Indien: 1.Rundbrief von Madita Jodes

Liebe Freund*innen, Familie und Unterstützer*innen,

jetzt bin ich schon fast 3 Monate hier in Indien und obwohl ich es selbst noch gar nicht richtig realisiert habe, dass ich jetzt wirklich hier bin, möchte ich euch doch schonmal einen kleinen Einblick in mein bisheriges Leben in Indien geben. Meine Zeit hier war bis jetzt sehr intensiv, spannend und voll gepackt mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Ich muss natürlich sagen, dass es sich bei allem, das ich hier beschreibe, nur um meine eigenen Eindrücke handelt. Indien ist nie gleich Indien, das merke ich schon, wenn ich mich mit den anderen Freiwilligen hier austausche. Es ist eine ganze Welt in die ich hier eingetaucht bin und was ich hier beschreibe ist meine Sicht der Dinge.
Aber zurück zum Anfang…

Meine Schwester und ich am Flughafen


Meine letzten Monate in Deutschland waren sehr stressig, da neben der intensiven Vorbereitung auf meinen Freiwilligendienst ja auch noch mein Abitur anstand. Trotzdem wurde diese Zeit auch immer stärker geprägt von der Vorfreude auf das große Abenteuer, das da immer näher rückte. Ich habe, wie viele von euch wissen, schon sehr, sehr lange davon geträumt nach Indien zu reisen und dort nicht nur eine Touristin oder Backpackerin zu sein, sondern wirklich dort zu leben und das Land aus der Perspektive der Menschen dort kennenzulernen.
Am 04. August war es dann endlich so weit.
Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen und das Abitur in der Tasche. So stand ich dann am Flughafen Köln/Bonn mit meinem Gepäck, vollgepackt mit nötigen und vielen unnötigen Dingen. Mein Herz, einerseits schwer vom Abschied der lieben Menschen in Deutschland und anderseits leicht im Ausblick darauf, einen meiner größten Träume zu leben.
Zum Glück war ich mit diesen zahlreichen und sehr verwirrenden Gefühlen nicht alleine, sondern hatte meine liebe Mitfreiwillige Judith an meiner Seite. Zusammen haben wir den langen Flug, mit einigen Komplikationen beim Umsteigen, auch gut überstanden und kamen heil in Bangalore, meiner zukünftigen Heimatstadt, an.
Nun war die Müdigkeit wie weggeblasen und wir waren wieder sehr aufgeregt, ob wir auch wirklich beide, wie mit unseren Projektleitern abgesprochen, abgeholt werden würden. Wie froh waren wir, als dann direkt vor dem Eingang des Flughafens die richtigen Menschen mit
Namensschildern standen und uns fröhlich zuwinkten.
Ich wurde von dem Priester der Kirche, zu dem auch mein Projekt gehört und einer der Schwestern, mit denen ich jetzt auch lebe und die mein Projekt leiten, abgeholt. Meine Bedenken, wie man sich denn eigentlich in Indien begrüßt, wurden mit einer herzlichen Umarmung der Schwester und einem freundlichen Händedruck des Priesters weggewischt und dann hieß es auch schon, schnell Abschied von Judith nehmen und auf in das Auto, das mich in mein zukünftiges Zuhause bringen sollte.

Ein neues Zuhause
Mein neues Zuhause, das ist das Gelände der „St.Norbert Curch“ in Bangalore. Hier wurde ich herzlich von den vier Schwestern (Sr. Ancilin, Sr. Marylit, Sr. Silvy und Sr. Dillna), die hier leben, und den lieben Köchinnen begrüßt und willkommen geheißen.

Sister Marylit und ich

Mit dieses Frauen lebe ich hier in einem Kloster. Über das Wort Kloster stolpere ich allerdings immer noch, da das Leben, das ich hier führe, sich so gar nicht mit meinem bisherigen Bild eines
Klosterlebens vereinbaren lässt. Wenn ich an ein Kloster dachte, dann an dicke Steinwände, strenge
Gesichter und vor allem Stille. Hier allerdings lebe ich in einem schönen, einladenden Haus in Mitten einer Millionenstadt (Stille ist also schon auf Grund des ständigen Straßenverkehrs ausgeschlossen) und es ist immer etwas los. Es kommt neuer Besuch an, in der Küche werden Chapati (ein traditionell indisches, sehr flaches Brot aus Vollkornmehl) ausgerollt oder laut zu den Liedern mitgesungen, die die Köchinnen in der Küche hören. Die Schwestern, die Köchinnen und jetzt auch ich, sind wie eine Familie. Wir essen zusammen, kochen zusammen, lachen zusammen und reden über Gott und die Welt. Und wenn mir das alles zu viel wird und ich etwas Ruhe brauche, habe ich mein eigenes Zimmer mit kleinem Bad, in dem ich mich inzwischen schon gemütlich eingerichtet habe. Hier kann ich in meiner Freizeit runter kommen, Bücher lesen, malen oder mit Freunden und Familie skypen. Außerdem gehört zum Gelände der St.Norbert Curch, neben unserem Kloster, auch noch die Kirche selbst, inklusive Sonntagsschule und Festhalle, ein Wohnhaus für junge, alleinstehende Frauen und natürlich den „Little Angel Kindergarten“.

