Ukraine: 1. Rundbrief von David Hopper

Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Bekannte

Nach knapp zwei Monaten scheint die Zeit gekommen um Euch einen ersten Eindruck von meinem Leben in der Ukraine zu geben. Ich habe in so kurzer Zeit noch nie so viel gelernt und erlebt, hoffe jedoch trotzdem das ich nichts Wichtiges auslasse und zumindest ein grobes Bild meines bisherigen Aufenthalts vermitteln kann.

Also zurück zum Anfang. Am 01.08. stand nach monatelanger Vorbereitung und stressigen letzten Wochen in Trier meine Ausreise an. Als ich dann tatsächlich im Bus saß, war ich einerseits froh, dass es nach all dem Aufwand endlich losging. Trotz meines Vorbesuches im Juni war es aber natürlich auch ein Aufbruch ins Ungewisse, dementsprechend schwer war der Abschied von Trier, Freunden und Familie.

Nach einer recht abenteuerlichen Route durch Deutschland und einer Nachtfahrt durch Polen ging es von Lviv mit einem kleinen Bus nach Ivano-Frankivsk. Speziell diese Strecke wird mir in Erinnerung bleiben, da ich zum ersten Mal die wunderschönen Landschaften der Ukraine beobachten durfte. Außerdem kam uns auf der großen Autostraße das ein oder andere Mal eine Herde Kühe entgegen, ein Bild an das ich mich in den nächsten Wochen schnell gewöhnen würde. Mein Mitfreiwilliger Simon und ich waren dann aber auch froh, als wir mit knapp dreistündiger Verspätung in unserer zukünftigen Heimat ankamen.

Lange dort verweilen sollte ich dort am Anfang jedoch nicht, im August jagte ein Event das nächste. Nachdem Helena, eine meiner Vorgängerinnen im Projekt, Simon und mir 2 Tage lang die Stadt zeigte und uns ein paar Leuten vorstellte, ging es am ersten Wochenende direkt zur ersten Aktion der Malteser.

Alljährlich wird von diesen nämlich eine Pilgerfahrt nach Krylos veranstaltet, einem kleinen Ort ca. 20 Kilometer von Ivano-Frankivsk entfernt. Dort konnte ich zum ersten Mal die Malteser-Feldküche im Einsatz sehen, in der ich von da an auch regelmäßig zum Einsatz kommen sollte. Die fehlenden Sprachkenntnisse verhinderten zwar, dass ich dort viel mithelfen konnte, jedoch hatte ich die Gelegenheit viele der Malteser kennenzulernen. Zudem konnte ich unter freiem Himmel auf einem Feldbett zu schlafen, hier ein Foto von meiner Aussicht:

                                          Ausblick auf die     Altstadt von Lviv

Nach der Rückkehr nach Ivano-Frankivsk ging es dann recht schnell weiter nach Lviv, wo Simon und ich zwei Wochen Sprachunterricht hatten. Wir schliefen in einem Hostel und hatten dort viele interessante und internationale Mitbewohner. Während unseres Aufenthaltes haben wir viel Zeit in der malerischen Innenstadt verbracht, die mit ihren Kaffehäusern und alten Gebäuden an Wien erinnert, was in Anbetracht der Tatsache das Teile der Westukraine zu Österreich-Ungarn gehörten auch kein Zufall ist. Während des Sprachkurses wurden wir von unserer sympathischen Lehrerin mit Informationen über die ukrainische Grammatik überschüttet, wir versuchten uns dabei so viel davon zu merken wie nur möglich.

Auch nach dem Sprachkurs kam sofort die nächste Aktion: Zusammen mit der Malteser-Jugend ging es auf eine zweitägige Bootsfahrt auf dem Dnister, einem der größten ukrainischen Flüsse. Nach der Bootsfahrt saßen wir abends gemütlich beim Lagerfeuer und grillten Schaschlik, am nächsten Morgen ruderten wir schon zurück nach Ivano-Frankivsk. Besonders schön ist mir auch der Nationalfeiertag am 24.08. in Erinnerung geblieben. Während Nationalstolz und überschwänglicher Patriotismus in Deutschland begründeter Weise etwas steif wirken, ist man hier in Ivano-Frankivsk sehr stolz Ukrainer zu sein. Man grüßt sich an diesem Tag mit ,,Слава Україні! Героям слава!“ was übersetzt so viel heißt wie ,,Ruhm der Ukraine! Ruhm ihren Helden!“, überall läuft Musik und jeder ist gut gelaunt.

