Rumänien- 1. Rundbrief von Lena Jahn

Liebe Freunde, Liebe Familie und Interessierte, Lieber Unterstützerkreis,

in den letzten drei Monaten ist sehr viel passiert. Viele ungewohnte, aber auch aufregende Erlebnisse durfte ich erleben. Viele neue Menschen habe ich kennengelernt, viel neues Essen gab es zu kosten und viele neue Gedanken sind in mir aufgekommen.
Deshalb freue ich mich sehr, diesen Rundbrief zu schreiben, um die Zeit und meine Gefühle Revue passieren zu lassen. Viel Freude beim Lesen!

Auf nach Rumänien

Am Dienstagabend des 8. Augustes ging es für mich los. Alleine auf mich gestellt, bepackt mit einem großen Koffer, einem Wanderrucksack und meiner Gitarre. Und natürlich mit jeder Menge Adrenalin, denn ich war super aufgeregt.
Das Verabschieden von meinen Freunden und Verwandten, dem ich mich den letzten Tagen in meiner Heimat gewidmet habe, fiel mir durchaus schwerer als ich es erwartet hatte. Und so war auch der Abschied meiner Familie am Koblenzer Hauptbahnhof eine sehr emotionale und tränenreiche Angelegenheit.
Katalin, meine Caritas-Kollegin und Mentorin in Rumänien, erwartete mich erst am kommenden Sonntag in Târgu Mureş. Deshalb hatte ich schon im Voraus geplant, vier Tage lang auf eigene Faust einen Zwischenstopp in Ungarns Hauptstadt Budapest einzulegen (eine wirklich sehenswerte Stadt!).
Die 15-stündige Zugfahrt bis dorthin war zwar anstrengend, aber zu sehen, wie sich langsam Landschaft, Sprache und Menschen um einen herum verändern, war sehr interessant und aufregend; zum ersten Mal ganz alleine selbstständig auf Reisen sein, sich im Hostel und an Straßenständen mit fremden Menschen unterhalten oder nach Hilfe fragen. Ich bin während der drei Monate, in denen ich nun hier lebe, nicht nur einmal über meinen kleinen Schatten der Introvertiert- und Schüchternheit gesprungen. Aber zu sehen, dass es doch irgendwie funktioniert und gar nicht so schlimm ist, wie man vermutet, lässt mich mit jedem Mal entspannter an solche Situationen herangehen.

Der Ungarisch-Sprachkurs

Vanessa und ich 🙂

Am Samstagabend ging es dann mit dem Bus weiter nach Târgu Mureş, in welchem ungeplanter- , aber glücklicherweise Vanessa saß, meine SoFiA-Mitfreiwillige hier in Rumänien. Mit ihr zusammen hatte ich in Târgu Mureş einen dreiwöchigen Ungarisch-Sprachkurs. Wie ihr vielleicht wisst, leben in Târgu Mureş ca. 50% Rumänen und 50% Ungarn. Das liegt daran, dass die Region Siebenbürgen (auch Transsilvanien genannt), in der sich die Stadt befindet, im Laufe der Geschichte einst von Ungarn besiedelt war und über 50 Jahre zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörte. Somit lebt vor allem in Siebenbürgen eine große Minderheit an Ungarn, die man auch Szekler nennt. Da in der Caritas-Stelle in Târgu Mureş größtenteils Ungarisch sprechende Mitarbeiter arbeiten und in Einsatzgebieten tätig sind, in denen Menschen Ungarisch sprechen, lerne auch ich diese Sprache.
Vanessa und ich waren für diese Übergangszeit in einem evangelischen Gemeindezentrum untergebracht. Von Montag bis Freitag hatten wir nun je zwei Stunden Sprachunterricht in der Wohnung unserer lieben Sprachlehrerin namens Réka. Sie ist Mitte 40 und Lehrerin für Ungarisch und Englisch in Târgu Mureş und Umgebung. Neben den Ungarisch-Kenntnissen hat sie uns immer mit leckerem Tee und Zitroneneis versorgt. Nicht selten hat sie auch für uns typisch ungarische oder rumänische Gerichte gekocht, zum Beispiel túrós puliszka (Maisgrieß mit Turosch-Käse), szilvás

Bei Réka zu Hause- Es gab salate de vinete mit ,,Kifli“-Hörnchen- Lecker!

gomboc (süße Pflaumenknödel) oder mein Favorit: salate de vinete ( Auberginencreme). Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, direkt nach den Rezepten zu fragen. Da Réka auch in Târgu Mureş wohnt, halte ich mit ihr auch nach dem Sprachkurs weiterhin Kontakt und ab und an treffen wir uns nun für einen ungarisch-englischen Plausch bei Kaffee und Kuchen. Neben des Sprachkurses haben Vanessa und ich die restliche Zeit genutzt, um Vokabeln zu lernen, bei schönem Wetter die Stadt zu erkunden, oder uns abends mit Filmen wie ,,Hotel Transsilvanien‘‘ oder ,,The Rocky Horror Picture Show‘‘ auf die bevorstehende Zeit einzustimmen.

