Uganda: 2. Rundbrief von Lilli Baumhauer

Veränderungen und Alltag

In den letzten Wochen seit meinem ersten Rundbrief hat sich viel und gleichzeitig wenig an meinem Leben hier in Ococia verändert. Es gab kleinere Umstellungen, wie der Junge, der vor Kurzem zum Konvent gezogen ist, und größere Veränderungen, die meinen Tätigkeitsbereich betreffen.

Veränderungen meiner Tätigkeiten

Mit der Beschreibung meiner derzeitigen Arbeit möchte ich nun auch beginnen. Ich arbeite weiterhin im Health Center, jedoch habe ich mich nach weiteren Aufgaben umgeschaut, da die Arbeit im Health Center zwar sehr interessant, aber auch sehr repetitiv ist und es für mich zeitweise nur wenig zu tun gibt. Kurz nach meinem ersten Rundbrief habe ich in der Primary School mit einer zunächst kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern ein Schreibprojekt gestartet, für das ich momentan einmal in der Woche nachmittags in die Schule kommen darf. Mein Ziel ist es nicht einfach nur mit den Kindern das Schreiben an sich zu üben, sondern vor allem das Schreiben kreativerer Texte und Geschichten. Dies versuche ich auf eine spielerische Weise zu erzielen, da es in den großen Schulklassen von 100 bis 200 Schülern hier einfach schwierig ist auf die Schüler individuell einzugehen und sie zu selbstständigerem Denken zu bewegen…

Die ersten Stunden haben mir unglaublich viel Spaß gemacht und mich motiviert das Projekt fortzuführen, auch wenn ich realisiert habe, dass die Kinder doch noch mehr Probleme mit dem Schreiben längerer Sätze haben als ich dachte und noch ziemlich hilflos erscheinen, wenn sie keine ganz konkret gestellte Aufgabe erhalten oder wenn sie frei etwas erzählen sollen.

Gleichzeitig mit dem Nachmittag in der Primary School habe ich auch begonnen die Nursery von Ococia zu besuchen. Die ersten Male bedeutete dies für mich den Unterricht zu beobachten und mit den Kindern in den Pausen zu spielen. Nach den Ferien, die jetzt angefangen haben und bis Anfang Februar andauern werden, werde ich dort wahrscheinlich an zwei Vormittagen in der Woche die Lehrer beim Unterrichten und Betreuen der Kinder unterstützen.

Aber nun stehen erst einmal wie gesagt zwei Monate Ferien an, die meine neu gefundenen Tätigkeiten unterbrechen.

CoRSU

Aber auch eine meiner Tätigkeiten für andere Kinder aus der Gegend findet während der Ferien nicht statt. Die Begleitung von Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen nach CoRSU (Comprehensive Rehabilitation Service in Uganda) einem Krankenhaus bei Kampala, was ich in meinem letzten Rundbrief bereits erwähnt habe und nun näher erklären möchte. In den umliegenden Dörfern werden meiner Mentorin Truus bei den Besuchen der von ihr eingerichteten Selbsthilfegruppen immer wieder Kinder mit verschiedensten körperlichen Beeinträchtigungen vorgestellt. Vielen von diesen Kindern kann durch Operationen geholfen werden, besonders der großen Gruppe, die aufgrund von falsch gesetzten Injektionen des Malariamedikaments Chinin wenige Muskeln in ihrem Gesäß besitzen und deshalb Probleme beim Sitzen und besonders Laufen haben. Eben diese Kinder bringe ich ungefähr einmal oder gar zweimal im Monat nach CoRSU, wo sie kostenlos behandelt und operiert werden. Meine Aufgabe ist es hierbei einerseits den jungen Patienten und ihren Eltern den Weg zu zeigen und dafür zu sorgen, dass sie ohne Komplikationen im Krankenhaus ankommen (die meisten von ihnen waren noch nie in Kampala) und sie andererseits bei der Orientierung im Krankenhaus und der Kommunikation mit den Ärzten zu unterstützen. Diese Fahrten sind jedes Mal unglaublich anstrengend, da es echt schwierig ist bis zu fünf Patienten auf einmal im Krankenhaus zu begleiten und vor allem, da für die Fahrt zum Krankenhaus der öffentliche Nachtbus genutzt wird, der um 1:30 Uhr startet. Aber auch wenn die Fahrten anstrengend sind, führe ich sie doch recht gerne durch. Ich finde es schön zu sehen, wenn sich die Kinder eine kurze Zeit nach der Operation schon besser bewegen und spielen können. Und auch die Fahrten im Nachtbus sind abgesehen vom Schlafentzug wirklich spannend. Nicht nur werden dort häufig auf einem kleinen Fernseher Musikvideos und sogar Kurzfilme von ugandischen Comedians gezeigt, sondern es passieren auch immer wieder interessante Dinge.