Die letzte größere Aktion an der ich bis jetzt teilgenommen habe war dann Anfang September ein Rettungsmanöver in Kamjanez-Podilskyj. Dort traten die Rettungssanitäter aus Ivano-Frankivsk gegen unterschiedliche andere Teams an. Unter anderem kamen diese aus Lviv, Mariupol (Ostukraine) oder Polen. Simon und ich halfen über große Teile des Wettbewerbs als ,,Schauspieler“ aus und mussten mit Kunstblut geschminkt Verletzungen vortäuschen, die die verschiedenen Rettungsteams zu behandeln hatten. Am Ende der Aktion gingen dann tatsächlich der 1., 2. und 3. Platz an unsere Malteser!

Doch mein Leben hier ist natürlich auch nicht immer nur einfach. Das erste Mal alleine Wohnen, das erste Mal getrennt von Familie und Freunden, völlig neues Land mit völlig neuer Sprache. Das alles zusammen ist natürlich am Anfang eine große Herausforderung und manchmal auch eine Belastung. Nachdem im August Aktion auf Aktion folgte, hatte ich im September auch manchmal Heimweh, als ich dann zum ersten Mal etwas auf mich alleine gestellt war. Das ist natürlich für den Anfang nicht dramatisch, aber trotzdem sehr unangenehm. In den letzten Wochen ist es aber immer besser geworden, der Kulturschock lässt langsam nach, ein gewisser Alltag stellt sich ein und ich fange langsam an ein bisschen Ukrainisch zu verstehen, auch wenn es noch nicht unbedingt für richtige Unterhaltungen reicht.

Mein momentaner Alltag sieht dann in etwa wie folgt aus: Mein Tag beginnt normalerweise um 9 Uhr morgens mit einem Sprachkurs in meiner Wohnung, zusammen mit Simon und unserem Lehrer Igor. Danach gehe ich zum Malteser Büro in der Innenstadt, dort erledige ich dann was ansteht. An ruhigen Tagen lerne ich Vokabeln oder schreibe E-Mails, doch meistens ist etwas los. Mal werde ich zu unserer Baustelle etwas außerhalb der Stadt mitgenommen und helfe dort beim Aufräumen oder umbauen oder mache etwas Gartenarbeit. Auch im Wald war ich schon des Öfteren, etwa um Pilze zu sammeln oder Bäume für die Baustelle zu suchen. In der letzten Woche war ich das erste Mal bei Simons Arbeitsstelle, der Caritas, und habe dort mit einer Gruppe behinderter Menschen Fußball gespielt. Mal sind die Tage kurz, mal sind sie lang, aber jeder ist anders, was ich bis jetzt sehr angenehm und spannend finde. Auch eintägige Aktionen stehen hier regelmäßig an, speziell am Wochenende. In etwa der Halbmarathon, bei dem die Malteser mit der Feldküche halfen, oder einer Fahrradtour durch die Stadt. Letztes Wochenende wurde ich außerdem zum ersten Mal in die Karpaten mitgenommen.

                          Blick vom Rathaus auf Ivano-Frankivsk

Also: Bis jetzt gefällt es mir hier sehr gut. Und nein, es ist nicht immer alles einfach, aber ich fühle mich von Tag zu Tag mehr zuhause, außerdem war mir das ja auch schon im Vorhinein bewusst. Diese zwei Monate waren definitiv unfassbar interessant und bereichernd und ich freue mich jetzt schon auf die, die noch folgen.

Es gäbe noch so vieles von dem ich Euch berichten könnte. Aber damit das hier nicht ausartet erstmal so viel. In meinen nächsten Rundbriefen erzähle ich dann mehr zu den markanten Unterschieden zu Deutschland, der Erfahrung in einem Kriegsland zu leben, dem leckeren ukrainischen Essen oder meiner Freizeit.

Bis dahin Alles Gute, ich hoffe bei Euch ist auch alles soweit in Ordnung. Freue mich über jede Antwort, ansonsten melde ich mich in ca. 2 Monaten wieder!

 

Liebe Grüße aus der Ukraine,

David

Simon und Ich zusammen mit Maks, Ivan, Vova und Alina von der Malteser Jugend