Indien: 6. Rundbrief von Emma Dick

Namaste

Liebe Leserinnen und Leser,

ihr habt mich ein Jahr lang durch meinen Freiwilligendienst in Indien begleitet. In Gedanken war ich oft bei euch, wenn ich etwas erlebt habe oder eine interessante Begegnung hatte, dachte ich immer an euch, daran wie ich es euch beschreiben könnte und wie ich euch an diesem Erlebnis teilhaben lassen kann.
Ich danke euch dafür, denn dadurch konnte ich die Ereignisse such für mich selbst verarbeiten und auf Papier bringen.

Der Weg ist das Ziel

Welchen Gedanken hatte ich als ich nach Indien ging? Als ich in den Flieger gestiegen und den ersten Schritt auf indischem Boden machte?
Ich konnte mir nicht erträumen, wie das Jahr hier für mich sein wird, ich wusste nur eines: Egal, was ich hier erleben werde und welche Hindernisse ich überwinden muss, ich werde niemals abbrechen.
Nicht weil ich so selbstsicher bin, sondern weil ich es im Nachhinein bereuen würde, ich würde es bereuen meine Geschichte nicht zu Ende geschrieben und meinen Weg nicht vollendet zu haben.

Ich habe ab dem ersten Tag mein gewohntes Leben aufgegeben, mich darauf eingelassen, in die neue Kultur mit dem ganzen Körper einzutauchen & nun stehe ich hier.
Mein Denken, meine Handlungen und Entscheidungen werden für immer durch dieses Jahr geprägt sein, es wird meine Schatzkiste sein, mit ideellen Werten, niemand wird es je zu 100% verstehen können, doch darum geht es ja. Jeder Mensch braucht so eine Schatzkiste als Quelle, eine Quelle der Kraft oder des Mutes, die ihm zeigt: Sieh an, was du schon alles vollbracht hast, du kannst dir höhere Ziele setzen, weil du es schaffst.

Hätte ich nochmal die Wahl, ich würde mich wieder für das Jahr entscheiden, ich bereue es nicht und habe auch nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben. Im Gegenteil: Ich habe intensiv gelebt. Ich habe die Welt von einer ganz anderen Perspektive gesehen, wie es ist anders zu sein, wie es ist als ein reicher Mensch angesehen zu werden und sich durch die Klischees zu kämpfen.
Schwarz und Weiß sind nur zwei Farben, es sind keine Persönlichkeiten, es ist nur die natürliche Anpassung des Körpers auf das um ihn herum herrschende Klima, es gibt keine schlechten Nationen, es gibt nur schlechte Menschen, einzelne Individuen, die Klischees verbreiten. Idioten haben keine Nation.

In Indien hatte ich eine Heimat, denn hier war ich ein Ausländer, die Deutsche. Deutschland ist meine Heimat. Zurück in Deutschland bin ich wieder ein Ausländer, denn ich bin nicht vollkommen deutsch, aber auch keine vollkommene Russin.
Wir leben in einem Zeitalter der Völkerwanderungen, viele Menschen müssen sich eine neue Heimat suchen, auf der Flucht vor Armut, Diskriminierung, Ausbeutung oder Krieg. Deshalb finde ich es ganz wichtig, dass wir jedem eine Chance geben, sich von Klischees zu befreien. Das ist nicht einfach, und beide Seiten müssen daran arbeiten und dafür offen sein, doch es ist nicht unmöglich.
Ich hoffe & weiß, mit meinem Freiwilligendienst und durch die Rundbriefe habe ich einen winzigen Teil zur Völkerverständigung  beigetragen.

Es verletzt mich persönlich, wenn ich höre das jemand der noch nie in Indien war, behauptet das Land sei dreckig, die Menschen seien dreckig, arm und ungebildet.
Was sind wir dann? Um unseren gewissen Lebensstatus zu erreichen sind wir über Leichen und durch Kriege gegangen, wir sitzen auf einem Pulverfass, das jederzeit droht zu explodieren und unsere Gesellschaft zu zerspalten.