Unser „Kloster und das Frauenwohnheim

Der „Little Angel Kindergarten“
Dort ist meine Einsatzstelle, der „Little Angel Kindergarten“ , nur ein paar Schritte von meinem Zuhause entfernt. Hier verbringe ich den größten Teil meiner Zeit. Etwa 30 Kinder kommen jeden Tag in diesen Kindergarten. Er besteht aus einem großen Hof mit Schaukel, Rutschen und allem was ein Kinderherz sonst noch begehrt, sowie einem kleinen Gebäude mit Klassenzimmer, einem Raum zum Essen und Toiletten. Die Kinder sind alle aus der Gegend, haben aber sehr unterschiedliche soziale und religiöse Hintergründe. Die Tatsache, dass der Kindergarten von katholischen Ordensschwestern betrieben wird, ändert nichts daran, dass auch Kinder aus hinduistischen und muslimischen Familie hier her kommen. Aufgenommen werden Kinder von 1 1/2 bis 6 Jahren. Die Zielsetzung meines Projektes ist, auf die Kinder aufzupassen, so dass beide Elternteile arbeiten können und den Kindern dabei eine möglichst schöne Zeit zu bereiten.
Im Gegensatz zur Schule steht hier nicht das Lernen im Vordergrund, auch wenn versucht wird den Kindern, die alt genug sind, das Alphabet, Zahlen und ein bisschen Rechnen beizubringen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Spielen und der liebevollen Betreuung der Kinder.

Meine Aufgaben
Da ich keinen ganzen Arbeitsplatz ausfüllen darf und dazu ja auch gar nicht qualifiziert bin, bestehen meine Aufgaben hauptsächlich darin, die tatsächlichen Arbeitskräfte zu unterstützen. Morgens um halb 9 helfe ich also erstmal der Kindergärtnerin Disna die Spielsachen rauszubringen und alles für die Ankunft der Kinder vorzubereiten. Nach und nach trudeln dann langsam alle Kinder ein. Meistens werden sie von Mutter oder Vater auf dem Motorrad zu uns gebracht. Dabei beeindrucken mich vor allen die indischen Mütter, wie sie da in ihrer traditionell indischen Kleidung, aber mit cooler Sonnenbrille und Helm auf ihrem Motorrad sitzen und ihre Kinder für den Tag abgeben, um arbeiten zu können.

Hier geht´s lang zu meinem Projekt

 

Der bunte Spielhof

Für mich beschreibt das sehr gut, wie ich das „Bild der Frau“, oder auch viele andere Aspekte des Lebens, hier in Indien wahrgenommen habe. Tradition – immer mehr durchzogen von Moderne und ganz viel Wandel. Wenn dann alle Kinder angekommen sind, Disna und ich alle Rucksäcke und Taschen verstaut haben und die Kinder ein bisschen gespielt haben, geht es ab in den Klassenraum. Hier unterrichtet eine der Schwestern und auch kleine körperliche Übungen werden eingebaut.
Währenddessen bereiten Disna und ich den Vormittagssnack für die Kinder vor und helfen ihnen dann diesen einzunehmen. Was einfach klingt, kann zur großen Herausforderung werden, denn
Kinder zum Essen zu motivieren erfordert viel Geduld und Kreativität. Alles in allem hat es mir viel Respekt vor allen Eltern und Menschen eingebracht, die in ihrem Beruf solche Aufgaben übernehmen. Nach dem Essen wird wieder gespielt und Disna und ich wechseln uns ab mit der Aufsicht der Kinder und Saubermachen. Oft werden wir dabei auch von den Schwestern unterstützt. Insgesamt arbeite ich von 8:30 Uhr bis ca. 18:00 Uhr (das Ende hängt immer davon ab, wann die letzten Kinder abgeholt wurden). Das klingt jetzt vielleicht lang, aber ich habe insgesamt auch 3 Pausen für Mittagessen und den, in Indien unverzichtbaren „Chaija“, also Tee mit verschiedenen Snacks. Und da mir die Arbeit sehr gut gefällt, machen mir die langen Stunden im Kindergarten auch nichts aus. Betreut werde ich bei dieser Arbeit von den Schwestern, mit denen ich jeder Zeit über Probleme reden kann oder meine Aufgaben und Arbeitszeiten reflektieren und ändern kann. Bei Problemen, die ich lieber mit etwas Abstand zu meinem Projekt besprechen möchte, steht mir meine Mentorin, die auch Deutsch spricht, immer zur Verfügung.

