Rundbrief von Sarah Sänger aus Patacamaya

Hallo ihr Lieben!

Jetzt bin ich schon seit 3 Monaten in Bolivien und die Zeit vergeht wie im Flug!
Ich sehe das als gutes Zeichen und bin sehr froh, dass ich einen so guten Start hier hatte, aber ich fange mal ganz von vorne an…

Abflug und Ankunft in La Paz

Am 6. August ging es früh morgens aufgeregt und mit Familie und Freunden an den Flughafen nach Luxemburg, nach dem, schon ziemlich traurigen Abschied, ging es dann auch schon los. Zusammen mit meinen 8 Mitfreiwilligen von unserer Organisation SoFiA Trier e.V. startete das Abenteuer Bolivien, worauf wir uns so lange vorbereitet haben.
Nach 2 Zwischenstopps in Madrid und in Bogota, wo dann noch 10 weitere Freiwillige aus Hildesheim dazu kamen, landeten wir gegen 4 Uhr morgens in El Alto-auf 4000 Meter Höhe.
Wir wurden von Gaby und Patty von unserer Partnerkomission (Comisión de Hermandad) abgeholt und fuhren mit zwei Minibussen, auf dessen Dach unser Gepäck geladen wurde, nach La Paz. El Alto und La Paz sind zwei Städte, die quasi nahtlos ineinander übergehen und zusammen ca. 2 Millionen Einwohner haben. La Paz liegt in einem Kessel inmitten von Bergen und dort lag unsere Unterkunft für die nächsten 5 Tage.

Meine ersten 4 Wochen in La Paz

Wir hatten ein Einführungsseminar, welches ebenfalls von der Hermandad durchgeführt wurde. In diesen 5 Tagen haben wir weitere Dinge über Bolivien und unsere Projekte erfahren und konnten La Paz ein bisschen kennenlernen.
Mit der Höhe gab es wenige Probleme, die aber nach zwei bis drei Tagen gelöst waren. Man merkte jedoch beim Treppensteigen oder bergauf Gehen, dass man sich auf 3600m befand.
Ein erster „Schock“ war, dass es in keinem Haus eine Heizung gibt, da es nachts schon sehr kalt ist aber auch daran habe ich mich schon gewöhnt.
Nach den fünf Tagen mit der Gruppe, ging es dann in die Gastfamilien. Die meisten hatten eine lange Busfahrt vor sich und brachen nach Sucre, Cochabamba und Santa Cruz auf. Vier Freiwillige und ich konnten in La Paz bleiben, wo wir auch für die nächsten drei Wochen lebten und unseren Sprachkurs absolvierten.
Ich wohnte dort mit einer Mama, einem Gastbruder und einer Oma zusammen.
Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und meine Gastmama hat mir am Anfang geduldig ein paar schwierig scheinende Sachen, wie zum Beispiel Busfahren in La Paz, erklärt.
Es gibt hier keine festen Haltestellen oder Abfahrtszeiten. Man stellt sich einfach an die Straßen, achtet darauf, dass man den Minibus (kleiner Bus mit 12 Plätzen) mit der richtigen Nummer erwischt, winkt und hofft, dass ein Platz frei ist. Wenn man aussteigen möchte sagt man das einfach, was ziemlich praktisch ist. In der Gastfamilie habe ich mich sehr wohl gefühlt und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich dort immer willkommen bin.
Unter der Woche hatte ich dann jeden Tag zusammen mit drei anderen Frewilligen vier Stunden Sprachkurs, wobei uns die Spanisch-Grundlagen zwar näher gebracht wurden, eine richtige Konversation war aber auch nach den drei Wochen Kurs noch schwierig.
Mittags waren wir oft zusammen in der Stadt unterwegs und haben ein bisschen mehr von La Paz gesehen. Am Wochenende habe ich etwas mit meiner Gastfamilie unternommen.

