Indien: 4. Rundbrief von Emma Dick

Namaste!

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem Rundbrief erzähle ich Ihnen weniger von meiner Arbeit im Projekt, sondern Sie mitnehmen auf meine unvergessliche Rundreise durch Indien.

Reisen

Am 10. Februar fuhr ich alleine mit dem Zug nach Mumbai, um meinen Cousin Chris am Flughafen zu empfangen.
Als ich ihn endlich getroffen habe, saßen wir noch einige Minuten am Airport, denn wir hatten absolut nichts geplant. Wir hatten nur unsere Rücksäcke, Luft in den Lungen und eine große Abenteuerlust.
So sind wir auch absolut planlos durch das Land gereist, einfach auf der Karte getippt wohin es als nächstes geht.

Von Mumbai fuhren wir mit dem Zug nach Ahmadabad, danach nach Jodhpur und blieben letztendlich für einige Tage in Jaisalmer – der Stadt, in die ich mich schon auf meiner ersten Reise verliebt hatte.

Jaisalmer

Dort unternahmen wir eine Kameltour und schliefen zu dritt mit unserem Kamelenführer unter dem wunderschönen Sternenhimmel mitten in der Wüste. Am nächsten Tag haben wir dann beide Paragliding gemacht, mitten in der Wüste Jaisalmers.

Paragliding

1.

Unserer nächstes Ziel war die Stadt Sri Gangangar, eine Stadt nur 20 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Unser eigentliches Ziel war die sehr religiöse Stadt Amritsar und der berühmte Goldene Tempel, der unter Einheimischen als der wahre Taj Mahal angesehen wird.
Amritsar ist eine von den Sikh geprägte Stadt, mit nur sehr wenigen Touristen. Wir übernachteten in einem Hotel und am Abend lud uns der ältere Hotelbesitzer zu einem Abendessen mit ihm ein. Er konnte nur schlecht Englisch, doch er war sehr froh uns als seine Gäste willkommen zu heißen und versuchte uns so viele Geschichten wie möglich zu erzählen und sprach viel über seine Religion.

Der Goldene Tempel

Am Abend fuhren wir weiter nach Delhi, die Hauptstadt Indiens, wo wir unfreiwillig für fünf Tage bleiben mussten, denn wir hatten uns vergiftet.
Mitten in Delhi lagen wir in unserem Hotelzimmer und hofften auf Besserung. Zum Glück hatten wir Free TV im Zimmer, so war der gezwungene Aufenthalt etwas erträglicher.
Doch trotzdem, am fünften Tag musste ich in ein staatliches Hospital. Nach einer Spritze und zahlreichen Medikamenten konnten wir unsere Reise fortsetzen, doch insgesamt dauerte meine Vergiftung sieben Wochen.
Wenn ich jetzt noch eine Tour durch Indien machen würde,  könnte ich euch nicht die schönsten Ecken einer Stadt zeigen, dafür aber die besten Toiletten. 😀

Der Lotus Tempel in Delhi
Taj Mahal in Agra

Endlich erreichten wir Agra und den berühmten Taj Mahal! Nach einer Tagestour fuhren wir weiter nach Varanasi, die Stadt am Ganges.

In Varanasi angekommen, sind wir durch die engen Gassen zu unserer Unterkunft gewandert, zwischendurch mussten wir anhalten, denn es wurden Verstorbene zum Fluss getragen. Am Ghat waren wir bei den berühmten Feuerstellen, in denen die Verstorbenen nach hinduistischen Ritual zu Feuer gebracht wurden.
Es war sehr faszinierend für mich, denn obwohl es ziemlich stark nach menschlichem Gewebe roch und überall Asche in der Luft war, war es eine sehr beruhigende Atmosphäre. Denn hier betet niemand um Gesundheit, Heilung oder das Wohl, es ist der Ort an dem man loslässt, ein Ort an dem man den letzten Willen eines Verstorbenen erfüllt und ihn in allen Ehren gehen lässt.
Insgesamt werden an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr an fünf Feuerstellen die Verstorbenen verbrannt, dabei werden Kinder, schwangere Frauen und diejenigen die nach einem Schlangenbiss starben Fluss abwärts zur Wasser gebracht, denn eine Feuerbestattung ist für sie untersagt.

