Jordanien: 4.Rundbrief von Charlotte Kaspar

einige Schüler der sechsten Klasse im traditionellen Gewand nach ihrem Auftritt an der Schulfeier

Hallo,
zu meinem vierten und letzten Rundbrief!

In wenigen Tagen ist mein Jahr als Freiwillige in Jordanien schon zu Ende und es geht wieder zurück nach Deutschland. Zuvor möchte ich euch von den letzten drei Monaten erzählen, in denen ich noch viel Neues erlebt habe…

Projektwechsel, Umzug nach Amman

Ende April habe ich nach langem Überlegen die Entscheidung getroffen, mein Projekt in Anjara zu verlassen. Die Unstimmigkeiten, die sich nicht lösen ließen, waren vor allem durch einen Wechsel der Priester entstanden. Die Arbeit in der Schule und mit den Kindern hat mir durchweg Freude bereitet, sodass es mir auch wahnsinnig schwer fiel, diese sowie die gesamte Gemeinde zu verlassen. Ich war schließlich schon neun Monate in dem Projekt und war auch mit der Einstellung gekommen, dort ein volles Jahr zu bleiben. Doch wusste ich, dass ich unter den entstandenen Umständen nicht noch drei weitere Monate im Projekt bleiben wollte und konnte, vor allem durch die Tatsache, dass ich im Projekt gewohnt habe.
Dass ich trotzdem ein Jahr in Jordanien bleiben wollte, war mir allerdings die ganze über Zeit klar.
Darum war der Abschied nicht für ewig und die Distanz zu meinem neuen Projekt nicht groß. Für die meisten meiner Vertrauten vor Ort war die Entscheidung auch verständlich und so bekomme ich immer noch gesagt, dass ich vermisst werde. Es war auch nicht leicht, neue Motivation zu schöpfen und sich auf etwas Neues zu freuen. Denn zu der Zeit war mein erster Gedanke nicht, dass dies eine Chance ist, weitere Facetten von Jordanien kennen zu lernen.

Nichtsdestotrotz ging es für mich Anfang Mai nach Amman. Die Hauptstadt kannte ich ja schon von meiner Zeit in der Sprachschule im August letzten Jahres und einigen Tagesfahrten.
Trotzdem wurden mir die Unterschiede zum Leben in der dörflich-geprägten Kleinstadt im Norden nochmal bewusst. Viel Verkehr, volle Läden, etliche Restaurants, Malls, Hochhäuser,…tauschte ich ein gegen eine enge Nachbarschaft, eine Hauptstraße, Ausblick auf die Berge mit Olivenbäumen,…
Eine Sache, die ich hier genieße ist, dass ich mich selbstverständlicher und weniger auffällig als ausländische Frau bewegen kann.

Ausblick auf Amman aus meinem Zimmer bei Nacht; in einem der Kleinbusse, die zwischen den Städten bändeln, Gemüse und Obstladen

Durch meinen Umzug bekam ich auch die Proteste Anfang Juni gegen die von der Regierung angeordneten Steuer- und Preiserhöhungen hier in Amman und anderen großen Städten mit. Mit der Steuerreform sollte auf die Forderungen des IWF für einen Kredit eingegangen werden. Bereits zu Jahresanfang waren die Mehrwertsteuer erhöht und die Subventionen für Brot gestrichen worden und auch die Preise für Grundnahrungsmittel sind seit Januar massiv gestiegen. Der Zorn der Demonstranten und Gewerkschaften richtete sich ausschließlich gegen die Regierung und den Ministerpräsidenten, nicht aber gegen den König Abdallah, der alle zu einem Kompromiss aufforderte und versuchte sich als Vermittler zu positionieren. Als Folge der Proteste wurde das Kabinett ausgetauscht und die Steuerreform soll modifiziert werden.

Doch die wirtschaftliche Lage ist nicht das einzige Problem, welches die Jordanier beschäftigt. Die hohen Flüchtlingszahlen belasten das Land weiterhin und da sich die Lage im Süden Syriens von kurzem erneut verschlechtert hat, stehen noch mehr Flüchtlinge vor der jordanischen Grenze, die allerdings weiterhin geschlossen bleiben soll.
Diese beiden Problematiken hängen natürlich zusammen. In einigen Gesprächen habe ich den Unmut über die ökonomische Situation mitbekommen, die natürlich die Unterschicht und vor allem die fast kaum mehr vorhandene Mittelschlicht, die sich das Leben in Amman noch gerade so leisten kann, betrifft. Viele müssen immer mehr Abstriche machen, wodurch ihre Lebensqualität sinkt.
Über Politik wird im Vergleich zu Deutschland aber kaum geredet. Auch in der Schule gibt es kein vergleichbares Fach.

