1. Rundbrief von Claire Ademes

Liebe LeserInnen, Liebe Interessierte,

etwas mehr als drei Monate ist es jetzt her, dass meine Reise, der Antritt des Freiwilligendienstes, begonnen hat. Die Wochen und Tage vor dem 03. August wurden oft von einer seltsamen Stimmung begleitet, weil man unterbewusst wusste, dass bald ein Abschied bevorsteht. Ich habe alles irgendwie intensiver wahrgenommen, habe die Dinge genossen. Treffen mit Freunden, Essen mit der Familie, auch die Schönheit der Eifel. Und dann war- endlich- der Tag da, an dem es losgehen sollte. Ich bin mit Lukas, einem Mitfreiwilligen, in Frankfurt gestartet. Die Größe des Flughafens hat mich zu dem Zeitpunkt ziemlich unter Stress gesetzt. Der hat sich dann gelegt, als ich meine Eltern das letzte Mal gedrückt habe, durch die Sicherheitskontrolle war und schließlich im Flugzeug Richtung Kigali saß. Dort wurde die innere Unruhe dann ausgetauscht durch Aufregung. Vorfreude auf das, was mich erwarten würde, auf den Zeitpunkt, auf den ich mich ein halbes Jahr lang vorbereitet und gefreut habe, aber auch immer noch Respekt. Auf dem Bildschirm vor uns konnte man dann die ca. 6000km Flugstrecke nachverfolgen, die wir gerade in 10km Höhe zurücklegten. Ein seltsames Gefühl, in ein Flugzeug einzusteigen und auf einem anderen Kontinent wieder auszusteigen. Jetzt denkt Ihr vielleicht, der Moment müsste irgendwie magisch sein, ist er aber nicht. In Addis Abeba, Äthiopien, unserem Zwischenstopp, war es für mich genau das Gegenteil. Direkt nach unserer Ankunft hat sich mir der Magen umgedreht und ich habe gefühlt die Hälfte unseres sechsstündigen Aufenthalts auf der Toilette verbracht.

Nach einem weiteren, unerwarteten, Stopp in Burundi sind wir dann nach ca. 17h in Kigali gelandet. Dort wurden Lukas und ich herzlich von unseren Vorfreiwilligen und zwei meiner Gastbrüder, Rukundu und Mandela, begrüßt und die Unannehmlichkeiten des Fluges waren auch wieder vorüber. Wir haben dann noch den restlichen und den nächsten Tag in Kigali verbracht, um organisatorische Dinge, wie Geld oder Sim-Karte beschaffen, zu erledigt. Der erste Eindruck von der Stadt war groß, turbulent und überall Menschen, Autos oder Moto-Taxis. Es scheint so, als gäbe es auf der Straße kein System, aber ich glaube, dass liegt einfach an den vielen Motos, die sich durch jede kleinste Lücke zwängen. Diese sind ein beliebtes Fortbewegungsmittel in Ruanda, vor allem in der Stadt.
Ein Priester aus Matimba, Father Cyprien, hat uns dann in Kigali abgeholt. Matimba ist der Ort, der nun für 13 Monate mein zu Hause sein wird. Es ist ein mittelgroßer Ort im Nord-Osten Rwandas, nahe der Grenze zu Uganda und Tansania. Mir kann niemand sagen wie viele Einwohner Matimba genau hat, aber ich schätze es sind zwischen 1000 und 3000. Von Kigali nach Matimba gibt es eine durchgängig geteerte Straße und man fährt ca. 4 Stunden. Auch außerhalb der Stadt sind überall Menschen auf der Straße unterwegs, entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das ist hier auf dem Land wohl das verbreitetste Fortbewegungs- und vor allem Transportmittel. Es hat sich alles noch sehr surreal angefühlt; im Auto lief Musik auf Kinyarwanda und durchs Fenster habe ich einen ersten bzw. viele erste visuelle Eindrücke auf einmal von Rwanda bekommen. Einem Land, von dem ich bis jetzt Umrisse in meinem Kopf hatte, die sich so langsam beginnen mit Farbe zu füllen. Ich gebe mein bestes, Euch möglichst genau mein Bild davon zu vermitteln.
In meinem neuen zu Hause angekommen wurde ich mit reichlich Essen als mushiki wanjye, was Schwester in kinyarwanda bedeutet, in meiner Gastfamilie willkommen geheißen. Zum ersten Mal habe ich dort die ruandische Gastfreundlichkeit gespürt. Auch in der Kirche wurde ich herzlich von der Gemeinde begrüßt und vorgestellt bzw. habe mich selbst vorgestellt. Bei formellen, aber auch informellen Treffen ist es üblich, dass jeder eine kleine oder manchmal auch etwas ausschweifendere Rede hält. Daran muss ich mich definitiv noch gewöhnen. Im Parish, also dort wo die Priester wohnen, war auch ein Essen vorbereitet.

