Rumänien- 3. Rundbrief von Lena Jahn

Hallo lieber Soli-Kreis!

Es wird endlich Zeit für den nächsten Rundbrief, in welchem ich euch von meiner Zeit von Mitte Februar bis Mitte Mai teilhaben lassen möchte.
Vorab möchte ich noch sagen: Seit dem letzten Brief ist mir aufgefallen, wie schwer es mir manchmal fällt, meine Eindrücke zu formulieren, ohne dass dadurch eventuell ein verzerrtes Bild von Rumänien entstehen könnte. Und das möchte ich auf keinen Fall. Deshalb dauert es auch manchmal mit den Rundbriefen so lange, da ich am liebsten jede gewonnene Erfahrung eloquent und differenziert wiedergeben will. Darum möchte ich hier einfach nochmal betonen, dass meine Eindrücke aus meinem Leben hier in Târgu Mures alle subjektiv sind und nicht auf ganz Rumänien bezogen werden können. Gerade beim Austausch mit anderen deutschen Freiwilligen in Târgu Mures merke ich immer wieder, wie individuell all unsere Erlebnisse und Erfahrungen sind und wie sehr sie von Einsatzstelle, Unterkunft und eigenem Empfinden abhängen.
Naja, das vorab. Jetzt ganz viel Spaß beim Lesen!  🙂

Das Zwischenseminar
Mitte Februar stand das Zwischenseminar an und so brach ich auf nach Sighişoara, eine Stadt in Rumänien, die etwa eine Stunde von Târgu Mures entfernt liegt. Dort verbrachte ich mit fünf weiteren deutschen Freiwilligen und zwei Teamern eine Woche im Kolping-Haus direkt in der malerischen Altstadt von Sighişoara. Nicht nur konnte ich bekannte SoFiA-Freiwillige wiedersehen, die aktuell ihren Dienst in Rumänien und in der Ukraine absolvieren, sondern auch noch zwei weitere deutsche Bosnien-Freiwillige kennenlernen. Themen wie die Aufbereitung der vergangenen Zeit, interkulturelle Kommunikation, die Zukunft im Projekt und in Deutschland, sowie Planung des Abschieds standen auf der Agenda. Eine kleine Wanderung war auch Teil des Programms. 🙂

Diese Woche konnte ich gut nutzen, um Erfahrungen mit anderen Freiwilligen auszutauschen und auch um mit einem gewissen Abstand zum Projektalltag  die vergangene Zeit zu reflektieren, was beides richtig gut tat. Außerdem konnte ich mir viele Dinge überlegen, die ich in naher Zukunft gerne noch verändern und umsetzen möchte.
Mit einer langen Ideen- und -To Do-Liste und schönen Erinnerungen an eine lustige Truppe ging es dann wieder zurück nach Târgu Mures. 🙂

                                 

       

Impressionen: (v.l.o.) das Kolpinghaus; die Altstadt, unsere Aufschriebe;
die Seminar-Gruppe ¯\_(ツ)_/¯

Exemplare der Märzchen

Von Feiertagen und Traditionen
Als  ich nach ein paar Tagen Caritas-Arbeit wieder in meinem Alltag in Târgu Mures zurückgefunden hatte, war der kommende Monat März geprägt von sehr vielen besonderen Feiertagen, über die ich gerne etwas erzählen möchte: Es begann mit dem ersten März. An diesem Tag bekommen meist Frauen von Familienangehörigen und Freunden ein Märzchen (rumänisch: mărțișor) geschenkt, also einen Anhänger mit Symbolen wie  Hufeisen, Schornsteinfeger oder Kleeblatt, befestigt an einer rotweißen Schnur.
Diese Tradition soll den Frühlingsbeginn einläuten und zollt der  Beschenkten Anerkennung, Freundschaft und Bewunderung. Der Anhänger wird dann meist zwei Wochen getragen und soll der Trägerin Glück bringen. Diese Geste fand ich sehr süß und die Glücksbringer haben ihren Zweck des Glückbringens selbstverständlich erfüllt. 🙂

Weiter ging es am achten März, dem Weltfrauentag, der hier in Rumänien mehr gefeiert wird als in Deutschland. Es werden meist Pralinen und Blumensträuße an weibliche Freunde und Familienmitglieder überreicht. An diesem Tag sah man in der Innenstadt wirklich jede Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand! 🙂 Dem Fakt, dass ich bis dato die einzige war, die noch keinen in der Hand hielt, wurde schnell Abhilfe geschaffen, denn die Senioren aus meiner Deutsch-Nachhilfe-Gruppe beglückwünschten mich bei unserer Stunde mit einem Strauß Tulpen und Schokolade.