Ein Junge paddelt entlang des Ghat, im Hintergrund sind die Feuerstellen in denen die Verstorbene verbrannt werden

Nach diesem Zwischenstopp fuhren wir zu unserer letzten Station, nach Goa.
Goa liegt in Indien, doch Goa ist nicht Indien, denn es ist sehr stark von den touristischen Einflüssen geprägt.
Unwissend, sind wir in einer Gegend angekommen, die unter Einheimischen “Little Russia“ genannt wird. Unsere deutsch und englisch Kenntnisse waren plötzlich unnützlich geworden, denn die meisten Aushängeschilder und Menüs waren auf Russisch. Zum Glück beherrsche ich die Sprache , ansonsten wären wir verloren, denn sogar die Inder dort haben es schon längst aufgegeben ihre Englischkenntnisse zu verbessern und lernen fleißig russisch, sehr verrückt.

Nach ein paar erholsamen Tagen in Goa verabschiedeten wir uns , mein Cousin flog wieder zurück und ich fuhr nach Kerala in mein Projekt.

Sonnenuntergang in Goa
Die Gesichter Indiens

2.
Auf unseren Reisen trafen wir auf sehr viele Menschen, es waren Hindus,Christen, Muslime, Sikh und Buddhisten.
Schon bei meiner Anreise nach Mumbai kam ich ins Gespräch mit einer Familie, nur der Familienvater konnte ausgezeichnet Englisch sprechen, er gab mir viele nützliche Tipps für die Reise, wir unterhielten uns über Europa und Literatur, denn er war ein sehr belesener Mann, doch er erzählte mir auch über die andere Seite Indiens.
Er hat aus Liebe geheiratet, doch seine Frau ist gegen seine Wissbegierde und sein Interesse an anderen Kulturen.
Er erzählte mir, dass es auch unter Freunden oft schwierig sei, denn viele halten an Traditionen und Bräuchen fest, und haben einfach nur Angst vor den neuen und ungewissen Einflüssen, die aus westlichen Ländern kommen.
In Mumbai und Delhi sah ich viele junge Mädchen, die zwanghaft versuchen „westlich“ zu sein, eine Rebellion gegen die Tradition. Auch bei mir in der Stadt sehe ich viele Jugendliche, die lieber Jeans und Shirt tragen, statt der traditionellen Kleider.
Es ist wahrscheinlich wie überall auf der Welt: Jugendliche versuchen anders zu sein als die Generation vor ihnen. Doch in Indien ist es sehr speziell, denn es ist wie zwei Schritte nach vorne und fünf nach hinten.

3.
Im Zug nach Jaisalmer trafen wir auf Soldaten, die auf der Heimreise nach Rajasthan waren, die ganze Fahrt über, wenn mein Cousin gerade nicht da war, haben sie streng darauf aufgepasst, dass mich niemand belästigt, ob aufdringliche Verkäufer oder Bettler.
Wir unterhielten uns, dabei zeigten sie uns Bilder von ihren Kindern und Familien. Einer von ihnen war gerade unterwegs zu seiner Hochzeit, seine Eltern haben für ihn die Braut ausgesucht, er war sehr glücklich darüber und zeigte mir stolz die Bilder seiner Braut.