Arm bedeutet nicht, dass man unglücklich ist, ja man kann sich einen gewissen Lebensstandard nicht leisten oder muss jeden Cent zweimal umdrehen, aber heißt es direkt, dass der Mensch dann auch ungebildet oder unglücklich ist?
Das indische System lässt seinen Bürger Freiheiten. Freiheiten um selbst zu entscheiden, was jeder Einzelne aus seinem Leben macht, es gibt kein MUSS, natürlich hat es auch viele Nachteile, doch solange der Mensch mit seinem Leben zufrieden ist, ist es doch ok.

Der Fortschritt ist auch hier im vollen Gange, doch man kann keine Jahrtausende alte Kultur in wenigen Jahren ändern, es braucht Zeit und der wahre Inder lässt sich auch Zeit.
Leistungsdruck wird hier mit einer leichten indischen Lockerheit genommen. Denn im Gegensatz zu Gesetzen, die immer wieder neu beschlossen werden, beziehen sich die Menschen mehr auf die Fundamentalwerte, auf die Religion, die seit Jahrhunderten unverändert bleibt.

Wahrscheinlich liegt es auch an meinem Migrationshintergrund, dass ich nie ein Land nach seinem Ruf beurteile, denn genauso verletzte es mich, wenn mir gesagt wurde, dass alle Deutsche reich seien. Nicht alle sind es, auch in Deutschland gibt es Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen und um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.
Wir Menschen sind es selbst, die zu einem Klischee beitragen, denn was ist der meist gerufene Satz im Urlaub? “Ahh, mich kennt hier doch keiner !!’‘, und zuhause? Bist du etwa Frau Merkel, dass dich jeder kennt, was hält dich davon ab um 3 Uhr nachts lautstark ´´Atemlos´´ durch die Straßen zu rufen.

Es ist meine persönliche Meinung, die ich niemanden aufzwingen will, denn jeder ist im Stande sich selbst eine Meinung darüber zu bilden.

 

Der Abschied

Dies sind die Sisters, mit denen ich jeden Tag Seite an Seite gearbeitet habe und von denen ich lernen dürfte

Kurz vor meiner Abreise hatte ich Geburtstag. Als die Sisters davon erfahren haben, haben sie geschimpft, dass ich es nicht erwähnt habe. An diesem Tag fuhr ich das letzte Mal zum Meer, um den Augenblick festzuhalten und am Abend haben die Sisters ein besonderes Essen für mich organisiert und ein Ständchen gesungen. Auch die traditionelle Tortenverspeisung haben sie mit mir gemacht. Das sieht so aus: Jeder nimmt ein kleines Tortenstück und legt es mir in den Mund. Danach darf ich die Torte ganz aufschneiden und jedem ein Stückchen geben. Es war sehr schön und herzlich.

An meinem letzten Abend organisierten die Sisters wieder ein festliches Essen, es gab Suppe und Eis. Dabei hat jede Sister etwas zu mir gesagt, über mich und meine Arbeit, es war sehr emotional und herzergreifend, denn so viele liebe Worte habe ich noch nie gehört. Danach übergaben sie mir ein Abschiedsgeschenk in Form von Holzschnitzereien.
Nun war der Tag des Abschieds gekommen, den ganzen Tag klopfte jemand an meiner Tür, um mir noch etwas in meinen Koffer zu packen, ob Kuscheltiere oder Süßigkeiten.
Auch im Nachbardorf nahm mir die Näherin das Versprechen ab, dass ich an meinem letzten Tag zu ihr komme, damit sie mir etwas mitgeben kann. Sie sprach kein Wort Englisch, doch wir haben uns immer super verstanden.
Im Haus verteilte ich dann die Süßigkeiten an unsere Patienten, viele waren sehr traurig, eine Patientin ist in Tränen ausgebrochen und alle haben nur das eine gefragt „Wann kommst du wieder?“ und „Wir werden für dich Beten“. Es sollte ein glücklicher Tag werden, denn bald bin ich zuhause, doch denn ganzen Tag über war ich den Tränen nah. Mein Flug ging spät abends, so ließ ich es mir nicht nehmen, das von mir eingeführten Ritual durchzuführen und in jedes Zimmer bei meinen Damen ein letztes Mal „Good Night“ zu rufen.  Denn jeden Abend haben sie schon sehnsüchtig darauf gewartet und sogar den Satz auswendig gelernt, mit dem sie mich öfters nachdem ich sie ins Bett gelegt hattee in den Feierabend schicken wollten.
Im Hof habe ich mich dann von den restlichen Sisters verabschiedet und zur Erinnerung haben wir zahlreiche gemeinsame Fotos und Späße gemacht.