Bei der Deutsch-Nachhilfe

 

Und dann war auch noch Ostern, für das ich von meiner Nachhilfelehrerin zum Ostereierfärben eingeladen wurde ( siehe Bild unten).
Eine weitere  typisch ungarische Ostertradition, von der ich euch erzählen möchte, ist das sogenannte Wassergießen (Ungarisch: locsolkodás ).
Frauen und Mädchen werden dabei an Ostermontag von jungen Männern, meist aus ihrer Verwandtschaft, besucht, und mit Wasser begossen. Die Männer bekommen dafür ein schön bunt bemaltes Osterei von ihnen geschenkt. Auf dem Land werden die Frauen, welche für diesen Tag ihre traditionellen Kleider tragen, noch mit einem ganzen Eimer Wasser begossen, in eher städtischen Regionen sind es meist Parfümspritzer. Die Symbolik ist, dass die Schönheit der Mädchen mithilfe des Wassers nicht verwelken, sondern blühen soll. Außerdem hat jedes Mädchen in ihrem Garten oder an der Haustür einen kleinen Maibaumzweig, an dem Osterdeko aufgehängt wird.

 

Mit speziellen Wachsstiften (rechts unten) verzierte Ostereier. Für weitere Eindrücke und imposantere Verzierungen einfach mal hier klicken! 🙂

Da auch hier in Rumänien mittlerweile wieder wärmere Temperaturen herrschen, beginnt auch wieder die Zeit der Feste und Freilichtkonzerte in Târgu Mures. Am Wochenende gibt es oft Konzerte ungarischer und rumänischer Bands wie Irie Maffia, Hallót Penz oder die Damian Draghici & Brothers Band (Hört doch gerne mal auf YouTube rein, wenn ihr ein paar meiner Ohrwürmer kennenlernen wollt 🙂 ).
Das wollte ich euch deshalb erzählen, weil ich auf dem Festtagsgelände oft neue Menschen kennenlernen kann, aber auch Altbekannte wiedertreffe und in solchen Momenten nicht mehr das Gefühl habe, so komplett fremd zu sein in dieser Stadt, wie noch vor einem halben Jahr; ein schönes Gefühl.
Und dazu kann man noch abends bei warmen Temperaturen zu guter Musik tanzen –Gefällt mir!

Neues im Projekt
Wie ich es mir im Zwischenseminar überlegt habe, wollte ich gerne neue Ideen in die Tat umsetzen und ausprobieren. Dazu

bei der Englisch-Nachhilfe

gehört, dass ich einmal im Monat Kindern spielerisch Englisch-Nachhilfe gebe. Nicht nur die Kinder scheinen dabei Spaß zu haben, auch ich finde Freude dabei, verrückt durch den Raum den ,,Hokey Pokey‘‘-Dance zu tanzen oder meine Sockenpuppe ,,Andrew‘‘ mitzubringen!

Was ich auch endlich umgesetzt habe, ist meine Gitarre mehr einzusetzen und für und mit den Kindern zusammen sowohl ungarische als auch deutsche Kinderlieder zu singen. Eine Aufgabe, die mir super gefällt!

Außerdem arbeite ich nun jeden Mittwochvormittag mehr mit  Kindergarten-Kindern zusammen in Csejd, einem Dorf, was nochmal viel ländlicher geprägt ist, als die anderen Einsatzstellen.

bei einem NGO-Umzug durch die Stadt

Zudem kam Anfang März Tamara als

zusätzliche Kraft ins Roma-Projekt. Sie war 2013/14 deutsche Freiwillige hier in Târgu Mures. Sie studiert soziale Arbeit und ist nun für ihr Praxis-Semester für ein halbes Jahr nach Târgu Mures zurückgekehrt.
Ich freue mich sehr, sie nun an zwei Tagen unter der Woche sehen zu können und in meinem Kollegium dabei zu haben. Da ich selbst keine direkte Vorfreiwillige hatte, bin ich sehr froh über jeden Tipp, den sie für mich hat im Bezug auf die Projektarbeit, Studiumsbeginn etc. ( Grüße an Dich Tamika, wenn du das liest! ).
Ansonsten gibt es ab und zu an den Wochenenden Caritas-Aktionen, bei denen ich dabei sein und mithelfen darf. So zum Beispiel letztes Wochenende beim Kinderschminken am Caritas-Markt-Stand.

Mitte Mai kam dann noch meine eventuelle Nachfolgerin Rahel zu ihrem Vorbesuch nach Rumänien.
Für vier Tage hat sie mich in meinem Projektalltag begleitet, um verschiedene Caritas-Arbeitsbereiche kennenzulernen. Auch wenn ich zuerst ein mulmiges Gefühl hatte, meinen jetzigen Kollegen meine baldige ,,Ablösung‘‘ vorzustellen, überwog doch das Gefühl von Freude und Dankbarkeit gegenüber dem Projekt, den Leuten und dem Land. Neben der Verköstigung traditioneller Gerichte, dem Besuch einer Tanzkursstunde und einer Wanderung lag mir viel daran, Rahel möglichst viele Tipps zu geben, um ihr hier ab August einen leichten Start zu ermöglichen. Wir haben uns direkt gut verstanden und ich freue mich, sie im August wiederzutreffen! 🙂

Mit Rahel und Renate in der Thorenburger Schlucht! – endlich wieder raus in die Natur!