4.
Dagegen in Agra trafen wir auf einen Mann, dessen Eltern die Braut ausgesucht haben. Er selbst sagt, er ist glücklich, wenn seine Eltern und die Familie glücklich sind. Sein größter Wunsch ist es, endlich Kinder zu haben, doch seit Jahren bleibt dieser Wunsch unerfüllt. Es belastet die Ehe, da seine Frau sich auch nach Kindern sehnt. Dieser Mann zeigte uns die schönsten Ecken Agras, mit uns hat er zum ersten Mal in seinem Leben im Subway gegessen, wir hatten sehr interessante Gespräche mit ihm und auch lustige Geschichten, die er uns erzählte.  Am Ende war es ihm sehr unangenehm das Geld für seine Arbeit anzunehmen, denn er hat meinen Cousin richtig ins Herz geschlossen und den Tag mit uns genossen.

5.
In Varanassi trafen wir wieder auf einen Menschen mit ganz anderer Lebensgeschichte: Ein Inder, der eine Schweizerin geheiratet hat. Er war auf Familienbesuch in Varanassi. Am Abend aßen wir auf der Dachterrasse und unterhielten uns sehr lange mit ihm, denn er erzählte uns, wie schwer es ihm fällt in einer ganz anderen Kultur seinen Platz zu finden. Er hat auch große Sehnsucht nach seiner Heimat und der Familie, die er aus aller Kraft versucht zu unterstützen. Seine Eltern sind schon alt und es zerreißt ihn immer wieder wenn er sie alleine lassen muss. In Indien hat er seine Wurzeln und in der Schweiz sein Herz.

Ein indisches Herz ist sehr groß, dort hat jeder einen Platz, ob Familie oder Gäste. Jeder wird mit offenen Armen empfangen.
Was ich an Indern so sehr schätze, ist die Offenheit gegenüber anderen Menschen. Natürlich sind einige sehr skeptisch oder unsicher, aber wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen haben, teilen sie ihre Sorgen oder Freuden gerne mit dir.
In Europa wird so etwas mit der Aufschrift “Privat“ unter tausend Siegeln verschlossen, doch hier unterhält man sich gerne über das eigene Leben, die Familie oder Religion.

Fazit

In meinen fünf Geschichten sind Männer mit vier verschiedenen Religionen, doch könnte man jemals zuordnen, wer von ihnen wer ist ?
Ich denke nicht, denn wir unterhielten uns auch ganz oft über deren Religion und jede predigt das selbe “Lebt in Frieden“. Ganz unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit, sind es Menschen mit ganz alltäglichen Problemen und Sorgen.

Ich bin meinem Cousin Chris sehr dankbar dafür, dass er mich durch dieses großartiges Abenteuer begleitet hat. Insgesamt 22 Tage waren wir unterwegs, haben viel gelacht, uns gemeinsam vergiftet, waren oft planlos, haben aber immer zusammengehalten und viele Menschen und deren Lebensgeschichte kennengelernt.

Natürlich ist es viel einfacher durch Indien zu reisen in Begleitung eines Mannes, denn oft wirkt ein Satz, der von einem Mann ausgesprochen wurde viel überzeugender.
Denn das Land wir zum größten Teil von Männern angeführt, so haben wir uns immer abgesprochen und Chris führte die Verhandlungen. Auch wenn es darum ging neue Bekanntschaften zu schließen, denn die Frauen in Indien sind nicht so kontaktfreudig wie die Männer, und mich als Frau würden sie nicht ansprechen, da es unangebracht ist.
Doch wenn wir zu zweit waren trauten sie sich mehr, und so hatten wir die interessantesten Gespräche und Unterhaltungen.

Nun habe ich fast das ganze Land bereist, viel gesehen, gehört und gerochen.
Doch Indien hat sich einen festen Platz in meinem Herzen erkämpft, es ist wie die erste große Liebe.
Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und die Gefühle, die man bei der ersten Begegnung hatte, wiederaufleben lassen. Doch immer wenn ich Indien hören werde, wird es mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern und die Erinnerungen daran werden immer wieder für Gänsehaut sorgen.

Eure Emma

Die Antworten:

1. Sikh 2. Christen 3. Hindu 4. Muslim 5. Hindu