Apropos Sprache
Jaja das mit der Sprache in Indien ist nicht so einfach. Es gibt nämlich nicht, wie manchmal angenommen eine indische Sprache. „Indisch“ gibt es nicht. Es gibt viele hundert Sprachen, die sich sehr unterscheiden, je nachdem wo man sich in diesem riesigen Land befindet. Es gibt in jeder
Region eine andere Sprache und selbst das ist nicht ganz klar, da ja nicht alle Inder immer in der Region bleiben, in der sie geboren wurden und deren Sprache sie sprechen. So lebe ich zum Beispiel in dem Staat Karnataka, wo eigentlich die Sprache Cannada gesprochen wird. Allerdings kommen alle Schwestern, mit denen ich hier zusammen lebe, aus dem Staat Kerala, in dem die Menschen Malayalam sprechen. Da die gesamte Gemeinde, in der ich hier lebe, aus Menschen besteht, die Malayalam sprechen und auch alle Kinder diese Sprache sprechen, habe ich mich also entschieden auch Malayalam, zu lernen. Ich habe keinen Sprachkurs, weil das nicht als notwendig empfunden wurde, sprechen doch die Erwachsenen aller recht gutes Englisch. Mit den Kindern funktioniert die Kommunikation auch so irgendwie. Hände, Füße und Gesichtsausdrücke können vieles sagen. Außerdem habe ich die Anweisung mit den Kinder hauptsächlich Englisch zu reden, weil sie das lernen sollen. Englisch ist nämlich, neben Hindi, die Amtssprache in Indien. So rede ich also viel Englisch und versuche dabei Malayalam zu lernen, wobei mich besonders die Köchinnen unterstützen, die zwar kein Englisch können, aber sehr kommunikativ sind.

Wieder wie im Kindergarten Buchstaben üben

Eine große Herausforderung
Mein Freiwilligendienst ist nicht nur Kontakt mit Menschen, Erfahrungen in einem neuen Land und Kulturaustausche. Es ist auch viel Papierkram – das habe ich schon vor der Abreise gemerkt. Wer mich kennt, weiß, dass Bürokratie nicht meine Stärke ist. So stand ich direkt am Anfang meines Dienstes hier vor der großen Herausforderung mich in Indien zu registrieren.
Was einfach klingt, wurde zu einer riesigen Aufgabe, die ich alleine nie bewältigt hätte. Im Rahmen dieses Problems wurde mir viel Hilfe zu getragen und ich konnte wirklich erleben wie hilfsbereit viele Inder sind. Zum Beispiel saß ein Mann aus unserer Gemeinde hier mit mir spät abends drei Stunden am Computer, um die Onlineregistrierung durchzuführen, und als ich ihm etwas Geld für seine Hilfe angeboten habe, war er schon fast empört und meinte in dieser Gemeinde sei man eine Familie und ich gehöre jetzt dazu. Ich konnte meine Tränen kaum zurück halten, denn am Anfang meines Freiwilligendienstes war es das, was ich mir am sehnlichsten gewünscht habe:
Dazu gehören.
Leider konnte ich auch mit aller Hilfe die neue indische Bürokratie nicht überwinden. Das führte dann dazu, dass ich schon auf der Seite war um meinen Heimflug zu buchen um mein Visum zu ändern. Doch in letzter Sekunde wurde mit Hilfe von SoFiA eine Lösung gefunden. Dazu musste ich allerdings nach Kerala reisen, da dort der Hauptsitz des Ordens ist, die hier als meine
Partnerorganisation fungieren. Im Nachhinein hat sich diese Reise als Segen herausgestellt, da ich so noch ein bisschen mehr von Indien sehen und noch mehr liebe Menschen kennen lernen durfte. Besonders im Vergleich zu der Großstadt Bangalore war das vor atemberaubender Natur gefüllte
Kerala eine angenehme Abwechslung. Hier konnte ich erstmals so alltägliche Dinge wie Kaffee, Tee und Pfeffer als echte Pflanzen sehen und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Als dann aber endlich alle Probleme beseitigt waren, war ich auch froh wieder in mein Leben hier in
Bangalore zurück zu kehren. Es hat sich wirklich ein bisschen wie nach Hause kommen angefühlt.

