Uganda: 1. Rundbrief von Lilli Baumhauer

 Ein neues Zuhause

Knapp 16 Stunden Anreise, beinahe 3 Monate vergangene Zeit, 2 zerlaufene Paar Schuhe und ein neues Zuhause.  Es sammelten sich scho unzählige Erlebnisse und Erfahrungen von denen ich in diesem, meinem ersten, Rundbrief berichten möchte.

Mein Jahr in Uganda hat natürlich mit der Anreise begonnen. Schon am internationalen Flughafen in Entebbe fiel mir nach der Landung in der Nacht des 26. Juli auf, dass ich nur eine von vielen Freiwilligen bin, die die Reise auf sich genommen haben, und dass ich mich zudem mit meinem Backpacker-Rucksack auf dem Rücken und den weiten Stoffhosen im Gepäck auch nahtlos in das stereotype Erscheinungsbild dieser Gruppe einfüge. Dennoch wurde mir schon in den nächsten Tagen bewusst, wie persönlich die Wahrnehmung des Erlebten sein kann, alleine schon zwischen meinem Mitfreiwilligen Michael und mir. Die erste Woche unseres Aufenthaltes verbrachten wir mit unserer Projektvorgängerin Julie- Anne in der Hauptstadt Kampala.

Erster Eindruck: Groß und unübersichtlich, aber trotz allem für mich ein Ort an dem ich mich wohl gefühlt habe, auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich bald über eine Stunde Fahrt von der nächsten Stadt entfernt sein würde, was mir als Stadtkind zu Beginn wie eine Ewigkeit erschien. Abends bin ich immer erschöpft und glücklich über eine Dusche (vor allem um den Staub der Stadt abzuwaschen) ins Bett gefallen. Während dieser ersten Woche erkundeten wir die Stadt mit langen Spaziergängen, Julie-Anne gab uns eine Einführung in die Nutzung der Matatus (eine Art Linienbus, der hier meistens Taxi genannt wird und die meisten Winkel der Stadt befährt) und wir lernten unsere Mentorin Truus kennen, die schon seit Jahren in Uganda lebt und arbeitet.

Eine (fast)leere Straße bei Ococia

Ankunft in Ococia

Mit Truus ging es dann auch schließlich weiter zu unserem eigentlichen Ziel Ococia im Nordosten des Landes und rund 7 Stunden mit dem Auto von Kampala entfernt. Die Fahrt durch das Land ging vorbei an wunderschöner Landschaft inklusive Teeplantagen, Sumpfgebieten und Wäldern und führte uns schließlich zu einer langen, geraden Lehmstraße, die die letzte Etappe der Fahrt darstellte und mir seitdem immer signalisiert, dass ich bald angekommen bin. Die erste Fahrt auf dieser Straße brachte mich jedoch dazu nachzudenken über das Unbekannte, das mich erwartet und die Herausforderungen die vor mir liegen. In Ococia angekommen lernte ich gleich am nächsten Tag die vier Sisters (Nonnen) kennen in deren Konvent ich nun lebe. Der Empfang war so freundlich, dass meine letzten Grübeleien sich auf einen Schlag in Luft auflösten und meine Freude an diesem Ort der Erde gelandet zu sein ins Unermessliche stieg. Neben den Sisters wohnen am Konvent auch vier Kinder und Jugendliche, die nach der Schule im Haushalt und beim Kochen helfen. Für mich als Einzelkind ist es jeden Nachmittag ein schönes Gefühl in ein mit Leben gefülltes Haus zu kommen und mit den Kindern draußen zu sitzen, zu kochen und zu spielen.

Der Alltag im Health Center 

Wegweiser für das Health Center

In Ococia gibt es neben einer Schule für geistig beeinträchtigte Kinder, einer Secondary und einer Primary School sowie einer kleinen Nursery School auch ein Health Center, in dem ich unter der Woche mithelfe und bereits viel über die verschiedensten Krankheiten, ihre Diagnose und Behandlung gelernt habe. Da ich keine Ausbildung im medizinischen Bereich aufweisen kann, besteht mein Tätigkeitsbereich hauptsächlich aus der Registration von Patienten. Zweimal in der Woche werden im Health Center Medikamente an HIV-Patienten ausgeteilt, was mal Schnelligkeit und mal Geduld fordert, da die Patienten teilweise aus weiter entfernten Dörfern kommen und so erst kurz vor Schließung der Medikamentenausgabe eintrudeln.

Mittwochs geht es für mich dann in die Maternity, die eigentlich immer ausgelastet ist mit Geburten und Schwangeren, die zum Beispiel Malaria haben. Wenn mittwochs die Neugeborenen und Kleinkinder geimpft werden heißt es im wahrsten Sinne des Wortes Ohren zu und durch. Die bis zu 60 Babys pro Impftag können eine unheimliche Lautstärke erzeugen und selbst die Mütter leiden teilweise mit ihren Kindern mit, wenn sich die Spritze nähert. Die gleiche Angst vor Spritzen beziehungsweise Nadeln zeigt sich auch im Labor. Dort werden Patienten auf verschiedenste Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria oder Würmer untersucht. Mittlerweile kann ich sogar teilweise selber unter dem Mikroskop zumindest leicht zu erkennende Dinge wie Malariaparasiten ausmachen, dort wo ich vorher nur undefinierbare Formen gesehen habe…

