Indien: 1. Rundbrief von Klara Lenz

3 Monate bin ich nun schon in hier. 3 Monate voller Eindrücke, die wie im Flug vorbeigegangen sind. Vor weg möchte ich sagen, dass ich euch hier nur einen sehr kleinen Einblick in dieses Land geben kann, denn Indien ist unglaublich vielseitig, was bei der Größe und der Einwohnerzahl ja eigentlich nicht sonderlich verwunderlich ist.

Spaziergang in Viralimalai, meinem neuen Zuhause

Die ersten Tage – Alles anders, alles neu

Anfang August ging es nach langer Vorbereitung endlich los. Nach einer Woche voller Abschieden, flog ich von Frankfurt über Doha und Colombo nach Tiruchirappalli (oder auch abgekürzt: Trichy). Am Flughafen wurde ich von meiner Projektleiterin Gisela herzlich empfangen und wir fuhren direkt weiter Richtung Viralimalai, meinem neuen Zuhause für das nächste Jahr.
Meine Erinnerungen an die ersten Tage sind tatsächlich etwas verschwommen, was glaube ich daran liegt, dass es so viele neue Eindrücke auf einmal waren, dass mein Kopf sie gar nicht richtig verarbeiten konnte. Woran ich mich aber noch sehr gut erinnere, ist, dass ich mir oft vorkam wie ein kleines Kind. Im Grunde genommen fängt man bei Null an. Ich musste sehr viel neu lernen. Zum Beispiel zu essen, denn hier in Indien ist man mit den Händen (unabhängig davon ob man sich Besteck leisten kann oder auch nicht) und das ist leichter gesagt, als getan. Mittlerweile kann ich mir kaum noch vorstellen Reis mit Messer und Gabel zu essen, aber in den ersten Tagen war das eine echte Herausforderung. Das Essen schmeckt mir hier aber sehr gut. Reis ist eigentlich immer Bestandteil des Essens, wenn auch oft weiterverarbeitet in Dossai (vergleichbar mit Crêpes, nur aus Reismehl) oder Idli (gemahlener Reis, der gedämpft und zu kleinen Fladen geformt wird) . Dazu gibt es meist Cocunut- oder Tomatenchutney und/oder ein Curry, das meistens aus Zwiebeln, Knoblauch, Linsen und mehreren Gemüsesorten besteht. Das Essen ist eigentlich immer scharf, aber auch sehr, sehr lecker!

Eine weitere Sache, die ich neu lernen musste, war das Sprechen bzw. die Sprache. In dem Bundesstaat Tamil Nadu spricht man Tamil und wie ihr euch sicher denken könnt, hatte ich keine Vorkenntnisse. Auch jetzt nach 3 Monaten kann ich leider nicht sagen, dass ich die Sprache auch nur annähernd beherrsche. Einzelne Vokabeln habe ich schnell aufgeschnappt und mir eingeprägt, aber die Grammatik durchschaue ich noch nicht und so ist es natürlich schwierig richtige Gespräche zu führen. Außerdem sprechen ein paar meiner Mitbewohnerinnen gutes Englisch und die, die es nicht können, sollen es lernen, weswegen ich angehalten bin mit ihnen Englisch zu sprechen. Naja, ich gebe jedenfalls noch nicht auf und hoffe, dass ich euch im nächsten Rundbrief von einem Fortschritt berichten kann.

Neben dem Essen und der Sprache, war auch die Kleidung ganz neu für mich, denn hier trägt man als Frau nicht Jeans und T-Shirt, sondern Sari oder Churidar und somit habe ich mich auch in dieser Hinsicht angepasst. Bisher hatte ich einen Sari hatte erst einmal an und um ehrlich zu sein, bin ich froh, im Alltag Churidar tragen zu können, denn ein Sari sieht zwar wunderschön aus, erschwert aber das Laufen und jede andere Aktivität sehr. Churidars sind knielange Tops, die man mit Leggins oder einer weiten Hose und einem Schal kombiniert. Farblich müssen diese Teile im besten Fall perfekt aufeinander abgestimmt sein, weswegen man meistens Stoffe für ein ganzes Outfit kauft und mit diesen dann zum Schneider geht. Da ich den ganzen Tag über von Schneiderinnen umgeben bin (dazu später mehr), habe ich den Vorteil, dass meine Kleider direkt in meinem Zuhause geschneidert werden und ich mit Schokolade statt Geld bezahlen kann. Nach schönen Stoffen für neue Kleider zu suchen, macht mir viel Spaß, aber ich muss auch sagen, dass mich die Kleidung hier manchmal auch stört, denn als Frau ist man quasi verpflichtet sich anzupassen, während die Männer westliche Kleidung tragen dürfen, was ich nicht gerecht finde. Dies liegt allerdings auch daran, dass ich relativ ländlich lebe. In den großen Städten sieht man auch Frauen in westlicher Kleidung und man merkt, dass es sich zunehmend verbreitet.

