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Brasilien: 1. Rundbrief von Florian Bömer

Liebe Leserinnen und Leser meines ersten Rundbriefs,

jetzt bin ich schon seit drei Monaten in Brasilien und einige von euch haben noch nicht sehr viel von mir gehört. Täglich lerne ich hier neue Menschen kennen, bekomme einen Eindruck in die brasilianische Kultur und habe etliche neue und spannende Erfahrungen gesammelt. Einige Erlebnisse und einen Einblick in meinen Alltag möchte ich in diesem Rundbrief mit euch teilen.

Sonnenuntergang beim Flussdelta in Parnaiba

 

 

 

 

 

 

 

Anreise, Ankunft und erste Eindrücke
Nach der Verabschiedung meiner Familie am Flughafen am 5.08.2018 in Frankfurt begann meine große Reise nach Brasilien, wo ich ein ganzes Jahr verbringen werde. Nach neun Stunden Flug betrat ich zum ersten Mal südamerikanischen Boden in der Millionenstadt Fortaleza. Mein Ziel der Reise, die Stadt Parnaiba, im Nordosten Brasiliens, erreichte ich am nächsten Morgen nach einer ganzen Nacht Busfahrt und mehr als 30 Stunden Anreise. Am Busbahnhof wurde ich von meiner Gastmutter, dem Verantwortlichem für die Freiwilligen, Padre Henrique und der Vorfreiwilligen aus Deutschland Angela Pinger empfangen.

Die Stadt Parnaiba, in der ich hier lebe, ist mit ca. 150 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates Piaui. Die Stadt gehört zu der Region des Nordosten Brasiliens und liegt an der Küste. Im Vergleich zu anderen Teilen Brasiliens ist der Nordosten wirtschaftlich schwächer und die Arbeitslosenquote ist relativ hoch. Touristisch ist die Küstenstadt Parnaiba wenig erschlossen, obwohl es zahlreiche riesige und schöne Sandstrände gibt. Das Flussdelta des Rio Parnaiba ist einzigartig und die Region hat viel zu bieten. Die Durchschnittstemperatur tagsüber beträgt hier 33 Grad Celsius, und erreicht mittags an die 40 Grad. Die Temperatur ist aufgrund der Äquatornähe das ganze Jahr weitestgehend konstant und ist für mich täglich eine Herausforderung. Etwas Linderung verschafft der stetig wehende Wind, der vom Meer kommt. Der Tagesrhythmus und die Lebensweise der Menschen sind stark an das Klima angepasst. So ist es zum Beispiel üblich die Mittagszeit mit einem Schlaf in der Hängematte zu verbringen.

Das Stadtbild unterscheidet sich sehr stark von allen Städten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Auf den Straßen in Parnaiba fahren vor allem mehr Motorräder als Autos und zahlreiche Fahrräder, was dazu führt, dass der Verkehr viel lebendiger ist. Dazu gibt es ein paar Eselkarren, in den Vororten auch Pferde sowie zahlreiche Hunde und Katzen auf der Straße.

Pferdeprozession auf den Straßen der Stadt

Auch haben die meisten Straßen keine Bürgersteige und Fußgänger mischen am Rande des Verkehrs mit.  Mir persönlich ist nach meiner Ankunft sofort der viele Plastikmüll aufgefallen, der an vielen Orten herumliegt. In einigen Bezirken gibt es keine gepflasterten Straßen. Doch Richtung Zentrum ist die Infrastruktur besser ausgebaut. Die Häuser in der Stadt sind fast alle einstöckig und mehrfach durch eine Mauer, zahlreiche Schlösser und Gitter gesichert. Die Angst vor Kriminalität ist bei den Einheimischen sehr hoch und viele Menschen sind unzufrieden mit der Sicherheitslage. Die Mauern haben aber auch eine praktische Funktion, weil sie vor Sandverwehungen schützen, trotzdem muss man täglich den Sand aus den Häusern fegen.. Das Leben spielt sich am Nachmittag und Abend vor allem auf den vielen verschiedenen Plätzen der Stadt ab, wo Kinder Ball spielen, die Menschen spazieren oder bei Musik in einer Bar sitzen. Sehr viele Brasilianer sitzen abends vor ihren Häusern, unterhalten sich mit Nachbarn und beobachten das Geschehen auf der Straße. Ein Großteil der Menschen geht mehrmals wöchentlich in die Kirche und nimmt am religiösen Leben teil, dass eine sehr große Bedeutung im Leben hat. Außerdem wird viel Sport getrieben, die zahlreichen Fitnessstudios sind abends immer sehr voll. Mir persönlich ist direkt aufgefallen, dass es viel mehr Kinder gibt und die Gesellschaft wesentlich jünger ist als in Deutschland. Das Leben hier wirkt viel lebendiger.

