Bolivien: 1. Rundbrief von Simon Ames

Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist es schon mehr als zwei Monate her, dass ich meinen Weg nach Bolivien und damit meinen Freiwilligendienst angetreten habe.

Wobei es eigentlich schon mit der Vorbereitung begann, die im Herbst 2016 mit einem ersten Orientierungswochenende und im weiteren Vorbereitungsseminaren startete. So möchte ich Ihnen/Euch von meinem ersten Eindruck und meinen bisherigen Erfahrungen berichten.

In Luxemburg begann die Reise für mich undacht weitere Freiwilligen von SoFiA e.V. über Madrid und Bogota nach La Paz am 6. August.In Bogota stießen weitere 11 Freiwillige vom Bistum Hildesheim zu unserer Gruppe hinzu. Mit dem Start des Flugzeugs wurde es dann ernst, da nun die Trennung von Freunden, Bekannten und der Familie für ein Jahr absolut real wurde. Mit zwei Zwischenstopps, ein wenig Hektik in Bogota und fast einen Tag später, kamen wir gegen drei Uhr morgens Ortszeit (sechs Stunden hinter MEZ) am Flughafen in El Alto an.

Ankunft in La Paz

Ziemlich müde und überwältigt von der Reise, wurden wir von der Partnerorganisation Comissión de Hermandad am Flughafen in El Alto empfangen und von zwei Bussen abgeholt. Hierbei handelte es sich jedoch nicht wie in Deutschland um geräumige Busse mit Stauraum für Gepäck, sondern um zwei Minibusse, wie sie in Bolivien üblich sind. Ohne Sicherheitsgurte und mit wenig Platz ging es zusammengequetscht, jedoch voller Vorfreude auf alles, was noch kommen sollte, vom Flughafen in die Zona Sur (Südliche Zone von La Paz), wo wir als Gruppe eine Woche lang gemeinsam nochmals landesspezifische Gegebenheiten besprachen, viele Informationen erhielten und organisatorische Dinge klärten. Es glich einem kleinen Wunder, dass alle einen Platz bekamen und das Gepäck heile am Ziel angekommen ist.

Vollbeladener Minibus am Flughafen von El Alto

Die erste Woche

Die ersten fünf Tage verbrachten wir, 20 Freiwillige von der Diözese Trier und Hildesheim, zusammen im Santuario Schönstatt auf fast 3500m. Die Höhe machte sich zunächst durch schnelles Erschöpftsein oder dadurch, dass man bereits nach ein paar Treppenstufen stark am atmen war, bemerkbar. Glücklicherweise hatte ich keine größeren Beschwerden, lediglich, wie der Geschäftsführer der Hermandad es zutreffend beschrieben hat, „merkte ich, dass ich einen Kopf habe“. Mithilfe von unter anderem Coca-Tee und Zeit kam ich damit jedoch gut klar und gewöhnte mich langsam an die Höhe.

Gruppenfoto aller Freiwilligen mit zwei Mentorinnen der Hermandad

Meine Zeit in La Paz

Am Ende unseres Seminares ging es für alle Freilwilligen in die Stadt ihres Sprachkurses. Da sich mein Projekt in der Nähe von La Paz befindet, blieb ich dort und wurde von meiner Gastmutter abgeholt und herzlich empfangen. Ich durfte für die drei Wochen des Sprachkurses bei ihr in Alto Obrajes (Ein Stadtteil von La Paz) wohnen und bin immer herzlich eingeladen vorbeizuschauen. Hier war ich leider oftmals ziemlich alleine, da nur noch ein Sohn bei ihr mit im Haus wohnt und beide sehr oft außer Haus waren. Aufgrund dessen habe ich mich dann schnell auf eigene Faust aufgemacht und die Umgebung erkundschaftet. Natürlich, wie könnte es in La Paz anders sein, waren wie so gut wie  an jedem Tag bloqueos (Blockaden). Wie der Name schon verrät, werden Straßen auf diese Weise blockiert und unpassierbar durch Demonstrationen, sei es durch Sitzblockade oder einen Marsch der protestierenden Bevölkerung. So kann es auch passieren, dass große Teile der Stadt nur noch zu Fuß erreichbar sind und der restliche Verkehr sich quasi gar nicht mehr bewegt. Die Stadt ist dann schnell mal für eine unbestimmte Zeit lahmgelegt.