Auch das Klima hier hat mir in den ersten Wochen viel Kraft gekostet. Bei meiner Ankunft waren es um die 40°C und mein Körper hat ein paar Wochen gebraucht um sich an diese Temperaturen zu gewöhnen. Aktuell ist aber Regenzeit, weshalb es ein bisschen abgekühlt ist. Dieses Jahr hat Tamil Nadu erfreulicherweise endlich nochmal ein bisschen Regen abbekommen, denn die letzten Jahre ist der Regen oft ausgeblieben, was zu enormer Wasserknappheit geführt hat. Die Menschen hier freuen sich natürlich sehr über den Regen. Momentan sind es tagsüber meist so um die 30°C und nachts 25°C. Mittlerweile bin ich so an die Temperaturen gewöhnt, dass ich nachts aufwache, weil ich friere.

Eine weitere Herausforderung war meine Registrierung hier in Indien. So verbrachte ich die ersten 3 Wochen vor allem damit, Dokumente zusammen zu suchen und zu Behörden zu fahren. Bei der Einreise am Flughafen habe ich gesagt bekommen, dass diese Registrierung innerhalb von 2 Wochen abgeschlossen sein muss, ansonsten muss man eine Strafe zahlen. Nach nur einer Woche war klar, dass dies unmöglich ist. Es gibt nirgendwo genaue Angaben, welche Dokumente benötigt werden und die Online-Anmeldung stürzte jedes mal ab, wenn ich versuchte mich einzuloggen. Dies kostete mich einige Nerven, aber ich lernte auch viel daraus, denn schnell wurde mir klar, dass Indien für jedes noch so aussichtsloses Problem eine Lösung bereit hat. Man muss nur manchmal ein paar Umwege nehmen um am Ziel anzukommen.
Das finale Dokument, welches meine Registrierung bestätigt, habe ich vor 2 Wochen erhalten, also 8 Wochen nach der Frist. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen wie groß die Freude war, denn theoretisch gesehen, darf ich ohne dieses Dokument meine Stadt nicht verlassen.

Nähzimmer – mein Projekt

Die meiste Zeit verbringe ich hier im Nähzimmer. Meine Projektstelle hat momentan 12 Frauen eingestellt, die hier Taschen, Tischdecken, Krabbeldecken, Schürzen und ähnliches anfertigen, die anschließend in Deutschland verkauft werden. Durch den Erlös werden die Frauen bezahlt und ihnen wird somit die Möglichkeit auf einen Arbeitsplatz unter fairen Bedingungen gegeben. Zusätzlich ist noch eine Lehrerin eingestellt, die Frauen aus der Umgebung das Nähen von traditionellen Kleidern beibringt, damit sich sich nach 6 Monaten selbstständig machen können.
Das restliche Geld wird in die Bildung von Kindern aus der Umgebung investiert. Zum Einen werden die Schul- und Collegegebühren von Kindern und Jugendlichen aus der Umgebung bezahlt und zum Anderen haben wir einen Nachhilfelehrer eingestellt, der nach der Schule den Kindern bei den Hausaufgaben hilft, denn viele Eltern sind Analphabeten.
Aktuell sind zusätzlich 5 Studentinnen hier untergebracht, die in der Nähe studieren, was für mich natürlich großartig ist, denn so ist im Haus immer was los und ich habe auch Leute meines Alters um mich. Außerdem habe ich dadurch hier mit meinen Mitbewohnerinnen und meiner Chefin eine richtige kleine Familie, weswegen das Heimweh bisher ausgeblieben ist.

Im Nähzimmer ist es meine Aufgabe neue Designs zu entwerfen und Stoffe rauszusuchen. Ich bin hier quasi als „Vertreterin des deutschen Geschmackes“, da sich der indische Geschmack schon deutlich vom Deutschen unterscheidet und die kulturellen Unterschiede sich eben auch darauf auswirken. So muss ich beispielsweise erklären, warum der Lebkuchenmann auf den Kinderschürzen braun sein muss, auch wenn sie pink für die schönere Farbe halten.
Die kreative Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Besonders der Prozess von der Idee in meinem Kopf bis zum fertigen Teil, das ich dann in meiner Hand halte, erfreut mich sehr. Wenn ich weniger zu tun habe, spiele ich mit den Kindern der Näherinnen, die wenn sie noch nicht in die Schule gehen, mit ihren Müttern zur Arbeit gehen. Ansonsten kümmere ich mich um die Website und versuche dort so oft wie möglich Fotos von den Dingen, die wir hier produzieren, hochzuladen. Jetzt da Weihnachten nicht mehr allzu entfernt ist, habe ich mit einer der Näherinnen Weihnachtskarten gebastelt, die ebenfalls anschließend in Deutschland verkauft werden.
Neben der Arbeit im Nähzimmer zählt es auch zu meinen Aufgaben bei der Nachhilfe am Nachmittag zu helfen. Da mein Tamil bisher aber noch nicht dazu ausreicht um bei Hausaufgaben zu helfen, spiele ich meist nur mit ihnen, wenn sie mit ihren Aufgaben fertig sind oder ich ziehe mich zurück und ruhe ein wenig. Gegen Abend geben ich dann zwei meiner Mitbewohnerinnen, wenn die Zeit es erlaubt, noch ein wenig Nachhilfe in Englisch. Theoretisch gesehen haben die beiden 12 Jahre Englischunterricht in der Schule gehabt, aber die Methoden in den Schulen sind hier teilweise so verkorkst, dass man Abitur machen kann ohne 2 grammatikalisch richtige Sätze formulieren zu können.