Meine Gastfamilie
Ich wohne hier im Haus meiner Gastfamilie und habe ein eigenes Zimmer. In meiner Gastfamilie leben meine Gastmutter, mein Gastvater und eine Hausfrau. Die zwei Söhne der Familie wohnen im Moment nicht hier. Der eine Gastbruder studiert in einer nahegelegenen Stadt und Iago, der andere Sohn, macht im Moment einen Freiwilligendienst in Deutschland.

Meine brasilianische Gastfamilie

Mein Projekt in Parnaiba
Da ich zum Ferienende der Schulkinder angekommen bin, gab es in den ersten Tagen hier ein Treffen aller Freiwilligen, die im Projeto Social in Parnaiba arbeiten. In der Stadt und auch in den umliegenden Dörfern gibt es zahlreiche Einrichtungen des Projetos Social, der die von Diözese Parnaiba durchgeführt werden. So gibt es eine Einrichtung für Obdachlose, einige Nutzgärten, die zur Nahrungsmittelversorgung beitragen, aber vor allem zahlreiche Sozialprojekte (Projetos Socais), in denen mit Kindern gearbeitet wird. Verteilt in der Stadt, vor allem in den ärmeren Vierteln gibt es diese Projekte, die für die Kinder neben der Schule stattfinden. So gehen die Kinder morgens oder nachmittags in die Schule, und zur anderen Tageszeit ins Projekt.

Kinder des Projetos Madre Cecilia

In den ersten Wochen wurde ich von Karla, die für organisatorische Aufgaben des Projekts zuständig ist, überall hin mitgenommen, sodass ich einen guten Überblick über die Arbeit bekommen habe.
Zweimal in der Woche hatte ich in den ersten zwei Monaten Portugiesisch-Unterricht mit einer Lehrerin, die eine Bekannte der Gastfamilie ist. Nachdem ich eine kleine Sprachgrundlage aufgebaut hatte, konnte ich mit der Arbeit im Projekt beginnen.
An vier Tagen in der Woche, von Montag bis Donnerstag, arbeite ich morgens arbeite im Projeto Santa Terezina und nachmittags in drei weiteren Projekten (Sao Francisco, Madre Cecilia, Sao Leopoldo), die in unterschiedlichen Stadtteilen liegen. Neben dieser Arbeit finden einige andere Aktivitäten statt, bei denen ich auch teilnehme und mithelfe.
Jeder Tag im Projekt ist sehr unterschiedlich, doch ich beschreibe jetzt einmal einen gewöhnlichen Tag, damit ihr eine Vorstellung von meinen Aufgaben bekommt.
Morgens gegen acht Uhr komme ich mit dem Fahrrad im Projeto Santa Terezina an, dass in einem etwas weiter außerhalb liegendem Bairro (Stadtteil) liegt. Außer mir arbeiten dort eine Köchin und meistens ein bis drei weitere brasilianische Freiwillige. Zu Beginn machen die ungefähr 20 Kinder, die 7-12 Jahre alt sind, ihre Schulaufgaben oder bekommen eine vorbereitete Aufgabe von uns Freiwilligen gestellt. Viele Kinder kommen aus sozialschwachen oder relativ armen Familien. Einige haben sehr große Probleme mit Lesen,Schreiben, und auch Rechnen. Oftmals ist es eine große Herausforderung die Wichtigkeit von Schulaufgaben zu vermitteln. Ich persönlich helfe viel bei Mathematik-, Erdkunde-, Englisch-, aber mittlerweile auch Portugiesisch-Aufgaben. Nach den Aufgaben haben wir Freiwilligen meist eine kreative Aufgabe wie Basteln oder Malen vorbereitet oder, was ich sehr gerne mit Kindern mache, ein sportliches Spiel. So habe ich schon zahlreiche Teamspiele vorbereitet, jedoch wollen die Kinder meistens Völkerball oder Fußball spielen. Beim Fußball habe ich schon einige Tricks von den Kindern gelernt. Ich wundere mich immer, warum ich nach kurzer Zeit in den heißen Temperaturen am stärksten schwitze. Den Kindern scheint die Hitze wenig auszumachen und sie könnten noch mehrere Stunden weiterspielen.