Meine Chefin Sister Sobah und zwei jüngere Sisters sind mit mir zum Flughafen gefahren. Am Eingang mussten wir uns verabschieden. Die ganze Fahrt über zum Flughafen habe ich mir tausende Gedanken gemacht, doch der größte war: Habe ich genug getan? Konnte ich wenigstens einem von meinen Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern? Hätte ich noch mehr machen können?
Sister Sobah hat wohl die Anspannung gemerkt und als wir uns verabschiedet haben, hat sie mich ganz herzlich umarmt und gesagt „Dankeschön, du warst die Beste, die Patienten lieben dich‘“, so als ob sie mit nur einem Satz all meine Frage beantwortet hätte.

Schon in Deutschland habe ich sie direkt angerufen, da sie sich Sorgen gemacht haben und alle Sisters waren am Telefon und haben gefragt wie das Wetter so in Deutschland ist, auch gewisse Zeit später haben wir nochmals telefoniert, sie erzählten mir wie es ihnen allen geht. Natürlich auch die weniger erfreuliche Nachrichten wurden mir berichtet, denn als ich das „Home of Love“ verließ wusste ich , dass wenn ich nach einiger Zeit zur Besuch komme, werden viele der Patienten schon tot sein. Wahrscheinlich viel mir der Abschied deshalb so schwer und meine Patienten wussten es auch.

Mit unseren Köchinnen am letzten Abend

 

Die Ankunft

Es ist alles so fremd, als ob ich nochmal in eine ganz neue Kultur eintauchen würde, wo bin ich?
Bin ich hier nur zur Besuch oder ist das mein Leben? Es ist alles so wie ich es verlassen habe, nichts hat sich verändert, doch mein Blickwinkel hat es. Ich bin früh am Morgen in Frankfurt gelandet, es war sehr kalt, grau und die Straßen so leise.
Nach Indien zu gehen war einfach, doch zurück zu kommen ist viel schwerer. Es ist schwer sich mit all dem was man hier gelassen hat wieder außereinander zu setzen, in den Alltag zu kommen. Immer wieder kam mir der Gedanke, vielleicht gab es gar kein Indien im meinem Leben, vielleicht habe ich das nur geträumt?
Doch wenn ich mir die Bilder anschaue, weiß ich, es war kein Traum. Es war mein Leben, dass ich nun nur in meinen Gedanken und Erinnerungen wiederbeleben kann. Es ist ein komisches Gefühl, doch auch da muss man durch, manche brauchen mehr Zeit dafür und andere wiederum weniger.

Fazit

Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich sehr wenig über das Essen oder die Feste geschrieben habe, wie schon in meinem ersten Rundbrief erwähnt habe.
Meine Priorität lag eher bei den Menschen, die ich kennenlernen und von jedem eine gewisse Weisheit mitnehmen durfte. Von meinen Sisters, den Priestern, unsere Patienten, Händlern,  Arbeitern, Studenten, Kindern und den flüchtigen Reisebegleitern: Jeder hat einen Teil dazu beigetragen, mein persönliches, buntes, indisches Puzzle zu vollenden.
Das Land ist bunt und vielfältig, es hat tausende Gesichter, doch es liegt ganz an dir, wie du die Zeichen für dich deutest.
Die einen kommen und verlieben sich und die anderen erinnern sich wie an einen Albtraum. Doch wer mit einem offenen Herzen und Verstand nach Indien reist, wird viel mehr mitnehmen können als nur paar schöne Fotos und einen Saree.

Eure Emma

Der Strand von Calicut in der Regenzeit