Indien: 5. Rundbrief von Emma Dick

Liebe Leserinnen und Leser,

mittlerweile ist es schon mein fünfter Rundbrief aus Indien, die Zeit rennt. Kaum angekommen ist es schon Zeit, um sich auf das Leben danach vorzubereiten.

Zurück im Projekt

Nach meiner Reise durch Indien, war bei uns Fastenzeit, eine Zeit in der die Sisters auf das Fleisch und Fisch verzichtet haben.
Nur für die Bewohner gab es Ausnahmen, doch unsere Köchin, die sich immer Sorgen macht, ob ich schon gegessen habe, sah wie ich von Tag zu Tag immer trauriger wurde und hat mir ab und zu beim Abendessen etwas untergeschmuggelt.
Allgemein verstehe ich mich mit ihnen sehr gut, denn bei uns im Haus gibt es keine Unterteilungen zwischen Sisters und den Köchinnen , denn die sind ein wichtiger Teil der Familie. Da einige von ihnen nur Malayalam oder Hindi sprechen, bin ich gezwungen meine Sprachkenntnisse zu benutzen, zwar lachen sie öfter, weil die Aussprach nicht meine Stärke ist, aber gleichzeitig sehe ich wie sie sich darüber freuen, denn es ist etwas was uns verbindet. Sie sind auch immer die ersten die an mir ein neues Kleid oder Ohrringe bemerken.

Allgemein verstehe ich mich mit den Sisters gut, ganz besonders mit meinen Kolleginnen, denn wir arbeiten sechs Tage die Woche Seite an Seite. Mittlerweile sind wir ein Team, denn jeder hat seinen Aufgabenbereich.
Ich habe mir auch meinen eigenen Aufgabenbereich erarbeitet, obwohl die Sisters daran gewöhnt sind ihre Arbeit zu 100% selbst zu erledigen. Für mich ist es nur ein Jahr, für sie ist es eine Lebensaufgabe und ich denke es ist meine Pflicht, wenigstens für diese kurze Zeit etwas davon zu übernehmen.
Ich habe einen großen Respekt davor, wie sie die Arbeit jeden Tag aufs neue meistern, ohne sich anmerken zu lassen, dass die am Ende des Tages auch etwas müde sind.
Ganz besonders bin ich den Sisters dankbar dafür, dass sie mich zu nichts gezwungen haben, denn sie haben mir die Zeit gelassen, bis ich für die eine oder andere Aufgabe selbst bereit war.

Meine Berührungsängste sind mittlerweile auch ganz weg, es läuft gut, zwar verstehe ich nicht alles zu 100%, doch anhand von Emotionen oder Zeichen können wir uns problemlos verstehen.

Der Umgang mit dem Tod

Ab Anfang März bis Juni fing bei uns die unerträglich Hitze an, die Luft war sehr schwer, die Sonne schien täglich und es gab keinen Tropfen Regen. Natürlich hat es unsere Patienten gesundheitlich sehr mitgenommen, denn sogar als junger Mensch hatte man es schwer bei dieser Hitze. Als dann Ende Mai endlich die Monsunzeit anfing, begann die sehr kalte Jahreszeit und ein Dauerregen, der gefühlt niemals aufhörte.
Nacheinander sind einige der Patienten verstorben, der Tod eines Patienten kommt schleichend, denn man sieht erst, wie sie von Tag zu Tag immer schwächer werden, bis der Tag X kommt. Die meisten sterben in der Nacht.

Was bleibt ist ein Schatten, der nur sehr langsam verschwindet, das leere Bett, der leere Stuhl beim Essen oder die persönlichen Gegenstände, die noch nicht entsorgt wurden. Es kommen neue Patienten und der Schatten verschwindet sehr langsam. Doch niemand wird ganz vergessen, denn auch nach Wochen oder Monaten erinnert man sich noch manchmal an deren Gesichter. Sogar an anstrengende Patienten erinnere ich mich mit einem Lächeln.

