Bolivien: 1. Rundbrief von Julia Prinz

Liebe Leser*innen,

nun bin ich schon drei Monate in Bolivien und es wird Zeit für meinen ersten Rundbrief. Ich weiß leider gar nicht so Recht, wo ich anfangen und aufhören soll, weil ich schon so viel erlebt habe und das kann ich definitiv nicht alles in diesen Rundbrief schreiben.Nach einem tränenreichen Abschied ging es am 06. August 2017 wirklich los! Selbst im Flugzeug realisierte ich nicht, dass ich meine Liebsten erst in 13 Monaten wiedersehen und dass ich nun für 13 Monate in Bolivien sein werde. Im kalten El Alto gelandet, wurden wir freundlich von Gabriela und Patricia, die bei der „Comision de Hermandad“ (Partnerorganisation des Bistums Trier und Hildesheim) arbeiten, empfangen.

Ausblick aus dem Teleferico  – in echt atemberaubend!

Die erste Woche waren alle 20 Freiwillige zusammen in La Paz, wo wir ein Einführungsseminar, durchgeführt
von der Hermandad, hatten und Wichtiges klärten und erklärt bekamen. So konnten wir schon mal ein bisschen von La Paz sehen und bolivianische Luft schnuppern (was auf etwa 3600 m Höhe gar nicht so einfach ist). Mit der Höhe hatte ich abgesehen von ein bisschen Nasenbluten und Herzrasen nach Treppensteigen oder Berg hoch gehen keine Probleme, aber ich habe auch vorbildlich Coca-Tee getrunken :D.

Auf nach Cochabamba…

Freitag Abend bin ich mit der Flota (ein Reisebus, jedoch mit nur drei Sitzen in einer Reihe die man so weit nach hinten machen kann, dass man wirklich gut schlafen kann) und drei weiteren Freiwilligen etwa 8h nach Cochabamba gefahren. Am Busterminal wurden wir freundlich empfangen und unseren Gastfamilien zugeteilt. Ich ging mit Padre David mit, der mit mitteilte, dass ich während meines dreiwöchigen Sprachkurses bei Hermanas (Nonnen) wohnen werde. Ich malte mir schon ein Kloster aus und war überrascht, als der Padre meinte dass wir da seien, denn wir standen vor einem ganz normalen Haus. Ich wurde freundlich von fünf

Am Tag meiner Ankunft waren wir in einem kleinen Dinosaurierpark

Frauen empfangen und schnell stellte sich die Sprachbarriere heraus. Nachdem ich verstanden habe, dass ich meine Sachen ins Zimmer bringen soll, frühstückten wir. Es gab Sandwiches mit Fleisch und ich musste ihnen leider mitteilen, dass ich Vegetarier bin, weil ich es wirklich gar nicht mit mir vereinbaren kann Fleisch zu essen. Für sie war es überhaupt kein Problem und ich bekam etwas ohne Fleisch. Das Vegetariersein ist hier schwierig, denn sehr viel ist mit Fleisch, aber es ist machbar. So sind die Leute zwar schockiert wenn man ihnen sagt dass man kein Fleisch isst, da das Vegetariersein hier nicht sehr verbreitet ist, aber sie akzeptieren es.

Sonntags gab es nach der Messe eine von den Jugendlichen der Gemeinde gestaltete Willkommensfeier für uns bei der wir uns vorstellten, zusammen tanzten und uns so gut es ging unterhielten. Die Tatsache, dass der Sprachkurs erst am Montag begann, machte mir sehr große Angst, doch irgendwie verstanden die Hermanas und ich uns mit Händen und Füßen – und ja wir versuchten es auch mit Google Übersetzer, aber das war nie wirklich eine große Hilfe. Der Kurs ging von 08 – 12 Uhr und machte viel Spaß. Es war manchmal anstrengend, aber ich freute mich jeden Tag etwas Neues zu lernen.