Fahrten im Nachtbus

Im Nachtbus kann es während der Fahrt nicht nur passieren, dass eine Sitznachbarin zum Schlafen ihren Kopf auf deinen Schoß legt oder Hühner im Fußraum sitzen. Vor der Fahrt müssen erst einmal unzählige Händler abgewimmelt werden, die von Wasser über Batterien bis hin zu Schuhen alles Mögliche in den Bus tragen, um es den Reisenden zu verkaufen. Hierbei konnte ich auch selbst schon eine interessante Verkaufsstrategie kennenlernen. Eines Nachts setzte sich einige Zeit vor der Abfahrt aus Kampala ein Mann mit Hemd und Aktentasche ganz gezielt neben mich. Das war natürlich erst einmal nicht ungewöhnlich, da dies ja sein Sitzplatz hätte sein können. Auch, dass er sich mit mir unterhalten wollte, kam mir nicht komisch, sondern eher freundlich vor. Nachdem er mich jedoch gefragt hatte, ob ich bereits viel durch Uganda gereist sei und ich dies verneinte, öffnete er seine Aktentasche und zog neben einer Visitenkarte auch einen dicken Katalog hervor. Tatsächlich versuchte er mir wenige Minuten bevor der Bus losfuhr noch eine Safari verkaufen…

Neben den großen Bussen, die mit deutschen Fernreisebussen zu vergleichen sind, gibt es auch die Möglichkeit mit kleinen Taxibussen durch Uganda zu reisen. Dies dauert meist länger, da diese Fahrzeuge öfter anhalten, um Menschen ein- und aussteigen zu lassen, aber dennoch wollte ich es letztens einfach einmal ausprobieren, als ich auf dem Weg zu einem Sprachkurs war. Am besten lässt sich der Komfort während der Fahrt mit den Worten des Fahrers beschreiben, der als in das bereits volle Auto noch mehr Säcke mit Hirse eingeladen werden sollten, verkündete: „The vehicle is pregnant“.

Die Sprache

Mit meiner Sprachlehrerin vor der letzten Unterrichtsstunde

Aber zurück zu dem Sprachkurs zu dem ich mich in dem schwangeren Fahrzeug auf den Weg gemacht habe. In der Region in der ich lebe wird hauptsächlich die Sprache Ateso gesprochen. Ateso ist eine der über 30 Sprachen, die hier in Uganda gesprochen werden, so dass Atesokenntnisse zum Beispiel in Kampala nicht hilfreich sind, da dort grundsätzlich Luganda gesprochen wird. Aber in meinem Alltag hier erweist es sich immer wieder als nützlich ein bisschen zu verstehen und sprechen zu können. Noch würde ich nicht behaupten, dass ich die Sprache gelernt habe, aber ich arbeite daran. Zu Beginn habe ich immer mit den Kindern im Konvent gelernt, was mir geholfen hat, viele Vokabeln im Bereich der Haushalts und Kochens zu lernen. Da ich aber schneller Fortschritte erzielen möchte, habe ich recherchiert und eine Sprachschule in Kampala gefunden, die Unterricht anbietet. Dort habe ich 10 Tage lang zusammen mit meinem Mitfreiwilligen Michi (jedoch im Einzelunterricht) viele neue Vokabeln gelernt und vor allem von meiner Lehrerin Faith kompliziertere Grammatikstrukturen erläutert bekommen. Das heißt im Prinzip könnte ich mit Hilfe eines Wörterbuches halbwegs anständige kurze Texte schreiben, bis ich jedoch längere Unterhaltungen führen kann, bedarf es aber wohl noch mehr Übung.

