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Bolivien: 2. Rundbrief von Lara Burg

Liebe Familie, liebe Freunde, lieber Solikreis,                                                           26. Oktober 2019

Heute ist der 83. Tag, an dem ich in Bolivien bin und ich möchte für euch zusammenfassen, was bei mir in den sieben Wochen seit meinem letzten Rundbrief passiert ist.

Da ich mich verpflichtet dazu fühle, euch einen „wahren Einblick“ in meinen Freiwilligendienst zu geben und Dinge nicht schön zu reden, kann ich gleich vorab sagen, dass die letzten Wochen, in vielerlei Hinsicht definitiv nicht einfach für mich waren. Bevor meine Omas, die das hier grade lesen jetzt aber Panik schieben, möchte ich klarstellen: Es geht mir gut und meine Motivation ist immer noch zu 100% vorhanden. Alles was ich hier erlebe und erfahren darf, ist das, was ich wollte und auch immer noch will!

So, bevor ich jetzt aber zu viel Raum zum Spekulieren lasse, hier der Bericht:

 

Leben in der Gastfamilie

Wie in meinem ersten Rundbrief schon erwähnt bin ich an dem Wochenende vor Projektbeginn in meine neue Gastfamilie gezogen. Meine Familie hier besteht aus der Oma, ihrer Schwester, meinen Gasteltern, den Zwillingen Deisy und Denisse, die 16 sind und dem Baby Adrianita, die jetzt vier Monate alt ist. Da wir also zu acht hier leben, ist immer etwas los, was ein Vorteil sein kann, da immer jemand da ist. Für mich war die Tatsache, immer jemanden um sich rum zu haben, vor allem im Zusammenhang damit, dass ich mir ein Schlafzimmer teile, aber in erster Linie ein Kampf um Privatsphäre. Da ich in Deutschland mein eigenes Zimmer hatte und sowieso auch oft mal Zeit mit mir alleine verbracht habe, war das also eine große Umstellung für mich und fällt mir noch immer oft schwer.

Meine Gastschwestern gehen in die 11. Klasse des Colegio Martin Sappl in dem ich nachmittags arbeite, weshalb wir also immer gemeinsam dort hinfahren. Das Schulgebäude liegt zwar nur etwa 10 Minuten zu Fuß entfernt, aber da um die Mittagszeit die Sonne so stark scheint, dass man lieber nicht durch die Hitze läuft, habe ich die Gewohnheit der beiden, mit dem Micro zu fahren, gerne übernommen. Nachdem die Schule abends vorbei ist gehen meine Gastschwestern meistens noch in einen nahgelegenen Park, wo sie mit ihrer Klasse typische Tänze einstudieren. Häufig, wenn ich nicht zu müde bin, begleite ich die beiden, schaue staunend zu und unterhalte mich mit Händen und Füßen mit Schüler*innen, die grade nicht am Tanzen sind.

Vor zwei Wochen gab es dann sogar einen „Tanzwettkampf“. Nachdem die Klasse vier Wochen lang einen klassischen Tanz namens Tinku einstudiert hatte, fuhren wir sonntags abends, meine Gastschwestern in voller Montur (zu jedem Tanz gibt es eine klassische Tracht, je nach Region, aus der der Tanz stammt, variiert dann zum Beispiel die Farbe oder Länge des Kleides, ob es Kopfschmuck gibt und so weiter) in eine Arena, in der etwa 30 andere Gruppen (von Kindergartenalter bis Abiturient) auch darauf warteten ihr Können zu zeigen. Besonders die jüngeren Gruppen haben mich sehr beeindruckt, aber auch die quasi perfekten Choreografien der Älteren, waren den Abend wert. (Und die Proben meiner Gastschwestern offenbar auch, denn sie haben gewonnen!)

Ein anderer Vorteil in einer Gastfamilie zu leben ist, dass man immer auf irgendwelche Geburtstage oder andere Feiern mit eingeladen wird. Alle Feiern, auf denen ich bisher war, sind ungefähr gleich abgelaufen: Die Familie lädt zu einem Essen, um das sich eigentlich alles dreht. Man sitzt nett an einem Tisch zusammen, unterhält sich, hört Musik und im nächsten Moment steht ein gefüllter Teller vor einem. Klassisch gibt es Reis mit Pollo (Hühnchen) oder einem Stück Fleisch und dazu entweder eine Art Salat aus Mais und Käse oder Tomaten und Zwiebeln. Nie fehlen dürfen dabei sehr süße (und sehr leckere) selbstgemachte Säfte aus den verschiedensten Obstarten, Limonade oder Softdrinks. Nach dem Essen wird dann manchmal getanzt und alle werden einzeln mit dem Geburtstagskind vor einem kleinen Stand mit der Torte und anderen Süßigkeiten, sowie einem bunten Vorhang, auf dem Name und Alter des/der Gefeierten stehen, fotografiert. Daraufhin wird gesungen und als kleiner Geck der Kopf der Person, die die Kerzen ausbläst, in die Sahnetorte getunkt.

 

„Majadito“ ist ein typisches Gericht aus Santa Cruz

Das Projekt

Besser gesagt: die zwei Projekte. Ich arbeite in zwei unterschiedlichen Schulen, die sich aufgrund des gleichen Trägers ein Gebäude teilen. Vormittags (außer Mittwoch und am Wochenende) arbeite ich von 7:30 Uhr bis 12:00Uhr in Nestor Suarez und nachmittags (außer Freitag und am Wochenende) in Martin Sappl. Da beides weiterführende Schulen sind läuft meine Arbeit sehr ähnlich ab. In Englisch, Kunst und Sport begleite ich die Lehrer*innen im Unterricht und nachmittags arbeite ich manchmal noch mit der Schulpsychologin zusammen.