Da die Hermanas jeden Tag etwas zu tun hatten, war ich nach der Sprachschule meistens alleine und so musste ich die erste Zeit sehr mit Heimweh kämpfen, was ich in Deutschland nie erwartet hätte. Wir hatten in der zweiten Woche unseres Sprachkurses ein Treffen mit Gaby, die mitbekam wie es mir ging. Sie teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag die Gastfamilien wechseln werde, da ich so die Sprache ja auch nicht lerne. Ich wusste zuerst nicht so recht, was ich davon halten soll, denn schließlich waren die Hermanas echt nett. Doch im Nachhinein kann ich nur sagen, dass es eine sehr gute Idee war. Meine neue Gastfamilie (Mutter, 18 jährige Tochter, 19 jähriger Freiwilliger) ist ebenfalls super nett und bei ihnen hatte ich immer jemanden mit dem ich Spanisch sprechen und es so auch üben konnte. Zudem war es auch sehr schön nach der Sprachschule einfach mal auf den Markt zu fahren oder meiner Gastmutter, die Künstlerin ist, in der Kirche bei Arbeiten zu helfen. Ich war sehr traurig, als ich die Familie nach eineinhalb Wochen verlassen musste, aber freute mich auch zugleich endlich in mein Projekt zu kommen. 

Meine Gastmutter bei Kirchenarbeiten – ich saß am untersten Tisch und hatte Angst, dass sie runterfällt
Mein Gastbruder, meine Gastmutter, Nele und ich vor dem Christo

  

Nun lebe ich im „Casa de Retiros y Encuentros“ in Vinto, eine Art Seminarhaus. In dem Haus wohnen die Hausverwalter, beide 24, mit ihren zwei Kindern und Hund. Außerdem gibt es eine Köchin, die außer sonntags immer kocht, und auch einen Hauswächter. Der Hauswächter lässt mich manchmal lange vor verschlossenen Türen stehen, doch die Klingel zu reparieren wäre natürlich zu einfach :D. So musste ich eine Nacht auch über das Tor klettern, weil ich ihn einfach nicht wach bekommen habe.

Da meine Vorgängerin noch da war als ich ankam, zog ich mit meiner Mitfreiwilligen Nele (die aus organisatorischen Gründen kurze Zeit bei mir leben musste) in ein anderes Zimmer. In diesem Zimmer machten wir Begegnungen mit einigen Tieren – und auch heute habe ich noch so einige Begnungen, vorallem mit Ameisen und blöden Stechmücken. Aber ich muss zugeben, dass ich mich zumindest an die Ameisen in meinem Badezimmer gewöhnt habe, denn lieber im Bad als in meinem Bett (eine Nacht war wirklich mein ganzes Bett voll mit Ameisen…).

Ein Teil des Gartens

Mein Projekt

Dienstags war dann auch schon mein erster Arbeitstag im Projekt „Fundacion Nueva Luz“. Durch einen Vorbesuch wusste ich schon, was mich erwarten würde, doch trotzdem war ich sehr aufgeregt, vor allem weil ich die Sprache nicht gut beherrschte. Das Projekt ist eine Hausaufgabenhilfe für Kinder im Alter von etwa 5 bis 17 Jahren. Die Kinder kommen direkt nach der Schule und essen zu Mittag. Das Mittagessen wird abwechselnd von den Eltern der Kinder zubereitet, doch oft kommen die Eltern nicht, was bei etwa 60 Kindern zu Schwierigkeiten führt. In diesem Fall muss Dona Maria helfen. Sie lebt mit ihren Kindern in einem kleinen Häuschen auf dem Grundstück der Fundacion und ist quasi die Hausmeisterin. Sie ist super lieb und munterte mich die ersten Tage immer damit auf, dass ich mir keine Gedanken machen muss und dass ich das Spanische schnell lernen werde („No te preocupes“ – Mach dir keine Sorgen! Diesen Satz höre ich auch heute noch ganz oft). Im Moment begrüßen wir uns jedoch immer mit „Que calor“ – was für eine Hitze, denn nachmittags knallt die Sonne echt sehr.