Patacamaya

Nach den drei Wochen ging es dann -wieder mal- so richtig los. Diesmal wirklich! Am 4. September hieß es dann: Auf nach Patacamaya, wo ich für die nächsten 12 Monate leben werde!
Patacamaya ist eine Kleinstadt im Altiplano mit ca. 15.000 Einwohnern, liegt auf 3800m Höhe und ist 1,5 Stunden von La Paz entfernt.
Am ersten Tag wurde ich von einem Padre (Priester) in El Alto abgeholt und wir fuhren noch in zwei Dörfer, aber dazu später mehr, und kamen am Nachmittag in Patacamaya an.
Während meiner Zeit in La Paz war ich dank meiner Vorgängerin Sophie schon einmal in Patacamaya. Sie hat mich für zwei Tage mitgenommen, mir ein paar Leute vorgestellt und mein Projekt und mein zukünftiges Zimmer gezeigt. Ich war froh, dass an meinem ersten „richtigen“ Tag nicht alles komplett neu war, sondern dass ich schon ein paar Namen und Gesichter kannte.

Mein neuer Alltag und mein Projekt

Ich wurde sofort sehr herzlich aufgenommen und das hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich mich gut eingelebt habe.
Ich lebe in einem Zimmer in einer Art Seminarhaus auf einem Schulgelände. Morgens gehe ich zu dem Bischof frühstücken, der den Freiwilligen gegenüber sehr offen und herzlich ist und ich habe ihn und seine Haushälterin, Doña Hilda nach der kurzen Zeit schon sehr ins Herz geschlossen.
Danach gehe ich in mein Projekt, der ‚Comedor de Niños‘ (Comedor = Esszimmer; de Niños= der Kinder). Hier arbeiten meine Chefin, Hermana Adriana und zwei Köchinnen. Morgens kochen wir für 70 Kinder und Jugendliche im Alter von 4-18 Jahren, deren Eltern arbeiten oder manche Kinder, die beispielsweise alleine leben.
Es gibt immer eine Suppe, ein Hauptgericht und ein Refresco (limonadenartiges Getränk) und wir verwenden viele Zutaten aus dem eigenen Gewächshaus und Garten. Neben dem Kochen gehen wir auch auf den Markt einkaufen oder kümmern uns um die Pflanzen.
Gegen 12 trudeln die ersten Kinder ein. Es kommen nicht immer alle gleichzeitig, da sie von vier verschiedenen Schulen kommen und unterschiedliche Unterrichtszeiten haben.
Vor dem Essen gehe ich immer noch mit zwei bis drei Kindern mit einer Portion Essen zu einem älteren Herr, der ohne Wasser und Strom lebt und einmal am Tag eine Mahlzeit von uns bekommt.
Danach wird dann gegessen und nach dem Essen spielen wir etwas, malen oder unterhalten uns, wobei die Kinder auch sehr geduldig sind, wenn ich sie nach dem dritten Mal immer noch nicht verstanden habe.
Jeder spült sein eigenes Geschirr ab und zwei bis drei Kinder helfen immer beim Putzen. Die Zeit nach dem Essen vergeht dann auch immer sehr schnell. Am Nachmittag bin ich eigentlich immer beschäftigt. Entweder wasche ich (von Hand), was SEHR viel Zeit in Anspruch nimmt! Manchmal bin ich auch mit einem Padre unterwegs oder werde eingeladen.

Ich gehe jeden Abend in die Messe und esse anschließend im Haus des Bischofs zu Abend.
An den Wochenenden war ich bisher fast immer unterwegs, wodurch ich schon viel sehen und erleben konnte.
Ich war bereits zweimal für ein Wochenende in den Yungas (Übergangszone zwischen Hochland und Tiefland), wo es warm und sehr grün ist und es gibt viele Coca-Plantagen und Früchte (Bananen, Pfirsiche…). Ein Wochenende durfte ich den Bischof zu zwei Konfirmationen dort begleiten und an einem anderen Wochenende habe ich mit zwei ‚Padres‘ (Ordenspriester) eine Tour durch diese Region gemacht, wir haben viele Dörfer gesehen, Mangos und Bananen geerntet und frisch vom Baum gegessen.

Ich habe das große Glück, oft von den Padres mitgenommen oder eingeladen zu werden. Manchmal begleite ich sie auch auf die kleinen Dörfer wie z.B. direkt an meinem ersten Tag, an dem wir Messen gefeiert haben und ich Bolivien nochmal auf eine andere Seite kennenlernen kann.
Manchmal bin ich am Wochenende auch in La Paz und treffe mich mit meinen Mitfreiwilligen und wir unternehmen etwas. Ich durfte auch schon eine Woche in der Hauptstadt Boliviens, Sucre, verbringen, weil dort ein Kongress der katholischen Missionare stattfand, an dem 1600 Personen teilgenommen haben. Ich fuhr dort mit über 20 Personen aus der Region hin, unter anderem auch mit dem Bischof, meiner Chefin und einigen Padres. Es war sehr interessant, ich bin zum ersten Mal gepilgert und konnte in einem Workshop ein bisschen etwas über meinen Freiwilligendienst erzählen.
Die Stadt Sucre, die auch die „weiße Stadt“ genannt wird, weil es dort noch viele Häuser aus der Kolonialzeit gibt, ist wunderschön, hat ein sehr angenehmes Klima und hat mir sehr gut gefallen.