Blockaden auf den Straßen von La Paz

Nun hatte ich mit drei weiteren Freilligen meinen Sprachkurs, begann nach und nach mehr zu verstehen und reden zu können und erkundete die Stadt mit ihren vielen Facetten. Auf den ersten Blick erscheint sie wohl sehr eintönig, da alle Häuser aus dem gleichen Ziegelstein gebaut sind und keine Pflanzen auf der Höhe der Stadt gedeien (ca. 3500 – 4000 müNN). Begibt man sich jedoch in die Straßen und Gassen erkennt man eine gewisse Vielfalt, die herrscht. So gibt es unzählige Märkte und kleine tiendas (Geschäfte), wo man alles bekommt. Vom neuen Schuh über Lebensmittel bis hin zu Baumaterial und allem nur erdenkbarem wird angeboten. In der Stadt selbst bewegt man sich meist mit dem Minibus fort. Möchte man einsteigen, winkt man nett mit dem Arm und gibt dem Fahrer Bescheid, wenn man aussteigen möchte. Haltestellen? Fehlanzeige! So etwas gibt es nur bei den großen La Paz Bussen, die jedoch nicht im Zentrum direkt fahren. Eine weitere beeindruckende Fortbewegungsmöglichkeit in La Paz ist die teleférico (Seilbahn). Sehr praktisch um quer durch die Stadt eine große Distanz zurückzulegen. Zudem bekommt man einen gigantischen Ausblick geboten, wenn man sich beispielsweise mit Hilfe derselben in das höher gelegene El Alto begibt.

Diese drei Wochen Sprachkurs gingen wie so vieles schneller vorbei als man gucken konnte. So war es dann auch schon Zeit, mich von meiner Gastfamilie zu verabschieden und mich in meine Projektstelle in Coroico zu begeben.

Mein Projekt

Während meines Sprachkurses hatte ich die Möglichkeit, einen Vorbesuch in mein Projekt zu machen, um schonmal einen ersten Kontakt zu knüpfen. So wurde ich von meinem Chef, Padre Freddy (Pfarrer), abgeholt und fuhr mit ihm, einem weitern Pfarrer (was ich erst später herausfand, dass es sich ebenfalls um einen Pfarrer handelt, der zudem auch noch mein eigentlicher Chef  in meinem Projekt ist) und dem Bischof von Coroico nach Coroico. Eine Autofahrt mit dem Bischof hat man auch nicht alle Tage. So begab ich mich auf eine dreistündige Fahrt von La Paz hinauf auf bis zu ca. 5000m hinunter nach Coroico auf angenehme 2000m.

Da die Hinfahrt in der Nacht war, konnte ich mir noch keinen Eindruck von der Umgebung und der Natur machen. Jedoch fiel mir während der Fahrt auf, dass die Luft nicht mehr so kalt und trocken wie in La Paz war, sondern dass ein Geruch nach Pflanzen und Wasser sich breit machte. Klingt vielleicht seltsam, betrachtet man aber den Ausblick, der sich mir am nächsten Morgen bot, erklärt sich dies:

Aussicht auf das Gebirge um Coroico
Aussicht auf das Gebirge um Coroico

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Coroico, eine Stadt die etwas kleiner ist als mein Heimatort Nittel, liegt nordöstlich von La Paz in den Yungas. Grüner Wald so weit das Auge reicht. Ein weiterer Unterschied zu La Paz sind die Straßen. In Coroico ist noch alles gepflastert, begibt man sich jedoch aus der Stadt raus, handelt es sich nur noch um sehr holprige, festgefahrene und staubige Straßen.

Holprige Straßen rund um Coroico

Mein Projekt ist die UAC – CP, die Unidad Academica Campesina – Carmen Pampa. Eine Uni für die ländliche Bevölkerung in dem Nachbarort Carmen Pampa (ca. 20 Minuten Fahrt von Coroico). Hier können die Studenten Agronomia (Landwirtschaft), Educación (Schulwesen), Veterinaria (Tiermedizin), Turismo (Turismus) und Enfermeria (Krankenpflege) studieren. Aufgeteilt auf zwei Campi haben die Studenten hier die Möglichkeit, auf sehr praktische Art und Weise im Campo (auf dem Feld), im Centro de Salud (Gesundheitszentrum) und unter anderm dem porqueriza (Schweinestall) ihre gelernte Theorie direkt anzuwenden. Geht man zu Fuß von einem zum anderen Campus muss man ca. 200 Höhenmeter zurücklegen, da überlegt man sich schnell zweimal, ob man nicht zwei Bolivianos ( ca. 25 Cent) zahlen möchte, um einen Minibus oder Minivan zu nehmen. Auf dem Campus Leahy (höhergelegener Campus) wohne ich in einer sehr geräumigen Wohnung alleine. Weitere Freiwillige aus den USA leben auf dem Campus Mannhing (tiefergelegener Campus) zusammen in einem Haus. Obwohl ich die Möglichkeit hätte, mir mein eigenes Essen jeden Tag zu kochen, nehme ich doch gerne die Coorperativa (Speisesaal der Uni) in Anspruch, zumal beim gemeinsamen Essen trotz noch vorhandener Sprachbarriere nette Unterhaltungen mit den Studenten zustande kommen und ich doch schon genug damit zu tun habe, meine Wohnung in Stand zu halten.

Nun bin ich seid fünf Wochen in meinem Projekt und hab schon einiges erlebt. Eines der wohl wichtigsten Ereignisse an der UAC-CP sind definitiv die intercarreras. Hierbei handelt es sich um Wettkämpfe zwischen den Studiengängen. Von gewöhnlichen Sportarten über Theater bis hin zu Concurso de Disfraces (Kostümwettbewerb), hierbei haben die Studenten riesige Monster oder Roborter gebaut und vorgeführt.