Der Glaube

Die Kirche mit dem schönen Fenster im Dach

Meine sich ausweitenden Sprachkenntnisse helfen mir auch beim Verfolgen der Messe, die ich jeden Sonntag besuche. Grundsätzlich hat sich der Glaube (besonders der christlich katholische) hier still und heimlich zu einem festen Bestandteil meines Alltags entwickelt, nicht nur, weil ich zusammen mit Nonnen lebe, die sich sowohl morgens als auch abends in die kleine Kapelle des Konvents begeben, um zu beten. Überall wo ich hinkomme wird vor dem Essen erst einmal ein Gebet aufgesagt, für mich am Anfang sehr ungewohnt, aber mittlerweile Routine. Sonntags stellt sich gar nicht die Frage, ob man in die Kirche geht, sondern eher ob man die erste oder zweite Messe besucht. Zunächst fiel es mir schwer die stark routinierte Auslebung des Glaubens nachzuvollziehen, aber nach einigen Wochen stellte ich selbst fest, dass ich sonntags gerne in die Kirche gehe. Es ist schön sich während der Messe wie ein Teil der Gemeinschaft zu fühlen, die Lieder mitzusingen, die richtiges Ohrwurmpotential haben und einfach nur da zu sein. Wenn die Sonne durch das bunte Fenster im Kirchendach scheint, spüre ich oft, wie sich eine richtige Ruhe in mir ausweitet. Ob das jetzt durch einen Gott kommt oder einfach nur der besonderen Atmosphäre in der Kirche geschuldet ist, kann jeder selbst entscheiden, aber ich war wirklich sehr verwundert von mir selbst, der Messe etwas Positives abgewinnen zu können, wo ich doch in Deutschland höchstens einmal jährlich eine Kirche von innen gesehen habe. Aber die Kirche hier in Ococia ist auch nicht so ein „konservativer“ Ort wie viele Kirchen in Deutschland. Zwar sieht man vielen Menschen an, wie wichtig ihnen die Messe ist und wie viel Respekt sie vor dem Altar und dem Priester haben, jedoch dürfen Kinder (und Hunde/Ziegen) während der Messe frei herumlaufen und stillende Mütter sind keine Seltenheit. In der letzten Reihe der halbkreisförmig aufgestellten Bänke sind auch manchmal Schülerinnen der Secondary School zu sehen, die sich gegenseitig die Nägel machen…

Ein weiteres interessantes Ereignis im Zusammenhang mit der Kirche war die Graduation der ältesten Kinder (top class genannt) der Nurseries aus der ganzen Gegend. Nach einer kurzen Messe, die auf der Wiese im Schatten eines großen Baumes abgehalten wurde, bekamen die Kinder in viel zu große Talare gekleidet ihre Zeugnisse. Es war ein wirklich sehr schönes Ereignis, da viele Menschen aus der Gegend extra nach Ococia kamen, um den Kindern zu gratulieren und ihnen Erfolg für die Zukunft zu wünschen.

Die nahe Zukunft im Projekt

Nun ist mittlerweile Dezember und hier beginnt es richtig heiß zu werden. Ein Weihnachtsfest unter strahlendem Sonnenschein ist aufgrund der begonnenen Trockenzeit alles andere als unwahrscheinlich. Vor Weihnachten werde ich jedoch erst einmal an der „Ugandan Youth Conference“ teilnehmen, bei der über 1000 Jugendliche aus Uganda zusammenkommen, um über verschiedenste Themen zu diskutieren. Mit dem Start des neuen Jahres plane ich eine Art Feriennachhilfecamp mit Schülern der Primary School, die dieses Jahr sehr schlechte Noten erhalten haben. Ich würde gerne mit ihnen ihre Fähigkeiten in Schulfächern wie Mathematik, Englisch, Schreiben, Naturwissenschaften und auch Kunst und Sport ausweiten und in erster Linie Spaß am Lernen vermitteln. Eine betreffende Gruppe von Schülern habe ich bereits informiert, ob sie aber auch wirklich alle am 2. Januar erscheinen werden, muss abgewartet werden…

Guten Rutsch ins neue Jahr und bis zum nächsten Mal.

Lilli