Nach einigen Wochen und durch die neu geschaffene Distanz ist es mir gut gelungen, mit der Einsatzstelle in Anjara abzuschließen und die positiven Dinge, die definitiv überwiegen, in Erinnerung zu behalten. Es war schön zu dem Fest zu Ehren der Marienstatur für ein Wochenende zurückzukehren und viele wieder zu sehen. Klar war es komisch, dieses Mal auf der Besucherseite zu stehen, aber es war auch irgendwie entspannt. Einiger meiner dort gewonnen Freunde sehe ich auch regelmäßig in Amman und so pflegen wir weiterhin guten Kontakt miteinander, was mich hoffen lässt, über meine Zeit im Land hinaus mit ihnen in Verbindung zu bleiben.

Neues Projekt

beim Geburtstag einer Freundin; zu Hause bei meiner besten Freundin und ihrer Schwester; in Amman mit anderen Freiwilligen

Während der Schulzeit hatte ich die Möglichkeit, in einer wirklich tollen Schule im Unterricht zu assistieren. Die Nazarene Evangelicalism School liegt zehn Minuten zu Fuß vom Stadtzentrum in einem der ärmsten Stadtteile Ammans, Al Ashrafiye. Es ist eine von zwei Schulen der Nazarene Church in Jordanien, die zweite liegt in Mafraq. In der Schule in Amman werden knapp zweihundert Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet. Die Schule wird von Kindern und Jugendlichen verschiedener Konfessionen und Nationalitäten besucht, unter ihnen viele irakische und syrische Flüchtlinge. Außerdem gibt es pro Klasse mindestens ein Kind, welches eine körperliche Beeinträchtigung hat.
Wenn man das hört, fragt man sich vielleicht, ob unter diesen Voraussetzungen überhaupt ein normales Lernen möglich ist. Zum Beispiel haben die Schüler einer Englischklasse teilweise ein sehr unterschiedliches Niveau, was ihre Sprachkenntnisse angeht. Einige sind auf dem Stand der aktuellen Lehrinhalte, während andere Probleme haben, einfache Wörter zu lesen…
Aber wenn man das Kollegium kennenlernt, zu dem auch ein fast blinder Sozialarbeiter/ Psychologe gehört, was kaum eine andere Schule hier sonst hat, und das bunte Gebäude der Schule auf sich wirken lässt, dann spürt man, dass es sich dort jeder Einzelne zur Aufgabe gemacht hat, den Kindern und Jugendlichen durch eine gute Ausbildung und eine Perspektive zu bieten. So unterrichten viele der Lehrerinnen samstags nach der Schule und am schulfreien Sonntag im Caritas-Center syrische Kinder, die häufig mehrere Jahre keine Schule besuchen konnten. Man will die Schüler unabhängig ihres Hintergrunds zu aufrichtigen, offenen Menschen erziehen. Nicht nur deshalb empfinden die Leitung und der verantwortliche Pfarrer jeden aufgeschlossenen Freiwilligen als Bereicherung und sehen das gemeinsame Sprachenlernen als eine Brücke. Sie wünschen sich in Zukunft den Schülern eine Deutsch AG anzubieten. Diese Idee konnte ich in den zwei Monaten, in denen am Ende auch noch die Jahresprüfungen stattfanden, leider nicht mehr angehen.
Dafür durfte ich im Englisch- und Französischunterricht von der ersten bis zur sechsten Klassenstufe assistieren. Also habe ich mit den Lehrerinnen den Unterricht gestaltet, Schüler gefördert oder Schüler mit einer Behinderung unterstützt. Die herzliche und visionäre Stimmung hat mich vom ersten Moment gepackt und auch von Seiten der Schüler wurde ich schnell und herzlich aufgenommen. Beispielweise wurde ich ständig gefragt, wann denn die nächste Stunde ist, in der ich wieder im Unterricht dabei bin. Fast jeder Schüler wolle, dass ich mich neben ihn setze. Einmal drohte eine Englischlehrerin, wenn nicht sofort Stille herrscht, würde ich in die nächsten Stunden nicht mehr mitkommen, woraufhin dann relativ schnell Ruhe war.
Diese positive Erfahrung war sehr wichtig für mich, nachdem Verlassen meiner alten Einsatzstelle.