Entsprechend der vielen Bereiche in denen sich gemessen wurde, dauerten die intercarreras fünf Tage lang von morgens 7 bis tief in die Nacht hinein. Dementsprechend anstrengend waren diese Tage auch für mich. Nicht nur weil ich für Turismo im Basketballteam mitspielte, hatte ich sehr interessante und begeisternde Tage. Impressionen der intercarreras:

Ich mit dem Masskottchen der Veterinaria-Studenten
Volleyballspiel der Intercarreras

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Höhepunkte für mich waren einerseits ein Tanz, den ich mit anderen Freiwilligen aus den USA aufführte, als auch ein traditionelller Tanz mit den Administrativos (den Angestellten der Uni) am finalen Tag der Wettkämpfe. Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich nicht der Tanzfanatiker bin. Nachdem wir ihn ein einziges Mal geübt haben, bekam ich dann doch Gefallen am Morenada (So heißt der Tanz) und hatte viel Spaß bei unserer Prozession und anschließender Vorführung. Die Prozession mit verschiedenen Trachten ging tanzend eine Straße entlang und führte auf den Sportplatz, wo wir nochmals eine Runde als Präsentation des Tanzes drehten. Mit den Kilos mehr auf den Schultern und in der prallen Mittagssonne war dies dann doch deutlich anstrengender als in der Probe. Davon ließ sich jedoch keineswegs der Spaßfaktor mindern.

Ich mit Administrativos in Morenada Tanztracht

Zu meiner Arbeit an der Universität kann ich noch nicht allzuviel erzählen. Circa die Hälfte der Zeit arbeite ich in der Bibliothek und zur anderen Hälfte arbeite ich mit Don Edgar, einem Angestellten der Uni, zusammen. In der Bibliothek ist die Arbeit meistens sehr eintönig. Glücklicherweise weiß ich inzwischen, was ich abseits von Kopieren und Bücher ausleihen noch arbeiten kann. Auch die Arbeit mit Don Edgar ist sich noch am entwickeln. So arbeite ich meist mit den Studenten auf den Feldern oder auf dem Unigelände zusammen, jedoch gibt es häufig für mich auch nichts zu tun. Hierbei merke ich häufig, dass viel davon abhängt, wie gut man kommunizieren kann, jedoch grade zu Beginn und auch jetzt noch mir leider viele Wörter wie „ein Hammer“ auf Spanisch fehlen und ich häufig nicht verstehen kann, was mir mitgeteilt wird. Dies wird sich voraussichtlich ja in relativ naher Zukunft ändern.

 

Als weiteren Teil meiner Projektstelle arbeite ich jeden Montag in der Grundschule San Pedro in Coroico. Dort unterstütze ich in Kleingruppen Kinder beim Lesenlernen, helfe einer Lehrkraft im Computerunterricht und bin im Chor tätig.

Auch hier wurde ich herzlichst empfangen. Mein Tag beginnt zuerst mit einer formación, heißt einer Formation aller Schüler auf dem Schulhof als Klassenverband. Hierbei wird die bolivianische Flagge gehisst, während alle Schüler die bolivianische Hymne singen. Zudem wird meistens von einer Gruppe von Schülern etwas vorgetragen. So zum Beispiel Lieder vom Chor oder ein kurzes Theaterstück von einer Gruppe von Schülern. Diese Arbeit ist für mich meistens sehr anstrengend und ein absolutes Neuland, da ich vorher noch nie in einem solchen Bereich tätig war, und benötige noch einige Zeit um mich hier einzuarbeiten. Dennoch ist es eine tolle Erfahrung, wie mich alle Schüler herzlichst empfangen und aufgenommen haben. Ohne Vorurteile oder Hemmnisse kommen sie auf mich zu.

Formation der Schüler in beim Morgenapell

So viel soll es von mir in meinem ersten Rundbrief gewesen sein. Ich hoffe, ich konnte ein realistisches Bild übermitteln, dass es sehr interessante Erfahrungen gibt, jedoch auch gleichermaßen weniger schöne Momente. Außerdem ist es mir unmöglich, alle Erfahrungen in diesen Rundbrief einzupacken, wie Geburtstage von unter anderem Padre Freddy und anderen Freiwilligen, Prozessionen zu Ehren von der Patronin von Coroico (kommt im nächsten Rundbrief) und mehr, ich hoffe jedoch, dass ich einen vielseitigen Einblick vermitteln konnte.

Ich wünsche Ihnen und Euch noch einen schönen restlichen Herbst.

Bis spätestens zum nächsten Rundbrief in circa zwei Monaten.

Muchos Saludos

Simon

Weitere Bilder:

Berg bei la Paz
Am Rande eines Mercados in den Straßen von La Paz
Ein Rio in der Nähe von Coroico
UAC links Administrationsgebäude rechts u.a. Schlafsäle
Virgen de la Candelaria Patronin von Coroico (mehr dazu im nächsten Rundbrief)