Reisfelder in Kerala

Vom großen Abenteuer zum Alltag
Mir ist etwas sehr merkwürdiges passiert in diesen ersten Monaten hier. Lange habe ich von dieser Zeit meines Lebens geträumt und mich vorbereitet. Je mehr ich das getan habe, desto mehr habe ich mir ein Bild gemacht und desto mehr habe ich mir dieses riesige Abenteuer ausgemalt. Und dann kam jetzt nach etwa 3 Monaten etwas ganz verrücktes: Alltag. Ein ganz normales Leben. Das war der größte Schock, den ich in Indien erlebt habe. Nicht der Müll und die Kühe auf der
Straße, nicht die Menschenmaßen, nicht das (wirklich scharfe) Essen oder das „Bild der Frau“ in Indien, vor dem mich alle so deutlich gewarnt haben. Die größte Überraschung war, das ich mich nach 3 Monaten so eingelebt habe, das mir alles völlig normal erscheint. Ich bin noch lange nicht vollkommen hier angekommen, entdecke immer noch Neues, aber ich habe eben auch einen Alltag.
Ich stehe morgens auf und frühstücke mit den Schwestern. Dann gehe ich an Wochentagen zur Arbeit oder am Wochenende zu den zahlreichen Veranstaltungen, die hier in der Kirche stattfinden. Ich mache kleine Touren durch die Stadt, treffe mich mit Mädels aus der Gemeinde oder bin irgendwo zu Besuch eingeladen. Und abends sitze ich mit meiner „Familie“ am Tisch, esse und rede über den Tag. Und dann gehe ich schlafen.
So sehr unterscheidet sich das nicht von meinem Leben in Deutschland. Vielleicht ist das einer der wichtigsten Erkenntnisse, die ich in meinem Jahr hier erlange. Das Leben ist, egal wo man sich befindet, nicht durchgehend Abenteuer oder Exotik. Für mich war das sehr schön zu erfahren. Nichts trennt uns so sehr von Menschen anderer Länder, wie es auf den ersten Blick scheint. Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken.

Ein vorläufiges Fazit
Ich kam in einem neuen Land an und wusste plötzlich gar nichts mehr- das war nicht immer einfach. Ich wusste nicht, wie man isst, sich kleidet oder mit Leuten redet. Ich war wieder wie ein kleines Kind und man musste mir alles zeigen. Jetzt bin ich schon einige Zeit hier und mache immer noch viele Fehler, meistens Kleinigkeiten z.B. vergesse ich ständig meine Schuhe auszuziehen, wenn ich in die Kirche gehe oder weiß bei vielen Mahlzeiten immer noch nicht, wie man das jetzt eigentlich richtig isst. Das Einzige, das sich verändert hat, ist meine Einstellung zu diesen kleinen Missgeschicken. War es mir am Anfang noch unendlich peinlich und unangenehm, da ich doch den Anspruch hatte alles richtig zu machen, bin ich jetzt deutlich entspannter und kann über mich selber lachen. Und zu meinem Glück bin ich auch von sehr humorvollen Menschen umgeben, die mir meine Fehler nicht übel nehmen, sondern herzlich darüber lachen. Inzwischen denke ich:
wenn das Einzige, was ich in meinem Jahr hier „erreiche“ ist, die Menschen um mich herum zum lachen zu bringen, dann hat es sich für mich schon gelohnt.
Mir würde noch so viel mehr einfallen, was ich erzählen könnte und will. Indien hat mich mit seinen Bildern und Eindrücken überrannt und ich könnte nicht glücklicher darüber sein. Allerdings muss ich ein bisschen den Rahmen eines Rundbriefes halten und zum Glück wird dies ja nicht der letzte Bericht sein.

Bis dahin mit ganz lieben Grüßen aus Indien
Madita

Ich auf einem Damm in Kerala