Târgu Mureş

Was ich vorab sagen kann: In einer Stadt mit 130.000 Einwohnern zu wohnen, ist schon recht neu für mich. Woran ich mich wohl gewöhnen muss, ist der deutlich riechbare Abgasgeruch an den Hauptverkehrsstraßen. Aber ansonsten finde ich mich hier bereits gut zurecht, es gibt ausreichend Lebensmittelgeschäfte (z.B. auch DM oder Lidl), Märkte mit

Lángos mit Sauerrahm und Käse

saisonalen Produkten und sogar Bio-Läden :-)) . An einigen Straßenständen wird oft typisch ungarisches ,,Fast Food‘‘ verkauft, nämlich ,,Lángos‘‘ ( in Fett gebackener Hefeteig) und ,,Kürtöskalács‘‘ (Baumstriezel). Außerdem gefällt mir die Innenstadt mit dem Kulturpalast, dem Theater und den Kirchen total gut, und auch an Wochenenden gibt es hier sehr viele kulturelle Angebote, wie Theater- oder Filmfeste oder auch Handwerker-Märkte.
An unserem letzten gemeinsamen Wochenende waren Vanessa und ich mit Katalin, meiner Caritas-Mentorin, einen Abend lang auf dem ,,Awake-Festival‘‘, einem Musikfest auf einem alten Burggelände hier in der Nähe, wo man ungarische und rumänische Bands wie ,,Subcarpaţi‘‘ und ,,Irie Maffia‘‘ hören konnte.

     

Impressionen aus der Innenstadt: (v.o.) jüdische Synagoge, das Rathaus, Handwerkermarkt

Meine Einsatzstelle und Tätigkeiten

Als ich Anfang September dann mit der Arbeit bei der Caritas anfangen konnte, habe ich mich aber auch sehr gefreut, da ich endlich wollte, dass es losging und ich mich irgendwie nützlich fühlen wollte. Momentan darf ich montags eine Stunde Deutschunterricht für ca. zwölf Ungarisch sprechende Senioren geben. Die Lehrerin Agnes hilft mir jedoch noch dabei, den Unterricht zu strukturieren und ist mir bei Sprachbarrieren unterstützend zur Seite. Diese Arbeit macht mir sehr viel Spaß und es beeindruckt mich, dass die Senioren mir, als Deutsch-Muttersprachlerin, teilweise die deutsche Grammatik erklären, von der ich selbst nur ein wenig Ahnung habe.
Die restlichen vier Wochentage bin ich in Roma-Kinder-Projekten eingesetzt. Jeden Morgen fahre ich mit meinen Caritas-Kollegen deswegen in ein Tageszentrum in der Umgebung. Vormittags sind die Kollegen meist noch mit administrativen Aufgaben am Computer beschäftigt, wo es meist für mich dann nicht so viel zu tun gibt. Aber ab und zu darf ich Dekorationen für den ersten Schultag oder den Herbstanfang basteln oder alte Holz-Spielzeuge für die Kinder neu anmalen. Um circa 13 Uhr kommen dann die sechs bis zehnjährigen Kinder in die Tagesstätte und nachdem wir mit Ihnen Mittag gegessen haben, werden Hausaufgaben gemacht und zwischendurch ein paar Spiele gespielt. Dort unterstütze ich dann meistens meine Kollegen. Da es mit der Kommunikation noch nicht so gut klappt, versuche ich meist nonverbal, den Kindern beim Buchstaben schreiben zu helfen (nächstes Mal gibt es hierzu sicher mehr Bilder).