Die Kinder bei einer Aufgabe im Projeto Social

Danach gibt es meistens ein warmes Mittagessen oder manchmal nur einen Snack, den die Köchin vorbereitet hat. Nach einem gemeinsamen Gebet helfe ich das Essen zu verteilen und es kehrt für kurze Zeit etwas Stille ein. Danach müssen die Kinder die Zähne putzen. Seit kurzem führe ich eine Liste darüber. Eine sehr deutsche Eigenschaft, aber da bei jedem Kind im Projekt nach einem Zahnarztbesuch Karies festgestellt wurde, fand ich das sehr wichtig. Nach dem Aufräumen fahre ich in der brennenden Mittagshitze gegen 11 Uhr nach Hause und habe eine lange Mittagspause bis 14 Uhr. Am Nachmittag fahre ich dann mit einem Mototaxi in eines der drei weiteren Projekte. Sie liegen weiter von meiner Unterkunft entfernt und haben ein ähnliches Grundkonzept.
In den kommenden Rundbriefen, werde ich die Projekte noch genauer beschreiben.
Neben dem „Alltag“ im Projekt finden einige weitere Aktionen statt. Seit meiner Ankunft gab es zum Beispiel einen Besuch von Friseurlehrlingen, die den Kindern die Haare schneiden. Auch waren Studenten, die Zahnmedizin studieren dort, um die Kinder zu untersuchen und danach eine kostenlose Behandlung anzubieten. Viele Kinder waren noch nie beim Zahnarzt, da es sehr teuer ist. Ein weiteres Highlight fand nach dem Feiertag Dia das Criancas statt. Eine ganze Woche fanden in jedem Projekt tolle Aktionen für die Kinder statt. So wurden an einem Tag ein Trampolin aufgebaut, an einem andere ein Film geschaut, ein Clown spielte und tanzte mit den Kindern und am letzten Tag war der Höhepunkt ein Schwimmbadbesuch. Für viele Kinder war es das erste Mal in ihrem Leben und es hat allen sehr viel Spaß gemacht. Zusätzlich zu den Aktivitäten gab es Hotdogs, Süßigkeiten und am letzten Tag kleine Geschenke.

Schwimmbadbesuch am „Dia das criancas“

Mit meinem Alltag in Brasilien bin ich im Moment sehr zufrieden. Meine Vorfreiwillige Angela Pinger, mit der sich meine Einsatzzeit um einen Monat Überschnitt, hat mir am Anfang bei vielem geholfen und ich konnte einige ihrer Freunde kennenlernen und erste Kontakte knüpfen. So habe ich zum Beispiel Anschluss in einem sehr guten Volleyballteam gefunden, in dem ich mehrmals in der Woche spiele. Viel Kontakt zu Gleichaltrigen habe ich auch über die Kirchengemeinde bekommen und mittlerweile einen Freundeskreis dort. So fahre ich am Wochenende oft mit zum Strand oder besuche Freunde. Sehr viel gelernt und viele Erfahrungen habe ich durch Padre Heinrich Hegemann, dem Verantwortlichem für die deutschen Freiwilligen, bekommen. Er ist Deutscher und arbeitet schon seit mehr als 20 Jahren als Priester im Nordosten Brasiliens. Fast jeden Sonntag begleite ich ihn in die Messe auf der „Ilha Grande“, eine bewohnte Insel des Flussdeltas hier. Auch nimmt er mich bei vielen spannenden Abenteuern mit, die zu seinem Arbeitsalltag als Priester gehören. So zum Beispiel eine Pferdeprozession oder eine Kanufahrt auf eine kleine Insel des Flussdeltas.

IAuf einer  Flussinsel beim Cashewnüsse verarbeiten

In meinem nächsten Rundbrief werde ich auf diese Erlebnisse, meine Freizeit sowie kleinere Reisen genauer eingehen. Ichwurde viel gefragt, wie die Stimmung vor und nach der Präsidentschaftswahl hier ist. Darauf werde ich in den kommenden Rundbriefen eingehen. Auch meine persönlichen Erfahrungen mit den Brasilianern werde ich dann beschreiben.
Ich bedanke mich herzlich bei allen, die mich unterstützen und Interesse an meinem Freiwilligendienst zeigen. Bei Fragen könnt ihr gerne Kontakt mit mir aufnehmen. Ich bedanke mich für das Lesen des Rundbriefes und sende herzliche Grüße nach Deutschland!