Feste und Feiertage

Ich habe auch schon einige kulturelle und religiöse Feste miterlebt, wie das Fest der Jungfrau von Rosario in Inquisivi, wo nach neun Tagen Vorbereitung und Gebeten samstags die Entrada (der Einzug) gefeiert wird. Es werden den ganzen Abend und die ganze Nacht verschiedene bolivianische Tänze in einer Art Parade getanzt. Sonntags fand dann die eigentliche Feier statt, die mit einer Messe und einer Prozession zu Ehren der Jungfrau festlich zelebriert wurde.

Außerdem war ich auf einer Hochzeit, die auch wieder sehr vom Tanz geprägt war und eigentlich jeder beherrscht mindestens einen traditionellen bolivianischen Tanz. Allerheiligen war ebenfalls ein besonderer Tag. Die Menschen gedenken ihren verstorbenen Familienmitgliedern aber im Gegensatz zu Deutschland ist der 2. November hier eher fröhlich. In den vorherigen Tagen backen die Menschen Brot, das sich Tantawawa nennt und formen daraus beispielsweise Personen. Am 1. November bereiten die Familien einen Tisch mit Essen vor, das die verstorbene Person mochte (Brot, Süßigkeiten und beispielsweise Bier). Sie glauben, dass die Person an diesem Tag um 12:00 Uhr in ihr Haus kommt, um sie zu besuchen. Am nächsten Tag nehmen sie diese Gaben mit zu dem Grab der verstorbenen Person, um es an Menschen zu verschenken, die für den Toten beten. Außerdem wird auf dem Friedhof Musik gemacht und gesungen.
Ungefähr zwei Wochen rund um Allerheiligen kann man kein Brot kaufen, da die Menschen in dieser Zeit sehr viel backen, was wir auch einen Tag im Comedor gemacht haben.

Wenn die meisten Leute in La Paz (oder eigentlich egal wo) Patacamaya hören, ist die erste Reaktion immer: „Oh, da ist es sehr kalt!“ Und dies stimmt auch aber man gewöhnt sich schneller daran, als man denkt. Morgens und abends ist es ziemlich kalt, aber die Sonne ist wegen der Höhe sehr stark und es ist es mittlerweile normal für mich geworden, morgens Sonnencreme aufzutragen. Ich gehe ich mit Winterjacke und Wollsocken aus dem Haus und schlafe mit Schlafsack und Wärmflasche. Mein Wasserkocher ist sowieso mein wichtigster Gebrauchsgegenstand.

Auch das Essen war eine Umstellung, da ich hier zwei mal täglich warm esse, was völlig normal ist und wenn ich sage, dass wir in Deutschland normalerweise einmal pro Tag kochen, ernte ich meistens den gleichen verwunderlichen Blick, wie wenn ich meinen Tee oder Kaffee ohne Zucker trinke.
Mit der Sprache klappt es mittlerweile recht gut. Da ich quasi bei null angefangen habe, waren die ersten Wochen zwar ein bisschen schwierig, was auch zu manchen (lustigen) Missverständnissen geführt hat, aber mittlerweile klappt es schon ganz gut und irgendwie klappt es meistens, sich zu verständigen.
An den Umstand, dass ich alleine wohne, habe ich mich auch gewöhnt. Auch, dass ich manchmal alleine in dem Haus bin, macht mir nichts aus, worüber ich sehr froh bin, da ich mir darüber in Deutschland viele Gedanken gemacht habe.
Wie ihr bestimmt rauslesen könnt, geht es mir sehr gut, ich habe schon für diese vergleichsweise kurze Zeit viel gesehen und erlebt und bin von sehr lieben und herzlichen Menschen umgeben.

Ich hoffe, ihr konntet einen Eindruck von meinen ersten drei Monaten hier bekommen und sende euch ganz liebe Grüße aus Patacamaya!

Eure Sarah