Für viele ist es die Befreiung von Schmerzen und Krankheiten, doch bis zuletzt, wenn sie bei Bewusstsein sind, fühlt man deren Angst. Doch wenn es soweit ist , ist es wie eine Ruhe nach dem Sturm. Denn man kann nichts festhalten,  muss loslassen, auch wenn es das eigene Leben ist, wir sind nur auf begrenzte Zeit Gäste dieser Welt.

Mitte Juni ist einer unserer männlichen Patienten verstorben, zum ersten Mal bin ich mit ins Krematorium gefahren. Ich weiß für manche hört es sich wie eine Horrorvorstellung an. Wir sind mit dem Fahrer, zwei Sisters, mir und dem Verstorbenen in einem Waagen gefahren. Danach wurde der leblose Körper auf die Holzbalken gelegt. Nach hinduistischem Ritual wickelt man den Körper in weiße Tücher, wobei das Gesicht offen bleiben sollte. Danach wird der Körper in einen großen Ofen geschoben, wo er in Flamen aufgeht.

Es ist ein Teil meiner Arbeit, auch so etwas mitzuerleben und ich denke es wäre ziemlich kindisch, wenn ich davor die Augen verschließen und so tun würde, als ob in unserem Haus so etwas nicht passiere, denn sterben ist schließlich etwas ganz natürliches.
Neue Menschen werden geboren und alte Menschen sterben, es ist der Kreislauf des Lebens, nur in unseren Kindern und Erinnerungen leben wir weiter.
Genau das finde ich in Indien so faszinierend,obwohl das Land voll von Legenden und Sagen ist, wird aus dem Tod keine Horrorgeschichten gemacht, es wird als etwas Natürliches aufgenommen: Vor den Lebendigen sollte man sich fürchten, nicht vor den Toten.

Ich kann es sehr gut verarbeiten , denn als Schutz für mich selbst lasse ich keine emotionale Bindungen entstehen, nur zwischenmenschliche. Es ist mir bewusst, dass jeder Tag für jemanden auch der letzte Tag sein könnte, doch sobald die Arbeit zu Ende ist, schalte ich es ab und nehme es nicht in meine Freizeit mit.
Ansonsten könnte ich die Arbeit nicht verrichten. Wahrscheinlich hört es sich für jemanden von Außen sehr emotionslos an, doch würde ich zu jedem eine emotionale Bindung aufbauen und mir jeden Verlust zu Herzen nehmen, ich würde mich selbst dadurch zerstören. Diese Arbeit ist etwas speziell, doch ich denke sie passt wie keine andere zu mir.

Die meisten sind sehr einsam und es freut sie, wenn man sie begrüßt oder anlächelt. Einige warten sogar extra bis ich vorbeigehe, sie begrüße oder Gute Nacht sage.Für sie ist es ein Stück Aufmerksamkeit, das ihnen fehlt.
Deshalb freue ich mich immer wenn Spender oder Vereine vorbeikommen und sich Zeit nehmen mit den Bewohnern zu sprechen.
Die meisten haben keine Familienangehörigen, aber in ihnen steckt so viel Liebe, die sie gerne mit jemanden teilen würden. Auch ich bekomme viel davon ab und das ist es wahrscheinlich auch, was mir immer wieder Kraft gibt.

Freizeit

In meiner Freizeit gebe ich zur Zeit Deutschunterricht an zwei junge Sisters Maria und Joysie, die nächstes Jahr nach Deutschland gehen werden, um Krankenschwestern zu werden. Sie sind sehr neugierig und lernen fleißig, doch die meiste Zeit fragen sie mich zu unseren Gewohnheiten: was wir essen, wie wir leben. An fünf Tagen/ Woche treffen wir uns für eine Stunde oder manchmal mehr, wir reden Englisch, Malayalam und arbeiten an deren Aussprache in Deutsch.

Jeden Freitag habe ich mir vorgenommen in die Stadt zu gehen, denn ansonsten komme ich nie aus unserem Haus und die Abwechslung tut mir gut. In meiner Nachmittagspause von 14 bis 17 Uhr habe ich Zeit um in der Stadt mal ins Kino zu gehen oder einfach mal durch die Straßen oder Shopping Mall zu wandern. Mittlerweile kenne ich mich in der Stadt gut aus, doch finde ich auch immer wieder neue Ecken.