Mein letzter Aufgabenbereich im Health Center ist die Diabetes- und Epilepsieklinik, die von meiner Mentorin und Krankenschwester Truus geleitet wird. Dort gibt sie einmal die Woche die so wichtigen Medikamente aus. Da zur Zeit viele der Patienten in unregelmäßigen Abständen kommen oder seit mehreren Monaten nicht mehr in der Klinik waren, um ihre Medikamente abzuholen, werden wir in den nächsten Wochen die Patientenlisten aktualisieren und versuchen einige der abwesenden Patienten zu kontaktieren. Diese Kontaktaufnahme möchten wir bei den wenigen Patienten, die ein Telefon besitzen, telefonisch erreichen, die anderen müssen in ihren Dörfern besucht werden, was Truus und ich bei den nächsten Besuchen der von ihr eingerichteten Selbsthilfegruppen besonders für Familien von Kindern mit geistigen oder körperlichen Behinderungen in Angriff nehmen möchten. Eine weitere Möglichkeit für mich umliegende Dörfer zu besuchen bieten die so genannten outreaches der Maternity, bei denen Babys und Kleinkinder geimpft werden und ihre Familien über die Notwendigkeit der Impfungen aufgeklärt werden…

Das Begleiten von Patienten in ein Krankenhaus in der Nähe von Kampala, in dem sie kostenlos behandelt und operiert werden, bringt mich sogar zu noch längeren Anreisen als bei den outreaches. Von dieser Tätigkeit ebenso wie von den Projekten, die ich für die Schule plane, werde ich jedoch ausführlich in meinen nächsten Rundbriefen berichten.

Zum 2. Mal Kampala 

Nach meinen ersten Wochen in Uganda kam schließlich auch die ehemalige Freiwillige Kathrin zu Besuch. Sie war vor drei Jahren für ihren Freiwilligendienst in Ococia und kam nun für einen Besuch zurück. Mit ihr habe ich dann auch eine Woche in Kampala verbracht, was meiner Orientierung und meiner Selbstsicherheit in der großen Stadt erheblich weitergeholfen hat. Sie hat mir auch das Krankenhaus gezeigt, in das ich von nun an Patienten bringen soll, um mir eine Idee von den dortigen Abläufen zu geben.

Strand des Victoriasees in Entebbe (bei Kampala)

Zusammen mit Kathrin habe ich einerseits ganz touristisch das Nationalmuseum besucht und verschiedenste Strände des Victoriasees kennengelernt, andererseits habe ich die kleinen Restaurants in den höheren Stockwerken der Häuser im mit Autos und Menschen vollgedrängten Stadtzentrum kennengelernt, die neben gutem Essen auch eine beeindruckende Aussicht auf die Straßen der Stadt bieten und gleichzeitig die Möglichkeit zu einer kurzen Pause von dem Trubel geben. In dieser Woche habe ich auch die Schönheit der Stadt bei Nacht kennengelernt, die mit ihren vielen Hügeln und den Lichtern in der Dunkelheit beinahe wie ein Sternenhimmel aussieht. Aber auch der richtige Sternenhimmel hier ist wunderschön und sogar etwas anders als in Deutschland. Zu meiner Verwunderung stellte ich nämlich fest, dass der Mond hier nicht horizontal zu- und abnimmt, sondern vertikal, also um 90° gedreht.

Morgens an der Straße vor dem Haus

Nach meiner Rückkehr aus Kampala erwarteten mich auch im Convent Veränderungen. Ein neues Mädchen, Amuge, war in der Zwischenzeit im Konvent aufgenommen worden. Und nicht nur das, der Truthahn hat Babys bekommen, die seitdem munter herumzwitschern und auch die zwei Hundewelpen Saddam und China, die in Zukunft als Wachhunde dienen sollen, wurden während meiner Abwesenheit aufgenommen. Seitdem verfolgen sie mich beinahe jeden Tag bis zum Tor des Health Centers und begrüßen mich nachmittags immer etwas zu stürmisch…

 

 

Independence Day 

Meinen ersten Rundbrief schließen möchte ich mit dem Bericht von den Feiern am ugandischen Unabhängigkeitstag, der am 9. Oktober zelebriert wird. Begonnen wurde der Tag mit einer Messe (von der Kirche werde ich bald ausführlicher berichten) und der Erkenntnis, dass an diesem Tag scheinbar in der gesamten Region niemand krank wird, was für die meisten Mitarbeiter des Health Centers einen frühen Feierabend bedeutete. Der Rest des Tages wurde von daher mit Nüsse schälen und kochen verbracht, da für den Abend im Konvent eine kleine Feier geplant wurde. Eingeladen waren die Priester und sämtliche Menschen (und Hunde), die mit ihnen in der nahe gelegenen Mission leben. Hinzu kamen noch drei Zahnärzte, die für zwei Wochen zu Besuch waren und Truus. Nach dem üppigen Abendessen zu dem jeder mindestens ein Gericht beisteuerte wurde die halbe Nacht draußen geredet und vor allem getanzt. Besonders die Kinder aus dem Konvent können gefühlt stundenlang ohne Pause durchtanzen. Als ich in dieser Nacht erschöpft ins Bett gefallen bin, fiel mir auf, wie gut ich hier angekommen bin und vor allem wie Zuhause ich mich schon fühle…

Zunächst einmal vielen Dank fürs lesen und bis zum nächsten Mal in wenigen Wochen, wenn schon der zweite Rundbrief ansteht.

Lilli