Leider muss ich sagen, dass es mir bisher sehr schwer gefallen ist meine Rolle als Freiwillige im Schulleben zu finden. Aufgrund meines Alters, welches manchen der Schüler*innen entspricht und der Tatsache, dass ich keine ausgebildete Lehrerin bin, ist es für mich sehr schwierig eine effektive Arbeit zu finden. Im Unterricht schaue ich daher viel zu und kann eher wenig selbst gestalten, was ich aber auch gar nicht unbedingt möchte, da ich ja wie gesagt gar nicht dazu in der Lage bin. Häufig komme ich mir sehr überflüssig vor und langweile mich den ganzen Tag. Gleichzeitig ist mir aber natürlich auch klar, dass man als Freiwillige nicht immer unbedingt von morgens bis abends für tolle Aufgaben benötigt wird. Momentan versuche ich aber mithilfe meines Coaches, der Freiwilligenkoordinatorin und meinen beiden Chefinnen eine langfristige Möglichkeit zu finden, um die Situation zu verbessern.

Trotzdem habe ich natürlich auch schon gute Erfahrungen in der Schule gemacht. Dass das Schulsystem hier teilweise auf andere Dinge mehr Wert legt, als ich es aus Deutschland gewohnt bin, hat zum Beispiel den Vorteil, dass es regelmäßig Ferias gibt. Eine Feria ist eine Art Ausstellung/Markt mit unterschiedlichen Themen. Meistens bekommt jede Klasse eine Region, beispielsweise aus dem Departamento Santa Cruz, zu geteilt und hat die Aufgabe einen Stand passend zu erstellen. Das heißt es gibt Sachplakate, typische Trachten, typische Gerichte und manchmal werden auch die zur Region gehörenden Tänze aufgeführt. Neben den Ferias, die etwa einmal im Monat stattfinden, gab es auch schon einige Feiertage, so wie den „Tag des Schülers“ (die Lehrer machen alles für die Schüler, Spiele, Essen und so weiter) oder den Feiertag von Santa Cruz, an denen man zwar in die Schule kommt, aber kein Unterricht stattfindet. Stattdessen gibt es acto civico, bei dem die unterschiedlichen Hymnen (es gibt viele!) gesungen werden, Schüler manchmal ihre Talente vorführen (wenn man tanzen, singen oder Gedichte schreiben kann, geniert man sich nicht, das zu zeigen) und einige Gebete gesprochen werden.

Am Tag des Schülers wurde gekocht.

 

Im Englischunterricht.

 

Und sonst so?

Ansonsten verbringe ich meine Wochenenden meistens so, dass ich manchmal, wenn irgendetwas spannendes passiert (Empanada kochen oder Basketballturniere) samstags vormittags nochmal im Projekt vorbeischaue und den Rest der Zeit zu Hause verbringe.

Häufig gibt es aber auch Aktionen der Hermandad, sodass ich an einem Wochenende, gemeinsam mit meiner Chefin Frida, Raúl (mein Coach) und weiteren Freunden, nach Cotoca gefahren bin, wo wir gemeinsam gegessen haben, Gottesdienst gefeiert und durch die Stadt geschlendert sind.

Mit Freunden aus der Hermandad.

 

Außerdem hatte ich auch schon zweimal Besuch von anderen Freiwilligen, die einen Wochenendtrip nach Santa Cruz gemacht haben. Es war sehr schön den anderen die Stadt, die vor ein paar Wochen für mich selbst noch groß und fremd war, zu zeigen und als den Ort, an dem man zu Hause ist, zu präsentieren. Natürlich ist auch der Austausch mit anderen Freiwilligen immer etwas ganz Besonderes, weil man merkt, dass man den gleichen Dingen begegnet und ähnliche Gedanken hat.

Ich selbst bin noch nicht gereist. Eigentlich wollte ich erst letztes, dann dieses Wochenende eine Freiwillige in Ascención de Guarayos besuchen, doch aufgrund von politischen Protesten und Bloqueos wegen der Präsidentschaftswahlen, war das bisher noch nicht möglich (für genauere Infos gerne dem unten kommenden Link folgen). Dann wohl nächstes Wochenende!

 

Zu groß oder zu klein für diesen Rundbrief:

Dinge, mit denen ich hier sehr stark konfrontiert werde/mich selbst konfrontiere:

(Achtung, ich schmeiße mit großen Begriffen um mich! All diese Dinge haben mich auch schon in Deutschland beschäftigt und hängen nicht nur mit Bolivien zusammen. Also bitte jetzt nicht in irgendwelche Vorurteilphantasien verschwinden 😉 )

 

Dinge, die meinen Tag machen können:

  • Sonnenuntergänge
  • In Ruhe einen Spaziergang machen
  • Von Schülern gegrüßt zu werden
  • Es zu schaffen mit dem Tienda-Verkäufer einen kurzen Tratsch über Gott und die Welt zu halten
  • Eine neue Frucht zu probieren
  • Telefonate mit anderen Freiwilligen/Freunden
  • Alleine einen Ort in der Stadt zu erreichen ohne mich zu verfahren

 

 

Die Tienda neben unserem Haus.

Vielen Dank für eure Zeit, ich hoffe ich konnte euch meine letzten Wochen etwas näherbringen!

Natürlich freue ich mich auch sehr über Rückmeldungen (Anmerkungen, Kritik, Fragen) zu den Rundbriefen. Vor allem zu den Themen, die mich hier beschäftigen, würde ich mich freuen, wenn ihr mir rückmelden könntet, ob euch welche besonders interessieren.

Ganz liebe Grüße, eure Larita.