Internationaler Roma-Tag

Ein wirkliches Highlight ereignete sich für mich an zwei Apriltagen.
Anlässlich des Internationalen Roma-Tages, am 6. April, wurde in den Dorfhallen von Csejd und Marosszentgyörgy Roma-Feste organisiert, wobei unter anderem auch die Caritas mithalf.
Nachdem meine Kollegen und ich die Halle geschmückt hatten, begann die Feier. Es gab zuerst einen kleinen Gottesdienst, dann einen Kurz-Film über die Geschichte der Roma und anschließend wurde noch die Roma-Hymne angestimmt. Gegen Ende wurde traditionelles Gebäck verteilt ( sowas ähnliches wie Quarkbällchen) und sehr lange zu traditioneller Musik getanzt, mein Lieblingspart des Tages.
Es war ein wirklich toller Anblick, Frauen und Männer in ihren traditionellen Trachten zu sehen, die Frauen meistens mit bunten langen Röcken, die Mädchen mit ihren geflochtenen Zöpfen und die Männer in ihren Hemden und Westen.
Ich bin immer noch fasziniert, weil ich an dem Tag nochmals einen neuen Einblick in die Roma-Kultur bekommen habe.  Ich bin ganz ehrlich, ich wusste weder, dass es eine eigene Roma-Flagge oder Hymne gibt, noch dass Verwandte von Charlie Chaplin oder Pablo Picasso Roma gewesen sein sollen.
Worüber ich seitdem auch immer wieder nachdenke, ist die Frage, ob man das Wort ,,Zigeuner‘‘ heute noch benutzen darf oder nicht. Auf der einen Seite wird oft gesagt, es sei ein verunglimpfendes Schimpfwort, auf der anderen Seite sehen manche Roma die Bezeichnung ‘‘Sinti und Roma‘‘ als scheinheilig und beleidigend an und sind stolz, ,,Zigeuner‘‘ zu sein. Eine Antwort kann und will ich nicht geben, das würde den Umfang dieses Rundbriefs sprengen.
Ich kann euch nur einladen, dieser Fragestellung doch auch mal genauer nachzugehen! 🙂

 

Roma-Flagge und Hymne; die geschmückte Bühne;
Für weitere Impressionen, klickt gerne hier auf die weiterführenden Links:

http://www.caritas-ab.ro/hu/csejdi-roma-nap#overlay-context=user

http://www.caritas-ab.ro/hu/roma-nap-marosszentgyorgyon-0

https://www.facebook.com/CaritasAB/


Armut und soziale Ungerechtigkeit
Ein Thema, worüber ich oft aus Deutschland Fragen erhalte, ist, ob die Menschen hier sehr arm sind, und wie ich damit umgehe. Ich habe mich lange gesträubt, darüber Aussagen zu treffen, weil ich nicht wusste, wie und weil die Definition von Armut ja auch nochmal ein Thema für sich ist.
Das einzige, was ich sagen möchte ist:
Ja, ich werde mit diesem Thema konfrontiert, aber im gleichen Maße wie mir auch in Deutschland soziale Ungleichheit und Armut auffällt. Ich sehe Menschen hier im Müll vor meiner Haustür wühlen, manche Häuser, vor allem auf den Dörfern, haben keine Abwasserleitung und keine Toiletten.
In manchen Einsatzstellen gibt es an manchen Tagen kein fließendes Wasser.
Ich als Freiwillige verdiene mit meinem monatlich gestellten Taschengeld außerdem fast  genauso viel wie meine Arbeitskollegen, die ausgebildete Fachkräfte sind.
Mal gibt es Tage, da habe ich mich an diese Umstände gewöhnt und blende es aus, aber öfter bin ich doch immer wieder frustriert und verstehe diese Ungerechtigkeit nicht.

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So, das war es wieder von mir. Ich weiß, der Brief ist etwas ausführlicher geworden, da ich aber bis zu meiner Ausreise Mitte August wahrscheinlich nur noch einen weiteren schreiben werde, sollte dieser etwas länger werden und auch mehr Bilder enthalten, damit ihr auch länger was davon habt. 🙂
Ich bin aktuell sehr viel beschäftigt. Meine Familie kam letzte Woche zu Besuch, der internationale Kindertag steht vor der Tür und ich habe glücklicherweise seit ein paar Monaten nochmal mehr Bekanntschaften innerhalb und außerhalb der Arbeit gemacht, das heißt ich bin auch nachmittags öfter irgendwo eingespannt, worüber ich sehr froh bin.
Natürlich rückt auch das Thema Studium und Wohnungssuche mehr in den Vordergrund und auch ein Rückreisedatum muss bald gefunden werden. Aber erstmal freue ich mich noch auf das, was kommt und versuche die restliche Zeit hier zu genießen.
Kaum zu glauben, dass es nur noch drei Monate sind!
Immer wieder denke ich an euch in Deutschland und bin dankbar für eure Unterstützung und lieben Worte!

Liebste Grüße / Salut und Sziasztok,

Lena 🙂

Über Lena Jahn

Hallo! Mein Name ist Lena Jahn, ich bin 20 Jahre alt und ich mache aktuell ein Auslandsjahr in Rumänien und helfe als Freiwillige in der Caritas in Târgu Mures. Bei Fragen oder Anregungen zu meinen Rundbriefen, sendet mir gerne eine E-Mail an lenijahn97@gmail.com.