In der Fundacion sind die Kinder in drei Salons (Räume) eingeteilt: Salon verde (5 – 9 Jahre) mit Profe Senaida, Salon anaranja (9 – 12 Jahre) mit Profe Maria und Salon rojo (13 – 17 Jahre) mit Profe Sandra. Mit meiner Chefin, Hermana Antonia (Ordensschwester der Franziskaner), vereinbarte ich, dass ich zuerst vier Wochen im Salon verde sein werde und danach die anderen zwei Salons für ebenfalls vier Wochen besuchen werde. Danach darf ich mich entscheiden in welchem Salon ich den Rest des Jahres mitwirken möchte. Die Kinder im Salon verde empfingen mich sehr freundlich, umarmten mich und stellten mir viele Fragen. Die häufigste Frage war: „Sind deine Haare echt?“. Bevor die Hausaufgabenhilfe anfängt gibt es eine Art Denkimpuls (z.B. eine Geschichte wird vorgelesen, man hört ein Musikstück, ein bestimmtes Thema wird besprochen,…). Nachdem dies erfolgte nehmen die Schüler ihre Hausaufgaben heraus. Profe Senaida setzte mich zu einem Schüler und die Sprache war zwar im Weg, aber trotzdem reichte es um den Kindern zu erklären, dass 5 Äpfel + 3 Äpfel = 8 Äpfel sind.

Einige der Kinder bei ihren Hausaufgaben

Doch woran ich mich erst gewöhnen musste war, dass die Kinder hier bei ihrem kleinen Finger anfangen zu zählen und nicht bei dem Daumen, was manchmal zu Verständnisproblemen führte. In den folgenden Tagen, half ich den Kindern hauptsächlich bei ihren Mathehausaufgaben oder munterte so eins, zwei Kinder auf, da sie sonst wirklich nur da sitzen und ihre Hausaufgaben nicht machen. Um 15:30 Uhr gibt es eine Erfrischungspause mit z. B. Tee. Davor waschen sich die Kinder immer ihre Hände und es ist gar nicht so leicht den Kindern auf Spanisch zu befehlen mitzukommen oder dass sie aufhören sollen Quatsch zu machen, weil einfach das Vokabular fehlt. Die Kinder, die schlecht gearbeitet haben, dürfen nicht in die Pause und müssen nach der Pause ihre Arbeit fortsetzen, während die anderen spielen dürfen. Trotz allem, kann ich sagen, dass mir die Arbeit im Salon verde sehr viel Spaß macht! Am 21.09 war „Tag des Schülers, des Frühlings und der Liebe“, weshalb es in der Fundacion eine kleine Feier gab. Einige Profes führten einen Tanz auf, die Kinder wurden in drei Gruppen unterteilt und es gab Spiele wie Eierlauf. Zudem gab es Popcorn. Soviel erstmal zu meinem einen Projekt. Ich bin gespannt, was mich im Salon anaranja erwarten wird!

Mein zweites Projekt erfolgt vormittags im „CEA San Jose“ (Centro de Educacion Alternativa – Zentrum für alternative Bildung). Das CEA ist eine kleine Schule, die alle besuchen können, die aus irgendeinem Grund die Schule früher verlassen haben. Die Schüler können ihren Schulabschluss nachholen, oder eine Ausbildung wie Friseur, Gärtner oder Koch/Bäcker erlernen.

In unserem kleinen aber feinen Raum

Ich arbeite jedoch in der „Guaderia“ eine Art Kindergarten der Schule. Die Schüler, die oft sehr jung sind, bringen ihre Kinder zu meiner Kollegin Laura und mir. Die Kinder sind zwischen 5 Monaten und 6 Jahren. Wir spielen, malen, singen und basteln mit ihnen. Es gibt auch einen kleinen Fernseher, der manchmal angemacht wird, was den Kindern eine große Freude bereitet. Die Kinder haben immer Frühstück dabei, was meistens aus Kartoffeln, Reis, Eiern und Hühnchen besteht. Die Kinder lernen (das Essen) zu teilen und so probiert jeder von jedem. Um etwa 12 Uhr gibt es dann „Desayuno Escolar“, was meistens aus einem Trinkpäckchen und Joghurt besteht. Die Schule ist eine alte Kirche mit einem kleinen Haus dran wo eine ältere Dame wohnt. Sie hat zwei Katzen und drei Hunde und die Kinder freuen sich immer wenn wir Besuch von ihnen bekommen. Zudem gibt es noch zwei Hühner, die wir auch täglich besuchen gehen.

