Brasilien: 1. Rundbrief von Maximilian Gerhards

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Familie,
liebe Unterstützerinnen und Unterstützer!

Etwa zwei Monate ist es nun schon her, dass ich in Neef in die Regionalbahn einstieg und losfuhr. Mit dem Zug über Koblenz nach Frankfurt zum Flughafen. Von da aus weiter, zusammen mit Angela und Kim, meinen Mitfreiwilligen von SoFiA, über Lissabon nach Fortaleza. Wir kommen aus dem Flughafengebäude und werden unmittelbar empfangen von der dort wartenden abendlichen Hitze: Willkommen in Brasilien.

Mit diesem Rundbrief möchte ich versuchen, euch einen ersten Eindruck von meinen bisherigen Erlebnissen hier zu geben. Als Schwierigkeit ergibt sich, dass ich in den wenigen Wochen hier schon unbegreiflich viel erlebt und gelernt habe aber auch vieles noch nicht verstehe.
Auch möchte ich vorab schon anmerken, dass meine Erfahrungen in keinem Fall verallgemeinert werden dürfen. Brasilien ist ein sehr großes und in sich sehr unterschiedliches Land. Schon die Kultur und die Sprache der Menschen hier in Pedro II unterscheiden sich von der in Piripiri, der etwa 50 Kilometer weitergelegenen größeren Stadt.

Anreise
Wie eingangs schon angedeutet, sind wir zunächst von Deutschland nach Fortaleza, einer Millionenstadt an der Küste im Nordosten Brasiliens geflogen. Dort wurden wir von Barbara, einer Freundin von einer unserer Vorgängerinnen, am Flughafen abgeholt und zu einem Hostel unmittelbar gegenüber dem Busbahnhof gefahren. Ob wir das ohne ihre Hilfe geschafft hätten, wage ich zu bezweifeln. Am nächsten Morgen meisterten wir einen ersten Einkauf und fuhren dann mit dem Fernbus weiter. Für Angela ging es nach Parnaiba, während Kim und ich zusammen nach Piripiri fuhren. Die Fahrt verbrachten wir hauptsächlich damit, aus dem Fenster zu schauen und uns von den neuen Eindrücken der vorbeirauschenden Landschaft berieseln zu lassen. In Piripiri angekommen wurde Kim freudig von ihrer Gastfamilie in Empfang genommen. Ich dagegen fuhr zusammen mit einem Mitarbeiter von Mandacaru in das etwa 48 Kilometer weiter entfernte Pedro II, meinem Wohnort für das kommende Jahr.

Pedro II
Pedro II ist eine kleine Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern im Nordosten von Piaui, einem der ärmsten Bundesstaaten Brasiliens. Viele Menschen leben in den rund um die Stadt, (im sogenannten „interriror“) gelegenen kleinen Dörfern, den sogenannten „comunidades“. Die Stadt liegt in der Halbtrockenzone von Brasilien. In der etwa viermonatigen Regenzeit von Januar bis April gibt es sehr unregelmäßige Niederschläge, während es im sieben- bis acht Monate dauernden Sommer kaum Regen, sehr hohe Temperaturen (mittags um die 35° Celsius) und starken Wind gibt. Bis heute ist Pedro II eine Stadt ohne Industrie. Ein Großteil der Menschen lebt von der Landwirtschaft.

Benannt ist die Stadt übrigens nach dem letzten brasilianischen Kaiser Pedro II. Mehr über die Geschichte Brasiliens kann man hier erfahren.

Haupteinfahrt nach Pedro II

Centro de Formação Mandacaru
Mandacaru ist eine Organisation, deren Ziel es ist die Lebensumstände der Kleinbauern und deren Familien zu verbessern. Hierzu ist Mandacaru in verschiedenen Bereichen tätig, aufgeteilt in:  Kindergarten „Asa Branca“, die Schule „Ecoescola Thomas à Kempis“ mit Mittel- und Oberstufe, CEBI (Bibelkreise), Agricultura Familiar (Landarbeiterfamilien) und Zisternenbau. Mandacaru ist als Verein strukturiert und finanziert sich hauptsächlich mit Spendengeldern aus Deutschland. Als Fundament der Arbeit gilt das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ und ein christliches Menschenbild. Mandacaru arbeitet unabhängig von der örtlichen Kirchengemeinde und der Diözese Parnaiba.

Seminar von Mandacaru im Rahmen der „Agricultura Familiar“

Meine Aufgaben im Projekt
So vielfältig die Arbeitsbereiche von Mandacaru sind, so vielfältig ist auch meine eigene Arbeit hier. Gerade in den ersten Wochen habe ich vor allem die verschiedenen Aktivitäten von Mandacaru kennengelernt und habe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleitet. Im Moment helfe ich besonders viel in der Schule und im Kindergarten.

