekommen. Die Organisation „Uganda Volunteer’s for Peace“ hat uns dabei geholfen. Danke dafür.

Wieder zurück auf dem Weg ins Hotel mussten wir dann den „Old Taxi Park“ (s. Foto) passieren. Dort war mir dann wirklich alles zu viel – zu heiß, schlechte Luft, schlecht geschlafen und dann das Gewusel von Bodas, Taxis und Menschen um mich herum. Als ich kurz auf den Boden geschaut habe, um nicht in ein Schlagloch zu treten (davon gibt es auch viel zu viele) hat mich dann ein kleiner gelber Smiley angelächelt. Der hat mir neue Energie gegeben.

Am Sonntag haben wir uns dann in Kampala das erste Mal mit Truus, unserer Mentorin des Projektes, getroffen. Wir hatten einen netten und ersten Abend, bei überragend leckerem äthiopischem Essen. Aber leider hieß es am Abend auch Abschied nehmen von Julien. Es war ihr letzter Abend in Uganda. Falls du diesen Brief liest, sage ich auf diesem Weg nochmals Danke für deine Hilfe und Unterstützung in Kampala und auch schon bei der Vorbereitung für meine Reise.

Der Weg von Kampala nach Ococia
Montags haben Lilli, Truus und ich Kampala dann verlassen und es ging mit dem Auto zu dem ca. 7h entfernten Ococia. Die Aufregung und Spannung auf die neue Heimat, stieg bei jedem Kilometer, den wir Ococia näher kamen. Immer mehr Fragen kamen mir in den Kopf: Wird Ococia wirklich eine Heimat für mich? Werde ich mich dort ein ganzes Jahr lang wohl fühlen? Werde ich Freunde finden? Werde ich mit den Kindern zurechtkommen? etc.

Nachdem wir Kampala hinter uns gelassen hatten, hat mich zum Glück die atemberaubende Landschaft abgelenkt. „Die Perle Afrikas“ wird ihrem Ruf gerecht: Unglaublich weit kann man in die grüne Landschaft hineinschauen, mal flach, mal hügelig, den ca. 4.300 Meter hohen Mount Elgon, riesige Tee- und Zuckerrohr-Felder, den Viktoria See, Reis-, Mais- und Sonnenblumenfelder, den Nil und so viel Grün, damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber was mir leider auch aufgefallen ist, dass hier sehr viel Müll herum liegt. Dieser wird dann einfach zusammengekehrt und verbrannt. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum man nicht einfach Mülleimer aufstellen kann, das würde einiges leichter und sauberer machen.
Abends sind wir dann recht erschöpft von der Fahrt in Ococia angekommen. Wir hatten dann erstmal etwas Zeit für uns, zum Duschen und Erholen von der Fahrt. Truus hat eine Kleinigkeit für uns gekocht und dann sind wir auch alle recht früh schlafen gegangen.

Die ersten Tage in Ococia
Am nächsten Morgen sind wir dann erst einmal von Truus durch Ococia geführt worden. Ococia besteht aus einem Gesundheitszentrum, einem Kindergarten, einer Grundschule dem Priester- und dem Schwesternhaus, einer Kirche, dem Besucherhaus und der „Truusanne School“. Nicht sehr groß, aber auf den ersten Blick macht sich schon das Gefühl breit, dass ich mich hier schnell einleben und wohlfühlen werde. Die Menschen hier machen es einem zum Glück recht leicht: Alle sind sehr lieb, hilfsbereit und freundlich und das nicht nur in Ococia, sondern auch in Kampala, was mich auf eine Art und Weise doch sehr überrascht hat. So viele Namen und neue Gesichter, die kann man sich nicht alle merken, zum Glück habe ich ein Jahr Zeit.

Den ersten Monat habe ich bei Truus im Besucherhaus verbracht, weil mein Zimmer im Priesterhaus noch nicht fertig gebaut war. Bei der Rundführung wurde uns auch die „Truusanne School“ gezeigt und wir konnten kurz die Kinder mit einem kleinen „Hello“ begrüßen. Nach der Rundführung habe ich mich dann länger mit den Kindern beschäftigt. Von 17 Uhr bis zum Abendessen ist meistens Spielen angesagt und da kann man die Kinder wohl am besten kennenlernen. Auf den ersten Blick sind alle super lieb, sehr sozial eingestellt und einfach zuckersüß. Sie haben beim Fußball spielen z.B. immer daran gedacht, dass jeder mal den Ball bekommt – kenne ich anders. Abends bin ich dann mit einem entspannten Gefühl eingeschlafen. Es fühlte sich so an, dass ich das Jahr mit den Kindern doch recht gut klar kommen könnte.

Die ersten Tage habe ich dann erstmal nur zugeschaut, um die Kinder und auch die Unterrichtsmethoden, die für mich nicht sehr nachvollziehbar sind, kennen zu lernen. Die Kinder werden hier unterrichtet, wie die Kinder in den „normalen“ Schulen. Es wird nur weniger Unterrichtsstoff pro Stunde durchgenommen. Wie die Unterrichtswoche aussieht, habe ich ja bei meinem ersten Lebenszeichen schon beschrieben. Die Lehrer schreiben z.B. die Zahlen eins bis fünf an die Tafel und die Kinder lernen dann die Reihenfolge auswendig, ohne einen Zusammenhang verstehen zu können was zum Beispiel die Ziffer drei bedeutet. Ich glaube da besteht noch eine Menge Nachholbedarf in Sachen kreatives Unterrichten von Kindern mit einer geistigen Beeinträchtigung. Aber zunächst kann und will ich da erst mal nicht viel zu sagen, zumindest bis ich mich eingelebt und hoffentlich ein gutes Verhältnis zu den Lehrern aufgebaut habe.