Einer meiner größten Erfolgserlebnisse war es, als ich in einem Laden war und mitbekommen habe, dass die Verkäufer, eine Frau und ihr Sohn, darüber sprachen, dass ich wohl eine Touristin sei, aber wie eine Inderin aussähe und ob ich sie wohl verstehen würde. Dabei drehte ich mich um und antwortet in Malayalam, dass ich sie verstehe, die Überraschung war groß.

Besuch aus Tamil Nadu

Anfang Mai bekam ich Besuch aus Tamil Nadu, über den ich mich riesig gefreut habe: meine zwei Mitfreiwilligen Antonia und Lea kamen in mein Projekt.

Wir haben zusammen meine Stadt erkundet und sind auf einen Rummelplatz gestoßen, zwar waren die meisten Attraktionen mit Tesafilm abgesichert oder hielten dank den Gebeten der Besucher, aber wir hatten einen riesen Spaß.

Der Rummelplatz in Calicut
Eine Ausstellung am Eingang

Am nächsten Tag ging es für uns nach Wayanad. Meine Mentorin Sister Christina, hat uns zu einer Feier eingeladen, bei der ein großer Teil unserer Sisters anwesend war. Da ich sehr viele schon kenne hat es mich sehr gefreut, sie wieder zu sehen.
Die Feier begann mit einem Gottesdienst, die jungen Schwesteranwärterinnen haben zum ersten mal ihr Gewand bekommen, die andren Sisters bekamen ihren Gelübdering überreicht und die älteren Sisters wurden zu ihrem Jubiläum geehrt. Danach gab es ein festliches Essen. Den Abend und den darauffolgenden Tag verbrachten wir in einem kleinen Convent mit den Sisters, dabei haben wir eine Jeeptour unternommen, bei der uns die schönsten Ecken Wayanads gezeigt wurden.

Wir verabschiedeten uns und fuhren weiter in unseren kleinen Urlaub, nach Aleppy, eine Stadt in Kerala direkt am Meer.

Auf dem Balkon sind die jungen Schwesteranwärterinnen, die in weißen Saree, bekommen nächstes Jahr ihre Weihe.
Bei der Überreichung der Gelübde Ringe
Nähe Wayanad

Dort angekommen mieteten wir uns eine kleine Hütte direkt am Strand und genossen die Zeit zu dritt, wir waren schwimmen, Sonnen und haben Spaziergänge am Strand gemacht, für uns alle war es sehr entspannend.
Doch auch der schönste Urlaub geht zu Ende, wir wussten das wir uns in dieser Konstellation in Indien nicht nochmal treffen würden, deshalb war der Abschied etwas traurig.

Unsere kleine Hütte am Strand

Meinen Mädels bin ich sehr dankbar dafür, dass die mich besucht haben, sie sind eine große Bereicherung und ich wüsste gar nicht wie das Jahr aussehen würde ohne se. Denn obwohl wir ganz verschieden sind ergänzen wir uns gut und sind für einander eine Stütze.

Der Marari Strand in Aleppy

Fazit

Nun sind es schon 11 Monate,  die ich hier verbringen durfte, bald geht es nach Hause.
Doch was ich mitnehme sind die Eindrücke, Erlebnisse, Freundschaften und Ruhe. Ich nehme eine gewisse indische Weisheit mit, das Leben einfacher zu nehmen, zu genießen.

Denn falls es etwas nicht direkt auf Anhieb funktioniert, vielleicht ist es nicht mein Weg oder ich muss noch stärker werden, um diesen Weg gehen zu können.
Es ist viel wichtiger, ideelle Werte zu besitzen als materielle, denn die ideellen kann dir niemand nehmen, sie sind für immer dein.
Früher hätte ich mir nie erträumen lassen einmal in Indien zu leben, jetzt kann ich mir nicht vorstellen wieder ohne Indien zu leben. Das Land wird für immer ein Teil von mir sein.
Russland hat mich geboren, Deutschland erzogen und Indien bleibt für immer meine erste große Liebe.

Eure Emma

Meine lieben Antonia und Lea