Ecoescola Thomas à Kempis
Die Ökoschule hat das Konzept den etwa 150 Schülerinnen und Schülern neben dem normalen Lernstoff auch Kenntnisse über die Natur und ökologische Landwirtschaft näher zu bringen. Hierzu betreibt die außerhalb der Stadt gelegene Ganztagsschule einen Garten mit Obst wie Mango, Maracuja, Papaya sowie  verschiedenen Gemüsesorten wie Zwiebeln, Salat, Karotten und vielen mehr. Außerdem werden Hühner, Schweine und Ziegen gehalten. Alles was im Garten wächst wird in der Schulküche verwendet und fließt in den Speiseplan der Schüler mit ein. Die Schüler nehmen drei Mahlzeiten am Tag in der Schule zu sich: Mittagessen sowie vormittags und nachmittags eine kleine Zwischenmahlzeit. Die Klassen helfen abwechselnd bei der Bewirtschaftung der Gärten. Außerdem sind die Schüler selber für die Sauberkeit der Schule verantwortlich und übernehmen Putzdienste. Die Schüler kommen hauptsächlich aus Gemeinden im interrior, nur in Ausnahmefällen bekommen Schüler aus der Stadt einen Platz in der Schule. Ich helfe hier bei der Bewirtschaftung der Felder, zum Beispiel beim Gießen und Unkrautjäten, der Versorgung der Tiere, spiele mit den Kindern in der Mittagspause, helfe in der Küche und gebe Englisch-Unterricht, wenn ein Lehrer ausfällt.

Zwei Schüler arbeiten in dem speziell angelegten Garten (horta sombreada) der Ökoschule mit Beschattungs- und Bewässerungssystem.

Der Kindergarten „Asa Branca“
Auch im Kindergarten durfte ich schon öfters in verschiedenen Gruppen helfen. Die Gruppen mit drei-, vier- oder fünfjährigen Kindern, besuchen jeweils vormittags- oder nachmittags den Kindergarten. Die Kinder lernen schon sehr viel. Sie werden über Religion und Kultur unterrichtet, lernen das Alphabet und einfache Rechenaufgaben. Die Lehrpläne hierzu gibt der Staat vor. Es gibt Kinder die damit gut klar kommen und schon viel können, während andere oft Probleme haben, sich zu konzentrieren. Daneben erhalten die Kinder eine Mahlzeit und haben natürlich auch genug Zeit um zu spielen. Die Kinder sind immer sehr laut und voller Energie. Außerdem sprechen sie sehr schnell und undeutlich, was gerade am Anfang, als ich die Sprache noch nicht so gut konnte, ein Problem für mich war. Ich helfe beim Austeilen von Materialien, beim Erklären des Unterrichtsstoffes und spiele mit den Kindern. Der Kindergarten befindet sich im Stadtteil „São Francisco“, in dem viele arme Familien leben und es zahlreiche sozial Probleme gibt.

Mein Leben hier…
Mir geht es gut hier. Mir begegnen viele freundliche und weltoffene Menschen. Ich wurde von Mandacaru herzlich aufgenommen und fühle mich wohl. Derzeit wohne ich im Haus von Maria Platen, meiner aus Deutschland stammenden Ansprechpartnerin. Da diese derzeit in Deutschland ist, habe ich sie allerdings noch nicht kennenlernen können. Ich wohne jedoch nicht allein, sondern zusammen mit Lúcia, die als Kindergärtnerin arbeitet. Direkt neben dem Haus, das sich unweit der Kirche im Stadtzentrum befindet, ist das Bürogebäude von Mandacaru. Ende Oktober, wenn Maria Platen aus Deutschland zurückkehrt, werde ich dann voraussichtlich in meine Gastfamilie umziehen, die nur ein paar Straßen weiter ihr Haus hat.

Im September haben mich Kim und Angela, meine Mitfreiwilligen, und Ricardo, der vor einem Jahr als Freiwilliger aus Brasilien in Deutschland war, besucht. Zusammen waren wir unter anderem beim Gritador, einem berühmten Felsen in der Nähe von Pedro II. Es war hilfreich, dass wir uns schon über unsere ersten Erfahrungen austauschen konnten. Außerdem waren wir bei der von den Schulen der Stadt veranstalteten Parade anlässlich des brasilianischen Unabhängigkeitstags am 7. September.

Die Schülerinnen und Schüler der Ökoschule nehmen am Umzug anlässlich des Unabhängigkeitstages teil.