Meine Familie besteht aus Mama, Papa und 8 Brüdern. Von denen wohnen 5 plus ein Cousin zu Hause, die beiden ältesten studieren in Kigali und ein weiterer besucht ein Internat. Auch eine Schwester von Papa Charles wohnt bei uns im Haus. Wenn die Jungs alle zu Hause sind ist also ziemlich viel los, aber ich genieße das meistens. Ich kann mich auch gut mal zurückziehen, da ich ein eigenes Zimmer mit eigener Tür habe. Am Anfang waren vor allem die beiden Jüngsten ziemlich schüchtern, doch das hat sich nach einiger Zeit gelegt. Für sie sowie für mich war es eine vollkommen neue, fremde Situation, die allerdings langsam zur Normalität wird, ohne dass man das bewusst wahrnimmt.
Gastfreundlichkeit wird in Rwanda ganz großgeschrieben. Von Anfang an habe ich das gespürt, überall, wo man zu Gast ist, werden keine Kosten und Mühen gescheut dem Gast den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen. Essen spielt da meinst eine ganz große Rolle. Auch in der Familie habe ich in den ersten Wochen das „Gast-Sein“ ziemlich stark gespürt. Mir wurden Aufgaben abgenommen, das Essen aufgetan, nach dem Essen der Tee eingeschenkt. Ein komisches Gefühl, wenn man eigentlich ein Teil der Familie sein möchte. Ich habe das auch angesprochen und mittlerweile glaube ich, dass das ein Teil ihres „Willkommenheißens“ war und die durch meine kulturelle Brille betrachtet übermäßige Gastfreundlichkeit ein Teil der ruandischen Kultur ist. In den ersten Wochen war ich noch der Gast, aber mittlerweile fühle Ich mich immer mehr wie ein Teil der Familie und habe auch meine Aufgaben und Verpflichtungen. Ich genieße sehr das gemeinsame Kochen mit Mami, Mama Frank (Tante) und meistens einem der Brüder. Wenn wir kochen dauert das manchmal 2-3 Stunden, da wir nur eine Feuerstelle haben und so alles nach einander kochen. In der Zeit sitzen wir gemeinsam draußen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Waschen tun wir meistens am Wochenende einen halben Tag lang. Solche Dinge nehmen einiges an Zeit in Anspruch, aber dadurch entsteht keinesfalls Hektik oder Stress. Ich bin bis jetzt noch keinem Ruander mit Stress begegnet. Der Tag hier ist allerdings auch ein bisschen länger. Er beginnt circa um 5 Uhr, wenn es anfängt hell zu werden oder für manche sogar noch früher. Das Verständnis von Zeit ist generell ein ganz anderes als das unsrige. Jeder hat die Freiheit, sich seine Zeit nach seinen Prioritäten einzuteilen und wenn man dann zu spät kommt, weil man noch jemanden auf der Straße getroffen hat und sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hat, dann ist das eben so.