Und sonst…

Ich habe mich noch nicht voll und ganz an mein neues Leben gewöhnt – aber kann man das nach nur knapp drei Monaten auch erwarten? Mit dem Essen habe ich so einige Probleme und ich habe oft Bauchweh. Ich finde es sehr anstrengend, dass egal wo ich gehe alle Leute mich anschauen, über mich reden und mir die ganze Zeit hinterher gepfiffen wird. Aber was erwartet man auch als blondes Mädchen mit blauen Augen? An die oftmals kalten Dusche habe ich mich auch noch nicht gewöhnt und ich muss zugeben, dass mit Hand waschen anstrengender ist als erwartet (vor allem wenn man an seinem Waschtag keine Motivation hat und danach die Woche das Doppelte waschen muss… :D).

Jedoch möchte ich hier jetzt nicht nur schlechte Sachen aufzählen! Ich habe schon so viele nette, herzliche Menschen kennengelernt und so viele unvergessliche Erinnerungen gesammelt. So tanze ich zum Beispiel in einer Tinku – Tanzgruppe mit Nele. Normalerweise ist montags immer Probe, aber als ich in die Gruppe kam ist es oft ausgefallen. Eigentlich hätte ich damit ja kein Problem, doch die zwei Brüder – Ariel und Israel – die sozusagen die Tanzlehrer sind, waren der festen Überzeugung, dass wir bei der Entrada (ein Umzug zur Ehren der Kirchenpatronin) mittanzen würde. So blieb uns im Endeffekt eine Woche um 4 Pasos (Tänze) zu lernen. Das schafften wir jedoch nicht und wir konnte nur zwei. Am Tag der Entrada, an dem ich

Meine mit Wolle umwickelten Tanzschuhe

meine Schuhe endlich zu Ende mit der Wolle umwickelt habe, war ich dann doch sehr aufgeregt. Es war sehr warm und unsere Kostüme sind nicht gerade dünn. Wir wollten uns um 14:45 Uhr treffen und Nele und ich gingen schon eine Viertelstunde später mit einem schlechten Gewissen los. Doch als wir um 15:30 Uhr da waren, war nur Ariel da, jaja die bolivianische Uhr. Es machte richtig Spaß zu tanzen und ich war froh, als sich das Wetter verzog und es anfing zu regnen, denn das war wirklich eine gute Abkühlung und unsere Gesichter hatten Zeit wieder Hautfarbe zu bekommen. Alle hatten etwas zu lachen, weil wir so rot waren und sie konnten es überhaupt nicht verstehen. Jedoch mussten wir dann eine Pause machen, zum einen wegen unseren Kostümen, zum anderen wegen den Instrumenten. Am Ziel angekommen war ich echt fertig und war froh angekommen zu sein.

Meine Tanzgruppe
Ariels und Israels Kostüm – sorry, habe kein besseres Foto

 

 

Meine nächste Hürde wird der 12.11.2017 in Oruro sein, wo die beiden sich auch schon ganz sicher sind, dass wir mittanzen werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das sowas wie der 11.11 bei uns, und es ist in Oruro, weil Oruro die Karnevalshauptstadt Boliviens ist. Ich bin mal gespannt ob wir wirklich dahin fahren werden und wenn ja wie es dort sein wird, denn Oruro ist vom Klima und von der Höhe nocheinmal anders als Cochabamba bzw. Vinto.

Ich freue mich sehr auf die kommenden Wochen und bin sehr dankbar hier zu sein!

Ganz liebe Grüße

Julia