In den ersten Wochen habe ich mehr dafür gesorgt, dass die Kinder nicht durch die Gegend laufen und im Unterricht nicht einschlafen. Auch morgens beim Anziehen und bei der Körperpflege helfe ich ihnen. Außerdem mache ich mit Robin und Gloria ihre täglichen Krankengymnastikübungen. Die erste Woche ging wie im Flug vorbei und dann stand auch schon der erste Abschied von den Kindern an: Donnerstagsnachmittags fahren alle nach Hause.

Der erste Gottesdienst für die „Zwillinge“
Am Sonntag war dann der erste Gottesdienst. Mir kam er eher vor wie ein Fest: Es wurde viel gesungen und getanzt, es gab Trommeln und die Kirche war voll bis zum letzten Platz. Das Tanzen und die Menge an Leuten hatte aber den Grund, dass nicht nur Lilli und ich neu hier waren, sondern auch ein neuer Priester in Ococia angefangen hat zu arbeiten. Da kann man schon mal ordentlich feiern. Lilli, Truus und ich saßen in einer Reihe, die einzigen Weißen. Wir wurden von sehr vielen, sehr lange und genau beobachtet. Das war mir super unangenehm. Und auch wenn man die Blicke erwidert hat, wurde weiter gestarrt. Heute, zwei Monate und mehrere Messen später, ist es nicht mehr so schlimm. Manchmal schauen die Kinder noch was skeptisch, aber das kann ich nachvollziehen. Während der Messe ist dann mein Name gefallen und es wurde erzählt, dass ich in der Truusanne Schule arbeite, ich mich schon recht gut eingelebt habe und bald bei den Priestern wohnen werde. Und dann sollte ich aufstehen, was das Anstarren nicht besser gemacht hat. Dann bekam ich einen afrikanischen Namen: „Opio“, was so viel bedeutet wie „der erst geborene Zwillingsohn“. Lilli bekam den Namen „Atim“, die zweit geborene Zwillingstochter.

Mit diesen Namen, sind Lilli und ich jetzt wohl auf ewig verbunden. Immer wenn wir jemandem von unserem Jahr und unseren Namen erzählen, wird der andere als Geschwister darin vorkommen. Die Namen helfen einem hier ungemein: Immer wenn ich jemanden kennenlerne und ich mich mit Opio Michael vorstelle, kann man ein Lächeln sehen und man hat gleich ein Gesprächsthema. Und auch hier in Ococia fühlt man sich gleich viel wohler und aufgenommener in der Gemeinde. Wirklich ein schöner Brauch der ugandischen Kultur.

Die Kollekte in der Messe besteht hier aus allem Möglichen: Es werden Tiere, Essen und in dieser Messe sogar acht Zementsäcke gebracht. Ein bis zwei Tiere und etwas Essen wurde am Ende der Messe versteigert. Hat Jesus nicht angeprangert, dass die jüdischen Tempel keine Märkte sein sollen? Naja, andere Länder, …

Nach den ersten zwei Monaten
Nach den ersten sechs Wochen waren dann Ferien angesagt und für mich gab es recht lange keinen genauen Plan, was ich in den vier Wochen machen sollte. Es gab mehrere Ideen, die dann aber wieder verworfen wurden. Ein solider Plan hat hier in Uganda nicht viel zusagen und es wird meistens noch mal umgeplant. Daran muss ich mich erstmal gewöhnen, das war für mich am Anfang doch recht anstrengend. Mittlerweile fühle ich mich mit der Gelassenheit der Menschen hier recht wohl und mich stören solche Sachen nicht mehr so arg und auch meine Geduld in Sachen warten ist bedeutend besser geworden.

Die erste Woche habe ich Lilli/Atim im Gesundheitszentrum geholfen. Für mich war es super interessant zu sehen, was sie so den ganzen Tag treibt. Darüber könnt ihr bestimmt aber in ihrem Rundbrief mehr erfahren. In den drei darauf folgenden Wochen habe ich dann in Zigoti gearbeitet. Zigoti liegt im Süd-Westen Ugandas und ist ca. 1, 5 Stunden von Kampala entfernt. Dort gibt es eine Schule für beeinträchtigte Kinder, der Organisation „A Chance for Children“ (www.kinderneinechance.at) mit einem österreichischen Träger. Was da so los war, gibt es dann im nächsten Brief.

Nach den ersten zwei Monaten kann ich sagen, dass das Jahr Uganda für mich eine gute Entscheidung war. Das Land und die Menschen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte, sind einfach wunderbar und ich freue mich schon auf die nächsten zehn Monate. Im nächsten Brief werde ich Euch mehr über diese Begegnungen erzählen und wenn ich mal dran denke, Fotos von der Landschaft zu machen, schicke ich Euch die mit.

Danke fürs Lesen,
Euer Opio Michael