Mein Tag beginnt morgens mit einem Omelett mit Brot und icayi, das ist Milch gekocht mit Tee. Ich starte allerdings erst zwischen 7 und 8 Uhr. Ich weiß nicht ob ich mich jemals an um 5 Uhr aufstehen gewöhnen kann. Zu Hause habe ich nie Milch getrunken, aber das sollte sich hier schnell ändern, denn icayi gibt es bei uns nach jeder Mahlzeit. Auch mit dem Brot musste ich einen Kompromiss eingehen, da es nur süßes Weißbrot gibt, aber ein Tag ohne Frühstück ist für mich kein guter Tag, also muss ich mich damit wohl abfinden. Mittags und abends wird dann gekocht. Die Küche hier ist nicht so abwechslungsreich wie ich es gewohnt bin, aber das hat mich bis jetzt noch nicht gestört. Die Grundbestandteile sind Reis, Kartoffeln, Kochbananen und ein weißer „Klumpen“ aus Maismehl. Dazu gibt es dann meist Bohnen, manchmal eine andere Soße oder Kohlgemüse. Mein persönlicher Favorit ist die Erdnusssoße. Fleisch essen wir selten. Kaufen tun wir die Dinge, solange sie noch nicht selbst geerntet werden können, auf dem Markt in Matimba. Bis auf die Milch, die kommt von eigenen Kühen. Auf dem Markt kann man unter der Woche alles an Lebensmitteln kaufen und jeden Samstag gibt es einen großen Markt, wo man dann auch Schuhe, Klamotten, Stoffe und alles Nützliche und Unnütze bekommt.
Vormittags treffe ich mich dann in der Regel mit den „dynamique femmes“. Das sind junge Frauen, die sich jeden Tag treffen, um verschiedene Haar-Styles zu erlernen oder im Nähen ausgebildet zu werden. Diese Frauen haben auch einen Shop, in dem sie selbstgemachte Dinge verkaufen. Ziel des Ganzen ist, dass sie irgendwann selbstständig eine Schneiderei bzw. einen Frisörsalon führen können. Unterstützt wird das Ganze von inshuti e.V. . Das ist der Partnerverein der Gemeinde Matimba des Haus Wasserburg in Vallendar. Bis jetzt hält sich meine Eigenaktivität eher in Grenzen; ich verbringe Zeit mit den Mädchen, sie zeigen mir gelegentlich wie man Dinge näht, manchmal tanzen und singen wir gemeinsam. Mit der Kommunikation gestaltet sich das ziemlich schwierig, da sie nur kinyarwanda sprechen. Ein kleiner Smalltalk funktioniert, aber ein richtiges Gespräch noch nicht. Es ist jedoch schön zu sehen, dass man zum Beispiel zum gemeinsam Singen oder Tanzen kaum Worte braucht und es verbindet einen trotzdem. Nichts desto trotz wird das nicht meine Aufgabe bleiben. Ab demnächst soll Jugendarbeit in Matimba sowie in verschiedenen Untergemeinden stattfinden, was mein Aufgabenfeld weiter ausfüllen soll. Da freue ich mich sehr drauf. Die leichte Verzögerung kommt daher, dass es anfänglich Schwierigkeiten mit meinem Mentor gab. Das hat es für mich schwierig gemacht herauszufinden, wo und wie ich mich einfügen kann. Aber so wie es aussieht, hat sich das geregelt.
Die Sprachbarriere ist öfter mal ein Problem. Sei es, wenn ich mit Mami und Mama Frank alleine zu Hause bin und niemand zum Übersetzen da ist oder wenn ich auf der Straße angesprochen werde und sich jemand mit mir unterhalten will, was keine Seltenheit ist. Die Menschen freuen sich sehr, wenn ich Begrüßungen und kleinere Sätze sprechen kann. In Matimba spricht der Großteil der Menschen kein Englisch und das motiviert mich auch kinyarwanda zu lernen, auch wenn es eine ziemlich große Herausforderung für mich ist. Kinyarwanda hat nichts mit den romanischen Sprachen zu tun. Ich habe aber gute Unterstützer- zum einen meine Brüder und jeden Montag treffe ich mich mit einem Seminaristen, der im Begriff ist Priester zu werden, um Kinyarwanda zu lernen.
Montags und freitags gehe ich zu einem der Kirchenchöre der Gemeinde und auch da ist die Sprache ein Problem, wenn man es nüchtern betrachtet. Es gibt keine Noten, oft auch keinen Text und von dem verstehe ich kaum etwas. Aber auch dort ist es, wie ich das oben schon einmal beschrieben habe, ein schönes Gefühl, wenn wir zusammen singen; es fühlt sich an, als wäre nichts mehr zwischen uns. Sonntags singen wir dann meistens im Gottesdienst.

Nichts desto trotz haben mir meine noch ausbaufähigen Sprachkenntnisse schon ziemlich geholfen, zum Beispiel auf dem Markt in Matimba, beim Busfahren oder beim Verhandeln mit dem Motofahrer. „Sprachen öffnen Türen“ – das steht in dem Buch „Kinyarwanda lernen“ von Innocent Sahinkuye, bei dem wir, die Ruander Freiwilligen von SoFiA, im Vorhinein einen Sprachkurs gemacht haben. An der Stelle vielleicht ein Dankeschön an Inno! Es ist ziemlich befreiend, wenn sich eine Tür öffnet, denn dann ist man sich gleich weniger fremd. Das ist vor allem für mich schön, da ich unausweichlich auffalle, wenn ich auf die Straße gehe.

Ich danke Euch allen für euer Interessen – murakoze cyane – und bis bald!
Claire