WG-Leben

Anfang Oktober bin ich umgezogen, und zwar in eine Wohngemeinschaft in den vierten Stock eines Hochhauses, in welcher noch drei weitere ungarische Studentinnen leben. Es ist schon eine Umstellung, plötzlich selbstständig einen Haushalt führen zu müssen. Wäsche machen, putzen, kochen, einkaufen. Alles Aufgaben, die mir von zu Hause zwar auch ein Begriff sind, bei denen ich jedoch auch immer großzügig von meinen Eltern unterstützt worden bin :-).
Die drei Mädels Hanga, Anna-Maria und Edina sind wirklich sehr nett. Auch wenn jeder seinen Alltag hat und seine Ruhephasen braucht, ist es doch schön, abends Gesprächspartner zu haben, mit denen man sich ‘‘unterhalten‘‘ kann (wenn man das schon Unterhaltung nennen kann :D). Manchmal essen wir zusammen zu Abend, spielen Karten oder witzeln, auf welcher Sprache wir uns diesmal versuchen, zu verständigen (Deutsch, Englisch, Ungarisch oder doch Pantomime?). Mittlerweile wurde ich schon auf ein paar ungarische Studenten-Partys mitgenommen und habe nach mehreren verbrannten Pfannkuchen auch Gefallen am Kochen mit Gasherden gefunden.

Die Sache mit der Sprache

Nach drei Monaten mache ich (leider) nur peu à peu Fortschritte mit der Verständigung. Ungarisch kommt (wie z.B. auch das Finnische) aus der Sprachfamilie der uralischen Sprachen. Da ich kaum Wörter zum Herleiten habe, die ich aus erlernten romanischen Sprachen wie Spanisch oder Französisch kenne, ist das Ganze eine Nummer komplizierter. Weil ich gerne neue Sprachen lerne und mir das eigentlich immer relativ leicht fiel, bin ich dann doch manchmal frustriert, wenn es mit der Kommunikation nicht direkt läuft, wie ich mir das vorstelle. Aber ich bleibe optimistisch, dass das noch was wird. Hier ein kleines Lesebeispiel, in dem ich mich auf Ungarisch vorstelle:

Szia! Én a nevem Léna. Hogy vagy? ´Húsz éves vagyok és német vagyok. Most magyarul tanulok, mert önkentes vagyok Romaniaban. Szeretem a szÍnházat. Viszontlátásra!

Und wie geht es mir so?

Leider war ich in der Anfangsphase etwas geplagt von starken Erkältungen und Magenbeschwerden. Dadurch konnte ich oft krankheitsbedingt nicht arbeiten gehen. Daher habe ich immer noch nicht richtig das Gefühl von einem wirklichen Alltag und meine Einfindungsphase erstreckt sich hier etwas länger als gedacht. Außerdem bin ich immer noch auf der Suche nach geeigneten Freizeitaktivitäten für mich, damit ich vielleicht etwas
mehr Anschluss finde als bisher.

mit Jessika und Renate 🙂 – und natürlich Baumstriezel!

Ja, ich merke, es ist eine Herausforderung, sich ein komplett neues Leben woanders aufzubauen. Und sich an eine unbekannte Umgebung zu gewöhnen ist nicht immer leicht für mich und erfordert Geduld (von der ich manchmal zu wenig habe).
In der Anfangszeit habe ich mich an Wochenenden dann als Ausgleich immer mit zwei anderen deutschen Freiwilligen hier in der Stadt getroffen, Jessica und Renate.
Es hat echt gut getan, sich auf Deutsch auszutauschen und gemeinsam Dinge zu unternehmen. Jessica ist Anfang Oktober wieder nach Hause geflogen, aber mit Renate mache ich manchmal an Wochenenden schöne Trips in die Berge oder nach Bukarest.

      

Zu guter Letzt wollte ich mich noch bedanken über all die Nachrichten, die mich aus Deutschland erreichen. Ich freue mich so sehr über jeden Einzelnen, der mir eine Nachricht schreibt und fragt, wie es mir geht und was ich aktuell so mache. Das ist ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, dass jemand an einen denkt.
Aber bitte, habt Geduld mit mir! Wer mich kennt, weiß, dass ich auch in Deutschland nicht der schnellste Antworter war :-).
Und ich muss manchmal noch herausfinden, wie viel Kontakt mir nach Zuhause gut tut. Deshalb verzeiht mir, wenn es etwas länger dauert. Ich hoffe, euch haben diese ersten Impressionen gefallen.
Im kommenden Rundbrief werde ich sicherlich nochmal genauer auf meinen, hoffentlich bis dato gefundenen. Alltag eingehen, und von meinen Projekttätigkeiten, für mich bemerkbaren kulturellen Unterschieden, und interessanten Begegnungen berichten.

Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt mir gerne!

Liebste Grüße aus Rumänien,
Lena