2 der Näherinnen bei ihrer Arbeit im Nähzimmer

Wenn ihr mehr über das Projekt und die Menschen dahinter erfahren wollt, besucht gerne mal unsere Website http://www.deepam-indien.de. Dort lade ich regelmäßig Fotos der neuen Designs hoch und ihr erfahrt, wo und wann man die hier hergestellten Näharbeiten kaufen kann.

Vorurteile

Eine Sache, die mich bereits vor meiner Ankunft hier sehr beschäftigt hat, waren die Reaktionen von Leuten aus meinem deutschen Umfeld, wenn ich erzählt habe, dass ich für ein Jahr nach Indien gehe. „Oh je, hoffentlich kommst du heil wieder“, „Nimm dich ja vor den indischen Männern in acht!“, „Alleine als Frau nach Indien ist aber ganz schön gefährlich.“. Ich nehme diese Kommentare niemandem übel, denn sie sind nur ein Produkt der negativen Berichterstattung unserer Medien.  Aber es ärgert mich trotzdem, weil dieses negative Bild diesem Land und seinen Menschen nicht gerecht wird. Denn die Herzlichkeit und Offenheit mit der ich hier Empfangen wurde, überwältigt mich auch nach drei Monaten noch.
Aber ja, es gibt hier vieles, das mich stört. Viele Frauen werden von ihren Männern unterdrückt, Kinder werden geschlagen, gute Bildung ist oft sehr teuer und es gibt keine wirkliche Abfallentsorgung. Gleichzeitig ändert sich aktuell aber auch viel und ich denke, dass man eine Kultur immer in ihrem eigenen Kontext sehen muss. Deutschland mit Indien zu vergleichen oder das Eine an Hand des Anderen zu bewerten, macht in meinen Augen keinen Sinn, denn die Faktoren, die eine Kultur prägen, sind teilweise historisch oder auch geographisch verankert und somit nicht zu beeinflussen. Das heißt nicht, dass diese Faktoren sich nie ändern werden, aber man kann sie eben nicht von heute auf morgen ändern, denn Fortschritt und Veränderung ist immer ein Prozess, der eben seine Zeit braucht. Mir ist es wichtig, dass in Deutschland eben nicht nur Geschichten von Vergewaltigungen, Korruption und Kriminalität ankommen, sondern das Indien ein Land ist, das man problemlos bereisen kann und das viele tolle Orte und Menschen hat. Hier funktioniert vieles anders, was für uns teilweise schwer zu verstehen ist. Deutschland hat für alles ein System. Ob es der Straßenverkehr oder das Bahnnetz ist. In Indien muss man vieles erst erfragen, aber dafür kann man darauf vertrauen immer und überall Hilfe zu bekommen, denn wenn man einem Inder nach dem Weg fragt und er es selber nicht weiß, sagt er zu dir nicht „Sorry, da kann ich dir nicht helfen“, sondern er fragt solange mit dir weiter bis du weißt, wo du lang musst. Im Bus werde ich gefragt, wo ich hin möchte, weil die Leute sichergehen wollen, dass ich auch im richtigen Bus sitze und wenn ich auf einer längeren Fahrt einschlafe, weckt mich der Fahrkartenkontrolleur rechtzeitig. Dieses Vertrauen in die Mitmenschen sorgt dafür, dass ich mich hier nie unsicher fühle und ich finde, das ist etwas von dem Deutschland sich eine Scheibe abschneiden könnte.
Positive Reaktionen auf meine Entscheidung ein Jahr nach Indien zu gehen, habe ich übrigens meistens von Leuten bekommen, die bereits schon einmal hier waren und das spricht doch für sich.

Ich habe das Gefühl, viele Themen nur oberflächlich angekratzt zu haben, aber ich dachte ein allgemeiner Überblick wäre für den Anfang am besten und es folgen ja noch weitere Rundbriefe, in denen ich auf diese Themen erneut eingehen werde. Ich denke, ihr merkt, dass ich mich hier sehr wohl fühle und wie gut es mir hier gefällt. Ich hoffe die nächsten 3 Monate verfliegen nicht so schnell wie die letzten, sonst bin ich früher wieder Zuhause, als mir lieb ist.

Liebe Grüße,
eure Klara

Besuch eines Tempelelefanten in meiner Stadt