Da ich jeden Tag viel arbeite (von 7:00 bis 17:00 Uhr), bleibt mir relativ wenig Zeit für andere Freizeitaktivitäten neben dem Portugiesisch lernen. Ich versuche regelmäßig Laufen zu gehen und gehe einmal in der Woche abends zusammen mit einigen Lehrern und Schülern der Ökoschule Fußballspielen. Ich verstehe mich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Mandacaru gut und werde an den Wochenenden oft eingeladen.

Natürlich ist es nicht immer einfach. Ich lerne hier eine neue Arbeit, neue Menschen, eine neue Kultur und eine neue Sprache kennen. Aber jeden Tag finde ich mich besser zurecht und es tut mir gut, viel zu arbeiten. Wer mich kennt weiß, dass ich Langeweile nie mochte.

Wassermangel in der Stadt
Wasser ist hier in Pedro II sehr wertvoll. Seit etwa fünf Jahren regnet es nur noch verhältnismäßig wenig. Der See, der die Stadt mit Wasser versorgt, ist immer kleiner geworden und mittlerweile fast verschwunden. So eine Situation hat es in Pedro II noch nicht gegeben. Sie wird von den Menschen und den Institutionen als sehr bedrohlich erlebt. Seit Ende August/Anfang September haben viele Häuser in der Stadt kein Wasser mehr aus der Leitung. Es gibt zwar Menschen, die Brunnen besitzen, aber  Brunnen bohren kostet viel Geld und ist nun staatlich verboten, da das geförderte Wasser allen Menschen zur Verfügung stehen soll. Zudem ergibt sich das Problem, dass auf diese Weise langfristig der Grundwasserspiegel gesenkt wird. Viele Menschen mit Brunnen stellen diese jetzt auch ihren Mitmenschen zur Verfügung. Die Bewohner müssen das Wasser zum Waschen, Kochen, Spülen und allen anderen Bedarf mit Eimern und Kanistern holen. Es gab erste Demonstrationen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Menschen werfen den lokalen Politikern vor, sich nicht früher um eine Lösung gekümmert zu haben. Eine Schwierigkeit liegt jedoch auch darin, dass die Menschen, nicht daran gewöhnt sind, sparsam mit Wasser umgehen zu müssen.

Bewohner demonstrieren vor der „Câmera Municipal“ (vergleichbar mit einem Kreistag in Deutschland), um auf das Problem des Wassermangels aufmerksam zu machen.

Auch hier im Haus, wo ich momentan wohne, gab es schon Tage, wo kein Wasser mehr zum Duschen vorhanden war. Mir wird immer bewusster, wie wertvoll und wichtig Wasser im alltäglichen Leben ist. Das Problem der Trockenheit gibt es auch in anderen Gegenden im Nordosten. Immer mehr Gemeinden werden aufgrund der Trockenheit der letzten Jahre zur Halbtrockenzone hinzugezählt. Die Bewohner von Pedro II versuchen jedoch auch, positives zu sehen. Die Menschen lernen, sparsam mit ihrem Wasser umzugehen und helfen sich gegenseitig beim Wasser holen, sie werden politisch aktiv und treten für ihre Belange ein. Eine Lösung für die bedrohliche Situation ist bislang nicht in Sicht.

Die Unterschiede und die Kultur
Es fällt mir schwer, alle meine Erlebnisse und Erfahrungen aus der ersten Zeit hier, in diesen Rundbrief einfließen zu lassen, da ich schon so viel erlebt habe. Zwei Monate Brasilien heißt für mich auch zwei Monate täglich mit Flip-Flops zu laufen, jeden Tag Reis mit Bohnen zu Mittag zu essen, sehr süßen Kaffee zu trinken und morgens beim Frühstück Kolibris zu beobachten. Da sind die Schüler der Ökoschule und ihre ständigen Fragen nach meinem Lieblingsfußballverein. Zwei Monate Brasilien heißt Orangen direkt vom Baum gepflückt zu essen und jeden Sonntag um sechs Uhr morgens von lauter Kirchenmusik geweckt zu werden.

Zum Schluss noch ein Zitat von Paulo Freire, dessen Pädagogik die Arbeitsweise von Mandacaru und insbesondere die der Ökoschule stark beeinflusst: „Educação não transforma o mundo. Educação muda pessoas. Pessoas transformam o mundo.“ Übersetzt heißt dies: „Bildung verändert nicht die Welt. Bildung verändert die Menschen. Menschen verändern die Welt.“

In meinem nächsten Rundbrief werde ich Euch gerne mehr erzählen. Ich bin gespannt, welche Veränderungen der Umzug in meine Gastfamilie für mich mitbringt.

Viele liebe Grüße aus Pedro II
Euer Max

Ricardo, Angela und ich besuchen den „Gritador“.

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