die vierte Klasse hat die Treppe gemeinsam bunt gestrichen; Ausblick von der Schule;  am Ende des Schuljahres gab es eine Feier für die Schüler der zehnten Klasse

 

Sonstige Einblicke

Neben einigen Treffen der Jugendgruppe der Nazarene Church, in welchen ich regelmäßig dabei war, konnte ich durch neugewonnene Kontakte aufregende Einblicke gewinnen.
Zum einen durch eine Ehrenamtliche, die ich bereits zuvor über den alten Priester aus Anjara kennengelernt hatte, da diese mit ihm in der ehrenamtlichen Gefängnisarbeit zusammengearbeitet hatte. Mit ihr habe ich Südamerikanerinnen während der Besuchszeiten am freien Freitag besucht, die hier im einzigen Frauengefängnis in Amman sitzen. Meist weil sie versucht haben, Drogen ins Land zu schmuggeln, um ihre prekäre Lage zu verbessern. Sie haben niemanden hier vor Ort und es fühlt sich keiner verantwortlich für sie. Viele von ihnen sprechen anfangs kein Wort Arabisch. Sie könnten nicht mal nach Hause telefonieren, wenn es keine Ehrenamtlichen gäbe, die sie besuchen und ihnen Telefonkarten, Bibeln, Kleider, etc. bringen, und sich um Anwälte und Übersetzer bemühen, Rückflugtickets kaufen oder einfach nur ein offenes Ohr haben.
Viele Ausländerinnen aus afrikanischen oder asiatischen Staaten sitzen auch im Gefängnis, weil sie als housemaids ins Land gekommen sind und ihrer landlords sich nicht um ihre Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigungen gekümmert haben. Die Frauen werden aber dafür verantwortlich gemacht, wenn sie erwischt werden. Sie müssen dann die Strafe im Gefängnis absitzen, weil sie die Strafzahlungen für die Zeit, die sie illegal im Land gearbeitet haben, nicht aufbringen können.
Anderen wird auch unterstellt, geklaut oder sogar getötet zu haben, da es leicht ist, sie als Schuldige zu bezichtigen. Einige wiederum werden ausgenutzt oder misshandelt und müssen vor ihren landlords fliehen.
Die philippinische Botschaft hat aus dieser Not heraus bereits ein „safe-house“ eingerichtet, welches als Zufluchtsort und gleichzeitig als Gefängnis dient, da die Frauen das Haus nicht verlassen dürfen und es bewacht wird.
Gemeinsam mit zwei freiwilligen Helferinnen, habe ich die Frauen zu einer Art gemeinsamen Gottesdienst besucht. Im Anschluss haben wir den Frauen, die manchmal auch nur darauf warten, dass ihre landlords ihnen ihren zustehenden Lohn auszahlen, mit Essen versorgt.

bei dem Gottesdienst im „safe-house“ der Phillippinerinnen

Sommercamp des Goethe-Instituts

Als dann die Sommerferien angefangen haben und ich nach einer weiteren Möglichkeit gesucht habe, mich in der noch verbleibenden Zeit zu engagieren, bin ich über das Goethe-Institut auf ein Sommercamp für Jugendliche gestoßen. Die Jugendlichen wollen in ihren Sommerferien Deutsch lernen. Das Goethe Institut bietet daher sechzig Jugendlichen verschiedene Unterrichtseinheiten auf dem Sprachniveau A1-A2 und zusätzlich einige kreative und sportliche Workshops an. Zum Sommercamp gehören aber auch Spaß- und Freizeitveranstaltungen wie z.B. eine Wasserschlacht zur Abkühlung. Schon bei der Vorbereitung und Organisation im Voraus konnte ich mitarbeiten und während des Camps bin ich unter anderem für die Frühstückspausenversorgung mitverantwortlich gewesen. Außerdem leitete ich die Sport- und Spielgruppe mit an.
Natürlich war dies nochmal ein ganz andere Erfahrung, da ich viel mit Deutschen zu tun hatte und die Kinder, deren Familien sich das Camps leisten können, aus privilegierteren Verhältnissen stammen. Aber mir war es vor allem wichtig, mich weiterhin zu engagieren und ich habe eine Menge gelernt bzw. konnte durch meine Landes- und Sprachkenntnisse in der Umsetzung viel mithelfen.

im Sommercamp beim Deutsch lernen, der Wasserschlacht, frühstücken und Sportworkshop

Bis ganz bald schon,

Charlotte